
Als einer der Höhepunkte der diesjährigen Oberösterreichischen Stiftskonzerte widmete sich das Bruckner Orchester Linz in erstmaliger Zusammenarbeit mit Philippe Jordan, dem designierten Chefdirigenten des Orchestre National de France, Bruckners Achter Symphonie – seinem „Mysterium“, wie der Komponist dieses Werk selbst nannte –, und dies an jenem Ort, an dem Anton Bruckner nicht nur lange Zeit seines Lebens gewirkt hat, sondern auch begraben ist: der Basilika des Stiftes St. Florian. Das Bruckner Orchester Linz trägt nicht bloß den Namen des in Ansfelden geborenen Komponisten, sondern ist auch ein bedeutender Interpret seiner Werke. Die Achte Symphonie nahm das Orchester zuletzt im Rahmen des bemerkenswerten Projekts, anlässlich des Bruckner-Jahres 2024 sämtliche Symphonien in allen Fassungen einzuspielen, mit seinem Chefdirigenten Markus Poschner auf, auch hier in beiden Fassungen, wobei die zweite auch an diesem Abend in St. Florian zu hören ist. (Rezension des Konzerts v. 4. Juli 2026/Stiftsbasilika)
Es ist eindrücklich zu merken, wie vertraut das Orchester mit Bruckners Werk ist, wobei sich dies nicht nur auf die Kenntnis der konkreten Komposition bezieht, sondern vielmehr noch in einem hörbaren grundlegenden Zugang ausdrückt, der Virtuosität mit Natürlichkeit in Einklang bringt. Umso erstaunlicher ist es, dass das Bruckner Orchester dennoch eine so große Offenheit für die Interpretation des jeweiligen Dirigenten mitbringt, sodass unter jedem von ihnen eine eigen gefärbte und gestaltete Aufführung entsteht. Dies ist auch in der Zusammenarbeit mit Philippe Jordan zu merken, der bereits 2017/18 mit den Wiener Symphonikern die letzten drei Bruckner-Symphonien zur Aufführung brachte und dabei einen zugleich dramatischen wie höchst innerlichen Zugang zu dieser Musik offenbarte. Diese Interpretation scheint sich im Laufe der Jahre noch intensiviert und weiter geformt zu haben, wodurch Bruckner auf sehr einfühlsame, spannungsgeladene und doch zugleich ruhige Weise erklingt, die weniger die eigene Auffassung, sondern vielmehr die Musik selbst zum Vorschein bringen zu wollen scheint. Der grundlegend musikdramatische Zugang, bei dem es nicht um Dramatik um ihrer selbst willen geht, sondern darum, die der Musik innewohnende Dramatik freizulegen und nachzuzeichnen, sodass ein (Nach-)Empfinden ermöglicht wird, ist das gesamte Werk über hör- und spürbar. Dabei legt Jordan großen Wert auf die Herausarbeitung der Strukturen, ohne aber das Strukturelle selbst zum Hauptfokus zu machen. Vielmehr wird das komplexe Werk in den Abschnitten und Details aller Sätze mit solcher Klarheit präsentiert, dass wiederum eine Loslösung von allem Strukturellen möglich wird, um ganz in die Erfahrung der Musik einzutauchen. Einzelne Abschnitte, auch die gewissermaßen von der Orgel her gedachten Registrierungen Bruckners, werden durch gefühlvoll geführte Abschlüsse, Zäsuren, kurze Momente des Innehaltens strukturiert und in sich mit großer Sensibilität gestaltet, dennoch zerfällt das Werk nie in Einzelteile. Über die gesamte, rund 80 Minuten dauernde Symphonie wird ein großer Bogen gespannt, der durch kleinere Bögen gestaltet, doch niemals unterbrochen wird. Zu dieser tiefen Kenntnis der Grundstruktur des Werks fügt sich eine stilistisch differenzierte, stimmige Herausarbeitung der zahlreichen Anklänge an verschiedene musikalische Stile und Formen, sodass ein großer Reichtum an Facetten hervortritt, ohne den Eindruck von Disparität zu erwecken. All dies führt bei Jordan zu einer höchst dramatischen Interpretation ohne alle Pathetik oder künstliche Überbetonung, vielmehr erklingt Bruckner in tief empfundener, natürlicher Weise. Es entstehen Farben, Bilder, spürbare Atmosphären, doch mit einer Freiheit, die diese stets assoziativ, träumerisch oder wie Erinnerungen auftreten lässt.

Bereits mit den ersten Takten des ersten Satzes, in denen das Tremolo der Geigen wie aus dem Nichts hervortritt und die Grundlage für das sehr präzise punktierte Thema der Celli bereitet, entsteht eine einnehmende Stimmung, die in ihrer Düsternis bald von den fließend phrasierten Geigen erhellt wird. Stets ist in diesem Satz eine gute Kommunikation zwischen den einzelnen Stimmen in Klang und Charakteristik zu merken, die den musikalischen Fluss weiterträgt, ohne dabei auf Ruhepunkte zu verzichten. Schon in diesem ersten Satz zeigt sich das große Vermögen Jordans, sämtliche Steigerungen auf sehr differenzierte, stimmige, immer nach vorne weisende, aber nie zu drastische Weise zu gestalten. Immer wieder nimmt er die Dynamik auf ein Minimum zurück, um allmählich in größeren Bögen die Spannung zu erhöhen, die nie zu früh ihr Ziel erreicht, sondern häufig durch erneutes Zurücktreten gefühlvoll geführt wird. Diese in den dennoch fortlaufenden Aufbau eingefügten Momente der Ruhe verleihen dem Werk eine plastische Gestalt. Besonders eindrücklich tritt dabei der absolute Ruhepunkt vor der exponierten Melodie zuerst der Oboe, dann der Wagnertuba hervor, in dem das Tremolo beinahe ins Unhörbare zurücktritt und dadurch eine stille, aber dennoch geladene Stimmung erweckt, die an die flirrend heiße Sommerluft über abendlichen Feldern erinnert. Diese starken dynamischen Unterschiede unterstreichen unmittelbar, aber nie zu aufdringlich die Dramatik des Werkes. Der Höhepunkt des ersten Satzes erklingt nach diesem mehrdimensionalen Spannungsaufbau wahrlich „feierlich breit“, wobei einzelne Einwürfe prägnant hervorgehoben werden, ohne das Gesamtbild zu stören. Bis zum Ende des Satzes, an dem die letzten Pulsschläge trotz allmählichen Verklingens unerbittlich bleiben, kann die ergreifende Spannung aufrecht erhalten, sogar noch gesteigert werden, wozu vor allem das akzentuierte Tremolo der Streicher beiträgt, dem hier besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Die Konzentration auch auf die vermeintliche Begleitung in Form der in dieser Symphonie häufigen Tremoli der Streicher, besonders der Geigen, setzt sich im Scherzo des zweiten Satzes fort, in dem diese sehr fokussiert die flirrenden Einwürfe wie Blitze hervortreten lassen. Später gerät das Tremolo im Verhältnis gelegentlich etwas zu laut, wenngleich nicht zu leugnen ist, dass Bruckner eben auch in jenem gezielt bis zum Forte-Fortissimo geht. Im Gesamt des Satzes zeigt Jordan eine tiefe Durchdringung des Werks auf sämtlichen Ebenen, indem die musikalische Basis auf grundlegender Ebene, besonders in den harmonischen Entwicklungen, stets transparent wird. Eingebettet ist diese Gestaltung in eine nobel, ritterlich-höfisch, in den Ausbrüchen gar militärisch angelegte Interpretation, die diesem Scherzo äußerst gut entspricht, besonders angesichts der später erklingenden Fanfaren der Trompeten. Die, für Bruckners Verhältnisse, klare Struktur dieses Satzes tritt stringent und in sich stimmig hervor, dabei gerät der Ausdruck aber nie in den Hintergrund. Der sehr direkte Übergang in die Reprise zeigt exemplarisch, wie innerhalb der klaren Struktur und geordneten Artikulation stets alles fließend bleibt, wodurch eine gute Balance aus musikalischem Lauf und höfischer Strenge entsteht. Besonders eindrücklich erklingt das sonst oft zurückstehende Trio des zweiten Satzes. Auf fließend-träumerische, fast tanzende Weise – als wäre es ein sanftes Bewegen in der bittersüßen Erinnerung an einen Tanz – werden die Melodien durch gefühlvolle Phrasierung sowohl in der Dynamik als auch der Linienführung gezogen, sogar in der Pizzicato-Begleitung ist eine hohe Aufmerksamkeit für die einzelnen Linien zu hören. Diese melodiöse Durchdringung wird noch bereichert durch den innigen Klang besonders der tiefen Streicher, die hier wie ein Choral hervortreten. Erneut zeigt sich im Trio zudem die empfindsame Gestaltung durch Zäsuren und Zurücknehmen, zugleich aber an den zahlreichen Einwürfen auch die hohe Aufmerksamkeit für Details, ohne sich darin zu verlieren.
Besonders eindrücklich zeigt sich Jordans Interpretation im dritten Satz. Der präzise gesetzte, aber dennoch stets fließende, gleichmäßige Rhythmus, der weiten Teilen des Satzes unterlegt ist, wird hier zu einem besonderen Klangerlebnis. In stetigem Pulsieren erweckt der Klang die Assoziation zu einem Schiff, das über düsteres Wasser mit leichtem Wellengang gleitet, dabei gibt es nichts Wildes oder Aufgeregtes, sondern große Ruhe, die aber dennoch von einer leicht unheimlichen Färbung geprägt ist. Unwillkürlich tritt das Bild der Toteninsel auf – die letzte Überfahrt der Seele. Der gesamte Satz erklingt bei Jordan auf sehr innerliche Weise, die selbst in den glanzvollen Ausbrüchen nie nur effektvoll wird, sondern stets aus intensiver Emotion entsteht. Dieses Adagio reißt nicht durch übertriebenes Pathos oder sich aufdrängende Emotionalität mit, sondern durch echtes Mitfühlen. Über den gesamten Satz ziehen sich erneut große Linien mit sehr differenzierten kleineren Teilen, die vom Orchester auch dynamisch mit starken Kontrasten gestaltet werden. Insgesamt ist das Tempo ruhig und fließend angelegt, nie gerät der stete Fluss ins Stocken. Das exponierte Thema mit fallender Sext der Celli tritt in sich und auch im Verhältnis zu seiner Wiederkehr als besonders gut gestaltet hervor. Anfangs zeigt es sich noch zart, danach folgt ein intensiver, fast flehend wirkender Anstieg, der beim zweiten Mal noch stärker fortgeführt wird. Auch die Harmonien werden in diesem Satz stets aufmerksam herausgearbeitet, wodurch das Werk äußerst transparent wird, ohne dies aber durch zu durchsichtigen Klang zu erreichen. Neben den gezogen phrasierenden, schier unendliche Klangräume eröffnenden Hörnern und Wagnertuben ist besonders jene exponierte Stelle der Celli vor der Reprise hervorzuheben. Diese wird hier zu einem beinahe mystischen, atemberaubenden Moment, bei dem tatsächlich der Atem wegzubleiben scheint. Die zahlreichen Höhepunkte des Adagios sind in einen großen Aufbau gebettet, der von immer neuen Versuchen geprägt ist. Dabei überraschen manche zügigen Übergänge, doch fügen sich diese durch die dafür bewusst gesetzten Zäsuren zu einem stimmigen, mitreißenden Gesamtbild, in dem sich Ruhepunkte und immer weitergeführtes Kämpfen und Ringen abwechseln. Nach dem packenden Höhepunkt, in dem die überwältigende Klanggewalt dennoch nicht zu überbordend wirkt, erscheint es nur passend, dass die Kirchenglocken der Basilika genau in diesem Moment 8 Uhr schlagen. Im Gesamten ist diese Interpretation des Adagios wohl eine der innerlichsten und emotionalsten, Schmerz, der Kampf der Seele und Verklärung gehen miteinander einher. Im Gespräch mit Philippe Jordan anlässlich dieses Konzertes, das demnächst in „DAS OPERNMAGAZIN“ zu lesen sein wird, formulierte er, dieses Adagio sei die Musik, die man beim Sterben hört. Wenn man sie so wie hier hört, wünscht man sich zwar keinesfalls, schon jetzt zu sterben, doch hofft man, sie einst auch in den letzten Momenten hören zu können.

Nach diesem nicht nur die Seele beanspruchenden Satz folgt das fulminante Finale, in dem Bruckner gewissermaßen die Symphonie als solche auf die Spitze trieb. Der Beginn wird von Jordan und dem Bruckner Orchester äußerst fulminant und spannungsvoll geladen interpretiert, wobei die enorme Spannung und der Drang nach vorne, die die tatsächlich apokalyptisch anmutenden Klänge hier entfalten, nie gehetzt wirken. Vielmehr kann gerade in der Stabilität eine Energie freigesetzt werden, die auch durch die hohe und gerade in der Akustik dieser Kirche erforderliche artikulatorische Präzision gestärkt wird. Nur gelegentlich sind leichte Ungenauigkeiten in den Streichern zu merken. Wiederum werden im Laufe des Satzes große Kontraste eröffnet, die auch in stets in Relation stimmig gesetzten Tempowechseln bestehen und so von rasenden Klängen zu gespannter Ruhe überleiten. Diese Ruhe ermöglicht auch die Eröffnung zahlreicher atmosphärischer Facetten, die von choralähnlichen Momenten bis zu ländlich-ursprünglich klingenden Takten reichen und vom innigen Streicherklang, aber auch von den sehr transparent aufleuchtenden Holzbläsern getragen werden. Besonders hervorzuheben ist die eindringliche Pauke, die, höchst energisch, gelegentlich bis ins Martialische reicht. Während die Reprise etwas zügiger und strenger gehalten ist, mit noch ungestümeren Streichern, erklingt das spätere, aus dem Nichts einsetzende Fugato sehr zart und fein, allerdings dennoch lebendig. Darauf folgt ein weiterer extremer Spannungsaufbau, der einer allmählich ausbrechenden Verzweiflung gleicht, die in der Flöte ihr letztes Nachbeben findet. Schließlich fügt sich wahrhaftig alles in der erst hoffnungslos scheinenden, dann jedoch fulminant ausbrechenden Coda, wobei die einzelnen Themen der Symphonie klar hervortreten und nur das verbreiterte Thema des Scherzos etwas zu sehr im Hintergrund bleibt. Bis zu den letzten, passend zurückgehaltenen Tönen, und nach darüber hinaus, wird eine hohe Intensität aufrecht erhalten, die gerade in ihrer wie von selbst auftretend erscheinenden Wirkung eine zutiefst emotionale Hörerfahrung ermöglicht.
Mit dieser Aufführung von Bruckners Achter Symphonie wurde auch deutlich, dass es in der Akustik der Stiftsbasilika nicht zwingend rein auf das Tempo ankommt, sondern vielmehr auf wahrlich musikalisches Nachspüren und Atmen, sodass Momente der Ruhe und des Innehaltens ermöglicht werden und der Klang Raum zur Entfaltung erfährt. Durch diese Transparenz kann eine hohe Energie freigelegt werden, auch oder gerade dann, wenn diese Energie an manchen Stellen in Energielosigkeit besteht. Philippe Jordan überzeugt mit dem Bruckner Orchester mit seiner sehr erfahrungsbezogenen und -ermöglichenden Interpretation, welche bei aller genauesten Hervorhebung von Details weder zu intellektuell oder kleinteilig noch zu stark auf das Zelebrieren jedes einzelnen Klangs bedacht ist. Es entsteht der Eindruck, dass die Interpretation hier gerade nicht im Zentrum stehen oder gar vereinnahmen soll, sondern dass ihr höchstes Ziel die Offenbarung der Musik in all ihrer Komplexität und Unfassbarkeit ist. Jordans Bruckner ist kein von außen kommend überwältigender, sondern ein innerlicher, tief empfundener, der dadurch einlädt, auch selbst zu empfinden. Durch eine gewisse Natürlichkeit, die Freilegung der musikalischen Strukturen, ihre dramatische Gestaltung und Entfaltung kann die Musik so aber letztlich überwältigender und einnehmender wirken, sie wird transparent für die Gesamtheit aller Dimensionen des Menschseins – zu einer existentiellen Erfahrung. In dieser Transparenz ist aber immer auch ein transzendentes Moment aufgehoben, das es ermöglicht, über das Menschliche hinauszuschreiten und in Berührung zu kommen mit dem „Mysterium“.
- Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bruckner Orchester Linz
- Stiftskonzerte
- Titelfoto: Philippe Jordan und das Bruckner Orchester Linz/Konzert v. 4.7.2026/ Foto: Reinhard Winkler
Ein Gedanke zu „Der Mensch im Angesicht des Mysteriums – Philippe Jordan und das Bruckner Orchester Linz mit Bruckners 8. Symphonie in St. Florian“