Danke, Gabriel Feltz. Abschied von Dortmunds langjährigem Generalmusikdirektor

Dortmunder Philharmoniker und GMD Gabriel Feltz/Foto @Dortmunder Philharmoniker

Dortmunds ehemaliger Generalmusikdirektor Gabriel Feltz ist am  29. August 2025 plötzlich und unerwartet im Alter von 54 Jahren verstorben. Feltz war seit der Spielzeit 2013/2014 GMD der Stadt Dortmund und leitete die Dortmunder Philharmoniker bis zu seinem Wechsel nach Kiel, wo er ab 2024 das Amt des dortigen GMD antrat. Die Nachricht seines Todes wurde in Dortmund, aber auch weit darüber hinaus mit großer Betroffenheit und Fassungslosigkeit aufgenommen. Gerade erst begann sein Wirken in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Er war voller Pläne für seine anstehende künstlerische Arbeit am Theater Kiel. In Dortmund, wo Gabriel Feltz 12 Jahre als Generalmusikdirektor wirkte, ist die Trauer groß. DAS OPERNMAGAZIN, dass traditionell seit vielen Jahren aus der Oper Dortmund und von den Dortmunder Philharmonikern berichtet, möchte mit diesem Nachruf den Dirigenten und Künstler Gabriel Feltz ehren, der viel zu früh gehen musste. Hier soll auch der Raum sein, sein Orchester, die Dortmunder Philharmoniker, mit ganz persönlichen Gedanken zu Wort kommen zu lassen. Denn sie, die Philharmoniker und Gabriel Feltz, waren über viele Jahre eine Einheit. Eine künstlerische Einheit, die Großes für die Stadt Dortmund geschaffen hat.

 

Der Tod ihres langjährigen Chefs Gabriel Feltz hat die Musiker und Musikerinnen der Dortmunder Philharmoniker, die über 12 Jahre lang mit GMD Feltz zusammengearbeitet haben und gemeinsam musikalische Triumphe und Sternstunden erleben durften, tief getroffen. Stellvertretend für die Dortmunder Philharmoniker fasst der Cellist und Mitglied des Orchestervorstandes Markus Beul seine Gedanken und Gefühle zusammen.

Persönliche Worte der Dortmunder Philharmoniker

„Da ich schon ganz am Anfang seiner Amtszeit als GMD in Dortmund Mitglied des Orchestervorstandes war, möchte ich gerne auch dort beginnen.

Sobald sich abzeichnete, dass Herr Feltz unser neuer GMD werden könnte in Dortmund, begann ein intensiver Austausch am Telefon. Er war damals noch GMD in Stuttgart, fand aber genügend Zeit, um seinen Start in Dortmund bestmöglich vorzubereiten. Ich erinnere mich beispielsweise an ein Telefonat bei einer Autofahrt  nach München, wo wir über die damals aktuellen Themen der Dortmunder Philharmoniker diskutiert haben. Er erkundigte sich gewissenhaft über sämtliche Positionen der Theaterleitung, des Orchesterbüros, über die politischen Entscheidungsträger und vor allem auch über die Wünsche des Orchesters. Das Telefonat begann auf der Höhe von Hagen und endete kurz nach Nürnberg. Schon da war klar, hier kommt jemand, der seinen Job wirklich ernst nimmt.

Ich habe seine Fähigkeit die richtigen Fragen zu stellen, um dann zu einer teils schonungslosen Analyse zu kommen, stets bewundert. Ist ein Problem erst erkannt, gibt es keine Ruhe, bevor die richtigen Schritte zu seiner Lösung in die Wege geleitet sind. Herr Feltz ist meines Wissens keinem Konflikt aus dem Wege gegangen, wenn er das Gefühl hatte, dass das zum Erreichen seiner hohen künstlerischen Ziele nötig wurde. Hier kommen wir vermutlich zur eigentlichen Quelle seiner unfassbaren Schaffenskraft. Es war der unbedingte Wunsch, stets sowohl das Publikum, aber auch uns Orchesterkollegen bei jedem Auftritt in den Bann eines einzigartigen wunderbaren Hörerlebnisses zu ziehen. Da spielte es keine Rolle, ob es sich um ein Konzert oder um eine Vorstellung im Opernhaus handelte. Wie oft durften wir erleben, dass nach bester Vorbereitung in den Proben dann im Konzert oder in der Opernvorstellung die Grenzen nochmal nach oben verschoben wurden. Mal wurde ein Adagio noch langsamer und ausdrucksvoller mit wahrhaft himmlischer Länge musiziert, mal wurde ein Presto an die Grenze des Spielbaren getrieben, mal ein erlösender fortissimo Schluss noch eine Spur später erst losgelassen.

Diese Momente ergaben sich jeweils auf der Bühne aus dem Augenblick heraus, durchaus unterschiedlich von Vorstellung zu Vorstellung. Es sind diese Momente, wofür wir studiert und gearbeitet haben, und wir sind dankbar, dass wir das mit Herrn Feltz erleben durften. Er konnte uns auch überraschen: Bei einem unserer regelmäßigen Auftritte mit ihm in Mailand verkündete Herr Feltz bei der Generalprobe am Vormittag, dass ihm spontan eingefallen wäre, dass wir am Abend noch die Ouvertüre zur Verkauften Braut als Zugabe spielen könnten. Aufgrund der Schwierigkeit dieses Stückes (für alle Instrumente ist dies ein schwere Probespielstelle) gab es besorgte Einwände einiger Kollegen. Diese Einwände konterte Herr Feltz mit der Ankündigung, er kenne das Stück sehr gut und er werde so klar dirigieren, dass niemand Sorge haben müsse …
Diese Mischung aus Selbstvertrauen und gleichzeitigem Vertrauen in unsere Fähigkeiten ist sicher auch ein Geheimnis seines Erfolges. Alle haben dann nochmal heimlich geübt und die Zugabe wurde am Abend ein Fest.

Wir Philharmoniker blicken voller Dankbarkeit auf die Erfolge, die wir mit unserem Chef erleben durften. Als er kam, hat er die Besucherzahlen von desaströsen 60 % auf über 80 % gesteigert. Auch nach Corona sind wir am Schluss seiner Amtszeit wieder in dieser Region gelandet. Wir durften Teil seines Mahler-Zyklus werden, wir durften mit Hilfe der fantastischen Kollegen seines Belgrader Orchesters alle Beethoven Sinfonien an einem Tag aufführen und wir haben noch im Mai diesen Jahres den kompletten Ring von Wagner an vier aufeinander folgenden Tagen unter seiner Leitung aufgeführt, um nur einige Höhepunkte zu benennen. Auch, dass wir nächste Woche ein neues Orchesterprobenzentrum beziehen dürfen, ist eigentlich ausschließlich der Hartnäckigkeit unseres langjährigen Dirigenten zu verdanken. Da gab es viele Rückschläge zu verarbeiten, so übergab Herr Feltz mir vor einigen Jahren ein ganzes von Ihm selbst gebundenes Buch mit über 100 Seiten Schriftverkehr über die Planung für diesen Probensaal. Falls er es in seiner Amtszeit nicht geschafft hätte, diesen Probensaal zu beziehen, hätte dann sein Nachfolger nicht bei null anfangen müssen.

Stichwort Verantwortung: Herr Feltz hat sich für so vieles verantwortlich gezeigt, berufsbedingt vor allem für das kompromisslose Erfüllen der Partituren. Immer wieder erfuhren wir die Ergebnisse der neuesten Urtext-Ausgaben der alten Meister. Oft kämpfte er mit den jeweiligen Orchesterdirektoren um teilweise kostspielige Wünsche der Komponisten, wie zum Beispiel 6 Harfen bei den Ringopern oder 14 Trompeten im Lohengrin. Stets gaben ihm die wirklich sehr besonderen Momente in der Aufführung am Ende Recht. Aber auch der Erhalt aller Orchesterplanstellen hatte höchste Priorität. Wir haben sogar trotz schwierigster Zeiten während seiner Amtszeit noch 2,5 Stellen zusätzlich wieder öffnen können. Der nächste Schritt Richtung vollem Stellenplan ist vorbereitet und sein Nachfolger darf nun da weitermachen wo Feltz aufgehört hat. Nicht zuletzt trug Herr Feltz Verantwortung für jeden einzelnen Orchesterkollegen. Er wünschte sich immer, als Kollege unter Kollegen gesehen zu werden. Hinter dem engagierten Spartenleiter stand immer ein Mensch, der zuhören konnte, wenn es um private oder berufliche Schicksalsschläge ging. Auch bei allen kontroversen Diskussionen, die ich miterleben durfte, wurde immer auf Augenhöhe debattiert. Der Respekt vor unseren Leistungen aber auch vor möglichen anderen Meinungen oder Ansichten war immer spürbar.

Die Amtszeit von Gabriel Feltz hat uns Dortmunder Philharmoniker geprägt. Wir haben enorm von seinem Anspruch profitiert und uns weiter entwickelt. Sein plötzlicher Tod erfüllt uns mit Fassungslosigkeit und Trauer. Eine junge Kollegin erzählte mir eben noch: ‚Wenn ich im Dienst nach vorne schaue, denke ich immer, da vorne müsste er doch jetzt stehen …‘

Die positive Energie, die Gabriel Feltz unserem Orchester geschenkt hat, wird immer von uns weitergetragen werden.“

— Markus Beul, stellvertretend für die Dortmunder Philharmoniker


Persönliche Worte von Detlef Obens

„Als Herausgeber des OPERNMAGAZIN und als gebürtiger Dortmunder traf mich die Nachricht von Gabriel Feltz‘ plötzlichen und frühen Tod sehr. Über kein Opernhaus, kein Orchester und keinen Dirigenten habe ich in den vergangenen Jahren mehr – und auch mit viel Herzblut – berichtet, als über die Oper Dortmund, die Dortmunder Philharmoniker und ihren Dirigenten, Generalmusikdirektor Gabriel Feltz.

Als Feltz in der Saison 2013/2014 sein Amt als neuer GMD der Stadt Dortmund antrat, suchte ich nach kurzer Zeit die Gelegenheit ihn persönlich zu treffen, kennen zu lernen und für mein DAS OPERNMAGAZIN zu interviewen. Im November 2014 trafen wir uns dann in seinem Büro im Theaterhochhaus, welches an das Opernhaus Dortmund angrenzt. Es war damals mein erstes Interview mit einem Dirigenten und es blieb mir, auch nach den vielen Jahren, stark im Gedächtnis. Gabriel Feltz erwies sich als ein kenntnisreicher Interviewpartner, der seine Vorstellungen und Ziele klar formulierte und mit dem ich ausführlich über die Oper gesprochen habe. In den Folgejahren hat er nicht nur mich mit großartigen Opernproduktionen beschenkt und mit jeder neuen Operninszenierung das Publikum begeistert. Zuletzt erst feierte er in Dortmund einen übergroßen Erfolg mit Richard Wagners Ring der Nibelungen. Neben Wagner waren es aber auch immer wieder die großen italienischen Opernkomponisten Verdi und Puccini, mit deren Werken er in Dortmund überzeugen konnte. Großartig seine Dirigate der Pucciniklassiker Madama Butterfly und – erst vor wenigen Jahren – die herrliche Neuproduktion von La bohème. Und Verdis Un ballo in maschera, den Gabriel Feltz 2014 dirigierte, zählt ebenfalls für mich zu den eindrücklichsten Opernerlebnissen der letzten Jahre. Die Liste seiner Erfolge als Operndirigent liesse sich noch viel mehr erweitern. Alle aufzuführen, jeden Komponisten zu erwähnen, würde hier den Rahmen sprengen. Die Oper war bei Gabriel Feltz in allerbesten Händen.

Gabriel Feltz hat mir Mahler nahegebracht

Unvergesslich für mich sind seine Konzertabende im Dortmunder Konzerthaus, von denen ich viele miterleben durfte. Und hier denke ich ganz besonders an die Aufführungen der Mahler-Symphonien. Was Feltz und seine Dortmunder Philharmoniker an diesen Abenden dem Publikum geboten haben, sind Meilensteine der Dortmund Musik- und Konzertgeschichte. Für mich ganz besonders Mahlers 9. Sinfonie am 3. Juli 2019 und Mahlers 8. Sinfonie, ein Jahr zuvor, 2018, aufgeführt. Ich habe über die Aufführung der 9. Sinfonie in meiner damaligen Rezension geschrieben:

„Mahler – 9. Sinfonie D-Dur – 4. Satz Adagio“ … Die Streicher beginnen mit einer langen Melodie, welche dann in eine große Elegie mündet. In diesem Moment denke ich, dass sich nun jeden Augenblick das Dach des Konzerthauses öffnen müsse, um den Blick ins Weite freizugeben. Um dieser Musik den Raum zu geben, den sie benötigt um vielleicht begreifbar zu werden. Was Gustav Mahler seiner Nachwelt hinterlassen hat, ist in nüchternen und klaren Worten gar nicht ausreichend genug zu beschreiben. Aber bei seiner letzten Sinfonie, der 9., bedarf es schon besonderer Eindrucksschilderungen, die weit über das rein Gehörte hinausgehen müssen, um nur ansatzweise und annähernd deren machtvolle musikalische Wirkung in möglichst nachzuvollziehende Worte zu fassen. Mahlers Musik ergreift und packt und öffnet innere Horizonte. Sie lässt träumen, gibt Ängsten, Wehmut, Sehnsüchten und Verzweiflung Ausdruck, ohne gänzlich hoffnungslos zu sein und sie wirkt – unmittelbar. Am gestrigen Abend gab es zum Ausklang der Konzertsaison der Dortmunder Philharmoniker unter ihrem GMD Gabriel Feltz dieses geniale Werk. Der Jubel des Publikums, welcher nach einem Moment ergriffener Stille einsetzte, war groß und hochverdient.“

Für dieses Erlebnis bin ich Gabriel Feltz dankbar. Immer. Er hat mir Mahler nahegebracht. Durch ihn habe ich ein gutes Stück mehr Mahlers Genialität verstanden. Mahler, den Feltz so sehr verehrte und den er so voller Gefühl und mit großer Authentizität dirigierte. Und ja, es waren nicht nur die Werke von Mahler, die Feltz mit seinen Dortmunder Philharmonikern dem Publikum darboten. Es liessen sich noch viele, viele weitere großartige Konzertabende von vielen weiteren Komponisten aufführen. Aber in diesem persönlichen Nachruf sage ich: Danke, Gabriel Feltz! Danke, für Mahlers Musik. Sie bedeutet mir seitdem sehr viel und hat mich auch in persönlich schweren Zeiten begleitet. Gabriel Feltz hat mich Mahlers Musik lieben gelehrt.

Viel zu früh wurde Gabriel Feltz aus dem Leben gerissen. Mein Mitgefühl und meine Gedanken gelten seiner Ehefrau und seinen vier Kindern. Ich wünsche ihnen allen viel Kraft in dieser schweren Zeit. Und ich wünsche ihnen liebevolle Menschen um sie herum, die sie auffangen und trösten in diesen Tagen des Abschieds.

Dortmund hat Gabriel Feltz sehr viel zu verdanken. Das künstlerische Vermächtnis ist groß. Die Stadt Dortmund sollte dies würdigen. Die Ära Feltz hat das Kulturleben in Dortmund über viele Jahre geprägt. Weit über die Grenzen der Ruhrgebietsstadt hinaus.“

 

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Ein Gedanke zu „Danke, Gabriel Feltz. Abschied von Dortmunds langjährigem Generalmusikdirektor

  1. Als ich es las, konnte ich es zuert gar nicht glauben. Die Nachricht vom Tod des GMD Gabriel Feltz schien mir unwirklich. Eher wie ein Druckfehler. Noch ganz jung. Gerade noch gesehen und gehört bei seinem letzten philharmonischen Konzert im Konzerthaus Dortmund. Sein Abschiedskonzert in Dortmund.
    Drei Konzerte an dem Tag. Ich habe mir eine Karte für das letzte Konzert am Abend besorgt um Gabriel Frltz noch einmal zu erleben. Bis auf den letzten Platz war der Abend ausgebucht. Alle drei Konzerte wollte G. Feltz dirigieren. Aus gesundheitlichen Gründen hat G. Feltz es sich nicht nehmen lassen, das allerletzte Konzert selbst zu dirigieren. Sehr berührend. Standing Ovation und Blumen. Ein Fest der Emotionen. Es wollte kein Ende nehmen.
    Auch seine erklärenden Worte im Vorfeld zu seinen Konzerten waren mitreißend. In Sneakers, sportlich und gut gelaunt, fast lausbubenhaft, erklärte uns G. Feltz was uns Zuhörer am Abend erwartet.
    Als Zuhörerin, weit über 12 Jahre hinaus, konnte Gabriel Feltz uns Zuhörer die Musik ganz nah bringen. Er hat mich begeistert wie kein anderer vorher.
    Es ist ein großer Verlust für Deutschland, Europa und die Welt.
    Elke Mense

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