„Der fliegende Holländer“ in der Regie von Dmitri Tcherniakov bei den Bayreuther Festspielen

Bayreuther Festspiele/ DER FLIEGENDE HOLLÄNDER 2026/ Foto: Enrico Nawrath

Diese Produktion glänzte durch ihre Weltklasse-Besetzung: Asmik Grigorian als Senta, Nicholas Brownlee als Holländer, Mika Kares als Daland und Benjamin Bruns als Erik, der Chor der Bayreuther Festspiele und das Festspielorchester unter der Leitung von Oksana Lyniv spielten einen „Holländer“, wo sich ohne Schiffe und Meer bar jeder Schauerromantik ein Krimi um ein düsteres Geheimnis abspielte, das zur Ouvertüre gezeigt wurde. Es könnte ein Drama von Ibsen oder Strindberg sein, denn es spielte in einer hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft. Bei einem so weitgehenden Eingriff in die szenische Umsetzung der Partitur muss der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov unbedingt genannt werden. Der uneingeschränkte Beifall von Publikum und Kritik beweist, dass es sich um eine psychologisch fundierte dramatisch überzeugende Inszenierung des Werks handelt. (Rezension der Vorstellung v. 18. August 2026)

 

 

Das Bühnenbild des Regisseurs Dmitri Tcherniakov ist karg, mit beweglichen surrealistischen zweistöckigen Häusern ohne Dach, die überall stehen könnten, rund um einen engen Dorfplatz, auf dem sich das gesellige Leben abspielt. Es gestattet schnelle Szenewechsel ohne Umbaupausen, so dass die drei Aufzüge ohne Pause durchgespielt werden. Gezeigt wird die Rachephantasie des traumatisierten Holländers, der als Kind Zeuge des Freitods seiner Mutter wurde. Daland hatte sie nach einer (längeren?) Beziehung, die er mit ihr hatte, aus der Dorfgemeinschaft Sandwikes ausgegrenzt. Könnte es sein, dass der Holländer und Senta Halbgeschwister sind? Man erkennt, dass Tcherniakov das Publikum zwingt, die Geschichte neu zu interpretieren.

Es ist Der immer wiederkehrende Traum des H., wie nach der Ouvertüre als Text eingeblendet wird, zur Musik des Fliegenden Holländers von Richard Wagner. Kein Meer. Kein Schiff, keine Seemannsromantik, dafür aber ungezügelte, intensive Gefühle und ein überraschendes Ende. Keine Erlösung, dafür eine Vernichtungsfantasie mit Brandkatastrophe in einem kleinen Ort, wo jeder jeden kennt, und wo der Holländer nach vielen Jahren auftaucht und auch von Daland nicht erkannt wird. Der Auftritt des Holländers findet unspektakulär in einer Kneipe statt, wo er eine Runde schmeißt und den paar Zechern, die noch dasitzen, seine haarsträubende Geschichte Die Frist ist um erzählt. Die Kostüme von Elena Zaytseva sind zeitlos-moderne ockergelbe Windjacken und hohe Stiefel für Daland, Steuermann, Senta und Erik, der Holländer und seine Mannschaft tragen blau, alle mit dicken Norwegerpullovern. Nur Mary, anscheinend Dalands Frau, hat einen auffallenden gehäkelten Mantel in Brauntönen, den sie auch schon in der zur Ouvertüre gezeigten Szene trägt.

Bayreuther Festspiele/ DER FLIEGENDE HOLLÄNDER 2026/ Foto: Enrico Nawrath

Aus dem hochkarätigen Ensemble heraus ragt Asmik Grigorian als Senta mit der verhängnisvollen Passion einer pubertierenden Göre für den Holländer, von dem sie erwartet, dass er sie aus diesem engen Kaff befreit. Sie überträgt ihre Schwärmerei für den bleichen Mann, den sie in ihrer Ballade besungen hat, auf den Fremden, den der Vater ins Haus bringt. Ihre Stimme ist enorm wandlungsfähig und ausdrucksstark. Für das hochdramatische Schlussterzett mit Holländer und Erik legte sie noch große Intensität zu – eine überragende Rollengestaltung. Grigorians intensive Verkörperungen von Rollen wie Senta, Salome und Carmen, alles junge Frauen, die Grenzen überschreiten, machen sie zu einer der gefragtesten hochdramatischen Soprane unserer Zeit. Am 15. August 2026 hatte sie noch bei den Salzburger Festspielen die Carmen verkörpert, eigentlich eine Mezzo-Partie.

Die in dieser Version des Werks besonders intensiven Gefühle des Holländers gestaltet der Bassbariton Nicholas Brownlee, der bereits in der Inszenierung des Rings des Nibelungen von Tobias Kratzer in München als Wotan glänzte. Selten hat man den Auftrittsmonolog: Die Frist ist um so emotional aufgewühlt gehört. Brownlee ist mehr als ein dämonischer Fremder, er stellt den Holländer als einen zutiefst verletzten von seiner Vergangenheit gezeichneten Menschen dar. Darstellerische Präzision und stimmliche Wucht zeichnen das Bild eines charismatischen Antihelden, in den sich eine schwärmerische junge Frau verlieben muss. Das Schlussterzett vor der Kulisse des brennenden Dorfs, aus dem die Bewohner vor dem Geisterchor geflohen sind, ist der dramatische Höhepunkt. Hier singt jemand, der ein schweres Trauma verarbeitet und der im letzten Moment das Instrument seiner Rache, Senta, verschonen möchte.

Bayreuther Festspiele/ DER FLIEGENDE HOLLÄNDER 2026/ Foto: Enrico Nawrath

Mika Kares ist ein Daland, der mit seinem großen, unverbrauchten Bass seiner Partie nichts schuldig bleibt. Auch die tiefen Töne sind satt und voll. Er singt auch Fasolt, Hunding und Hagen im diesjährigen Bayreuther Ring des Nibelungen unter Christian Thielemann. Mit der Herstellung des Kontakts des Holländers zu Senta ist seine Funktion erfüllt, denn Benjamin Bruns als Erik übernimmt die Aufgabe des vor dem Fremden warnenden Verlobten Sentas mit einem wundervoll geführten lyrischen Tenor. Bruns ist auf dem Weg zum Heldenfach, was seiner Interpretation der Partie des Erik erhebliches Gewicht verleiht. 2016 hat er noch in Bayreuth den Steuermann gesungen, der jetzt von Kieran Carrel verkörpert wird. Carrel ist die Überraschung der Produktion, denn er gestaltet mit feinem lyrischem Tenor das Lied Bei Gewitter und Sturm aus fernem Meer und die kurze Partie insgesamt besonders delikat. Bei ihm werden am ehesten die Brüche mit dem ursprünglichen Libretto deutlich: es geht Tcherniakov nicht um die harte Plackerei der Seefahrt, die Abhängigkeit von Wind und Wetter, die lange Abwesenheit der Männer von zu Hause, bei der die Treue eine besonders große Rolle spielt, sondern um tiefe Emotionen und schwere Traumata. Sentas Amme Mary, hier Dalands Frau, verkörpert Nadine Weissmann mit kehlig-metallischer fast matronenhafter Stimme. Ihre Darstellung ist auch schauspielerisch ausgefeilt, denn sie erhält bei dieser Inszenierung eine besondere Bedeutung: sie wird von der Nebenfigur zur handelnden Hauptfigur. Sie ist Sentas Stiefmutter, war Zeugin der Ausgrenzung der Mutter des Holländers aus der Dorfgemeinschaft, vermutlich die einzige, die ahnt, wer er ist, und sie erschießt den Holländer auf dem Höhepunkt der Konfrontation der Norweger mit dem Geisterchor nach dem Terzett des gewalttätigen Holländers mit Erik und Senta mit einem schweren Gewehr.

Der Chor der Bayreuther Festspiele unter der Leitung von Thomas Eitler-de-Lint verkörpert die Einwohner von Sandwike und die Mannschaft des Holländers mit raunendem Piano und großen Steigerungen. Das Spinnerinnenlied wird unter der Leitung Marys vom Frauenchor der Dorffrauen geprobt und dient als trister Hintergrund für die ergreifende Ballade der Senta, in der sie die Sage vom fliegenden Holländer emotional aufgewühlt erzählt. Präzise Einwürfe der Chöre machen die Szenen lebendig.

Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv war die erste Frau überhaupt, die bei den Bayreuther Festspielen am 25. August 2021 mit dem Fliegenden Holländer debütierte. Sie war früher Assistentin Kyrill Petrenkos und engagiert sich stark für die ukrainische Musikkultur, unter anderem, indem sie das landesweite Youth Orchestra of Ukraine gründete.

Oksana Lyniv begeisterte mit einem überaus spannenden Dirigat mit Respekt vor der Partitur aber Skepsis gegenüber der Tradition. Sie arbeitete dramatische Spannungen und komplexe Klangschichtungen präzise aus. Im Finale mit der Konfrontation der Norweger mit dem Geisterchor und dem Schlussterzett steigerte sie die Spannung und Dynamik auch im Orchester enorm. In fast zweieinhalb Stunden ohne Pause riss sie das Publikum zu stehenden Ovationen und Fußtrampeln hin. Man kann sagen, dass der Holländer zwar nicht die ersehnte Erlösung, aber immerhin den Tod gefunden hat. Diese psychologische Deutung entspricht eher modernen Rezeptionsgewohnheiten als die Seefahrer-Romantik mit Sentas Opfer und wurde vom Publikum und von der Kritik voll akzeptiert. Die fast lebensgroßen Puppen der zum Himmel auffahrenden Senta in den Armen des Holländers von einer früheren Bayreuther Aufführung finden sich im Richard-Wagner-Museum in Bayreuth.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2026
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele/ DER FLIEGENDE HOLLÄNDER 2026/ Foto: Enrico Nawrath
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