„Die Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen 2026

Bayreuther Festspiele 2026/ DIE WALKÜRE/ Foto: Enrico Nawrath

Wotan und Hitler und Brünnhilde und die Ratio des Experimentierens

Wer beruflich der Wissenschaft frönt, braucht harte Nerven. Dass man die neuerdings auch in Bayreuth braucht, ist aber eher neu. Angepriesen als ‚Experiment‘ legt die KI-Bebilderung im zweiten Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen, der Walküre, ein bestenfalls nebliges Verständnis dessen an den Tag. Manch einer juckt sich während der Walküre also aus beruflicher Verzweiflung und Hitzeproblemen die oberste Hautschicht etwas locker – aber Gottseidank sind Hände auch zum Klatschen da. Die Musik macht’s möglich. (Rezension der Vorstellung v. 5. August 2026

 

Nach den ersten Minuten ist bereits klar: die Kostüme bleiben ein Trauerspiel in grau. Die Darstellung auch kümmerlich – was im ersten Akt noch gerade so geht, macht einen in dramatischen Szenen wie Siegmunds Tod nach auch nur einem Funken emotionaler Resonanz lechzen, nach ein bisschen Menschlichkeit. Glück gehabt, wenn die Szene nur langweilt; Pech, wenn sie wieder offen komisch wird, Siegmund erhobenen Hauptes (wenngleich frisch gestorben), von der Bühne schreitet, nachdem er mit einigen äußerst undeutlichen Armbewegungen mangels Requisiten umgebracht wurde.

Währenddessen blubbern die Bilder gemächlich weiter. Langsam kapituliert das Gehirn vor dieser Bilderflut, denkt immer weniger. Visuell überflutet und trotzdem geistig unterstimuliert, ein trauriges Wahrzeichen des digitalen Zeitalters – bis Hitler auftaucht. Was im Rheingold noch nette Königsportraits und die Erfindung des Flugzeugs waren, weichen im dritten Walküren-Akt nun Börsencrash, Faschismus und Krieg. Wotan und Brünnhilde und der Kipppunkt einer göttlichen Jugend. Und im Hintergrund ein KPD-Wahlplakat. Dein Kreuz bei Liste Drei!

Das plötzliche Aufdämmern historischer Fotos und Persönlichkeiten ergibt sich hier aus der Mathematik: offenbar wurden die 150 Jahre Menschheitsgeschichte mit der ungefähren Laufzeit des Rings verrechnet. Überschlägt man das, müsste eine Ring-Minute ungefähr 94 Minuten Welthistorie entsprechen. Während das mathematisch einleuchtet, bleibt das Verständnis dafür auf ziemlich jeder anderen Ebene dunkel. Stumpfe Rumrechnerei im Dreisatz hat wenig zu tun mit der vielbeschworenen Assoziationsbildung und der Freiheit von Raum und Zeit. So erscheint allein aus arithmetischen Gründen ein Bild vom deutschen Völkermord an den Herero während Siegmunds „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ – das hat nichts mit reflektiertem Umgang mit der Vergangenheit zu tun. Nach der Halbzeit der Tetralogie schaut es für den konzeptionellen Erfolg des Experiments „KI-Ring“ daher düster aus. Natürlich, nichts sollte vorzeitig verschrien werden, aber wenn die im Wesen sehr unterschiedlichen Werke Rheingold und Walküre derartig so konzeptionell gleich sind, besteht eher wenig Hoffnung für die zweite Hälfte. Galant könnte man nun sagen: tja, manche Experimente scheitern halt. Muss man trotzdem ausprobieren.

Bayreuther Festspiele 2026/ DIE WALKÜRE/ Foto: Enrico Nawrath

Jedoch werden heutzutage allzu viele gewagte Bühnenprojekte unter dem Titel ‚Experiment‘ verkauft. Ein praktisches Wort, das sowohl Daseinsberechtigung als auch die Erlaubnis zum Scheitern beansprucht. Richtig ist, dass ein echtes Experiment tatsächlich beides innehat. Doch es scheint der Glaube zu herrschen, dass bereits reines Ausprobieren ein Experiment darstellt. Bei dieser Definition des Experimentierens bekommt die datensammelnde Empirie allerdings Gesichtszuckungen. Eine Konzeptskizze mit grober Hypothese, dass etwas einen Versuch wert sei, und ein praktischer Durchführungsplan entsprechen keinesfalls einem vollen Experiment, sondern einem sogenannten technischen Vorversuch. Dieser kleine Durchlauf zeichnet in der Empirie stets vor einem größeren Hauptversuch für die Prüfung verantwortlich, ob die geplante praktische Durchführung überhaupt geeignet ist zur Bearbeitung des gewünschten Sachverhaltes. Praktisch gesagt: erreichen wir mit unseren Plänen überhaupt Antworten auf unsere Fragen? Entstehen unvorhergesehene Verwirrung im Erkenntnisgewinn, weil die Durchführung hakt? Oder – im umgekehrten Fall – erübrigt sich gar die Fragestellung, weil ein Vorversuch ganz eindeutige Ergebnisse liefert? Es hätte geholfen, zwei kleine Sängerumrisse aus Pappe vor die Großaufnahme von Hitler auf einem Computermonitor zu halten und dazu die emotional zärtliche Musik zwischen Wotan und Brünnhilde zu spielen, um zu erkennen: das schaut nicht nur unpassend zufällig aus, baut auch keine Brücke zwischen Historie und Ring, sondern zeigt einfach unkommentierte Nazibilder.

So entspricht das Ergebnis auf der Bühne bestenfalls dem Niveau eines solchen technischen Vorversuches, der hätte vor Monaten stattfinden und erhebliche Änderungen vor der Aufführung hervorrufen sollen. Viel mehr hätte im Vorfeld auffallen müssen: dass selbst die stärksten Sänger die dauerleere Bühne wegen Darstellungsverbot eben nicht immer ausfüllen können, dass vierzehn Stunden Bilder Gehirn und Geist irgendwann zur Kapitulation zwingen werden, dass die immergleichen Kostüme unpassend und sinnbefreit bleiben, und dass das Konzept der völlig freien Assoziation für einen vierzehnstündigen Zyklus mit zig Themenfäden eben etwas zu viel abgebissen ist. Vor allem, wenn man dies noch mit hundertfünfzig Jahren Aufführungs-, und ja, ganzer Menschheitsgeschichte kombinieren will. Für ein Jubiläum sind einige dieser Ansatzpunkte geeignet. Und was der Ambition zu viel ist, muss gekürzt werden. Diese lästig-strengen Überlegungen gehören zu einem vollblütigen Experiment nun einmal dazu, und es scheint eine Unart des jüngeren Bühnenschaffens zu sein, an der wahren Rigorosität und Präzision des Experimentierens, auch an dem Willen, sich klar auszudrücken und sich Fachfremden mitzuteilen, galant vorbeiblinzeln zu wollen im Namen des schieren Ausprobierens.

Bayreuther Festspiele 2026/ DIE WALKÜRE/ Foto: Enrico Nawrath

Musikalisch hingegen wird auffallend wenig experimentiert – und das zumeist im besten Sinne. Besetzt mit der crème de la crème des heutigen Wagnergesangs, so der häufige Konsens der Kritik, wird zumeist erstklassig gesungen und musiziert. Allen voran durch Michael Volle als Wotan, der seine göttliche Frustration auf der Bühne in Wort und Gestaltung ausbreitet. Höchst erfreulich, dass er offenbar trotz seines großen Erfahrungsschatzes weiter an der Partie gearbeitet hat, statt sich darauf auszuruhen – er liefert stets neue Überraschungen den Phrasierungen seines natürlich älteren und kerniger gewordenen Baritons. Gut gesetzt klingt diese Stimme, die nach einem wirklich hasserfüllten „Geh!“ gen Hunding wieder problemlos in klaren Gesang wechselt. Als seine Lieblingstochter Brünnhilde liefert Camilla Nylund ein sehr zivilisiertes, vielleicht etwas braves „Hojotoho!“ und bestreitet den Abend mit einer lyrischen Noblesse, die besonders das beginnende Erwachsene und Frauliche der Rolle betont. Dass es sich bei Brünnhildes erstem Outing noch um einen Teenager mit Hauptberuf im Leichentransport handelt, kommt da weniger zur Geltung, macht aber sehr gespannt auf ihre Eignung für den Siegfried. Elza van den Heever kommt da aus einer ähnlichen Ecke, ein graziler Sopran mit flinkem Vibrato und dennoch rüstig genug für die Lautstärkeanforderungen einer Sieglinde, der mit durchdachter Phrasierung und Präsenz punktet. Klaus Florian Vogt, seines Zeichens Stehaufmännchen und Alleskönner der Bayreuther Festspiele, knöpft sich die Partie von Brüderchen Siegmund vor, liefert einen jungen, teils zornigen Mann, der doch ein reines Herz beherbergt. Leider singt er auch diese Partie nicht ganz sauber durch, kürzt manchmal eine Viertelnote am Phrasenende. Es bleibt ein wenig zu überlegen, ob ein Sängerkopf dafür gemacht ist, vier Rollen (Siegfried sei hier aufgrund der Schwierigkeit als zwei gezählt) auf Bayreuth-Niveau im fliegenden Wechsel durchzuleben, oder ob es nicht besser wäre, im Namen der Konzentration und stimmlichen Erholung sich auf zwei zu konzentrieren. Als Fricka führte Anna Kissjudit ihren Elan vom Vortag weiter und durfte ihren Mann nun in der direkten Konfrontation herausfordern. Kissjudits einzigartige Stimme ist ein ganz besonderer Genuss, den man hoffentlich noch an vielen Abenden und in weiteren Entwicklungen hören darf – in dieser Hinsicht lohnt die Frage, ob Fricka für die noch relativ junge Sängerin als Partie bereits geeignet ist, da die Göttin einen eher reifen Klang verlangt und zudem etwas höher gelegen scheint als Kissjudits altistische Komfortzone, die die Stimme eben so besonders macht. Zu guter Letzt liefert Mika Kares einen knurrigen und einprägsamen Hunding – trotz der lästigen und dramaturgisch unerklärlichen Flügelchen an seinem Kostüm.

Der unsichtbare Herr des Geschehens, Christian Thielemann versenkt im Graben, tischt ein drängendes, intensives Vorspiel zum ersten Akt auf, spielt nach seiner üblichen Art mit der Dynamik des Tempos. Solistisch beherbergt das Orchester der Bayreuther Festspiele ein bemerkenswertes, weil gewollt-zittriges und trauriges Solo-Cello für das erste Gespräch der Zwillinge. Die plötzlichen Stimmungswandel im Dreigespräch mit Hunding machen ausgesprochen viel Freude, wie schnell Thielemann da das Ruder herumreißt, und das große Schiff des Orchesters ihm folgt. Immer wieder kommen wunderbare Details an die Oberfläche, dunkles Blech wie schimpfende Seufzer zum Höhepunkt von Wotans Rage „So nimm’ meinen Segen…“ und aufjagende Holzbläser in Sieglindes Panik. Die Todesverkündigung, diese vielleicht zentralste Szene der ganzen Tetralogie, in der Wotans Weltpläne endgültig zusammenkrachen und Empathie sich als das Erwachsenste von allen entpuppt, dirigiert Thielemann sehr partiturnah als einen ständigen Fluss zwischen den Instrumentengruppen mit Pausen, die eher aus zarte Tonansätzen entspringen – denn die Partitur selbst sieht gar keine oder kaum Stille vor. Auch gestaltet er die ganze Szene aus einem stilistischen Guss, denn nach Siegmunds Verweigerung finden sich beispielsweise keine Anmerkung zur Änderung von Tempi und Ausdruck. Wobei – an dieser einzigen Stelle könnte man einen radikalen Stilbruch, der sich von Wagners Notizen verabschiedet, sehr gut verteidigen, sind hier immerhin gerade im Text die Schrauben der Welt für immer gelockert worden. Der Abschied am Ende, diese entsetzliche und liebevolle Musik, dessen Liebe sie nur schrecklicher macht, gelingt butterzart, kristallin glitzernd der letzte Akkord, der dem Publikum ein bisschen Warten gebietet, bevor man alles wegschniefen und losbrüllen darf.

Worin das Publikum, auch wie am Vorabend, erfreut Folge leistet. Das Opernhaus spuckt seine Besucher in die schläfrige fränkische Nacht aus. Es ist Zeit, bei Schnitzel und Pommes die Partitur zu studieren. Oder sich mit einem wildfremden Menschen ein wenig über den Abend zu streiten. Oder nichts zu sagen, zu niemandem, randvoll wie eine überschwappende Schüssel durch die Bayreuther Fußgängerzone zu laufen. Die Kluft zwischen Graben und Bühne ist frappierend, und was man vermisst, muss man wenigstens einmal vor dem inneren Auge beschwören und festhalten. Ja, es hilft alles nichts; wir sind Menschen, auch die Empiriker unter uns, und ernähren uns von Geschichten, nicht Berechnungen.

 

  • Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele 2026
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/ DIE WALKÜRE/ Foto: Enrico Nawrath
Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert