
Bereits in den 1940-Jahren kam vom berühmten Regisseur und Choreographen Jerome Robbins die Idee, Shakespeares berühmtes Werk “Romeo und Julia” fortzuschreiben und eine Produktion für den Broadway zu erschaffen. Er fragte spontan den jungen Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein, mit welchem er bereits früher gearbeitet hatte. Ausserdem nahm man den Broadway-Dramatiker Arthur Laurents und für die Gesangstexte Stephen Sondheim mit ins Boot. Es war eine Neuheit, im Musical-Genre sich einer klassischen Tragödie als Vorlage zu bedienen. Ursprünglich war die Idee, die Handlung in ein New Yorker Stadtviertel zu verlegen, wo Katholiken mit Juden aneinander geraten und diese Story dann “East Side Story” zu nennen. Doch da alle am Projekt Beteiligten mit anderen Aufgaben beschäftigt waren, wurde das Projekt zur beiseite gelegt. (Rezension der Premiere v. 23. Oktober 2026)
Erst 1955 trafen sich Bernstein und Robbins erneut, um die Idee wieder aufzunehmen und sie weiterzuentwickeln. Neu sollte sich aber die Handlung zwischen Jugendbanden von Puertorikanischen Immigranten und alteingesessenen weißen Amerikanern abspielen. Damals waren diese Bandenkriege ein großes Problem in New York. Da jedoch diese Banden in der West Side von Manhattan angesiedelt waren, musste auch der Titel geändert werden und so entstand die “West Side Story”.
Was die berühmten Szenen der Originalgeschichte anbelangt, sind diese in Arthur Laurents Musical Fassung deutlich erkennbar, aber an Stelle der Familienstreitigkeiten geht es hier um einen Bandenkrieg zweier verfeindeten Gangs. Nur zwei Rollen repräsentieren die Erwachsenenwelt, Lieutenant Schrank und Krupke, welche mit strengsten Mitteln versuchen, wieder Ordnung herzustellen.

Die alteingesessenen Jets mit Riff als Anführer und die neu zugezogenen Sharks mit Ihrem Anführer Bernardo kämpfen um die Vorherrschaft im Viertel. Riff will Bernardo zu einem finalen Kampf auffordern und bittet Tony um Unterstützung, aber der gehört nicht mehr zur Bande. Gemeinsam mit Chino holt Bernardo seine Schwester Maria und seine Freundin Anita ab, um sie zum Tanzen auszuführen, welcher im Gym stattfindet. Dort will Riff Bernardo die Aufforderung zum großen Kampf überbringen.
Da begegnen sich Maria und Tony zum ersten Mal. Liebe auf den ersten Blick. Beide wissen, dass wegen der Konkurrenz der verfeindeten Gangs eine solche Verbindung gefährlich ist. Trotzdem folgt Tony ihr heimlich und gegenseitig gestehen sie sich ihre Liebe. Sie beschlossen, sich am folgenden Tag wieder zu treffen. Die Bedingungen für den Kampf werden in Docs Laden ausgehandelt. Man will einen fairen Zweikampf ohne Waffen. Anita ertappt Maria und Tony beim Rendezvous. Maria bittet Tony, diesen Kampf zu verhindern. Tony will die Kämpfenden aufhalten aber vergeblich. Die Situation eskaliert und Riff wird von Bernardo erstochen, worauf Tony aus Verzweiflung Bernardo umbringt.
Im zweiten Teil der Geschichte erleben wir eine überglückliche Maria, welche noch keine Kenntnis von den dramatischen Vorgängen hat. Da erscheint Chino und bringt die Nachricht von Tod Ihres Bruders Bernardo. Tony stürzt herein und bittet Maria um Verzeihung. Die Liebe gewinnt und sie gestehen einander erneut ihre Liebe. Tony soll sich versteckt halten, um nachher gemeinsam mit ihr zu fliehen. Auf der Flucht vor der Polizei erfahren die Jets, dass Chino Tony aus Rache umbringen will. Sie wollen ihn warnen.
Anita versucht verzweifelt Maria zu überzeugen, dass sie Tony vergessen sollte, aber Maria hat dafür kein Gehör. Da verrät Anita ihr Chinos Mordpläne. Sofort will Maria ihn warnen, wird aber vom Polizisten davon abgehalten. Da schickt sie Anita. Sie will Tony zu Hilfe eilen, obwohl dieser ihren Freund Bernardo getötet hat. Als Anita in Doc’s Laden kommt, trifft sie auf die Jets und wird von ihnen beleidigt und gequält. Im letzten Moment kann Doc das schlimmste verhindern. Anita behauptet Wut entbrannt, Chino habe Maria ermordet.
Doc überbringt Tony die Nacht vom vermeintlichen Tod Marias. Verzweifelt läuft Tony in die Arme von Chino. Kurz bevor Maria ihn erreicht, drückt Chino ab. Tony stirbt in Marias Armen.
Die Aufführung im Theater Basel ist die Übernahme einer Produktion von Barrie Kosky und Otto Pichler aus dem Jahre 2013 der Komischen Oper Berlin. Er lässt die ganze Handlung auf einer leeren Drehbühne spielen, welche mit ganz wenigen Requisiten auskommt, wo durch die geniale Lichtführung von Franck Evin immer wieder eindrückliche Szenen entstehen. Es wird nicht ein klar definierter Ort gezeigt. Sowohl in den energiegeladenen Szenen der Gang-Kämpfe, oder in den intimen Szenen zwischen Maria und Tony, stets kann man der Handlung mühelos folgen und die zugrundeliegende Originalgeschichte erkennen.
Das liegt natürlich auch an der unglaublich rasanten und genial einstudierten Choreographie von Otto Pichler, welche von Silvano Marraffa für die Neueinstudierung geleitet wurde. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was da alle Mitwirkenden leisten und mit was für einer begeisternden Präzision auf die Bühne bringen. Der Wechsel zwischen energiegeladenen Szenen und hochemotionalen Momenten gelingt mit beeindruckender Leichtigkeit. Wenn jeweils am Ende des ersten und zweiten Akts die tragischen Ereignisse ihren Lauf nehmen, ist es im Publikum ganz still und man kann spüren, wie berührt die Zuschauer sind.

Für eine solche Produktion braucht es enorm viele Mitwirkende, welche dies überhaupt ermöglichen.
Die beiden Hauptdarsteller Maria, gesungen von Samantha Hargreaves mit leuchtendem Sopran und viel Emotionen und Jan-Philipp Rekeszus als Tony, ebenfalls herrlich gesungen und gespielt, sind ein Traumpaar für diese Produktion.
Kyra Sorce als sehr präsente Anita, Bart Aerts als Riff, Máté Gyenei als Bernardo und Alessio Urzetta als Chino überzeugen auf der ganze Linie. Helmut Jakobi als Lieutenant Schrank, Johannes Dullin als Krupke/Glad Hand und Klaus Brömmelmeier als Doc, sind ideal besetzt.
Ein ganz großes Lob gebührt allen nicht genannten Tänzer/innen und Darsteller/innen der beiden Gangs, welche atemberaubende Tanzdarbietungen und zusammen mit dem Chor des Theater Basel sowie der Statisterie diese Aufführung krönen.
Das Sinfonieorchester Basel fühlt sich unter der Leitung von Thomas Wise deutlich erkennbar wohl und begeistert mit einem tollen Sound.
Obwohl dieses Musical 1957 uraufgeführt wurde, ist es gerade zur jetzigen Zeit wieder höchst aktuell, erleben wir doch vergleichbare Probleme in unseren Städten. Das macht diese Aufführung so authentisch. Das Publikum war begeistert und man kann den Besuch dieser sehr gelungenen Produktion nur empfehlen.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Theater Basel
- Titelfoto: Theater Basel/ WEST SIDE STORY/ Foto: Ingo Höhn