Puccinis “La rondine” am Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich/ LA RONDINE/Ermonela Jaho,  Juan Francisco Gatell/ Foto: Monika Rittershaus

Als 1913 Giacomo Puccini für eine Galavorstellung seiner „Fanciulla del West“ an die Hofoper nach Wien reiste und auch eine Operettenaufführung im damals führenden Karlstheater besuchte, nutzten die beiden Direktoren dieses Hauses die Gelegenheit und boten dem gefragten Komponisten den Auftrag für eine Operette an. Das große Honorar welches in Aussicht gestellt wurde, mag dann nach längerem Zögern der Beweggrund gewesen sein, sich auf die leichte Muse einzulassen. Jedoch sagte ihm das Textbuch von Alfred Willner und Heinz Reichert gar nicht zu. Erst als Giuseppe Adami diese Vorlage überarbeitet hatte, war Puccini bereit, mit dem Komponieren zu beginnen. (Rezension der Vorstellung v. 27. September 2026)

 

Der ursprüngliche Plan, eine Operette mit Musiknummern und eingefügten gesprochenen Dialogen wurde fallengelassen und so entstand ein durchkomponiertes „Drame lyrique“. Nur langsam kam Puccini mit seiner Arbeit voran und als dann 1915 Italien in den Krieg eintrat und Wien die Hauptstadt des Feindes wurde, war an eine dortige Aufführung nicht mehr zu denken. Im April 1916 war die Partitur bereit, wurde aber von Ricordi mit der Begründung abgelehnt, man wolle keinen „schlechten Léhar“ verlegen. So kam Ricordis Konkurrent Sonzogno zum Zuge. Die Premiere fand im März 1917 in Monte Carlo statt und wurde vom Publikum gefeiert. Doch dann wurde eine Pressekampagne gegen Puccini lanciert, welche ihm nahezu Landesverrat vorwarf.

Nach der Uraufführung in Monte Carlo wurde das Werk noch in Bologna und Rom erfolgreich aufgeführt, wo Beniamino Gigli als Ruggero eingesprungen war. Danach verschwand das Werk von den Spielplänen. Puccini mochte diese Oper sehr und war überzeugt, dass seine „Rondine“ auch in Zukunft wieder fliegen würde.

Opernhaus Zürich/ LA RONDINE/Ermonela Jaho, Benjamin Bernheim/ Foto: Monika Rittershaus

Das Opernhaus Zürich konnte mit der Schweizerischen Erstaufführung dieses Werkes zur Saisoneröffnung 2023/24 einen großen Erfolg feiern. Außer einer konzertanten Aufführung im Januar 1985 in Basel, war diese Oper hierzulande noch nie zu hören gewesen.

Die Geschichte von Magda, einem Waisenkind, welches als junges Mädchen bei Ihrer Tante aufgewachsen war und für einen Abend das Vergnügen im Café Bullier, einem Tanzkokal, kennenlernen will, ist voller Emotionen. Damals lernte sie einen jungen Studenten kennen, in welchen Sie sich verliebt hatte, doch diese kurze Romanze fand ein schnelles Ende, als Magda ihr eigener Mut unheimlich wurde und sie den jungen Mann einfach stehen liess. Sie kann keinen eigenen Beruf erlernen und gerät in die Kreise der Kurtisanen. Sie verkauft ihre Schönheit und ist mit dem Bankier Rambaldo zusammen, welcher Ihr ein luxuriöses Leben ermöglicht.

Und hier beginnt auch die Oper. Im Salon des Bankiers treffen sich Freunde bei einem Nachmittagsempfang. Auch der Dichter Prunier ist gekommen. Er improvisiert eine Romanze über die standhafte Doretta, die sich nicht vom König und seinem Reichtum verführen liess. Mitten in seinem Vortrag bricht er ab und nun erfindet Magda spontan einen Schuss dieses Liedes. Ihre Emotionen überraschen die Anwesenden sehr, denn Magda ist sonst eher zurückhaltend. Die Romanze erinnert sie an die Episode damals mit dem jungen Studenten und diese erzählt Magda ihren Freundinnen. Der Dichter Prunier, ein sehr von sich eingenommener junger Mann, liest Magda aus der Hand und sagt ihr voraus, dass ihr Leben wie das einer Schwalbe verlaufen werde, eine Reise zum Licht und zum Glück, mit einer Rückkehr in eine ungewisse Zukunft. Inzwischen ist Ruggero, der Sohn eines Geschäftsfreundes von Rambaldo, eingetroffen. Er ist ein junger, noch etwas schüchterner Mann, den die Freundinnen von Magda schnell umgarnen. Als Magda den Besucher beobachtet, steigen in ihr die Erinnerungen an das Erlebnis mit dem Studenten wieder auf. Da man seinen ersten Abend in Paris möglichst intensiv erleben muss, raten die Freundinnen zu einem Besuch in einem Lokal. Als Lisette, das Dienstmädchen, dann das Café Bullier vorschlägt, bricht die Gesellschaft auf. Magda möchte noch einmal den Moment von damals erleben und macht sich, verkleidet wie damals, auf den Weg zu Bullier.

Im Café herrscht schon reger Betrieb und Magda trifft auf Ruggero, welchen sie ja eben gerade im Salon gesehen hat. Er erkennt sie nicht und beide sind voneinander fasziniert. Als er sie nach dem Namen fragt, nennt sie sich Paulette. Er erzählt ihr von seinem Landleben. Man gibt sich seinen Gefühlen hin und erst als Magda entdeckt, dass Rambaldo sie beobachtet und es Prunier gelingt, Ruggero abzulenken, kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Magda und ihrem Geldgeber Rambaldo. Sie entsagt voller Emotion dem weiteren Leben mit Rambaldo und verlässt ihn. Sie will mit Ruggero das Liebesglück erleben und alles nachholen, was sie versäumt hat. Vor Glück liegt sie in den Armen von Ruggero. In einem Hotel in Nizza leben die beiden Verliebten nun schon seit längerer Zeit und geben sich ihrer Liebe hin. Doch diese Idylle wird durch die aufgelaufenen Rechnungen immer ungemütlicher. Ruggero schreibt an seine Eltern und bittet um Unterstützung. Er gesteht Magda, dass er auch um die Erlaubnis gebeten habe, Magda zu heiraten. Magda verschweigt weiterhin, wie ihr früheres Leben verlaufen ist. Da erscheint Prunier mit Lisa, der er zu einer Karriere als Sängerin verhelfen will. Doch bereits an ihrem erste Abend wird sie vom Publikum ausgepfiffen. Danach will sie nur noch Ruhe haben. Prunier kommt mit der Botschaft, dass Rambaldo sie wieder zu sich nehmen will, denn auch er, Prunier hätte sich inzwischen mit Lisa arrangiert. Magda will aber nichts von diesem Vorschlag wissen und so zerbricht die Freundschaft mit Prunier. Lisa bleibt als Dienstmädchen bei Magda.

Überglücklich kommt Ruggero mit der Botschaft, dass seine Mutter der Heirat zustimmen wolle, wenn es sich um ein ehrsames Mädchen handeln würde. In einer hochemotionalen Szene gesteht Magda Ruggero ihr früher geführtes Leben. Sie erklärt ihm, dass sie deshalb nie seine Ehefrau werden könne. Ruggero kann nicht begreifen, was ihm geschieht. Magda verlässt ihn und kehrt in ihr Leben im Luxus zurück. Wie damals, ist dieses kurze Glück wohl nur ein Traum gewesen.

Opernhaus Zürich/ LA RONDINE/ Chor/ Foto: Monika Rittershaus

Was für eine Freude, dass diese wunderbare Inszenierung von Christof Loy nun nach drei Jahren ihre umjubelte Wiederaufnahme im Opernhaus Zürich erleben durfte.

Das Bühnenbild von Étienne Pluss und die Kostüme von Barbara Drosihn und der Lichtgestaltung von Fabrice Kébour versetzen einen umgehend in die mondäne Ambiance des Bankiers Rambaldo, in die ausgelassene Stimmung im Café Bullier und in den sonnigen Salon in der Villa in Nizza. Bei dieser Inszenierung stimmt einfach alles und man wird nicht durch unnötige Requisiten von der Handlung abgelenkt.

Es ist gelungen, für diese Aufführungen die Originalbesetzung zum größten Teil wieder zusammenzubringen und somit den riesigen Erfolg der Oper erneut zu feiern.

Mit Ermonela Jaho als Magda kann man die perfekte Idealbesetzung dieser Partie erleben. Es ist faszinierend, wie sie die feinsten Nuancen und die grossen Emotionen in jedem Moment mit umwerfender Präsenz erfüllt und das Publikum begeistert. Spätestens wenn am Ende ihre Stimme nochmals aufleuchtet und das Licht auf der Bühne langsam erlischt, ist man den Tränen nahe.

Opernhaus Zürich/ LA RONDINE/Ermonela Jaho, Benjamin Bernheim/  Foto: Monika Rittershaus

Benjamin Bernheim überzeugt einmal mehr mit seiner strahlenden Stimme. Hier wird ebenfalls die ganze Emotion aufs schönste hör- und sichtbar und man ist fasziniert von diesem liebenden und leidenden Ruggero.

Das zweite Paar des Abends war ebenfalls schon in der Premiere zu hören. Juan Francisco Gatell als Dichter Prunier singt den selbstverliebten Dichter mit vielen Facetten und sehr präsenter Stimme. Sandra Hamaoui als die temperamentvolle Lisette brilliert mit höhensicherem Sopran und herrlichem Spiel.

Vladimir Stoyanov als Bankier Rambaldo singt den reichen Sponsor von Magda mit großer Gelassenheit und wenig Emotion, was dieser Rolle genau entspricht. Herrlich gesungen und gespielt die drei Freundinnen von Magda: Thalia Cook-Hansen als Yvette/Georgette, Natália Tuznik als Bianca/Gabriella und Cashlin Oostindië als Suzy/Lolette.

Bis in die kleinste Rolle hat man ein Ensemble, das auf der ganzen Linie überzeugt. Sylvia Salamońska-Bączyk als Kellnerin mit schöner Sopranstimme. Guram Margvelashvili als Périchaud, Tautvydas Slizauskas als Gobin/Ein junger Mann/Adolfo, Mikayel Sargsyan als Crébillon, Valeriy Murga als Butler, Bowen Ding als Rabonnier, Sandro Howald als Kellner.

Die Tänzer/innen Dario Rigaglia, Roberto Tallarigo, Pietro Cono Genova, Giusy Fanaro, Marta Allocco und Sina Friedli belebten das Café Bullier mit der Choreografie von Thomas Wilhelm. Der von Alice Lapasin Zorzit einstudierte Chor der Oper Zürich hat im Café Bullier seinen großen Auftritt und wurde vom Publikum bejubelt.

Der Dirigent Marco Armiliato ist am Haus sehr beliebt und bot zusammen mit dem bestens disponierten Orchester der Oper Zürich ein Klangerlebnis erster Güte. Man konnte in der wunderschönen Musik Puccinis wahrlich schwelgen.

Das Publikum war restlos begeistert und jubelte allen Mitwirkenden zu. Man verliess das Opernhaus erfüllt von dieser zu unrecht wenig gespielten Oper.

Weitere Vorstellungen: 1.10./10.10./15.10.2026.

 

  • Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN -CH-
  • Opernhaus Zürich
  • Titelfoto: Opernhaus Zürich/ LA RONDINE/ Foto: Monika Rittershaus
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