
Das Projekt „Beethoven 27“ ist das Format, das ich als Beethoven-Fan als erstes beim Bonner Beethovenfest erwartet habe. Fast wäre es mir in der Fülle der 77 angekündigten Konzerte entgangen, aber die Namen Jan Caeyers und Kit Armstrong machten mich aufmerksam. An zwei Tagen, dem 12. und dem 13. September 2026, spielten sie in drei Konzerten die drei frühen Sinfonien Beethovens mit den ersten beiden Klavierkonzerten und dem Tripelkonzert sowie frühen Klaviersonaten und Präludien und Fugen von Johann Sebastian Bach.
Der 1953 geborene belgische Musikwissenschaftler und Dirigent Jan Caeyers, der 2009 die vielbeachtete Beethoven-Biografie „Beethoven – Der einsame Revolutionär“ publiziert hatte, gründete 2010 Le Concert Olympique, ein Projektorchester, mit dem er ganz besonders die Musik Beethovens in historisch informierter Praxis, aber mit modernen Instrumenten pflegt. Als er vor drei Jahren den Pianisten Kit Armstrong traf, entwickelten beide zusammen das besondere Konzertformat Beethoven 27, in Anlehnung an Beethovens Akademien, in denen jeweils verschiedene Gattungen – Kammermusik und Orchestermusik – kombiniert werden. So steht am Anfang des Konzerts ein Präludium und Fuge von Bach, dessen Tonart zu den nachfolgenden Stücken passt, dann ein Solokonzert, nach der Pause eine Klaviersonate Beethovens, gefolgt von einer Sinfonie. Ausgehend von den neun Sinfonien Beethovens, die jeweils am Schluss eines Konzerts stehen, beleuchtet Caeyers mit Armstrong und mit dem Orchester die historische Aufführungspraxis von Beethovens Musik zur Entstehungszeit und verweist insbesondere auf Zusammenhänge mit Bachs Musik, die der junge Beethoven intensiv studiert hat. Das wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach war Beethovens Bibel, von der er sich, was seine Improvisationen als Klaviervirtuose und später seine Kompositionen als publizierender Komponist betrifft, immer wieder inspirieren ließ.
Jan Caeyers zeigt mit der Verknüpfung von Bach-Fuge, Solokonzert, Beethoven-Sonate und Beethoven-Sinfonie Zusammenhänge zwischen Stücken auf, die in der Regel nicht in einem Konzert zusammen aufgeführt werden. Das Konzert am 13. September 2026 stand unter dem Titel „Mut und Heldentum“ und ist das dritte der Reihe von neun Konzerten. Caeyers bezeichnete im Interview vor dem Konzert Bonn als: „das Jerusalem der Beethoven-Pflege,“ und verkündete, man werde in den Beethoven-Tagen rund um Beethovens 200. Todestag am 27. März die nächsten drei Konzerte und beim Beethovenfest 2027 die letzten drei Konzerte in der Bonner Beethovenhalle aufführen, womit Bonn die erste Stadt sein wird, in der diese Konzerte des Projekts Beethoven 27 alle im Verlauf eines einzigen Jahres, überwiegend 2027, erklingen werden. Ziel der beiden ist es, diese neun Konzerte mit 27 Stücken Beethovens in 27 Ländern der Europäischen Union in mehr als 27 Städten aufzuführen.

Kit Armstrong begann mit Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge C-Dur, dem ersten Stück des Wohltemperierten Klaviers, das viel später mit der darüber gelegten Melodie als das Ave Maria von Charles Gounod bekannt geworden ist. Nahtlos, ohne Zwischenapplaus, schloss sich Beethovens Tripelkonzert in C-Dur op. 56 an. Armstrong spielte nicht auf einem Hammerklavier, sondern auf einem modernen Bechstein – Flügel. Das Orchestre Le Concert Olympique, das Jan Caeyers eigens zur Beethoven-Pflege gegründet hatte, spielte historisch informiert auf modernen Instrumenten, das heißt, Besetzung, Tempi und insbesondere Spielweisen orientieren sich an Überlieferungen aus der Entstehungszeit und an Beethovens Autographen, von denen viele im Bonner Beethovenhaus aufbewahrt werden. Die Streichinstrumente sind modern, aber bei diesem Konzert habe ich auch Naturtrompeten ohne Ventile gesehen.
Beethoven ist, wie Caeyers sagte, ein Klavier-Komponist, das heißt, er denkt alles vom Klavier her, weil er schon als Kind bis zu seiner Ertaubung als Klaviersolist und Improvisationstalent aufgetreten ist. Bedingt durch die unterschiedlichen Obertonreihen der einzelnen Tonarten, die Bach zum wohltemperierten Klavier, einer Fuge in jeder denkbaren Tonart mit freierem Präludium vorab, klingen die einzelnen Tonarten auf dem Klavier umso schräger, je mehr Vorzeichen sie haben, denn auf dem Klavier sind zum Beispiel ein Cis ein um einen Halbton erhöhtes C, und ein Des, ein um einen Halbton vermindertes D, der selbe Ton, obwohl man sie auf einem Streichinstrument verschieden spielt. Dadurch hat jede Tonart ihren eigenen Charakter. C-Dur, Tonart des Tripelkonzerts, benötigt keine Vorzeichen, kann also auf dem Klavier auf den weißen Tasten gespielt werden. Es galt zu Beethovens Zeit als hell, offen und unmittelbar und kann einen strahlenden festlichen Charakter annehmen, Es-Dur, Tonart der Eroica klingt heroisch und triumphierend, was natürlich durch den Einsatz von Trompeten und Hörnern noch verstärkt wird. Die zweisätzige Klaviersonate in F-Dur op. 54, ein selten gespieltes Werk mit nur zwölf Minuten Spieldauer, das ein Schattendasein zwischen der Waldsteinsonate und der Apassionata, Beethovens bekannteren Klaviersonaten führt, spielte Kit Armstrong als Auftakt zur Sinfonie. Ein elegantes Menuett, Prototyp des höfischen Tanzes, wird durch heftige Triolen und Sforzati attackiert und kehrt verändert wieder zurück. Der zweite Satz wirkt wie ein Perpetuum mobile und besteht aus Sechzehntel-Noten, die in ein virtuoses Espressivo münden. Begeisterter Applaus belohnte den Pianisten.

Nach der Umbaupause erklang die Eroica, Beethovens dritte Sinfonie in Es-Dur op. 55, seine erste „große“ Sinfonie mit etwa einer Stunde Spieldauer, die er, wie Caeyers sagte, geschrieben hatte, um in Frankreich Fuß zu fassen. In dieser Sinfonie, die er dem Fürsten Lobkowitz widmete, hatte er französische Revolutionsmusik wie den Trauermarsch im zweiten Satz verarbeitet. Zu einer Reise Beethovens nach Paris, der damaligen Metropole der klassischen Musik, kam es nicht, und er blieb in Wien, vermutlich auch, weil er sich aufgrund seiner Ertaubung entschieden hatte, seine Karriere als Klaviervirtuose und Dirigent aufzugeben und nur noch als Komponist zu arbeiten.
Der 1992 geborene Pianist Kit Armstrong, 2018 Preisträger des von den Bürgern für Beethoven verliehenen Beethoven-Rings, hat, wie Jan Caeyers, eine Vorliebe für Mathematik und Zahlensymbolik und trug nicht nur den Klavierpart bei, sondern entwickelte auch zusammen mit Caeyers das Format Beethoven 27. An seiner Seite spielten beim Tripelkonzert Ilya Gringolts, Violine und Christian Poltéra, Cello, die Solopartien. Das Konzert klang im Vergleich zu Einspielungen aus dem 20. Jahrhundert filigran und perfekt strukturiert. Caeyers legte Wert darauf, Reibungen und Konflikte auszuspielen. Schon nach dem ersten Satz applaudierte das Publikum enthusiastisch. Auch die Sinfonie wirkte eher filigran und sehr durchhörbar mit ungewöhnlich wenig Pathos und großer Dynamik der Lautstärke und enormer rhythmischer Spannung. Caeyers dirigiert seinen Beethoven auswendig und hat stets die gesamte Architektur des Stücks im Blick. Im Gegensatz zu anderen Dirigenten erzielt Caeyers mit seiner 45-köpfigen Original-Besetzung mit achtfach besetzten Streichern und doppelt besetzten Blasinstrumenten eine größere Durchhörbarkeit und eine stärkere Individualisierung der Stimmen der Instrumente. Aufgrund der historisch informierten Aufführungspraxis verwendet er weniger Vibrato bei geringerer Klangmasse. Er interpretiert Beethoven nicht als Vorläufer von Brahms und Bruckner, sondern als Nachfahre Bachs. Das Publikum applaudierte enthusiastisch und lange. Ich bin sicher, die kommen im nächsten Jahr alle wieder. Ich wünsche mir für die folgenden sechs Konzerte der Reihe Beethoven 27 allerdings einen größeren Abstand zwischen den einzelnen Konzerten. Zwei Konzerte an einem Tag – eins um 11:00 Uhr und eins um 19:30 Uhr – sind auch für die Künstler:innen zu viel!
Man kann auf die weiteren sechs Konzerte im Jahr 2027 gespannt sein! Das Beethovenfest geht noch bis zum 3. Oktober 2026.
- Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Beethovenfest Bonn
- Titelfoto: Beethovenfest Bonn/Konzert v. 13.9.2026/Foto: Nekame Klasohm für Beethovenfest Bonn