
Ein verschwundener Esel ist zunächst kein großer Stoff für eine Tragödie. Für den Schulmeister Baculus aber schon. In Jens-Daniel Herzogs Inszenierung von Albert Lortzings „Der Wildschütz“ an der Dresdner Semperoper offenbart der Umgang mit seiner Trauer, welche Grausamkeit hinter der vermeintlichen Heiterkeit stecken kann. Wenn am Ende ausgerechnet der selbstgerechte Adel lacht, erhält die Komödie eine gesellschaftliche Schärfe, die weit über ihren Verwechslungshumor hinausreicht. (Rezension der Vorstellung /WA v. 24. Oktober 2026)
Weil er im gräflichen Revier gewildert hat, verliert Baculus seine Stellung als Schulmeister. Nun ist auch noch sein Esel verschwunden. Georg Zeppenfeld lässt Baculus von dem Tier erzählen, als vermisse er einen langjährigen Gefährten. Die Schwere seines Spiels verleiht dieser Klage einen schmerzlichen Ernst. Gretchen hört zu und äfft ihren Verlobten nach. So manche seiner Gefühlsregungen wird zur Vorlage für eine Grimasse. Der Gegensatz zwischen seinem tief empfundenen Kummer und ihrem Spott erzeugt eine beklemmende Spannung. Gerade weil Baculus’ Trauer so aufrichtig wirkt, erscheint Gretchens Spott weniger erheiternd als verletzend. Die beiden sprechen miteinander, aber sie leben emotional in verschiedenen Welten.
Zeppenfeld zeigt Baculus nicht als souveränen Herrn seiner kleinen Welt. Selbst wenn sich das Schicksal zu seinen Gunsten wendet, wirkt Baculus eher getrieben als selbstbestimmt. Umso verstörender ist sein Geschäftssinn, als Baron Kronthal 1.000 Taler für Gretchen bietet: Schon zu Beginn der Verhandlung versucht Baculus, den Preis mit sichtbarem Kalkül in die Höhe zu treiben. Wo er einmal Macht gewinnen könnte, übernimmt er bedenkenlos die Logik derer, denen er selbst ausgeliefert ist. Gerade weil Zeppenfeld seinen Kummer um den Esel so glaubhaft zeigt, trifft Baculus’ Hartherzigkeit gegenüber Gretchen besonders. Er weiß, was Verlust bedeutet, und ist trotzdem bereit, seine Verlobte wie eine Ware zu behandeln.

Erst ganz zum Schluss erfährt der Schulmeister, dass der vermeintliche Rehbock, den er geschossen hat, sein eigener Esel war. Für die anderen ist das der letzte große Scherz auf seine Kosten. Doch seine frühere Trauer um den vertrauten Begleiter bleibt in Erinnerung. Man mag über den Irrtum lachen – die Erinnerung an seinen Schmerz lässt die Pointe dennoch bitter werden. Herzog belässt es nicht bei dieser Kränkung. Über Baculus und Gretchen sitzt der Adel erhöht wie auf einem Thron. Der Graf trägt einen Lorbeerkranz, während Bedienstete den Herrschaften Luft zufächeln und Flaschen reichen. Die Adligen erklären sich demonstrativ für unschuldig, obwohl sie ihre Macht für eigene Begierden missbraucht haben. Als das Licht im Zuschauerraum angeht, wirkt ihre Selbstrechtfertigung wie eine öffentliche Verkündung. Niemand von ihnen muss Einsicht zeigen. Die Ordnung bleibt bestehen, und gerade das macht das vermeintlich glückliche Ende so ernüchternd.
Nicht immer findet die Inszenierung für diese Härte den richtigen Ton. Baculus hebt zunächst drohend die Hand gegen Gretchen; später schlägt er tatsächlich zu. Plötzlich ist Blut an ihrem Gesicht, selbst beim Schlussapplaus ist es noch zu sehen. Unmittelbar nach dem Übergriff versucht Baculus, die bewusstlose Gretchen mit unbeholfenen Fußtritten hinter den Vorhang zu schieben. Ausgerechnet dieser Umgang mit der verletzten und wehrlosen Gretchen wird zur Pointe. Mit diesem abrupten Wechsel ins Komische schwächt Herzog die Wirkung der Gewalt und verschenkt zugleich die Möglichkeit, den Widerspruch zwischen Baculus’ eigener Verletzlichkeit und seiner Gewaltbereitschaft deutlicher herauszuarbeiten.
Auch an anderen Stellen wird der Humor zu sehr forciert. Manche Pointe kündigt sich in Gestik und Mimik bereits so deutlich an, dass der Witz nicht mehr überraschend aus der Situation entsteht. Umso überzeugender sind jene Pointen, die sich ungezwungen aus dem Spiel entwickeln; plumper Slapstick bleibt (relativ gesehen) erfreulich selten.
Ein anderes Problem ist die allzu starke Überzeichnung einzelner Figuren. Besonders deutlich wird dies bei der Gräfin. Sie nimmt ihre Begeisterung für die Antike vollkommen ernst, doch die Inszenierung übersteigert diesen Eifer so sehr, dass aus einer leidenschaftlichen Frau vor allem eine grelle Karikatur wird. Auch die Schauspiele, welche die Bediensteten für die Gräfin aufführen müssen, leiden unter diesem Übermaß. Mächtige Perücken, Pflanzenkronen und schillernde Kostüme von Sibylle Gädeke drängen sich derart in den Vordergrund, dass die Figuren hinter ihrer grotesken Aufmachung verschwinden. Was die Eitelkeit der Gräfin und die Abhängigkeit ihrer Bediensteten entlarven könnte, wird zum überladenen Spektakel, das den Zuschauer kurzzeitig aus dem Geschehen reißt.
Der Bühnenraum setzt dazu einen willkommenen Gegenakzent. Mathis Neidhardts schlichtes Klassenzimmer erscheint anfangs durch den nur teilweise geöffneten Vorhang wie ein enger Ausschnitt aus Baculus’ Leben. Wenn sich der Blick später zum holzgetäfelten Saal mit Billardtisch weitet, gewinnt auch das gesellschaftliche Spiel an Größe. Neidhardts Bühnenräume verzichten weitgehend auf repräsentativen Prunk; der Adel braucht ihn nicht, um seine Überlegenheit auszustellen.
Die überzeugendste Gestalt des Abends ist Philipp Jekals Graf von Eberbach. Sein Bariton besitzt Strahlkraft, die Worte bleiben klar, das Spiel ist von ansteckender Lebendigkeit. Jekal zeigt den Grafen als selbstgewissen Herrscher, der sich für anständig hält, zugleich aber seine Stellung für erotische Annäherungen nutzt. Diesen Widerspruch gestaltet er mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit und wohldosierter Überzeichnung, wodurch die Doppelmoral des Grafen umso deutlicher hervortritt. Mit Maximilian Schmitts Baron Kronthal bildet er ein wunderbar aufeinander eingespieltes Paar. Schmitts weicher, farbenreicher Tenor trifft mit feinem Gespür die Stimmung jeder Szene. Seine Einsätze fügen sich natürlich ins Spiel ein, sodass Kronthal sowohl als selbstbewusster Verführer als auch in seiner Verliebtheit und Verletzlichkeit glaubwürdig wirkt. Besonders mit Maria Perlt-Gärtners Baronin Freimann entsteht eine schöne Einheit von Musik, Gesang und Spiel. Sie wechselt mit spielerischer Leichtigkeit und gesanglicher Eleganz zwischen weltläufiger Baronin, verkleidetem Studenten und vermeintlich naivem Bauernmädchen.

© Semperoper Dresden/Matthias Creutziger
Einen klanglichen Gegenpol zu den adeligen Figuren bildet Georg Zeppenfeld als Baculus. Sein durchdringender, dunkel gefärbter Bass verleiht dem Schulmeister Gewicht, während seine präzise Diktion selbst in lebhaften Passagen für bemerkenswerte Textverständlichkeit sorgt. Besonders „Fünftausend Taler“ gestaltet er mitreißend und macht Baculus’ Begeisterung für den erhofften Reichtum unmittelbar hörbar.
Kathrin Göring verleiht der Gräfin mit sicheren Höhen, ausdrucksvoller Phrasierung und ausgeprägtem komödiantischem Gespür eindrucksvolle Präsenz. Gerade in den pathetischen Passagen zeigt sie eine große darstellerische Hingabe, mit der sie die überspitzte Anlage ihrer Rolle konsequent ausfüllt. Auch Louise McClelland Jacobsen setzt als Gretchen auf lebhaften Ausdruck. Mit raschen Gefühlswechseln, energischer Gestik und viel Eigensinn verkörpert sie ein aufgewecktes, selbstbewusstes Mädchen, das sich wechselnden Situationen geschickt anpasst. Gelegentlich geraten Mimik und Gestik allerdings zur Überzeichnung.
Ekaterina Chayka-Rubinstein verleiht Nanette mit lebendigem Gesang und pointierter Textgestaltung eine aufgeweckte, schlagfertige Präsenz. Besonders ihr aufmerksames Zusammenspiel mit der Baronin und ihre präzisen Reaktionen sorgen für eine natürliche, ungezwungene Komik. Gerald Hupach schließlich gibt dem Haushofmeister Pancratius mit trockenem Sprachrhythmus, nüchterner Haltung und pointierter Mimik ein eigenes komisches Profil. Gerade seine oft wortlosen Reaktionen bereichern das Spiel, auch wenn nicht jede seiner Pointen gleichermaßen zündet.
Christoph Gedschold und die Sächsische Staatskapelle Dresden halten das Geschehen musikalisch in Bewegung. Die Einsätze schließen präzise an die Dialoge an, sodass Sprache und Musik fließend ineinander übergehen. Besonders überzeugen die fein abgestuften dynamischen Wechsel: Das Orchester steigert sich behutsam zu kraftvollen Höhepunkten, nimmt sich dann ebenso rasch zurück und lässt den Stimmen den nötigen Raum. Auch längere musikalische Entwicklungen gestaltet Gedschold mit einem sicheren Gespür für Spannung und Entspannung. Der Chor überzeugt mit klangvoller Präsenz und einer abwechslungsreichen Choreografie, die seinen Auftritten auch szenisch Gewicht verleiht. Besonders deutlich zeigt sich das beim Jägerchor. Dessen energische Bewegungen geben dem Auftritt des Grafen eine beinahe demonstrative Größe und machen seinen gesellschaftlichen Rang auch im Bühnenspiel sichtbar. Auch in den aufbrausenden Passagen bleibt der Chor nicht auf seine musikalische Aufgabe beschränkt. Die Stimmen entwickeln eine eindrucksvolle Kraft, während das lebhafte Spiel die Energie dieser Momente auf der Bühne sichtbar macht. Gerade dieses Zusammenwirken lässt die Chorauftritte nicht wie bloße Einlagen wirken, sondern als Teil des dramatischen Geschehens.
Herzogs „Wildschütz“ ist ein musikalisch überzeugender und gesellschaftlich bemerkenswert scharfer Opernabend, dessen Humor allerdings nicht immer die gleiche Treffsicherheit besitzt. Wo die Komik allzu sehr erzwungen wird, verliert das Spiel an Natürlichkeit. Seine größte Stärke liegt dagegen in der widersprüchlichen Zeichnung der Figuren: Baculus darf leiden, ohne deshalb unschuldig zu sein, während die Herrschenden ihre eigenen Verfehlungen hinter gesellschaftlicher Würde verbergen. So wird aus der vermeintlich versöhnlichen Komödie eine Satire auf eine Ordnung, in der die Mächtigen sich selbst von Schuld freisprechen können. Wenn am Ende der Adel über Baculus lacht, ist nicht mehr entscheidend, wer den Esel erschossen hat. Entscheidend ist, wer es sich leisten kann, darüber zu lachen.
- Rezension von Siem Oke Thießen / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Semperoper Dresden
- Titelfoto: Semperoper/ DER WILDSCHÜTZ/ Georg Zeppenfeld (Baculus), Tänzerinnen/ Foto © Semperoper Dresden/Matthias Creutziger