Verbotene Liebe im Drogendealermilieu – Rossinis „Tancredi“ in Köln

Oper Köln/TANCREDI/Adriana Bastidas-Gamboa, Giuliana Gianfaldoni/ Foto: © Matthias Jung

Die Oper „Tancredi“, die Gioacchino Rossini 1813 im Alter von 21 Jahren vollendete, war seine zehnte Oper und stellte als Melodramma eroico seinen internationalen Durchbruch als Opernkomponist dar. Als Auftragskomposition des Teatro La Fenice, Venedig, zu einem Libretto von Gaetano Rossi erstellt, trat das Werk einen Siegeszug um die Welt an. Regisseur Jan Philipp Gloger nimmt die Herausforderung an, die zahlreichen Affektumschwünge in endlosen Arien, Duetten und Ensembles passend zu bebildern. Adriana Bastidas-Gamboa in der Titelpartie und Giuliana Gianfaldoni als Amenaide begeistern auf der ganzen Linie mit erlesenem Belcanto. Die Verlegung aus dem Syrakus des Mittelalters in das Drogendealer-Milieu eines heutigen lateinamerikanischen Landes ermöglicht spannendes Regietheater. Premiere war am 18. Juli 2024 bei den Bregenzer Festspielen, von denen die Inszenierung übernommen wurde. (Rezension der Premiere v. 21. Juni 2026

 

Eigentlich geht es im Libretto um eine Geschichte im Kreuzritter-Milieu, und Tancredi ist ein Ritter unbekannter Herkunft, in den Amenaide verliebt ist. Die Titelpartie ist eine Hosenrolle. In einer katholisch geprägten autoritären Männergesellschaft zwingt Argirio, Amenaides Vater, seine Tochter, Orbazzano, den Clanchef der rivalisierenden, aber jetzt gegen einen gemeinsamen Feind mit ihm verbündeten Familie zu heiraten. Amenaide liebt jedoch Tancredi. Ein abgefangener Brief lässt sie als Verräterin erscheinen, und sie wird zum Tode verurteilt. Der erste Akt gipfelt in dem Tumult, der dadurch entsteht, dass Amenaide sich vor versammelter Hochzeitsgesellschaft weigert, Orbazzano zu heiraten. Tancredi, der sich Argirios Kämpfern als Söldner angeschlossen hat, tötet Orbazzano im Zweikampf. Die Liebe der beiden endet tragisch mit Tancredis Tod.

Regisseur Jan Philip Gloger hat die Rolle des Tancredi als das gesehen, was sie ist, nämlich eine Rolle, die von einer Frau gesungen wird, die als Mann verkleidet ist. Warum nicht einfach die Liebe von Amenaide und Tancredi als Liebe zweier Frauen darstellen, von denen eine sich als Mann verkleidet, um sich in der Männergesellschaft, in der sie lebt, als geschickte Kriegerin behaupten zu können? Was sich dem unbefangenen Zuschauer erst ganz zum Schluss erschließt, wurde im Einführungsvortrag verraten.

Oper Köln/ TANCREDI/ Herrenchor der Oper Köln, Dmitry Ivanchey, Adriana Bastidas-Gamboa/ Foto: © Matthias Jung

Folgerichtig ist eine Verbindung der beiden Protagonistinnen im katholischen Milieu ohnehin zum Scheitern verurteilt. Im Hinblick darauf, dass es Rossini nicht auf Ort und Zeit ankommt, sondern auf die Darstellung der Gefühlsschwankungen, die die Protagonistinnen und Protagonisten erleben und darstellen, zum Teil in bis zu acht Minuten langen Arien und Ensembles, siedelt Gloger die Handlung im Drogendealermilieu eines lateinamerikanischen Landes in der Villa des Drogenbosses Argirio an. Bühnenbildner Ben Baur hat sie auf der Drehbühne mit Einblicken in die schmuddelige Küche, den großen Innenhof, Amenaides Zimmer, Argirios Besprechungszimmer, das Fitness-Studio, die Folterkammer und den Lagerraum aufgebaut. Tancredi schleicht um das Haus und kommt durch das Fenster in Amenaides Zimmer. Justina Klymczyk steckt Chor und Protagonisten in Jeans, Cargohosen und T-Shirts, Argirio mit protziger Armbanduhr und dicker Goldkette, Amenaide mit aufwändigem Brautkleid, Tancredi im schwarzem Hoodie und Armeehose mit Kampfstiefeln. Die Drehbühne gestattet schnelle Szenenwechsel, der etwa 30-köpfige Herrenchor und die acht Stuntmen sind ständig in Bewegung. Während der Arien und Ensembles, die ihre Gefühle reflektieren, treten die Protagonisten aus der Drehbühne und damit aus der Handlung heraus, und Stuntmen von Showtalentwork verhören einen Gefangenen, foltern einen anderen, prügeln sich, oder füllen Kokain in Tütchen ab. Das ursprüngliche lieto fine, das Happy End, das dem Zeitgeschmack geschuldet war, hat Gloger verworfen und stattdessen den kürzlich gefundenen von Rossini für Ferrara geschriebenen Schluss nach dem Original-Text von Voltaire mit Tancredis ergreifender Sterbeszene – sie stirbt im Kugelhagel der Polizei – inszeniert.

Gioacchino Rossinis Verdienst ist es, dass er die alte opera seria à la Händel in eine neue Belcanto-Dramatik überführt: Der Fortgang der Handlung liegt in den Affektumschwüngen bei Arien und Ensembles, das Secco-Rezitativ gibt es nicht mehr. Tancredi, dessen Auftrittsarie Di tanti palpiti zum Gassenhauer wurde, ist eine düstere Gestalt mit Ritter-Ethos, deren dunkler Mezzo mit dem Sopran Amenaides ganz besonders delikate Duette, bei denen die Stimmen besonders fein ineinandergreifen, ermöglicht. Die in Barock- und Belcantorollen versierte Adriana Bastidas-Gamboa (Rinaldo, Cenerentola) erweist sich als Idealbesetzung, denn mit ihrem flexiblen und vielfarbigen Mezzo gestaltet sie sowohl die heroischen Szenen als Krieger als auch die lyrischen Szenen als an der Liebe ihrer Geliebten zweifelnde Geliebte souverän. Adäquat ist erst recht die Amenaide des Rossini-Festivals in Pesaro: die junge Belcanto-Sopranistin Giuliana Gianfaldoni. Über die ganze Oper hinweg mit glasklaren, rhythmisch sauberen eleganten Läufen, Trillern, schnellen Passagen und präzisen Verzierungen zeichnet sie das Bild einer jungen Frau, die sich für die Liebe ihres Lebens gegen ihren autoritären Vater in einer frauenfeindlichen Männergesellschaft durchsetzen muss und von ihrer zweifelnden Partnerin enttäuscht wird. Hinter der Orchesterbegleitung kann sie sich nicht verstecken, denn die ist sehr filigran und transparent. Die Duette der beiden Protagonistinnen sind Juwelen des Ensemblegesangs, denn die Stimmen verschmelzen zur perfekten Einheit.

Oper Köln/TANCREDI/Adriana Bastidas-Gamboa, Herrenchor der Oper Köln, Johanna Thomsen, Giuliana Gianfaldoni, Dmitry Ivanchey, Wesley Harrison/Foto: © Matthias Jung

Die Rolle des Drogenbosses und strengen Vaters füllte Dmitry Ivanchey mit flexiblem Tenor aus, er betonte den Charakter des belcantistisch beweglichen Rossini-Tenors, der in der hellen, exponierten Höhe Legato und Koloraturen souverän bewältigte. Vermutlich liegt es an der Komplexität der Figur und an der Partitur, dass man in ihm eher einen weiteren Liebhaber Amenaides als einen autoritären Vater und Herrscher sah. Er schien mir einfach zu jung und attraktiv für diese Partie. Es entspricht nicht mehr unseren Rezeptionsgewohnheiten, dass ein autoritärer Vater von einem Tenor gesungen wird. Gabriele Sagona war genau der Basso cantante, den man für die Rolle des derben Orbazzano braucht: mit kerniger Mittellage und tragfähiger, bedrohlich wirkender Tiefe, aber auch Beweglichkeit nach oben blieb er in allen Lagen flexibel und agil. Die Rollen der Isaura und des Roggiero wurden durch Johanna Thomsen und Wesley Harrison aus dem Opernstudio adäquat besetzt.

Der von Rustam Samedow einstudierte Herrenchor der Oper Köln verkörpert die Stimme des Volkes. Der Chor kommentiert, zum Beispiel nach der Denunziation Amenaides als Verräterin, und fordert Handlung ein – sie sterbe! – und geht damit weit über die in der opera seria übliche Funktion des Chors hinaus. Bei Glogers Inszenierung zeigen Chor und acht Stuntmen das rüde Verhalten von rivalisierenden Drogenbanden untereinander, wie Prügeleien, brutale Verhöre und Folterungen, und illustrieren, dass wir uns in einer Parallelgesellschaft befinden, in der andere, noch strengere Gesetze und Verhaltensmaßstäbe gelten als im normalen Leben.

George Petrou begleitet mit dem Gürzenich-Orchester die erlesen und filigran instrumentierten Arien und Ensembles. Flöten, Hörner, Trompeten und Posaunen und Streicher glänzen und machen den Belcanto zu einem Hochgenuss. Bei der großen Sterbeszene Tancredis litten alle mit den Protagonistinnen mit. Mit Glogers Idee, Tancredi als Frau aufzufassen, werden die zahlreichen Duette der Protagonistinnen auf einmal mit einer weiteren Bedeutung aufgeladen, der Liebe zwischen zwei Frauen, die so selten thematisiert wird. Die Tatsache, dass Tancredi eine Frau ist, gibt der Weigerung Amenaides, Orbazzano zu heiraten, eine noch tiefere Bedeutung. Das gibt der Oper einen zeitlos-aktuellen Kick.

Rossini-Fans kann ich den Besuch nur dringend empfehlen, denn es wird genregerecht gesungen und musiziert. Wer mit Belcanto-Tragödien nicht viel anfangen kann, kommt aufgrund der temporeichen Inszenierung im Stil eines Thrillers im Drogenmilieu trotzdem auf seine Kosten, aber es ist nichts für zart Besaitete, denn es wird Gewalt ausgeübt und geschossen.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln
  • Titelfoto: Oper Köln/TANCREDI/Adriana Bastidas-Gamboa/Foto: © Matthias Jung
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