
I.Roberts, J.Bäckström/Foto: Monika Rittershaus
Es ist die vermutlich am längsten erwartete Premiere der jüngeren Staatsoperngeschichte: Eineinhalb Jahre musste sich das Münchner Publikum nach Tobias Kratzers umjubelten Rheingold gedulden, pünktlich zu Beginn der Festspielsaison liefert die Bayerische Staatsoper nun auch Die Walküre. Das lange Warten zahlt sich aus: Kratzer knüpft Erzählstränge aus dem Rheingold geschickt weiter – und lässt zur Halbzeit seines Ring des Nibelungen viele Fragen offen. (Rezension der Vorstellung v. 28. Juni 2026)
Das Münchner Opernpublikum liebt seinen Wagner. Das Münchner Opernpublikum liebt auch seine Stadt. Und am glücklichsten ist es, wenn es seine Stadt in einer Wagneroper auf der Bühne repräsentiert sieht. In dieser Hinsicht hat Tobias Kratzer in seiner Neuinszenierung von Richard Wagners Die Walküre alles richtig gemacht. Der dritte Aufzug startet, fast punktgenau mit dem ersten Ton des legendär gewordenen Walkürenritts, mit einer Videoprojektion des Siegestores. Die folgenden Aufnahmen zeigen acht von neun Walküren bei ihrer Arbeit, dem Einsammeln von Leichen. Auch das natürlich in München, im Englischen Garten oder an der Isar. Als geschicktes Apocalypse Now-Zitat überwacht Claudia Mahnke als Waltraute die Operation aus einem Hubschrauber heraus. Nach getaner Arbeit versammeln sich die Walküren samt Leichen im Königssaal, dem Foyer der Bayerischen Staatsoper, das Bühnenbildner Rainer Sellmaier auf der Bühne originalgetreu nachgebaut hat.
Für diese Hommage an den Münchner Opernhimmel und Uraufführungsort der Walküre gibt es reichlich Szenenapplaus. Sie wirkt an diesem Punkt in Kratzers Ring-Inszenierung allerdings noch wie ein nettes Gimmick. Vor allem, weil die Setzung einen starken Bruch zum Rheingold darstellt. Zur Erinnerung: Vor eineinhalb Jahren hat Kratzer etabliert, dass seine Ring-Götter tatsächlich Götter sind und keine Politiker oder sonstige Kapitalismus-Metaphern. Sein Rheingold erzählt vom Aufbau der neuen Weltreligion und endet mit einem ersten Gottesdienst. Feierlich beziehen Wotan und die anderen Gött*innen ihre Burg, einen goldenen Altar. Vom Nationaltheater ist trotz bereits vorhandener München-Eastereggs noch nicht die Rede, die Neugierde auf Siegfried und Götterdämmerung entsprechend groß: Welche Rolle wird das Nationaltheater noch spielen? Geht es hier um patriarchale, bisweilen an Wagners Götterwelt erinnernde Hierarchien an Theatern? Um die fast schon parareligiöse Komponistenverehrung des ein oder anderen Wagnerfans? Noch ist alles offen – es ist ja auch gerade erst Halbzeit.

N.Brownlee/ Foto: Monika Rittershaus
Kratzer ist sich der Position der Walküre innerhalb des Ring-Zyklus wohlbewusst. Nicht nur legt er den Grundstein für spannende Ansätze in Siegfried und Götterdämmerung, ihm gelingt auch eine nahtlose Anbindung an das Rheingold. Letzteres ist bisweilen ein schwieriges Unterfangen, schließlich beginnt Wagner mit Siegmund und Sieglinde eine ganz neue Erzählung, die nicht ohne weiteres an das Rheingold anschließt. Doch die dort etablierte Religion ist in Kratzers Walküre von Anfang an von zentraler Bedeutung und wird auf ihre Auswirkungen auf das Leben der Menschen befragt. Ein Nachbau des Rheingold-Altars steht in Hundings Hütte, vor dem Haus steht eine Säule mit dem Bild Frickas. Hunding wird so zum religiösen Fundamentalisten, der seine ihm untergeordnete Ehefrau notfalls mit Gewalt zur Frömmigkeit zwingt. Und die Figur der Sieglinde gewinnt eine neue Dimension, wenn sie angesichts ihres Ehebruchs und Inzests mit Zwillingsbruder Siegmund panisch zu beten beginnt. Das Konzept Sünde gibt es offenbar nicht nur in der katholischen Kirche.
Die Nebenwirkung dieser klugen Setzung ist leider eine Schwächung der Sieglinde-Figur. Jene Frau, die in vielen anderen Inszenierungen stets entschlossen die Szene dirigiert, erscheint bei Kratzer vorsichtig und verängstigt. Das ist schade, aber eben auch konsequent: Eine in ihrer Ehe ständig misshandelte Frau wird in erster Linie traumatisiert und nicht naturgemäß zur starken Heldin. Der Sopranistin Irene Roberts gelingt eine überzeugende Darstellung dieser neuen, verzweifelten Sieglinde, stimmlich wie darstellerisch dominiert sie den ersten Aufzug. Ihr „Oh herrlichstes Wunder“ im dritten Aufzug ist eines der musikalischen Highlights dieses Abends. An ihrer Seite gibt Joachim Bäckström den Siegmund. Bäckström ist im Wagner-Fach kein Unbekannter, auch den Siegmund hat er bereits gesungen. Die Erfahrung hört man ihm an, er gestaltet die Partie souverän. Sein metallisches, aber noch lyrisches Timbre passt zu der gar nicht heldenhaften Interpretation der Figur in Kratzers Inszenierung. Leider gelingen nicht alle Spitzentöne ganz sauber – womöglich eine Folge der starken Hitze, die an diesem Abend auch anderen Singenden zu schaffen macht. Ain Anger komplettiert als Hunding das Trio des ersten Aufzugs. Sein Vibrato ist breit und etwas wacklig, doch der dunkle, kraftvolle Klang seiner Stimme ist unverändert stark. Dazu wartet er mit einfallsreicher Phrasierung auf, besonders gelungen ist sein zartes und gleichzeitig bedrohliches „Harre mein zur Ruh“.
Zurück zur Inszenierung: Das Verhältnis von Göttern und Menschen interessiert Tobias Kratzer auch abseits der Religion. In Videoprojektionen erzählt er von der Kindheit der Zwillinge und damit von Wotans Versuch, trotz seines Götterstatus ein menschliches Familienleben zu führen. Die Filme von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi zeigen die intensive Geschwisterbeziehung der Zwillinge, das idyllische Familienleben in einer Holzhütte im Wald, und geben wohl zum ersten Mal in der Ring-Geschichte auch der Mutter der Zwillinge ein Gesicht: Mezzosopranistin Avery Amereau hat in den Videos einen Cameo-Auftritt. Die Qualität der Videos ist gewohnt hoch, doch die Einbindung in die Inszenierung gelingt nicht immer optimal. So wirkt im ersten Aufzug ein wenig willkürlich, welche Teile von Siegmunds Erzählung durch Videos beglaubigt werden und welche nicht. Im zweiten Aufzug scheinen die Videos sich in Selbstreferenzialität zu verlieren: Sellmaiers naturalistisch gehaltenes Bühnenbild zeigt die Ruine des Elternhauses der Zwillinge, die Projektionen sorgen dafür, dass das Publikum den Ort identifizieren kann. Hier gerät die Inszenierung ein wenig ins Stocken. Am Ende ist aber alles verziehen: Denn ganz nebenbei bereiten die Videoprojektionen einen der klügsten Einfälle der jüngeren Ring-Geschichte vor. Welcher das ist, soll eine Überraschung bleiben.

M.-L. Värelä, N.Brownlee/Foto: Monika Rittershaus
Das zentrale Thema von Kratzers Walküre ist nicht Wotans Familie, es sind nicht Siegmund, Sieglinde oder Brünnhilde (oder die anderen acht Walküren), es ist das Bröckeln von Wotans Macht. Auf der Erde drohen das Heer seines Gegenspielers Alberich, dessen Sohn Hagen im Walkürenritt-Video bereits einen Kurzauftritt hat, und Siegmund, der, um Sieglinde zu befreien, kurzerhand eine Decke über Hundings Hausaltar wirft. Doch das ist nicht Wotans größtes Problem: Im Himmel wartet seine eigene Ehefrau Fricka. Und die ist stärker als er. Ihr muss er seinen Sohn opfern – und sie nimmt ihm in Kratzers Inszenierung auch den Abschied von seiner Tochter. Es ist Fricka zu verdanken, dass Feuergott Loge Wotan den Gehorsam verweigert und statt eines Feuerrings um Brünnhildes Lager am Ende nur eine kleine Kerze im Königssaal brennt.
Die Dynamik zwischen den göttlichen Eheleuten ist schon lange nicht mehr so überzeugend dargestellt worden wie in Kratzers Inszenierung. Nicht nur, weil Fricka zwei Zusatzauftritte am Ende des zweiten und dritten Aufzugs bekommt, sondern auch, weil die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova und Bassbariton Nicholas Brownlee mit dem Material umzugehen wissen, das sie von Kratzer bekommen. Gubanova beherrscht die Kunst des trotzig-triumphierenden Blicks wie keine Zweite, ihre Präsenz ist unschlagbar. Auch in musikalischer Hinsicht zeigt sie eindeutig, warum sie eine der gefragtesten Wagnersopranistinnen der heutigen Zeit ist. Die Melodieführung ist tadellos, die Textgestaltung ist exakt und wirkt gleichzeitig lebendig und von echter Emotion gestützt. Nicholas Brownlee steht ihr als Wotan in nichts nach. War er im Rheingold noch ein wenig auf der Suche, so hat er seine Wotan-Interpretation jetzt gefunden. Mit kluger Phrasierung und sorgsam dosierter Bariton-Kraft zeichnet er das Bild eines zerbrechenden Gottes. Den Speer mag er noch halten, aber er glaubt nicht mehr selbst daran, dass seine Macht anhalten kann. Das Einzige, das Brownlees Wotan-Höhenflug noch bremsen kann, ist die am Tag der besuchten Aufführung besonders brennende Hitzewelle. Vor dem dritten Aufzug lässt der Sänger sich hitzebedingt als indisponiert ankündigen, singt und spielt die Oper aber mehr als souverän zu Ende. Das allein beweist schon, dass hier ein ganz großer Sängerdarsteller am Werk ist.
Etwas flach bleibt dagegen ausgerechnet die titelgebende Walküre. Das liegt nicht an Miina-Liisa Värelä, die trotz kleinerer Schwächen in der Höhe eine überzeugende Brünnhilde singt. Kratzer hat für ihre Figur sowie ihre Beziehung zu Göttervater Wotan schlichtweg keine so großen Ideen wie für die anderen Figuren. Die Entdeckung der eigenen Göttlich- und Unsterblichkeit setzt er im zweiten Aufzug zwar ausführlich in Szene; der Funke will aber nicht ganz überspringen.
Umso mehr funkt es dafür im Orchestergraben. Ein Ring ist selbstverständlich Chefsache und so steht wie schon beim Rheingold Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Er hat es deutlich eiliger als beim Rheingold, das Vorspiel zum ersten Aufzug gerät beinahe etwas zu hastig. Im weiteren Verlauf der Oper wird sein Dirigat ausgeglichener, mit singenden Streichern und wohldosierten Höhepunkten. Auch musikalisch sind die Momente zwischen Fricka und Wotan am spannendsten, doch Jurowskis Dirigat ist durchgehend fesselnd. Der erste Gedanke nach dem Schlussakkord? Zum Glück sind es bis zum Siegfried nur vier Monate! Dann wird sich zeigen, wie Jurowski den Ring weiterschmiedet – und was Tobias Kratzer noch mit dem Nationaltheater vorhat. Hier nur eine Theorie: In der Götterdämmerung brennt das Opernhaus nieder.
- Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayerische Staatsoper München
- Titelfoto: Bayerische Staatsoper/DIE WALKÜRE 2026/M.-L. Värelä, N.Brownlee/Foto: Monika Rittershaus
Ein Gedanke zu „Von Göttern und Menschen: „Die Walküre“ an der Bayerischen Staatsoper“