
150 Jahre Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth! Ein Jubiläum, das mit einem außergewöhnlichen Auftakt aufwartete. Während die Festspiele alljährlich traditionell am 25. Juli eröffnen, dehnte sich der Beginn in diesem Sommer zu einem ganzen Eröffnungswochenende aus. Bereits am Vorabend ließ das Festspielorchester unter der Leitung von Pablo Heras-Casado bei einem Open-Air-Konzert am Grünen Hügel Höhepunkte aus Richard Wagners Opern erklingen. Die eigentliche Festspielpremiere folgte erst am Sonntag: Mit Rienzi gelangte Wagners frühes Bühnenwerk erstmals überhaupt im Bayreuther Festspielhaus zur Aufführung. Der 25. Juli 2026 selbst war einem Festakt vorbehalten, der das 150-jährige Bestehen der Bayreuther Festspiele würdigte. Im Zentrum stand dabei nicht Wagner, sondern Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie in d-Moll op. 125 mit Christian Thielemann.
Nach der Begrüßung durch Festspielleiterin Prof. Katharina Wagner erklang unter Thielemanns musikalischer Leitung in festlich strahlender Interpretation das Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg. Es folgten Ansprachen von Bundeskanzler Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder. Merz spannte einen weiten kulturhistorischen Bogen: Von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven über den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus und dessen verheerende Folgen für das deutsche Kulturleben bis zur wechselvollen, wie schuldhaften Rolle der Bayreuther Festspiele in diesem historischen Gefüge. Seine Gedanken führten weiter zur Herausbildung eines demokratischen deutschen Staatsverständnisses, zu Thomas Mann und schließlich zur Kunstfreiheit als unverzichtbares Fundament einer offenen Gesellschaft. Markus Söder griff diesen Gedanken auf, wählte jedoch einen persönlicheren Zugang. Er schilderte seinen über Jahrzehnte gewachsenen Weg zu Richard Wagners Musikdramen und machte deutlich, wie ihm sich diese Welt erst durch wiederholte Besuche auf dem Grünen Hügel nach und nach erschlossen habe.
Die Cousine der Festspielchefin, Prof. Dr. Nike Wagner, hielt die Festrede des Abends. Mit Witz und feiner Pointierung sprach sie über ihre Familie, die Geschichte und die finanzielle Situation der Bayreuther Festspiele sowie über die Frage, ob deren Leitung auch künftig in den Händen der Familie Wagner bleiben sollte oder ob eine familienfremde Intendanz eine andere, überzeugendere Perspektive bieten könnte.

Nach der Pause erklang mit Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9 in d-Moll op. 125 jenes Werk, das als singuläre Ausnahme neben den zehn kanonischen Wagner-Opern immer wieder seinen Platz auf dem Grünen Hügel gefunden hat. Bedeutsame Aufführungen dieser Sinfonie waren beispielsweise zur Grundsteinlegung des Festspielhauses am 22. Mai 1872 unter Richard Wagner selbst oder zur Wiedereröffnung der Festspiele in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1951 unter Wilhelm Furtwängler. Dessen atmendes, organisch fließendes Dirigat, jenes tiefe „Hineingehen“ in die Musik, dass seine Beethoven- und Wagner-Deutungen legendär werden ließ, bildet seit jeher auch einen wesentlichen Bezugspunkt für Christian Thielemanns eigene musikalische Auffassung.
Zunächst allerdings verlangte der ungewohnte Höreindruck eine gewisse Umstellung. Bei besten Sichtverhältnissen saß das Festspielorchester nämlich auf der Bühne und nicht im „mystischen Abgrund“ des verdeckten Grabens. Die unmittelbare optische Nähe wollte sich mit dem überraschend distanziert wirkenden Klang zunächst nicht recht verbinden.
Thielemann entwickelte Beethovens Neunte aus der spätromantischen Aufführungstradition heraus. Vor allem die beiden ersten, ihrem Wesen nach von Energie und Lebhaftigkeit geprägten Sätze, nahm er in ungewöhnlich breiten Tempi. Weit gespannte Generalpausen, ausufernde Rubati und eine bis an die Grenze des Verhauchens zurückgenommene Dynamik verliehen der Interpretation einen geradezu kontemplativen Charakter. „Doch war’s vielleicht auch Eitelkeit?“ Mancher Hörer mochte hierin eine übersteigerte Stilisierung, vielleicht gar eine gewisse Manieriertheit erkennen. Wer die Aufführung lediglich über die Radioübertragung verfolgte, konnte angesichts dieser Eigenwilligkeiten – oder bösartig formuliert, „Marotten“ – durchaus irritiert abschalten. Im Festspielhaus hingegen wurde erfahrbar, wie vertraut Thielemann mit dem Festspielorchester atmete und den musikalischen Fluss aus dem Augenblick heraus formte. Diese Spontanität entwickelte ihre ganz eigentümliche Sogkraft, der man sich kaum entziehen konnte.
Erst im Finalsatz fügten sich die zuvor bisweilen auseinanderstrebenden Motivstränge zu einer überwältigenden Einheit. Das Solistenquartett wurde von Georg Zeppenfeld mit Noblesse in der Bass-Stimme angeführt. An seiner Seite begeisterten Elza van den Heever mit ihrem glühenden, farbenreich schimmernden Sopran und Christa Mayers warme, wie ausdrucksstarke Mezzo-Stimme. Über allem aber strahlte Klaus Florian Vogt: Mit hellem Timbre durchdrang seine unverwechselbare Tenorstimme selbst den dichtesten Orchesterklang. Nicht minder eindrucksvoll präsentierte sich der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Festspielchor.

Am Folgetag prägte Michel Friedman die Gedenkveranstaltung Verstummte Stimmen mit einem ergreifenden, wie notwendigen Vortrag. Er spannte den Bogen vom Antisemitismus zu Richard Wagners Zeiten zum Holocaust der NS-Diktatur bis zu den Erscheinungsformen des Judenhasses in der Gegenwart. Zugleich warb er für die Wehrhaftigkeit der Demokratie und erinnerte daran, dass Freiheit, Menschenwürde und Pluralismus stets neu zu verteidigende Werte sind. Musikalisch gerahmt wurde die Veranstaltung von Semyon Bychkov mit Richard Wagners Siegfried-Idyll. Der in Leningrad geborene Dirigent, der einer jüdischen Familie entstammt, verließ seine Heimat 1975 auch aufgrund antisemitischer Anfeindungen.
Summa summarum ein würdiges, wie ereignisreiches Festspielwochenende. Über die sich anschließende Festspielpremiere Rienzi berichten wir gesondert.
- Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayreuther Festspiele 2026
- Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/Festspieleröffnung/Christian Thielemann/Foto: Enrico Nawrath