Erste Premiere in der Oper Köln: „Der Rosenkavalier“ als deftige „#MeToo“-Komödie

Oper Köln/ DER ROSENKAVALIER/Patrick Zielke, Magdalena Hinterdobler/ Foto:Matthias Jung

Nach 14 Jahren Bauzeit zeigte sich der Offenbachplatz am letzten September-Wochenende als attraktiver Mittelpunkt des Kölner städtischen Kulturlebens mit zwei Spielstätten des Schauspielhauses, einer neu gebauten Kinderoper und dem Opernhaus mit 1280 Plätzen. Die erste Opernpremiere am 27. September 2026 erwies sich als radikale Analyse der „#MeToo“-Problematik. Regisseurin und Videogestalterin Marie-Ève Signeyrole holte das Sujet in die Gegenwart und stellte den Baron Ochs als mächtigen Filmproduzenten und die Marschallin Fürstin Werdenfels als Filmregisseurin dar, die gleichzeitig ihre eigene Hauptdarstellerin ist. Sie verfilmt den „Rosenkavalier“. Mit Patrick Zielke als Ochs hat man einen Protagonisten, der mit viel Körpereinsatz den Baron bzw. mächtigen Filmproduzenten darstellt, der es gewohnt ist, jede Frau zu benutzen, die er haben möchte. Um die minderjährige Sophie hält er nur an, um sich aus einer finanziellen Klemme zu befreien, und bildet sich auch noch ein, er lasse sich zu ihr herab. Signeyrole gelingt es, sehr deutlich zu zeigen, wie sich eine Frau fühlen muss, die von einem gesellschaftlich höher gestellten älteren Mann, von dem sie abhängig ist, sexuell belästigt wird. Die verschiedenen Handlungsebenen und Umdeutungen von Szenen verwirren allerdings. Neben lebhaftem Applaus gab es auch zahlreiche kräftige Buhrufe für das Regieteam. (Rezension der Premiere v . 27. September 2026)

 

Als „Der Rosenkavalier“ am 26. Januar 1911 am Königlichen Opernhaus Dresden uraufgeführt wurde, hatten Textdichter Hugo von Hofmannsthal und Komponist Richard Strauss mit Alfred Roller einen kongenialen Bühnen- und Kostümbildner gefunden, der den Geist des Rokoko in seinem Regiebuch beschrieb und zeichnete. Strauss und Hofmannsthal legten Rollers Entwürfe ausdrücklich als verbindliche Aufführungspraxis bei Vergabe der Aufführungsrechte durch den Verlag fest; es handelte sich um einen ungewöhnlich starken künstlerischen und verlegerischen Inszenierungsanspruch, wie er heute allenfalls bei Musicals üblich ist. In der Wiener Staatsoper hält man sich immer noch an Rollers Vorgaben, und auch in der Oper am Rhein, Düsseldorf, ist die Inszenierung von Otto Schenk nach diesen Vorgaben noch im Repertoire. In den 1970-er Jahren kehrten sich die Theater jedoch weitgehend von dieser Festlegung ab. Die Premiere der Inszenierung des „Rosenkavaliers“ von Günter Krämer, Kölner Intendant von 1995 bis 2002, die in Köln am 5. Oktober 2002 Premiere hatte, verstörte mit Kostümen von Falk Bauer und dem Bühnenbild von Jürgen Bäckmann das Publikum, denn Krämer und sein Team entlarvten das Rokoko des Rollerschen Regiebuchs als absolut künstlich und konstruiert. Die Wende brachte die zweite Wiederaufnahme der Produktion in der Ära von Uwe Eric Laufenberg, der Krämer 2002 als Intendant ablöste. Er besetzte die Marschallin mit Kiri te Kanawa, entschärfte die Inszenierung und lockte damit das Publikum in Scharen an. In einem weißen Rokoko-Kleid mit riesigem Reifrock saß die Star-Sopranistin als Regisseurin der Handlung in einer Loge am Rand der Bühne und beobachtete die Szene des zweiten und des beginnenden dritten Akts mit einem Opernglas, während Ochs mit Lederhose als eine Art Trottel vom Land dargestellt wurde.

1925 drehte Robert Wiene den Stummfilm „Der Rosenkavalier“, Premiere 1926 in der Dresdner Semperoper, bei der Richard Strauss seine eigens für diesen Film geschaffene Fassung der Filmmusik des „Rosenkavaliers“ dirigierte. Dieser Film, der aufwändig restauriert wurde, kam 2015 in einer Serie von Konzerten mit Original-Musik von Richard Strauss an verschiedenen Orten zur Aufführung und kann auf youtube abgerufen werden. Jetzt verknüpft Marie Ève Signeyrole in ihrem Regiekonzept die beiden Stränge und sieht in der Marschallin die Regisseurin, die sich selbst im Film spielt, mit einer jungen Sängerin als Octavian. Die Oper beginnt mit den Dreharbeiten zur ersten Szene, bei der die Gesichter der Protagonistinnen in Großaufnahme gezeigt werden. Nach der Feststellung „Hippolyte, Sie haben eine alte Frau aus mir gemacht“ tritt die Regisseurin aus ihrer Rolle als Marschallin heraus, schüttelt ihre mittellangen glatten dunklen Haare und zieht die Uniform kunstschaffender Damen, einen schwarzen Hosenanzug, an. So gekleidet war die Intendantin von 2012 bis 2022, Dr. Birgit Meyer, immer abends bei den Premieren im Staatenhaus, der Ersatzspielstätte von 2015 bis 2026, anwesend.

Oper Köln/ DER ROSENKAVALIER/Giulia Montanari, Bianca Andrew/ Foto: Matthias Jung

„Ochs auf Lerchenau“- so sollte „Der Rosenkavalier“ nach dem Willen seiner Autoren ursprünglich heißen. Mit der Umdeutung des adelsstolzen Landadeligen, der ein junges Mädchen aus nobilitiertem bürgerlichem, aber reichem Haus heiraten will, um sich finanziell zu sanieren, in den meisten Inszenierungen am ehesten der Kategorie „dummer Alter“ zuzuordnen, in einen mächtigen Filmproduzenten, entfalten die Worte, die ihm Hugo von Hofmannsthal in den Mund legt, ihre Brisanz: „Hätte Verwendung für tausend Gestalten/ tausend Jungfern festzuhalten/ wäre mir keine zu junge, zu herbe/ keine zu niedrige, keine zu derbe./ Tät mich vor keinem Versteck nicht schämen/ seh´ ich was Lieb´s, ich muss mir´s nehmen“ In der Konversation mit der Marschallin outet sich Ochs als sexbesessener Lustmolch, der sich als unantastbarer Feudalherr ohne Rücksicht auf Verluste und auch auf illegitime Nachkommen, nimmt, wonach ihm der Sinn steht. Damit ist ein Machtgefälle ausgestaltet, das es bis vor kurzem nur noch auf der „Besetzungscouch“ gab. Folgerichtig wird aus dem (erfundenen) Ritual der Überreichung der silbernen Rose die Verleihung des Filmpreises „Silberne Rose“ an die junge Schauspielerin Sophie von Faninal. Die Demontage des mächtigen Moguls Ochs in einem Beisel mit Séparée gerät dann auch zu einer Farce, bei der die Marschallin Fürstin Werdenfels den Baron Ochs der Szene verweist wie einen geprügelten Hund, und das Schlussterzett bestätigt, dass die Marschallin alles richtig gemacht hat, indem sie ihren 17-jährigen Geliebten der jungen Sophie überlässt.

Beim Bühnenbild dominieren im ersten Akt die Kameraleute und Großaufnahmen der Protagonistinnen, die Bühne ist weitgehend leer bis auf das weiße französische Bett, das auch im dritten Akt eine zentrale Rolle spielt. Im zweiten Akt zitiert Bühnenbildner Fabien Teigné die Optik von Filmpreisverleihungen. Immer wieder werden Filmaufnahmen als Hintergrund eingespielt, die zum Teil live vor Ort übertragen werden und Personen in Großaufnahme zeigen. Die Kostüme von Yashi unter Mitarbeit von Renè Neumann sind modern, wobei beim Filmdreh die Darstellerinnen historisierende Korsagen aus der Entstehungszeit tragen. Die Fluidität der Geschlechterrollen verdeutlicht Octavians Outfit im zweiten Akt. Zu einem typischen Herrenhaarschnitt im Garcon-Stil trägt sie einen durchaus weiblichen Hosenanzug mit ärmellosem Seidentop und hochhackige Pumps.

So weit das Konzept. Die Durchführung ließ Fragen über Fragen aufkommen und Brüche zwischen den Handlungsebenen, die mehr als verwirrend waren. Was machen die Kameraleute und das Filmteam im Schlafzimmer der Marschallin? Warum singt der italienische Sänger vor einer stilisierten Hausfassade? Wie kommen Ochs und der Notar aus dem Schlafzimmer der Marschallin plötzlich dorthin? Was hat der Filmpreis „Silberne Rose“ mit den Heiratsplänen des Ochs zu tun? Warum findet die Rache der Frauen an Ochs im Rahmen einer raffiniert eingefädelten Intrige statt und nicht als öffentliche „Hinrichtung“ im Rahmen eines Gerichtsverfahrens? Für schlichte Zuschauer, die auch in der Oper eine sauber erzählte stringente Handlung erwarten, war das alles zu viel, und es erhoben sich am Schluss der Vorstellung kräftige anhaltende Buhrufe beim Auftritt des Regieteams.

Oper Köln/ DER ROSENKAVALIER/Giulia Montanari, Patrick Zielke, Christian Miedl, Claudia Rohrbach, Chor der Oper Köln/Foto: Matthias Jung

Patrick Zielke, 2020 für seine Darstellung des Ochs in Bremen mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet, lebte diese Rolle an verschiedenen Opernhäusern, unter anderem in Mannheim, Nürnberg und Frankfurt. Er zeichnete den noch gar nicht so „alten weißen Mann“ mit beeindruckendem Körpereinsatz als skrupellosen, von keinerlei Selbstkritik getrübten Machtmensch, den einzig die – ranghöhere – Marschallin in seine Schranken verweisen konnte. Stimmlich der Rolle mit eleganten Melodiebögen mehr als adäquat zeichnete Magdalena Hinterdobler das Portrait der reifen Frau, die weiß, wann es Zeit ist, Verzicht zu üben und das Beste aus der Situation zu machen. Christian Miedl als Herr von Faninal stellte beeindruckend dar, wie ein rangniederer gerade erst Nobilitierter einen ranghöheren Baron hofiert und ihm sogar das Glück seiner Tochter opfert. Die Sophie der Giulia Montanari, einzige Hauptrolle, die aus dem Ensemble besetzt war, machte mit ihrem wunderbaren silberhellen lyrischen Sopran eine Entwicklung durch vom naiven, von der Situation hoffnungslos überforderten Backfisch zur selbstbewussten jungen Frau, die für ihr Liebesglück mit Octavian kämpft. Bei Bianca Andrew als Octavian kulminierte sich die Gender-Ambivalenz: Ist sie nun eine junge Frau, die mit der Regisseurin eine lesbische Affäre hat, wie ihr Kostüm in der Eingangsszene suggeriert, oder ist sie eine Mezzosopranistin, die einen jungen Mann spielt? Stimmlich absolut adäquat widersteht sie jeglicher Versuchung, die Rollen zu überzeichnen, und auf jeden Fall gewinnt der Octavian als ebenbürtiger Partner Sophies an Reife und Statur. Ihre Interaktion mit Ochs als Mariandl karikiert ein wenig auch die Berechnung mancher junger Frauen, sich mit mächtigen Schwerenötern einzulassen. Youn Woo Kims Auftritt als italienischer Sänger wurde in der Inszenierung verschenkt: so nebenbei vor einem stilisierten Haus lieferte er seine sauschwere Arie ab – da gibt es sonst Szenenapplaus, wenigstens von den anwesenden Teilnehmern am Lever der Marschallin auf der Bühne. Mit den übrigen Rollen waren Ensemble und Opernstudio adäquat beschäftigt. Der Kölner Opernchor und Mädchen und Knaben der Kölner Dommusik als vorgebliche uneheliche Kinder mit Annina unter der Leitung von Rustam Samedow glänzten in den wenigen Chorszenen.

Vorschusslorbeeren erhielt der Kölner Generalmusikdirektor Andrés Orozco-Estrada mit dem Gürzenich-Orchester bereits am Anfang, und in den Tutti-Passagen brillierten sie. Aber auch sie enttäuschten in den lyrischen Passagen. Es fehlten die leisen Stellen, das Filigrane, und es wurde alles gefühlt einheitlich dröhnend laut gespielt. Man hatte sich offensichtlich noch nicht von der schlechten Akustik des Staatenhauses auf die bessere Hörbarkeit im richtigen Opernhaus umgestellt. So ging der philosophische Aspekt, die Reflexion über die Zeit, und die Romantik, das Erwachen der jungen Liebe von Octavian und Sophie, auch musikalisch, im derben Possenspiel unter. Alles in allem hätte man dem Konzept und seiner Durchführung mehr Probenzeit gewünscht und kompetente Rückmeldungen über die Hörbarkeit des Orchesters im „richtigen“ Opernhaus. Die Überlänge der Aufführung und auch der Übertragung bei 3sat kam übrigens auch dadurch zustande, dass das frisch renovierte Foyer mit seinen Lüstern aus Muranoglas von zahlreichen Kölner Transvestiten als Bühne zur Selbstdarstellung genutzt wurde, und dass die überwiegend aufwändig gekleideten Gäste auf die Handglocken zur Beendigung der Pause zunächst erstmal nicht reagierten. Köln hat seine kulturelle Mitte wieder!

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln
  • Titelfoto: Oper Köln/DER ROSENKAVALIER/Magdalena Hinterdobler, Bianca Andrew/Foto: Matthias Jung
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2 Gedanken zu „Erste Premiere in der Oper Köln: „Der Rosenkavalier“ als deftige „#MeToo“-Komödie&8220;

  1. Ein Konzept, das in die Hosen ging. Ja, der Rosenkavalier wurde schon einmal verfilmt in der Stummfilmzeit, aber diese Idee zu wiederholen und mit der eigentlichen Opernhandlung zu vermischen und den Protagonisten zusätzliche Rollen als Drehbuchschreiberin und Regisseurin (Marschallin) und dem/der Oktavian zuzumuten, ist kein tragfähiges Konzept und verwirrt lediglich ZuschauerInnen und offensichtlich auch Sängerinnen, die darüber vergessen, differenziert zu singen, dem Parlando und dem Piano Platz zu geben. Gibt es keine/n Korrepetitor/in an der Kölner Oper, die den Rollendebütantinnen beibringen könnte, wie dieser Text und diese Musik zu interpretieren sind? Einen großen Anteil daran hat übrigens auch der Dirigent, der das Orchester zu einem lauten Einheitsbrei verführt und der zu keiner Differenzierung fähig ist. Noch ein Wort zu dem Geschlechter-Verwirrspiel des männlich/weiblichen Oktavian – Dass der „Bub“ eine Hosenrolle wurde, liegt lediglich an dem gespaltenen Verhältnis, das Richard Strauss zu Tenören hatte, die er eigentlich nicht mochte. So einfach liegen manchmal die Dinge und taugen nicht zu überdrehten Interpretationsversuchen.
    Schade, die Oper Köln hätte zur Wiedereröffnung etwas Besseres verdient.

  2. Wie schade um diese schönste Oper von richard Strauss, eine schwarze Inszenierung und ein (***) Sänger vermiesen mir das Zuschauen.

    * Bitte keine beleidigenden Äußerungen über Künstler. Vielen Dank. RED. DAS OPERNMAGAZIN

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