
Torsten Raschs Oper „Die wunderbaren Jahre“ erzählt von einer Jugend unter den Bedingungen der DDR-Diktatur. Nora Bussenius macht daraus in Dresden einen visuell und musikalisch eindrucksvollen Abend. Doch ausgerechnet die wunderbaren Jahre selbst bleiben kaum erfahrbar. (Rezension der besuchten Premiere am 16. Oktober 2026)
„Die DDR-Biografie, also eine persönliche Lebensgeschichte von in meinem Fall 35 Jahren in einem Staat der Diktatur und Repression – ‚Ballast‘?“ Mit dieser Frage widersprach Angela Merkel 2021 der Beschreibung ihrer ostdeutschen Vergangenheit als Last. Ihr ging es nicht darum, die Diktatur zu beschönigen; sie wehrte sich dagegen, ein ganzes gelebtes Leben auf dessen politische Bedingungen zu reduzieren. Nach der Aufführung von Die wunderbaren Jahre in der Dresdner Semper Zwei drängt sich ausgerechnet dieser Eindruck auf: Die DDR-Vergangenheit erscheint beinahe ausschließlich als Ballast.
Das ist keineswegs schon deshalb ein Vorwurf, weil die Oper von Repression erzählt. Reiner Kunzes gleichnamige Prosatexte schildern die staatlichen Eingriffe in den Alltag Jugendlicher; ihre Härte gehört zum Stoff. Komponist Torsten Rasch hat im Interview mit der Semperoper selbst erklärt, der Titel sei für ihn „niemals ausschließlich Ironie“ gewesen. Sein Werk eröffnet damit die Perspektive einer Jugend, die trotz politischer Bedrängnis auch glückliche Augenblicke kennt. Gerade diese Spannung zwischen erlebtem Glück und staatlicher Unfreiheit lässt Bussenius auf der Bühne kaum erfahrbar werden.

Bereits zu Beginn liegt Unbehagen über der Bühne. Zu „Unsere Heimat“ betrachtet man Gegenstände aus der DDR-Vergangenheit und im Lied besungene Symbole eben jener Heimat. Ein Kind in Pionierkleidung steht in einer großen, durch Leuchtröhren angedeuteten Vitrine; die Blicke, die es treffen, wirken eher kontrollierend als liebevoll. Später setzt es neugierig eine Nickelbrille auf; seine Unbefangenheit stößt auf eine Welt ideologischer Verbote. Estella Szekely verkörpert diese verletzliche Neugier mit einer Mischung aus stiller Aufmerksamkeit und kurzen Momenten kindlicher Begeisterung. Wenn sie stolz verkündet, Pionierin zu sein, während die Erwachsenen befremdet reagieren, verleiht sie der Figur eine eigene, unbefangene Haltung. Auch in den langen Momenten des stillen Verharrens bleibt Szekely aufmerksam präsent, ohne die Schutzlosigkeit des Kindes durch große Gesten hervorzuheben. Die politischen Zwänge sind von Anfang an spürbar, die Freuden des Alltags dagegen selten.
Wie viel dramaturgisches Potenzial darin läge, zeigt eine Episode um eine Postkarte mit dem Bild einer japanischen Stadt. Ein Kind freut sich über diese fremde Welt und möchte das Bild seinen Mitschülern zeigen, bis aus dieser harmlosen Begeisterung ein politischer Vorwurf wird. Gerade der erste Teil könnte unbeschwerte Jugend unmittelbar sichtbar machen. Doch er wird vor allem erzählt, kaum ausgespielt. Das Publikum erfährt von der Freude, erlebt vor allem aber ihre Unterdrückung.
Das ist umso bemerkenswerter, als die Inszenierung eine ungewöhnlich prägnante Bildsprache besitzt. Christin Vahls Bühne arbeitet mit Grau und kräftigem Orange, vier großen Wandquadraten, Podesten, einem Trümmerhaufen und einer alten Schreibmaschine. Im Zentrum stehen Vitrinen: eine kleine für Erinnerungsstücke, eine große, nur durch Lichtlinien begrenzte für Menschen. Was darin steht, wird vorgezeigt, betrachtet, auf Distanz gehalten. So entsteht das Bild einer ausgestellten Vergangenheit und eines Lebens, das unter ständiger Beobachtung steht. Auch die eingespielten historischen Bilder verstärken meist die Beklemmung.
Herausragend ist dabei Marco Dietzels Lichtkonzept. Mit den LED-Röhren der Vitrinen und den beweglichen Scheinwerfern verändert es den Charakter des Raumes, ohne dass sich an der Bühne selbst etwas ändern muss. In dramatischen Momenten liegt die Szenerie weitgehend im Dunkeln. Die leuchtenden Konturen der Vitrinen bleiben sichtbar, während die Scheinwerfer mit schnellen, suchenden Bewegungen den Raum immer wieder neu erscheinen lassen und zusätzliche Bedrohung erzeugen. Das ist nicht bloß wirkungsvolle Beleuchtung, sondern präzise szenische Gestaltung: Das Licht erzählt mit. Gerade seine ästhetische Qualität macht den bedrückenden Grundton so konsequent.
Auch musikalisch überzeugt der Abend über weite Strecken. Raschs Partitur überrascht mit ihrer unmittelbaren Wirkung und immer wieder ausgesprochen schönen Klangmomenten. Scharfe Reibungen, nervöse Rhythmen und bisweilen chaotisch anmutende Klangflächen treiben die Handlung voran; dann öffnen sich wieder ruhige, lyrische Passagen mit beinahe vertrauten Klangfarben. Besonders das Akkordeon setzt mit seinen ungewöhnlichen harmonischen Reibungen eigenwillige Akzente. Unter Christian Blex entfaltet das kleine Orchester einen bemerkenswerten Vorwärtsdrang. Schön gelingen vor allem jene Einsätze, in denen sich die Musik behutsam aus der Stille entwickelt und an Intensität gewinnt. Bisweilen gerät die Klangfülle allerdings so stark, dass die Stimmen Mühe haben, sich zu behaupten. Der berührende Ensemblegesang am Ende zeigt noch einmal, wie viel Wärme diese abwechslungsreiche Partitur entwickeln kann. Doch auch ihre lyrischen Momente werden nicht zu Augenblicken wirklicher Unbeschwertheit. Die musikalische Schönheit bleibt in die überwiegend bedrückende Atmosphäre des Abends eingebunden.

Dalia Medovnikov setzt mit ihrem hellen, klar tragenden Sopran einen besonderen Akzent. Noch eindrucksvoller ist ihre darstellerische Beweglichkeit: Aus einer nüchternen, autoritär wirkenden Erwachsenen wird durch gelöste Haare, veränderte Kostümierung und ein anderes Spiel eine verletzliche Jugendliche. Sie gestaltet diesen Wechsel glaubwürdig und behauptet sich auch in kräftiger begleiteten Passagen. Christina Baader gestaltet ihre Szenen mit einem eher zurückhaltend eingesetzten, zugleich ausdrucksvollen Mezzosopran, besonders in den Momenten mütterlicher Sorge. Gerade gegen Ende gewinnt ihr Spiel an Ausdruckskraft; bei kräftiger Orchesterbegleitung tritt ihre Stimme allerdings gelegentlich zu sehr in den Hintergrund.
William Socolofs erdiger Bass verleiht autoritären Figuren eine glaubhafte Schärfe. Seine bestimmte, raumgreifende Präsenz kann einschüchtern, doch auch die weicheren, verletzlicheren Töne gestaltet er überzeugend. Alexandra Sagurna schließlich hält als Sprecherin die wechselnden Episoden zusammen. Ihre ruhige, manchmal tastende und dann wieder entschiedene Sprache gibt dem Abend Orientierung. Die drei Gesangspartien und Sagurnas Sprecherrolle geben den wechselnden Episoden gemeinsam einen überzeugenden szenischen Zusammenhalt.
Am Schluss erscheint das Kind in heutiger Kleidung und mit Kopfhörern, betrachtet die Relikte und wendet sich ab. Das Buch Die wunderbaren Jahre wird in die Vitrine gelegt. Es wirkt, als solle die Vergangenheit abgeschlossen werden. Vielleicht ist das folgerichtig für einen Abend über staatliche Gewalt. Doch er zeigt mit großer Kunst, was Menschen bedrängte, und kaum, was ihnen trotz allem lieb und wertvoll war. So bleibt von den „wunderbaren Jahren“ vor allem jene Last zurück, gegen deren pauschale Zuschreibung sich Merkel einst wandte.
- Rezension von Siem Oke Thießen / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Semperoper / Semper Zwei
- Titelfoto: Semperoper Semper Zwei/ DIE WUNDERBAREN JAHRE/ William Socolof (Bass), Sarah Höhne (Kind), Dalia Medovnikov (Sopran), Christina Baader (Mezzosopran), Alexandra Sagurna (Sprecherin)/Foto: Sebastian Hoppe