
Das heitere Scherzo der Ring-Tetralogie? Diesmal nicht. Tobias Kratzer erzählt Wagners Siegfried als düsteren Coming-of-Age-Thriller und ohne das Gag-Feuerwerk der vorherigen Opern. Die großen Fragen seiner Ring-Konzeption verliert er dabei nicht aus den Augen. Und mittendrin strahlt Benjamin Bruns als Titelheld Siegfried. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 1. November 2026)
Wer häufig in die Oper geht, kennt dieses Bild nur zu gut: Das Orchester kündigt den Auftritt Siegfrieds an, statt eines Helden erscheint aber erstmal nur ein elegant gekleideter Herr mit Klavierauszug am Bühnenrand. Dieses Phänomen ist normalerweise ein sicheres Zeichen für eine Grippewelle im Ensemble, in Tobias Kratzers Neuinszenierung von Siegfried gehört es zum Konzept: Die Titelfigur ist bei Kratzer ein Kind, und damit kein ausgewachsener Heldentenor mit Maske und Kostüm mehr schlecht als recht in einen Zwölfjährigen verwandelt werden muss, hat Kratzer auch ein Kind gecastet. Quentin Becker spielt, im Wechsel mit Felix Fröbel, den Sohn der Wälsungen-Zwillinge. Er tobt durch Mimes zweckmäßig eingerichtete Dreizimmerwohnung (Bühnenbild und Kostüm: Rainer Sellmaier) und zerbricht jedes Schwert, das sein Ziehvater ihm gibt – sei es aus Pappe oder aus Stahl. Am Bühnenrand steht und singt Benjamin Bruns, der in dieser Produktion sein Siegfried-Debüt gibt. Das ist zunächst befremdlich, lohnt sich aber. Denn den jungen Siegfried tatsächlich als Kind zu sehen, verleiht der komplizierten Elternbeziehung zu Mime eine ganz neue Tiefe: Wo ein erwachsener Siegfried in erster Linie ignorant und nervig wirkt, beleuchtet das Kind das pädagogische Versagen seines Ziehvaters.
Zum Schmiedelied darf Benjamin Bruns dann auf die Bühne kommen, zunächst noch parallel zum kleinen Siegfried. Das Schmieden von Nothung ist eine Teamleistung. Dann übernimmt Bruns ganz. Jetzt ist Siegfried erwachsen – oder zumindest erwachsen genug, um sich von Mime nichts mehr sagen zu lassen. Bruns‘ Siegfried bleibt jugendlich, mit großen Augen läuft er durch die Welt, begegnet auch Alberich mit völliger Arglosigkeit. Das Drachentöten scheint für ihn in erster Linie ein Spiel zu sein, wenn auch ein Grausames. Aber dieser Siegfried ist auch grausam, im ersten Akt steckt er sein Meerschweinchen in die Mikrowelle – ein Stofftier. Für die Begegnung mit Brünnhilde im dritten Aufzug stellt Kratzer dann ein echtes Pferd auf die Bühne. Ob ein Fluchttier wirklich vor ein volles Wagnerorchester gehört? Einen sonderlich großen Beitrag zum Konzept leistet der kurze Auftritt des Pferdes jedenfalls nicht.

Deutlich sinnvoller ist ein anderer Einfall Kratzers: Für die Erweckung Brünnhildes kommt der kleine Siegfried zurück auf die Bühne. Das ist nur logisch: so wie bei der Lossagung von Mime im Schmiedelied der erwachsene Siegfried aus dem Kind hervorbricht, kommt bei Siegfrieds erster Begegnung mit einer Frau – der Waldvogel ist bei Kratzer tatsächlich ein Vogel und wird aus dem Off von einem Solisten des Tölzer Knabenchores gesungen – sein unschuldiges, kindliches Ich hervor. Der erwachsene Siegfried bleibt aber auf der Bühne. Jünger wird schließlich keiner, auch ein Götterenkel nicht.
So schlüssig wie Siegfried inszeniert ist, so großartig ist die Leistung des Sängerdarstellers Benjamin Bruns. Der Tenor gibt in Kratzers Inszenierung sein Debüt als Siegfried – und was für eins! Bruns hat alles, was ein Heldentenor braucht, hat sich aber auch den lyrischen Einschlag bewahrt, mit der er ja neben seinen Wagner-Engagements auch die Bach-Karriere weiterpflegt. Das Ergebnis ist ein großes Heldenkind, das für alle Gelegenheiten (Ziehvater ärgern, Drachen töten, Brünnhilde finden) den richtigen Ton trifft. Bruns‘ Spiel rundet seine Darstellung perfekt ab. Vor allem der fliegende Wechsel vom Rand mitten ins Geschehen muss hier hervorgehoben werden, aber auch die Brünnhilden-Begegnung zwischen Romantik und Fingerfarben.
Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht wie beim Rheingold und der Walküre auch beim Siegfried Vladimir Jurowski. Der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper macht erneut deutlich, warum diese Produktion nicht nur Kratzers Ring ist, sondern auch der seine. Das Orchester, das durch Wagners Leitmotivsystem stets mehr zu sagen hat als die Sänger*innen, lässt er klar und deutlich sprechen, er nimmt sich Zeit für die Phrasen, ohne zu schleppen, und sorgt für einen klaren, aufgefächerten Orchesterklang. Einzig die Sänger*innenfreundlichkeit ist im Vergleich zu den beiden ersten Ring-Opern zurückgegangen, denn gelegentlich übertönt das Orchester die Darstellenden.
Dabei ist dieser Siegfried exquisit besetzt. Neben Benjamin Bruns sticht vor allem Georg Nigl heraus, der als Alberich eine Glanzleistung liefert. Wiebke Lehmkuhl ist mit ihrem warmen Alt gewohnt bravourös als Erda. Die Brünnhilde singt Simone Schneider. Sie meistert die Partie gestaltungssicher, auch wenn ihre Rolle in Kratzers Personenregie nach wie vor nicht die größte Aufmerksamkeit erfährt. Matthias Klink hat als Mime vor allem in der Höhe zu kämpfen, spielt die Rolle des pädagogisch wie kulinarisch unbegabten Ziehvaters aber vorzüglich. Timo Riihonen ist souverän als Fafner. Nicholas Brownlee gelingt es als Wotans alter-Ego Wanderer an seine Leistungen in den vorherigen Opern anzuknüpfen. Besonders erfreulich ist seine durchdachte Phrasierung, insbesondere in den Dialogen mit Mime und Erda.

In sängerischer Hinsicht ist der Siegfried die stärkste der bisher aufgeführten Ring-Opern. Die ersten beiden Aufzüge, insbesondere das schon geschilderte Erwachsenwerden Siegfrieds, sind auch szenisch hochbravourös gelöst. Insbesondere die Ermordung Fafners sticht hervor. Zur Erinnerung: Der Nibelungenschatz, der titelgebende Ring und der Tarnhelm, sind bei Kratzer tatsächlich magisch. Und so zeigt der zweite Akt nicht nur, wie Fafner den Ring nutzt, um reich zu werden, es gibt auch zumindest den Schatten eines Drachens.
Spätestens im dritten Aufzug serviert Kratzer dann wieder eine Reihe unbeantworteter Fragen. Denn bei allem Fokus auf der Jugendlichkeit Siegfrieds ist nach wie vor Wotans Göttlichkeit das Hauptthema seiner Ring-Inszenierung. Die spielt im Siegfried auch eine viel größere Rolle als in anderen Inszenierungen, denn Siegfried begegnet dem Wanderer nicht irgendwo, sondern in der Götterburg Walhall, wo er umgeben von seiner Untoten-Armee um den Machterhalt kämpft. Auch anderswo wird Religion thematisiert, etwa wenn im zweiten Aufzug ein Statist ein Schild hochhält: „The world is ending – only WOTAN can save us.“ Derartige Schilder gibt es auch im echten Leben, meistens bezogen auf den christlichen Gott oder Jesus. Ein sonderlich effektives Missionarswerkzeug sind sie nicht. Der Apokalypse-Kult der Verfasser wird in der Regel belächelt.
Und hier kommen die Fragezeichen. Denn eigentlich muss in Kratzers Inszenierung niemand an Wotans Macht glauben. Er ist so oder so real. Das wird vor allem im dritten Aufzug deutlich, der ja in Walhall spielt, beziehungsweise: auf der Bühne des Nationaltheaters. Die Oper ist Walhall. Im Vorspiel zeigt ein Video – wie immer bei Kratzer gestaltet von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi – das abgeriegelte Gebäude, inklusive Stacheldrahtzäune und Straßenbarrikaden. Ein normaler Opernbetrieb ist hier offensichtlich nicht mehr möglich. Doch wenn Wotan im irdischen Leben so unleugbar präsent ist, warum ist die Religion um seine Person so eine Randerscheinung? Ist er vielleicht am Ende nur real, aber kein Gott? Wobei: Kann ein Sterblicher eine Untoten-Armee führen? Und warum stört sich niemand daran, dass er das Nationaltheater in Beschlag nimmt? Die Auswirkungen von Wotans Göttlichkeit oder nicht-Göttlichkeit auf die Welt außerhalb der Ring-Charaktere lässt Kratzer im Siegfried außen vor. Auch die Frage, welche Rolle eigentlich der magische Ring spielt, bleibt unbeantwortet. Das ist nicht unbedingt eine Schwäche des Siegfried, wohl aber eine große Aufgabe für die Götterdämmerung. Ende Juni ist es so weit. Knapp drei Jahre nach dem Rheingold wird Tobias Kratzer seinen Ring zu Ende erzählen. Man darf gespannt sein. Und sich auf Benjamin Bruns‘ Götterdämmerungs-Debüt freuen.
- Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayerische Staatsoper München
- Titelfoto: Bayer. Staatsoper München/ SIEGFRIED/ Benjamin Bruns/ Foto © Monika Rittershaus