Hanseatisches Horrorpärchen meuchelt Freundeskreis! – Macbeth-Premiere an der Hamburgischen Staatsoper

Hamburgische Staatsoper/MACBETH/K. Karagedik, Chor, Komparserie/Foto: Monika Rittershaus

So geht es also los. Wenn man von wildfremden Frauen als König von Schottland begrüßt wird, obwohl man das gar nicht ist. Oder eben: die Hamburger Opernsaison. Intendant Tobias Kratzer eröffnet die neue Spielzeit mit einer unvollkommenen, dennoch sehenswerten Macbeth-Inszenierung; Tomáš Hanus am Pult schlägt fabelhaft eigenwillige Seiten auf, die ihm gern viel mehr gedankt werden könnten, und die Besetzung besticht – alle genau fast immer. (Rezension der Premiere v. 12. September 2026)

 

Zwei Herren in Anorak stolpern in eine übernatürliche Versammlung. Sie werden sie nie wieder verlassen. Der neue Hamburger Macbeth spielt in einem kleinen Halbkreis umgeben von einer Sitztribüne, auf der der Chor den ganzen Abend longiert und das Geschehen besingt. Vom Universum angeglotzt wird dieser 0815-Typ namens Macbeth, dem plötzlich eine Ehre zuteilwird, eine Auszeichnung, ein Orden. Erst scheint das Teil ihm ein Fremdkörper zu sein, der eine unheimliche Reibung macht wie knirschender Stein in der Seele, doch beschaut er den glitzernden Stern auf seiner Jacke unentwegt. Banco kniet spöttisch vor diesem ihm fremd werdenden Freund, der sich im Metallglanz verliert. Auch die Gattin Lady Macbeth ist daheim erst mal gar nicht begeistert: ihre ersten Worte richtet sie vorwurfsvoll an ihren Mann statt anstachelnd, als wolle sie sagen ‚das ist der Moment, da du dich verändert hast‘. „Vieni, t’affretta“ singt sie daher liebevoll-genervt von diesem Gatten, der dem gemeinsamen Sohn den Orden zeigt und ihn dazu nötigt, das Teil auch im Kinderspiel zu würdigen. Doch lässt sie sich – fatalerweise – auf die aufkeimende Fantasie des Gatten ein, setzt sich schließlich zu den beiden auf den Boden und bastelt ihnen eine Königskrone aus Papier, die sie maximal energisch mit Pritt-Stift zusammenpappt.

Sie meint es jedoch zunehmend ernst. Besucht wird die Familie bald von einem älteren Herrn, mit dem die Erwachsenen Champagner trinken und das Wohnzimmer begutachten. Des Nachts sticht der Gastgeber ihn brutal im Schlaf nieder. Das Ehepaar – Macbeth völlig geschockt über sich selbst, Lady Macbeth in einer erschreckend automatischen Patentheit angekommen – schafft es jedoch nicht, das Gästezimmer rechtzeitig zu verlassen, woraufhin die Lady selbiges vor Auftritt der anderen Gäste kurzerhand verwüstet und Duncans Geld einsteckt. Ein perfider, genialer Schachzug, der die Manipulation dieses Charakters bestens zur Schau stellt, denn die Lady stopft dem versteinerten Malcolm unbemerkt den Inhalt des Portemonnaies in die Jackentasche, wodurch der Sohn, augenscheinlich der gierige Raubmörder seines eigenen Vaters, überstürzt flieht.

Hamburgische Staatsoper/MACBETH/ Chor, Komparserie/ Foto: Monika Rittershaus

Einziges Manko dieser großartigen Pantomime: warum genau Duncan sterben musste – so wie später alle anderen – offenbart sich nie, denn in der gesamten Inszenierung materialisiert sich keine Erdung dieser Morde in einer realweltlichen Situation. Ob Duncan Familienfreund, Firmenchef oder einfach der steinreiche Onkel achtzehnten Grades ist, erklärt sich nicht, ebenso wenig, warum Banco und Macduffs Kinder getötet werden. Einerseits reizvoll, dieses Abstrakte, welches erlaubt, das Insigne des Ordens als allgemeines Gefühl des Besser-Seins, des Auserwählt-Seins zu deuten, das einen scheinbar normalen Menschen zum Mörder werden lässt. Ein Standard-Ehepaar in Hamburg-Ottensen (er gebügeltes Hemd und Hosenträger, sie schlicht-elegante Strickjacke und Mom-Jeans, Bühne und Kostüme von Rainer Sellmaier) entdeckt seine psychopathische Seite. Andererseits läuft die Unkonkretheit stets Gefahr, ein geistiger Stolperstein zu sein, weil den Morden eben das ultimative Ziel fehlt, das im Text durch den schottischen Thron angesprochen wird, je grausamer sie werden. Ein erstklassiger Einfall, der ebendiese Grausamkeit verdeutlicht: die Leichen der Opfer bleiben ab ihrem Tod auf der Bühne exakt an Ort und Stelle liegen. So auch Banco, der von unheimlichen Regenschirmträgern in einem nassen Schauer draußen ermordet wird. Scheinbar grundlos wählt also ein Mann, dem es eigentlich an nichts fehlt, bestenfalls aus schierer Versuchung Blut und Hölle hinter der Fassade seines gebügelten Lebens. Tobias Kratzer ist dort angekommen, wo er sich durchaus wohlfühlt: im kleinbürgerlichen Inferno.

Da muss das lauernde, stets wogende Universum, die Schicksalsmacht, kaum aktiv eingreifen. Sein Spielball spielt auch mit minimaler Hilfe mehr als gut. Dass es auch hätte anders kommen können, beschwört diese seltsame Urkraft auch herauf, zeigt Macbeth eine alternative Welt, in der er den Orden weggepfeffert hätte und in Bancos Freundschaft geblieben wäre. Für den wunderbaren Chor „Patria oppressa“ ziehen sich die Choristen erstmalig die schwarzen Kutten von Gesicht und Körper und werden Menschen, werden etwas Konkretes – etwas Leidendes. Hier zwickt es wieder unangenehm im Geiste, dass Macbeths Terrorregime mangels Motivation inhaltlich eben amorph bleibt. Das Universum bleibt ebenfalls ungern in dieser konkreten Erscheinung und zieht sich lieber in die schwarzen Gewänder zurück, um Lady Macbeth in ihrer Schlafwandelszene zu sich zu locken. Vom Schicksal gefressen liegt sie schließlich am Boden. Geschenkt, dass sie im Schlafe versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden; es hat eh nicht funktioniert. (Die kratzersche Vorliebe für diese ausgesprochen brutale Selbstmordmethode sollte allerdings aufgrund ihrer Dauererscheinung in seinen Inszenierungen einmal studiert werden). Wie der Königsmörder schließlich gestürzt wird, bleibt also auch etwas Dunklen, nur, dass Macduff sich endlich rächt für seine auf dem Boden liegenden toten Kinder – und dem kleinen Sohn der Macbeths, ein spielendes Kind mit Schlappohrhase, danach auch die Kehle durchschneidet. Mörder machen Mörder. Das bleibt auch Macduff im Moment seiner Blutrache nicht verborgen. Das Universum besingt brodelnd die übriggebliebenen Sieger Malcolm und den kleinen Fleance, Bancos Sohn. Umzingelt rücken sie aneinander, bis Malcolm den kosmischen Menschenkessel durchbricht und flieht. Es bleibt Fleance, dessen Prophezeiung als einzige noch nicht erfüllt würde. Bancos Kinder würden Könige werden, doch Malcolm lebt noch. Hat das Universum seinen neuen Spielball gefunden? Jetzt, da der Alte nichts mehr taugt?

Hamburgische Staatsoper/ MACBETH/ N. Machaidze, Chor, Komparserie/ Foto: Monika Rittershaus

Und das ist durchaus schade um ihn. Ensemblemitglied Kartal Karagedik übernimmt die Titelrolle und beweist wirklich erstaunliche und höchst lobenswerte Aufmerksamkeit für die Richtung der Phrasen dieser Partie. Das richtige Grundlage für die Rolle besitzt er allemal und baut darauf mit fein modulierter Dynamik auf, inklusive echter pianissimi – gelegentlich wünscht man der Stimme in der Lautstärke ein kleines Quäntchen mehr, dessen Beschreibung in Worten unverschämt schwerfällt, sei es dramatischer Schneid oder eine besondere klangliche Dichte. Doch manches könnte auch den Nerven geschuldet sein, die Saisoneröffnungspremiere mit einem Debüt der Titelrolle zu stemmen. In jedem Fall lohnt das Zuhören. Kaum anders bei Nino Machaidze als Lady Macbeth. Wenngleich dem ersten Auftritt noch stimmlich ein ähnlich ungreifbarer Hauch fehlt, schafft sie es doch, Kratzers Umdeutung der Stimmung im Haushalt deutlich zu portraitieren. Ab „La luce langue“ erfährt die Stimme doch eine Steigerung, gewinnt an Eleganz und Gefahr, doch fehlt ihr bis zum Ende vielleicht ein Tropfen dunkelrotes Blut. Dennoch auch hier ein Debüt, das sich möglicherweise mit weiteren Vorstellungen auf sehr gutem Niveau einfindet. Macduff (Dovlet Nurgeldiyev) vollbringt in seiner Arie „Ah, la paterna mano“ ein fast riskant simples Manöver – ganz schlicht bleibt der Gesang, langsam das Dirigat, fast ohne dramatische Ausbrüche, als wolle die Stimme aus jemandem sprechen, den es geistig gebrochen hat. Trümmer machen keine Explosionen mehr, sagt der Tenor, und man könnte mehr verlangen, aber will nicht um der Ehrlichkeit willen hinter dieser Darbietung. Alexander Vinogradovs Banco wirkt zunächst fast bassbaritonal im Dialog mit Karagedik, was jedoch täuscht; Vinogradov beweist sich mit feiner Tiefe und strammer Höhe direkt vor ‚seinem‘ Tod. Die kleineren Rollen, inklusive Colin Aikin als Malcolm, runden den Abend musikalisch erfreulich ab.

Baumeister dieses Fundaments ist dabei wohl der Mann im Graben: Tomáš Hanus wirkt drauf aus, den Abend zu genießen, beißt mit Freude in die Dramatik des Vorspiels und gibt Einsätze für einen leichten, aber bissigen Hexenchor, unter dessen Schärfe die orchestrale Textur bestens hörbar bleibt. Eine wohltuende Ruhe verströmt dieses Dirigat – Eile ist hier ein Fremdwort – und begreift diese Ruhe höchst erfreulicherweise nicht als eine Abwesenheit von etwas, sondern als viel mehr als Fundament, auf dem aufgebaut wird. Und Hanus baut: Lauern, Heucheln, Schleichen schichtet er über diese Ruhe, aber auch Puls und Gleichschritt, wenn Macbeth gestürzt wird. Und manchmal eben einen akustischen Schlag über das Ganze. Mit voller Absicht dann spießig und zurückhaltend untermalt er mit dem Philharmonischen Orchester Hamburg das Trinklied der Lady, wie sie da im Cocktailkleid Friede-Freude-Sektparty spielt neben dem toten, nassgeregneten Banco auf dem Teppich. Besonders der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter Alice Meregaglia verdient ein wirklich großes Lob, denn selten hört man die Chöre dieser Oper so präzise und scharf, so gut angeleitet und einstudiert.

Das macht Lust auf mehr. Bis Ende Oktober wird die Inszenierung gespielt, die Besetzung ein wenig umsortiert (die Auswechselspieler sind Daniele Squeo am Pult, Aleksei Kulagin als Banco und Simon Keenlyside als Macbeth). Hingehen lohnt; wenn nicht für konkrete Mordmotive, dann für diese kleinen Gesten auf der Bühne, die direkt aus dem Leben geklaut sind und die gruselige Gewöhnlichkeit dieses dysfunktionalen Duos Lord und Lady Macbeth veranschaulichen. Hüte dich, könnte man sagen. Hüte dich, sonst findet dich das Schicksal noch.

 

  • Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Hamburgische Staatsoper
  • Titelfoto: Hamburgische Staatsoper/MACBETH/K. Karagedik, N. Machaidze, Chor, Komparserie/Foto: Monika Rittershaus
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