Unbedingter Gehorsam und blinde Obsession – Tschaikowskis „Mazeppa“ an der Oper Frankfurt

Oper Frankfurt/MAZEPPA/Nombulelo Yende (Maria) und Karolina Makuła (Ljubow)/Foto:© Xiomara Bender

Zugegebenermaßen ist Mazeppa die eher stiefmütterlich behandelte Oper des russischen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Während Eugen Onegin, Pique Dame und selbst Iolanta hierzulande regelmäßig gespielt werden, sucht man Mazeppa – das wohl pessimistischste und düsterste seiner Bühnenwerke – oft vergeblich auf den Spielplänen hiesiger Opernhäuser. (Besuchte Vorstellung: 18. September 2026)

 

 

Nach den überaus sehenswerten Inszenierungen von Tschaikowskis Iolanta und Die Zauberin holt die Oper Frankfurt nun auch Mazeppa an ihr Haus. Die Inszenierung von Matthew Wild wurde bereits 2024 bei den Tiroler Festspielen in Erl aufgeführt. Ebenso wie Pique Dame und Eugen Onegin basiert Mazeppa auf einer literarischen Vorlage von Alexander Puschkin. Sein Gedicht Poltawa (1829) erzählt vom Kosakenführer Iwan Mazeppa, den Oberbefehlshaber der ukrainischen Truppen, der sich mit einem Aufstand gegen die russische Vorherrschaft richtet.

Wild inszeniert Mazeppa jedoch losgelöst von der über die Jahrhunderte verklärte historische Figur. Neben der von Gewalt, Intrigen und Machtkämpfen geprägten Geschichte steht auch besonders die Beziehung Mazeppas zu Maria im Zentrum der Inszenierung: Als ihr einstiger Patenonkel nimmt er sie trotz ärgster Widerstände ihrer Familie zur Frau. Sie liebt ihn, doch Matthew Wild zeigt eindrücklich, von welcher Art diese Beziehung wirklich ist. Erlebnisse aus der Kindheit, unverarbeitete Traumata und eine Liebe, die eher als Abhängigkeit, Obsession und der Wunsch, einen anderen Menschen bessern zu wollen, beschrieben werden kann.

Oper Frankfurt/ MAZEPPA/ Petr Sokolov (Mazeppa) und Alexander Roslavets (Kotschubej)/ Foto:© Xiomara Bender

Mazeppa, von Petr Sokolov mit herber und viriler Stimme gesungen, die sein Alter in angenehmer Ambivalenz erscheinen lässt, gibt einen abgeklärten Anführer, der zwischen seiner durchaus glaubwürdigen Liebe zu Maria und seiner Gier nach Macht und Geltung schwingt. Mit seinem grauen Doppelreiher und der breiten Hornbrille wirkt er etwas wie ein bürokratischer SED-Funktionär und weniger wie ein kaltblütiger Anführer. Und so sind es auch seine Schergen, die die Drecksarbeit verrichten: Das Entführen, Foltern und Töten überlässt Mazeppa den anderen. Diese haben allerlei Instrumente zur Hand, um Grauen einzuflößen, Körperteile abzutrennen und eine Schreckensherrschaft zu verbreiten.

Ästhetisch bewegen sich Bühnenbild und Kostüme in einer subtilen Sowjet-Ästhetik des späten 20. Jahrhunderts. Das Historiendrama wird in die nahe Gegenwart geholt, spielt ein wenig mit den Klischees, entledigt sich jedoch jeglicher erwartbarer Russland/Ukraine-Kritik und damit auch einer übermäßigen Politisierung. Stattdessen changiert Wild in seiner Inszenierung zwischen eindrucksvollen Chorszenen und intimen Kammerspiel mit dem erreichten Ziel, psychologische Feinheiten und menschliche Abgründe aufzuzeigen. Der Chor der Oper Frankfurt überzeugte mit einem sehr weichen und flexiblen Klang, in welchem der Mensch als Subjekt und Individuum und weniger als anonyme Masse erlebbar wurde.

Die konzeptionelle Vorarbeit zu Wilds Inszenierung begann bereits 2021. Unweigerlich lassen sich bei dem Sujet des Werks Parallelen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine aufkommen. So zieren auch Bilder von Panzern und zerstörten Städten, vielleicht sind es aktuelle Aufnahmen aus Bachmut oder Mariupol, die Leinwand im dritten Akt. Das Gebiet der Ukraine ist wie kaum ein zweites immer wieder Ziel russischer bzw. sowjetischer Aggressionen. Dennoch lassen sich die bandenartigen, organisierten Verbrecher, korrupt und auf das Ausschalten politischer Gegner bedacht, auch auf andere Epochen und Länder übertragen. Sie besitzen so eine erschreckende Allgemeingültigkeit verbrecherischer Regime und rivalisierender politischer Gruppen.

Die eigentliche Hauptperson in Wilds Lesart von Mazeppa ist jedoch Maria, deren Leben hier von Kindesalter an erzählt wird. Ihr erstes Zusammentreffen mit Mazeppa wird zum Schlüsselmoment, der ihr weiteres Leben bestimmen soll. Diese lolita-eske, formative Begegnung zieht sie in Mazeppas zweifelhafte Unterwelt, sie wird von ihrer Familie entfremdet, stellt sich gegen sie, alles für Mazeppa. Diese pathologische Obsession und Abhängigkeit wird letztlich ihr Untergang sein. Als sie erkennt, dass sie mit ihrer Entscheidung für Mazeppa das Schicksal ihres Vaters – seinen Tod – besiegelt hat, wird sie verrückt und flieht zurück in ihre unbeschwerte und unschuldige Welt ihrer Kindheit. Ein starkes Bild schafft Wild, wenn er Maria mit ihren blutbefleckten Kuscheltieren spielen lässt. Stets trägt sie Kleider, die sie auch als Kind getragen hat – ein weiteres Zeichen für ihr arretiertes Erwachsenwerden, ihr zwanghaftes Festhalten an ihrer unschuldigen, längst vergangenen Kindheit.

Oper Frankfurt/ MAZEPPA/ Nombulelo Yende (Maria) und Ensemble/ Foto:© Xiomara Bender

Die Sopranistin Nombulelo Yende, seit der Spielzeit 2024/25 Teil des Frankfurter Ensembles, stellt Maria als liebenswerte, liebesbedürftige und letztlich gebrochene Frau dar – in all ihren Facetten schafft sie ein rührendes Rollenporträt, das auch stimmlich berührte und fesselte. Ihre weiche, feinsinnige Sopranstimme lässt die Zerbrechlichkeit und Melancholie ihrer Partie gänzlich nachempfinden. Mit Yende als Marie ist der Oper Frankfurt ein großer Coup gelungen.

Marias Vater, Kotschubej wurde von Alex Birkus mit Gravitas und väterliche Würde in klangschöner Bass-Stimme verkörpert. John Findon beeindruckte als verschmähter Liebhaber Marias mit profunder Tenorstimme, die agil und flexibel und überaus melodisch geführt war. Sein Andrej war ein ebenso williger wie machtloser Widersacher, der seinem übermächtigen Gegner nur wenig entgegensetzen konnte.

Karsten Januschke entlockte dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester einen weichen, besonders in den Holzbläsern sehr durchhörbaren und Tschaikowski-Klang, der besonders in den intimen Szenen der Oper berührte. In den dramatischen Zuspitzungen der Partitur konnte Januschke den Spannungsbogen jedoch nur bedingt intensivieren, so hätte manch zusätzliches Accelerando aus dem Orchestergraben eher doch der erbarmungslosen, wie gewalttätigen Bühnensprache Wilds entsprochen.

Mazeppa mag vielleicht nicht die beliebteste der Tschaikowski-Opern sein, aber Matthew Wild hat bewiesen, dass das Werk auch heute noch Relevanz besitzt. Gewisse Konflikte scheinen die Zeiten zu überdauern, flammen immer wieder auf und verlangen jedes Mal ihre unschuldigen Opfer.

 

  • Rezension von Alexandra Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Frankfurt
  • Titelfoto: Oper Frankfurt/MAZEPPA/Petr Sokolov (Mazeppa) und Nombulelo Yende (Maria)/ Foto:© Xiomara Bender
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