
Claude Debussys einzige vollendete Oper „Pelléas et Mélisande“ gehört wohl zu den faszinierendsten Werken der Opernliteratur, und dies nicht nur wegen der neuen Wege, die Debussy im musikdramatischen Bereich hinsichtlich der Orchesterbehandlung, der Komposition der Gesangsstimmen und der Verwendung atmosphärisch-assoziativer Klänge, die dort weiterführen, wo Worte nichts mehr auszudrücken vermögen, beschritt, sondern auch aufgrund der darin erzählten Geschichte. Diese, basierend auf dem Schauspiel von Maurice Maeterlinck, vereint Anklänge an mittelalterliche Sagen, Märchen und symbolistische Kunst zu einem geheimnisvollen Ganzen, das von Andeutungen, bewussten Leerstellen und einem großen Mysterium, in das alles gehüllt ist, lebt. Am Národní divadlo, dem Nationaltheater, in Prag kam „Pelléas et Mélisande“ in einer Inszenierung von Christof Loy zur Aufführung, in der diese atmosphärische Geheimnishaftigkeit bewahrt, dabei aber gleichzeitig eine psychologische Ebene auf differenzierte Weise eröffnet wurde. Dadurch gelang eine beeindruckende Mischung aus einer traumähnlichen Grundstimmung, die Offenheit für das viele Ungesagte und Unsagbare ließ, und einer eindrücklichen Schilderung der vielfältigen Beziehungsgefüge der Figuren, die von Verlust, Unverständnis und Gewalt, aber auch von einer sich über alles erhebenden Liebe geprägt sind. Diese letztere Dimension gelang besonders durch eine hervorragende Besetzung, die sowohl darstellerisch als auch gesanglich mit einer ausdrucksstarken, emotionsreichen und feinsinnig gestalteten Darbietung überzeugte. (Rezension der Premiere v. 15. Oktober 2026)
„Je suis perdu aussi…“
Stellt man sich einer Inszenierung von „Pelléas et Mélisande“, wird man unweigerlich mit der Herausforderung konfrontiert, mit der lückenhaften, mehr von dem Nichtgesagten lebenden Handlung, die in weiten Zügen kaum als solche im klassischen Sinne bezeichnet werden kann, umzugehen. Besonders die zentrale Bedeutung fehlender Erklärungen, unbeantworteter Fragen, bewusster Leerstellen und im Stillen ausgedrückter Emotionen macht eine stringente Erzählung in zu konkreten Bildern beinahe unmöglich, zugleich besteht eine Inszenierung im Wesen aber daraus, all diese Elemente so auf der Bühne präsent zu machen, dass das Geschehen in seinen Grundzügen wie in seiner Atmosphäre wahrnehmbar wird. Christof Loy gelingt eben dies durch einen Zugang, der einerseits das Geheimnishafte bewahrt und das Stück in seiner vielfachen Offenheit belässt, andererseits aber durch eine Fokussierung auf die psychologischen Vorgänge der Figuren und ihrer Beziehungen eine in aller Rätselhaftigkeit zutiefst nachempfindbare Geschichte erzählt. Angesiedelt ist sämtliches Geschehen in einem einzigen Raum, der Zeichen des Verfalls zeigt: Von den feuchten Wänden blättert die Farbe ab, die karge Einrichtung ist abgenutzt und mit Staub bedeckt, nur ein großes Fenster bringt, sofern der Vorhang beiseite gezogen wird, etwas Licht in die traurige Atmosphäre dieses Schlosses. In der Gestaltung dieses Raums bediente sich Herbert Murauer, der auch die zeitlosen, teilweise an die Mode der 40er-Jahre oder Tracht erinnernden Kostüme entwarf, einer schlichten, aber eleganten Ästhetik, die durch den im Verfall begriffenen Zustand eine traurige Wirkung entfaltet und damit zugleich zu einem stets präsenten Symbol für die Grundstimmung des gesamten Geschehens wird. Noch vor Einsetzen der Musik betritt Golaud diesen Raum, er lüftet ein weißes Tuch, das einen der beiden Ledersessel bedeckt, hebt eine flüchtig am Boden liegende Wolldecke auf und entdeckt schließlich sein auf einer Biedermeier-Kommode liegendes Gewehr, das er nachdenklich in seine Hände nimmt. Nicht nur dies macht deutlich, in welch depressiver, fast wohl suizidaler Verfassung sich Golaud befindet – seine Frau ist unerwartet verstorben –, auch der Wald, in dem er sich verirrt, wird hier mehr zu einer Deutung seines inneren Zustands. In diesem begegnet er Mélisande, die am Brunnen liegt, der hier aus einem mit Wasser gefüllten Loch in den Holzdielen des Raums besteht. Obwohl kaum etwas von ihr zu erfahren ist, wird sofort deutlich, dass sie verletzt wurde, wohl traumatisiert ist und sich in einem eigenen Bewusstseinszustand befindet, der auf eine nicht sichtbare, jenseitige Welt hin geöffnet ist. Das vermeintlich gemeinsame Schicksal – „Je suis perdu aussi“ – vereint die beiden, doch wird sofort deutlich, dass Golaud nicht mit ihrem Verhalten umzugehen weiß, das klare Zeichen von Verstörung und Distanzierung aufweist.
Sehen ohne Erkennen, Erkennen ohne Sehen

Durch einen tiefsinnigen Umgang mit einzelnen Symbolen sowie ihrer auf das Innere, Psychologische bezogenen Deutung, besonders aber durch sehr gelungene, fließende Szenenwechsel, die das Verständnis des Geschehens als nicht in klare Szenen unterteilbare Metamorphose sowohl Debussys als auch Maeterlincks aufgreift, transformiert sich auch dieser Raum durch geringe Veränderungen äußerer Elemente und des Lichts (Valerio Tiberi), sodass die unterschiedlichen Schauplätze in ihrem Wesen klar hervortreten. Zugleich eröffnet sich durch die Ansiedelung in einem einzigen Raum die die gesamte Aufführung durchziehende Wahrnehmung, dass es sich um ein vorrangig inneres Geschehen handelt. Besonders eine in die Rückwand eingefügte Schiebetür ermöglicht nicht nur eine Erweiterung des Raums um ein Speisezimmer der von Verlust geprägten Familie, sondern auch einen Blick in andere Welten oder Zustände. Neben diesem symbolbewussten Umgang mit dem Raum wird besonders in der ersten Begegnung von Pelléas und Mélisande eine weitere Stärke dieser Inszenierung deutlich, die in der hohen dramaturgischen, im weiteren Sinne psychologisch-emotionalen Bedeutung von Blicken besteht. Vieles, das keine Worte, Handlungen oder Erklärungen erhält, spielt sich über Blicke ab, sei es durch ein gegenseitiges In-die-Augen-Blicken oder etwa ein rätselhaft bleibendes Blicken „in das Licht“. Wohl aus diesem Grund ziert das Plakat zu dieser Produktion ein stilisiertes Auge – Augen, die häufig als Fenster der Seele bezeichnet werden, hier vorrangig Mittel der nonverbalen Kommunikation sind, wie sie auch durch die Musik das gesamte Stück durchzieht. Musik und Blicke vereinen sich somit zu einer Präsentmachung des Unsichtbaren und Inneren, vielleicht für niemanden ganz Verständlichen. Besonders die Blicke zwischen Pelléas und Mélisande sind von einer hohen Intensität geprägt, die ein Verständnis anzeigt, das unerklärlich, aber allumfassend ist, doch können andere Blicke auch voll von Kontrolle, Eifersucht und Gewalt sein oder eben diese, ohne einzuschreiten, aus der hilflosen Distanz beobachten. Durch das Symbol der Blindheit und der Dunkelheit, die ein Sehen unmöglich macht, erhält diese Betonung des Blicks eine weitere Dimension, die in einer Einsicht in das Grundgefüge der Welt, der Beziehungen und auch einer anderen Person besteht, die als solche gesehen und anerkannt wird, auch wenn sie nicht verstanden wird.
Die Kunst der Andeutung
Der „Brunnen“, an dem Golaud Mélisande zuerst traf, wird nun zum Brunnen der Blinden, zu dem Pelléas sie führt. Dadurch, dass es derselbe Ort im gleichbleibenden Raum ist, wird er zu einer ständigen Präsenz vor allem von Mélisandes Vergangenheit, von der kaum etwas bekannt ist, als dass sie eine Krone erhielt und von allen verletzt wurde. Diese verhüllte Vergangenheit und Geheimnishaftigkeit Mélisandes ist somit dauerhaft präsent, gleichzeitig wird der diese symbolisierende Ort zu einem Ort der Trauer, an dem sie auch ihre Blumen niederlegt. Die Parallelität, dass zuerst ihre Krone, später ihr Ring in einen Brunnen fallen, wird durch die Identifikation der beiden Stätten zugespitzt. Der Wald, der nun auf gelungene Weise an der Stelle tatsächlich sichtbar wird, wo sich zuvor das Speisezimmer befand, verstärkt diese symbolhafte Andeutung in Dunkelheit gehüllter Aspekte der Existenz, zugleich wird er nun durch Pelléas für Mélisande aber auch zu einem Ort von Sehnsucht und Sicherheit. Ähnlich verhält es sich mit der Höhle, die sich auf sehr atmosphärische Weise von Nebel erfüllt öffnet und bei dem Paar zwar Angst auslöst, zugleich aber Schauplatz ihrer ersten Umarmung wird. Diese ist dramaturgisch und in der Lichtführung hervorragend gestaltet, denn während die Höhle durch den Nebel hell erstrahlt, sind Pelléas und Mélisande nur mehr als Silhouetten sichtbar. Die Darstellung des ersten Kusses als Schattenbild ist nicht nur ästhetisch überzeugend, sondern beweist auch eine große Sensibilität für die schwer greifbare Beziehung zwischen den beiden, die hier auf berührende, aber in der äußeren Erscheinung zurückhaltende Weise spürbar wird. Allgemein beweist diese Inszenierung ein feines Gespür für Symbole und Andeutungen, für Stimmungen und das Evozieren gewisser Zustände, das sich auf die Wahrnehmung aller Details auswirkt und stets eine oder mehrere parallele Ebenen eröffnet, die komplexe innere Zustände in äußeren Bildern sichtbar machen.
„Mes longs cheveux…“
Nicht minder gelungen zeigt sich der dritte Akt, in dem der Raum von außen durch ein Fenster sichtbar wird. Die Gestaltung der gesamten Szene, in der sich Pelléas und Mélisande am Fenster begegnen und er ihre Haare liebkost, verstärkt erneut den Grundduktus, dass äußere Dinge auch als innere zu verstehen sind, dass nichts einfach nur ein Gegenstand oder eine Handlung ist, sondern alles innerhalb eines geheimnishaften Bereichs stattfindet, dem man nachspüren kann, der sich aber nie vollständig erschließt. Obwohl Pelléas hier nicht nur ihre Haare berührt, sondern sie ganz in seine Arme nimmt, wird die Bedeutung der Haare im weiteren Verlauf des Geschehens sehr geschickt auf unterschiedliche Weise aufgegriffen, sodass der Umgang mit ihnen zu einem Bild für den jeweiligen Umgang mit Mélisande als Person wird. Während Pelléas sie bewundert, berührt, damit spielerisch umgeht, packt Golaud Mélisande später brutal an ihren Haaren und zieht sie daran gegen ihren Willen zum Kuss heran. Später berührt auch Arkel ihre Haare, der hier nicht nur über tiefe Einsicht verfügt und Mitleid mit ihr hat, sondern sich auch selbst der Faszination nicht erwehren kann und sie bedrängt, sodass seine Rede von der Notwendigkeit für einen Alten, von Zeit zu Zeit etwas Junges und Schönes zu berühren, einen doppelten Boden erhält. Hinsichtlich Golauds ist dieser Umgang mit Mélisandes Haaren ein Symptom eines immer stärker von Gewalt geprägten Verhaltens. Anstatt mit Liebe reagiert er mit Gewalt auf das Geheimnishafte, mit dem er anders nicht umzugehen weiß. Auch gegenüber seinem Halbbruder Pelléas verhält er sich brutal, als er ihn zum Wasser im Verlies des Schlosses führt, das hier, in der oben geschilderten Dynamik, wiederum dasselbe Loch im Holzboden ist und so wohl schon immer einen Geruch von Tod versprüht hat. Trotz der Sensibilität für Andeutungen wagt die Inszenierung andererseits auch eine gewisse Drastik, um Golauds Gewalttätigkeit zu demonstrieren, die auch im Verhalten zu Yniold zutage tritt. Diese Szene, in der der Vater seinen Sohn nicht nur instrumentalisiert, sondern letztlich misshandelt, gehört zu den wohl eindrücklichsten des Abends.
Liebe inmitten von Gewalt und Traumatisierung
Golauds Umgang mit Mélisande ist jedoch von noch größerer Grausamkeit geprägt, er bedrängt und misshandelt sie in betrunkener, Liebe ermangelnder Verfassung. Wie stark Loy auf psychologische Aspekte sensibilisiert ist, wird ersichtlich, als Mélisande später, während sie mit Yniold spielt, klare Zeichen von Traumatisierung zeigt, als Golaud nun im Spiel ähnliche Bewegungen ihr gegenüber macht wie zuvor mit Gewalt. So drastisch diese gewaltvollen Momente dargestellt sind, so tief emotional sind dafür aber auch jene Szenen, in denen die Liebe im Mittelpunkt steht. Das ohnehin berührende Liebesgeständnis von Pelléas und Mélisande gelingt auf äußerst bewegende Weise, wobei auch hier der Charakter des Stücks wie der Beziehung in ihrer dezenten Zurückhaltung aufgegriffen und wiederum der Blick zu einem wesentlichen Ereignis wird. Ein eben solcher Blick prägt auch die ergreifende Umsetzung des letzten Aktes und somit des Endes der Geschichte, das hier aber eine gewisse zyklische Dimension erahnen lässt: Pelléas liegt als Toter am selben Ort unter derselben Decke wie Mélisande zu Beginn, bevor er schließlich symbolisch in den Wald fortschreitet, wohin ihm Mélisande nach ihrem Entschlafen folgt. Dadurch kommen Überlegungen auf, die die Parallelität von Krone und Ring und Mélisandes Schicksal betreffen. Erlebte sie womöglich mit Golaud etwas erneut, das sie schon zuvor einmal durchleben musste? Doch auch Golaud befindet sich am Ende wieder am Anfang, in demselben Raum mit derselben Einrichtung, sitzend auf dem Ledersessel, den er zu Beginn enthüllt hatte. Diese vielschichtigen Gedanken werden hier assoziativ angedeutet, sodass eine gelungene Balance aus erahntem Verständnis und zu erfühlender Offenheit entsteht.
Die Psyche als Teil des Geheimnisses
Insgesamt vermag es die Inszenierung, die rätselhafte, traumähnliche Atmosphäre des Stücks zu bewahren, dabei aber gleichzeitig eine psychologische Dimension zu eröffnen und auf äußerst fundierte und sensible Weise zu thematisieren. Die gesamte Familie scheint von Verlust, Trauer, Trauma und einer nicht näher definierbaren Depression umgeben zu sein, die sich nicht zuletzt aus dem Ort ergibt, was hier durch die Reduktion auf einen einzigen, symbolhaft transformierbaren Raum verstärkt wird, der so zu einem Symbol in mehrfacher Hinsicht werden kann. Es ist ein böser Ort, vor allem in übertragenem Sinne hinsichtlich der dort von statten gehenden Ereignisse, aber auch ein Bild für das Innere sowohl der Familie, der disparaten Beziehungen und der einzelnen Figuren. Zudem wird darin auf unterschiedliche Weise ein Blick in eine andere Welt eröffnet, die nicht nur aus konkreten im Außen liegenden Orten besteht, sondern aus der unergründbaren Tiefe der Vorgänge in der Vergangenheit und im Inneren einer Person. Diese psychologische Dimension wird auf hervorragende Weise herausgearbeitet, ohne dadurch aber die immer mitschwingende Transzendenz des Stücks, die Durchlässigkeit gegenüber einer anderen Welt zu verschließen. Obwohl vor allem die Beziehungsdynamiken auf teilweise drastische Weise dargestellt sind, vermeidet die Inszenierung jede zu eindeutige Erklärung, stattdessen bleibt eine große Offenheit für das Geheimnisvolle, von dem dieses außergewöhnliche Werk durchzogen ist.
Beeindruckende Debuts und intensive Gefühle

Dass dieser Zugang auf so eindrückliche und bewegende Weise funktioniert, ist jedoch maßgeblich auch den Sängerinnen und Sängern zu verdanken, die nicht nur gesanglich überzeugen konnten, sondern es auch vermochten, ihre Figuren mit großer Natürlichkeit und differenzierter Emotionalität ausdrucksstark zu verkörpern. Dies ist besonders aufgrund der Tatsache zu betonen, dass sämtliche Solisten in dieser Produktion ihr Debut in den jeweiligen Rollen gaben. Mit Arnheiður Eiríksdóttir wurde dabei eine herausragende Mélisande gefunden, die diese Figur nicht nur darstellerisch mit bewegendem Ausdruck, einer gewissen Überweltlichkeit, großer Verletzlichkeit, aber doch auch einer selbstverständlichen, wie von außen kommend wirkenden Stärke verkörperte, sondern ihr auch stimmlich höchste Präsenz und ihrer Rätselhaftigkeit entsprechende Farben verlieh. Dabei gelang ihr der für Debussy charakteristische Stil des am Sprechen orientierten natürlichen Singens auf beeindruckende Weise, die sich besonders durch die authentische und dadurch bewegende Gestaltung des Textes auszeichnete. Stimmlich vermochte sie es, zwischen zarter Verletzlichkeit, einem gewissen klanglichen Schweben und präsenten, aufstrahlenden Tönen zu changieren, wobei durch die Intensität des Klangs nie der für Mélisande typische, schwer fassbare Charakter verloren ging. Dass sie in der Schattensilhouette zudem an Marianne Stokes Gemälde von Mélisande erinnert und insgesamt in präraffaelitischer Kunst zu sehen sein könnte, ist ein besonderes Detail am Rande. Im Zusammenspiel mit David Oller als Pelléas entstand eine intensive Emotionalität, die die spezielle Beziehung zwischen den beiden, die auf Unausgesprochenem, tiefem Einverständnis und nicht erklärbarer Liebe basiert, auf äußerst bewegende Art erleben ließ. Oller zeigte anfangs womöglich eine leichte Unsicherheit, die sich auf die Klarheit der Töne auswirkte, doch veränderte sich dies rasch und entwickelte sich zu einer ebenso beeindruckenden Darbietung, die sich im Laufe des Abends immer weiter steigerte. Auch er bewies großes Einfühlungsvermögen in die Figur, deren Verletzlichkeit bei ihm stets zu hören war, und überzeugte mit einer großen Zartheit im Klang, die sich mit einem gut fundierten, weichen Timbre vereinte, das auch in den kraftvolleren Passagen nie verloren ging. Besonders ergreifend gestaltete Pavol Kubáň die Rolle des Golaud in allen emotionalen Facetten und selbst in den grausamsten Handlungen. Mit höchster Überzeugungskraft gelang es ihm, die Gewalttätigkeit der Figur zu gestalten, dabei aber auch immer ihre große Traurigkeit und Verzweiflung auszudrücken. Stimmlich bewies er höchste Präsenz mit stets kräftigem, klarem Ton und differenziertem Ausdruck, der auch Raum für kontrollierte emotionale Ausbrüche ließ. Eva Kroon verlieh Geneviève mit samtiger, aber doch strahlender Stimme eine große Gutmütigkeit, während Anders Lorentzson als Arkel es vermochte, die Gebrechlichkeit des alten Mannes hören zu lassen, ohne dass sich dies auf die Stimmqualität ausgewirkt hätte, die hingegen von kernigem Klang und Autorität im Ton geprägt war. Besonders hervorzuheben ist Joshua Alvarez als Yniold, der mit glasklarer Stimme, besonders für sein Alter beeindruckender Artikulation und sehr ausdrucksstarkem Spiel ein großes Einfühlungs- und Gestaltungsvermögen bewies.
Am Pult des Orchestr Národního divadla näherte sich Patrick Fournillier der komplexen Partitur auf sehr differenzierte Weise, sodass besonders die zahlreichen Details, die nicht dargestellte oder unausgesprochene Dinge musikalisch andeuten, prägnant hervortraten, ohne dass der stets fortlaufende Fluss der Musik unterbrochen worden wäre. Teilweise trat das Orchester dadurch zwar etwas zu direkt hervor, manche Einwürfe klangen womöglich etwas hart und fragmentarisch, insgesamt fügte sich dies jedoch zu einem besonders in der harmonischen Gestaltung überzeugenden Aufführung. Dabei gelang es vor allem, die verschiedenen Stimmungen und atmosphärischen Nuancen mit ausreichend Transparenz zu evozieren, wobei besonders der homogene, in den Klangfarben differenzierte und teilweise sphärische Streicherklang für eine fließendes Fundament dieses geheimnisvollen Werks sorgte.
Eine psychologische Ergründung des Geheimnishaften
Mit der Herausforderung, zwischen der notwendigen Sichtbarmachung des Geschehens und der Bewahrung der großen Rätselhaftigkeit und bewussten Lückenhaftigkeit der Geschichte von „Pelléas et Mélisande“ zu balancieren, wurde in dieser Aufführung auf äußerst gelungene Weise umgegangen, sodass gerade diese Balance gefunden und bewahrt werden konnte. Dabei erwies sich die Inszenierung von Christof Loy als äußerst feinsinnig in der Behandlung der psychologischen Vorgänge, die sowohl durch die Bühnengestaltung und die bedeutungsreiche Verwendung von Symbolen als auch durch die intensive dramaturgische Gestaltung hervorgehoben wurden, ohne das Werk dadurch seiner Geheimnishaftigkeit zu berauben. Vielmehr führte die psychologische Sensibilität zu einer tieferen Ergründung der Figuren und ihrer Beziehung, ohne sie aber zu psychologisieren oder in ihrem Fühlen und Handeln durch zu konkrete Deutungen festzulegen, wodurch dem Inneren, Unsagbaren, jenseits dieser Welt Liegenden zwar Kontur verliehen, aber auch genügend Freiraum gelassen wurde. Vereint mit einem transparenten, atmosphärischen Orchesterklang und einer beeindruckenden Besetzung, die die Figuren lebendig hervortreten ließ, entstand eine Aufführung, die eine bewegende, emotionale Annäherung an das Mysterium von „Pelléas et Mélisande“ ermöglichte.
- Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Nationaltheater Prag
- Titelfoto: Nationaltheater Prag | Pelléas und Mélisande: Pelléas (David Oller), Mélisanda (Arnheiður Eiríksdóttir) – Foto: Petr Neubert
Sehr geehrte Frau Deinhammer, ich bin Ihnen äußerst dankbar für Ihre Kritik. Ich war auch bei dieser unvergesslichen Première, und war, und immer noch bin, begeistert. Sie haben hervorragend alle Aspekte und wichtigen Hintergründe erleuchtet und präzise dargestellt. Vielen herzlichen Dank.