Saison-Eröffnungskonzert Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker bei der Saisoneröffnung am 21. August 2026 | Bild: Lena Laine

Die Vorstellung, dass sich Russen am besten auf Tschaikowskis Musik verstehen, ist wohl doch ein Klischee. Nicht, dass es nicht russische Dirigenten und Interpreten geben würde, die sich trefflich darauf verstehen wie ein Valery Gergiev zum Beispiel. Aber ein Naturgesetz ist das nicht. (Rezension des Konzerts. v. 21. August 2026)

 

 

Kirill Petrenko jedenfalls scheint sich immer noch schwer zu tun mit dem großen Weltschmerz in der Sinfonik des Komponisten, in der es bisweilen schon hochdramatisch zugeht, aber doch immer gepaart mit Schwermut, Wehmut und großer unerfüllter Sehnsucht.

Seine Interpretation von Tschaikowskis Fünfter im März 2019 kurz vor seinem offiziellen Antritt als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker förderte das bereits zutage. Zum Eröffnungskonzert der philharmonischen Saison kam nun die Vierte, die sogenannte Schicksalssinfonie, ähnlich überhetzt daher. Petrenko ist, so scheint es, in seiner eindimensionalen Sicht auf den Komponisten stehengeblieben.

In den Berliner Philharmonikern hat er freilich ein Spitzenorchester zur Seite, das selbst aus einer solchen Lesart das Beste herausholt. Insbesondere der Beginn mit den fanfarenartigen, schicksalhaften Anfangsakkorden im Blech, unerbittlich, makellos und brillant vorgetragen, geben höchst vielversprechend die bedrohliche, in eine Katastrophe mündende Stimmung wider. Auch die folgenden hochdramatischen Streicherpassagen wirken sehr aufwühlend, vom Dirigenten mit spürbar großer Leidenschaft angefacht. Auf Spannungskurven versteht sich Petrenko, und der große Orchesterapparat folgt ihm homogen im vorgegebenen rasanten Tempo wie ein Mann.

Aber unter diesen hochaufgetürmten Steigerungskurven bei großen Phonstärken bleiben zartere Empfindungen auf der Strecke. Abgesehen davon, dass sich der Reichtum des großen Orchesterklangs dem Ohr umso eindrücklicher vermittelt, desto langsamer es geht, wie einst der weise Sergiu Celibidache nicht müde wurde, zu lehren.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker bei der Saisoneröffnung am 21. August 2026 | Bild: Lena Laine

Bei alledem sagte der Komponist selbst über seine Vierte, es gäbe darin nicht einen einzigen Takt, den er „nicht tief empfunden hätte“ und der nicht ein Nachhall seiner „innersten seelischen Regungen“ wäre. Schließlich befand er sich, als er sie schrieb, in einer schweren Krise, heiratete überstürzt eine in ihn verliebte Studentin, um seine Homosexualität hinter der bürgerlichen Fassade zu verstecken. Aber die erhoffte Rettung erwies sich als eine Katastrophe.

In diese emotionale Welt taucht Petrenko zu wenig ein. Immerhin aber die Binnensätze verströmen dann doch etwas Berührendes, allen voran das Andantino in modo di canzona, dessen Klage Albrecht Mayer wunderbar zartfühlend auf seiner Oboe anstimmt. Ihm gönnt Petrenko dafür die gebotene Ruhe, gerne hätte dieser schmerzreiche Gesang aber noch mehr Zeit haben dürfen.

Das gezupfte Pizzicato-Scherzo kommt ebenso in seiner Leichtfüßigkeit zu Ehren, hier hätte Petrenko aber gerne noch nuancierter dynamisieren dürfen. Unweigerlich wird es ohnehin leiser, wo kein Bogen bei den Streichern zum Einsatz kommt, aber hin zum noch geheimnisvolleren Pianissimo blieb noch Luft nach oben.

Das Finale spulte Petrenko definitiv zu schnell ab, das tönte zwar hoch virtuos, aber doch recht seelenlos.

Interessant an diesem Abend schien die Kombination dieser Sinfonie mit den vorangegangenen Enigma-Variationen von Edward Elgar. Die gelangen Petrenko deutlich überzeugender, vor allem im Kontrast zwischen tänzerisch- leichtfüßigen Sätzen mit dominierenden Holzbläser-Soli, die an Tschaikowskis Ballettmusikern erinnern, und das schmerzlich-schöne Adagio, die Nimrod-Variation. Anders als beim Tschaikowski, wo Petrenko womöglich in Sorge vor Pathos das Tempo stark angzog, ist er hier risikofreudiger, wagt starke Rubati und geht emotional stärker aus sich heraus.

Dafür gibt es in Berlin ebenso viel Beifall wie für den Schnellritt durch die Tschaikowski-Sinfonie. Noch einmal präsentieren sich Orchester und Dirigent mit diesem Programm auf dem Luzern Festival am 26. August.

 

  • Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Berliner Philharmoniker
  • Titelfoto:  Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker bei der Saisoneröffnung am 21. August 2026 | Bild: Lena Laine
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5 Gedanken zu „Saison-Eröffnungskonzert Berliner Philharmoniker&8220;

  1. Dass für „eure“ (und da beziehe ich meine Vorschreiber mal mit ein) Generation nur der langatmige, langweilige und ewig schwurbelnde Celi gilt, sagt wiederum für mich auch alles über die geübte Kritik aus.

    Das Vorbild hier ist nur ganz falsch gesetzt: selbstverständlich bewegt sich Petrenko in der Nachfolge DES Tchaikovsky-Interpreten Mravinsky.
    Straffe Tempi bei innerlichem Glühen und äußerlicher Strenge.

    DAS ist im Übrigen das wirklich „Russische“, nicht das Gesülze von Gergiev.

  2. Sehr geehrte Frau Liese,
    Sie sprechen wir wahrhaftig aus der Seele, insbesondere in Anbetracht der sonstigen üblichen Lobhudeleien zu diesem Konzert.
    Ich habe es mir in der Digital Concert Hall angeschaut, und Sinnbild für die problematische Herangehensweise Petrenkos an Tschaikowskys Symphonie scheint mir der herausgereckte Daumen des Dirigenten zur Bestätigung eines Musikers während der Aufführung zu sein.
    Alles Gute,
    Malte Schmidt

    1. Lieber Herr Schmidt,

      danke für Ihre Zeilen! Ich weiß es SEHR zu schätzen, dass Leser wie Sie es goutieren, wenn man gegen den Strom schwimmt. Und das tue ich in meinem Beruf seit vielen Jahren.
      Herzliche Grüße, Kirsten Liese

  3. Ja, die Musik Philosophie des seligen Celibidache, , so unwürdige Momente er im Alter im Umgang mit Musikern, gelegentlich produzierte, beschreibt jedoch auch das Wesen der Musik meines Erachtens am Eindringlichsten….dass nämlich die Musik erst entsteht im Kopf des Hörers im Augenblick des Entstehens, abhängig von Raum und Zeit….. also nichts fertiges ist das nur präzise oder mechanisch genug abgespielt werden darf.
    Mozart schrieb einst bekanntlich, als ein Werk von ihm zu schnell gespielt wurde:“ so ein scheißen und Prestissimo ist einerlei“ …. Und erklärte dann, dass bei diesem Tempo seine Seele nicht mehr mit komme… und Johannes Brahms, fragte einst provokativ: wo bleibt die Musik?
    Mit Petrenko bei den Berlinern wird für meine Seele alles „in tempo di porco“, also im Schweinsgallop“. zwar höchst virtuos, aber eben wie Cellidache sagte, inhaltslos oder seelenlos gespielt……. Und wenn meine Seele nicht mitschwingt, brauche ich gar nicht in ein Konzert zu gehen und über 100 € dafür oder mehr auszugeben. Da frage ich mit Johannes Brahms sehr oft: „ wo bleibt die Musik?
    Man höre sich, wenn man will, den langsamen Satz in Brahms vierter Sinfonie mit dem seligen Bernstein an, und Sie können alle anderen wirklich alle anderen Aufbahmen von anderen Dirigenten vergessen….(Celi liebte bekanntlich keine Schallplattenaufnahmen, daher kenne ich das Stück nicht von ihm dirigiert)
    Es ist doch historisch gesichert, dass ein Andante oder Allegro in der vorindustriellen Zeit, als die Pendeluhr und der Fußmarsch das Maß der Zeit bestimmten, nicht identisch sein kann mit der heutigen Vorstellung von Zeit……die präzise durch Hetze und Beschleunigung charakterisiert wird….. gerade hier müsste unsere geliebte klassische und romantische Musik einen Kontrapunkt setzen und nicht mit den Wölfen mit heulen….:
    Mit freundlichen Grüßen
    Klaus H . Geinitz aus Amberg

    1. Lieber Herr Geinitz,

      seien Sie bedankt für diesen grandiosen Leserbrief! Wenn man so eine Resonanz erhält, hat es sich alleine dann doch schon gelohnt, das Konzert besucht und darüber geschrieben zu haben.
      Ich unterschreibe jeden Satz in Ihrem Kommentar!
      Und musste das gesamte Konzert über an Celibidache denken, von dem es tatsächlich zahlreiche Livemitschnitte gibt (auch von Brahms‘ Vierter! sehr zu empfehlen!!) und eben auch von ausgewählten Sinfonien Tschaikowskis. Zwischen Celis Vierter und Petrenkos liegen nicht nur Welten, sondern ganze Universen! Das muss man gehört haben, dann weiß man, wie es sein muss! (Sie finden die Aufnahmen bei der EMI oder auch auf Youtube)
      Unter den heutigen Dirigenten gibt es nur noch wenige, die sich darauf verstehen, Riccardo Muti, den ich mit dieser Sinfonie live gehört habe, Christian Thielemann, von dem ich auch schon Tschaikowsky hören durfte (erinnere mich aber nicht mehr, welche Sinfonie), und Teodor Currentzis.

      Mit den besten Grüßen, Kirsten Liese

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