„Ist doch ihre Stunde“: Elisabeth Teige debütiert als Elektra an der Oper Oslo

Oper Oslo/ ELEKTRA/K. Cargill, E. Teige/ Foto: Magnus Skrede

Die Norske Opera & Ballett in Oslo eröffnet ihre neue Spielzeit mit einem Donnerschlag: Elisabeth Teige singt erstmals die Elektra. Die norwegische Sopranistin ist neben ihrer Landsfrau Lise Davidsen Teil der kleinen, exklusiven Riege von Sängerinnen, denen das hochdramatische Fach von Richard Strauss und Richard Wagner wie auf den Leib geschrieben scheint. Während Davidsen ihre Rollendebüts vorzugsweise auf der großen internationalen Bühne feiert – als Isolde in Barcelona und als Brünnhilde bei den Salzburger Osterfestspielen – hält Teige trotz ihrer steilen Weltkarriere der norwegischen Heimat die Treue. (Rezension der Vorstellung vom Sonntag, 13.09.2026)

 

Um es ohne Umschweife zu sagen: Elisabeth Teiges Elektra sucht ihresgleichen. Seit Jahren war auf der Opernbühne kaum eine Vertreterin dieser mörderischen Partie von einem solchen Format zu erleben. Mit 45 Jahren scheint Teige den idealen Zeitpunkt für diese Partie abgewartet zu haben. Es „ist doch ihre Stunde“, um es mit den Worten der zweiten Magd zu sagen. Teige bringt alles mit, was diese Rolle verlangt: Eine Stimme von einschneidend hochdramatischem Charakter, souverän geführt und mit einem Volumen, das in allen Registern messerscharf durch die Wogen des Orchesters schneidet. Dazu eine dunkle Färbung des Timbres, welches ihrem Rollenporträt eine eigentümlich fesselnde Persönlichkeit gibt. Teige demonstrierte neben Farbe, Kontur und psychologischer Tiefe auch eine vorbildliche Diktion und blieb selbst in den eruptiven Spitzentönen stets fokussiert und ausdrucksstark. Auch darstellerisch ließ die Sopranistin keine Wünsche offen. Mimik und Gestik waren präzise gesetzt, ihre gesamte, von unerbittlicher Energie strotzende Bühnenpräsenz wirkte glaubhaft und authentisch.

Oper Oslo/ ELEKTRA/ M. Sølberg, E. Teige/ Foto: Magnus Skrede

Die Inszenierung von Ole Anders Tandberg kam bereits 2023 heraus; bei der Premiere sang Elisabeth Teige noch die Chrysothemis, die sensible Schwester der Elektra. Tandberg verlegt Strauss’ antike Tragödie auf das Grundstück eines kleinbürgerlichen Einfamilienhauses der sechziger Jahre irgendwo in der Peripherie. Es ist ein bemerkenswert prosaischer Ort für einen Stoff von mythischer Dimension. Der Verfall hat hier nicht vor der Familie haltgemacht. Zwar bewohnt Elektras Verwandtschaft das Haus noch, doch vom einstigen bürgerlichen Idyll ist nicht mehr viel übrig. Der Lack ist abgeblättert, und zwar buchstäblich wie metaphorisch: Unkraut überwuchert den Garten, die Vorhänge sind vom Schimmel befallen, Moos setzt sich auf den Dachziegeln fest und auch die Fassadendämmung schreit förmlich nach einem neuen Anstrich. Das Einfamilienhaus wird bei Tandberg zum sichtbaren Seelenzustand seiner Bewohner, es ist eine bröckelnde bürgerliche Fassade über einem Abgrund aus Schuld, Gewalt und Verdrängung.

Der Regisseur verwandelt diese trostlose Vorstadtkulisse in den Schauplatz eines beklemmenden Psychokrimis und demonstriert dabei ein ausgeprägtes Gespür für Theatereffekte. Die Figuren tauchen immer wieder aus dem Inneren des Hauses auf, treten auf die Veranda und geraten dort in unmittelbare Konfrontation mit Elektra. Das Eigenheim wird zum Schauplatz eines Katz-und-Maus-Spiels, in dem niemand dem Gespenst der Vergangenheit entkommt. Nur Elektra selbst wird dieses Haus nicht mehr betreten. Denn, nachdem ihre Bruder Orest die Mutter und ihren neuen Liebhaber Aegisth getötet hat, bleibt ihr der Triumph des Heimkehrens versagt. Ein starkes, bitteres Bild: Elektra erreicht das Ziel ihres obsessiven Wartens und bleibt doch für immer vor der Schwelle stehen. Sie stirbt unmittelbar vor der Eingangstür im Freudentaumel ihres eigenen Triumphs.

Oper Oslo/ ELEKTRA/ Foto: Magnus Skrede

An der Seite von Elisabeth Teiges Elektra war Marita Sølberg als Chrysothemis zu erleben. Die langjährig mit dem Osloer Opernhaus verbundene Sopranistin zeichnete das Gegenbild zur radikalen Elektra: Eine herzzerreißende Schwester mit glühend strahlendem Sopran, deren Sehnsucht nach einem besseren Leben in jedem Ton mitschwang. Johan Reuter gab den Orest und bildete mit seiner ausdrucksstarken, kernigen und zugleich tragfähigen Baritonstimme den Ruhepol der Besetzung. Knackig und auf den Punkt gebracht geriet Magnus Stavelands kurzer Auftritt als Aegisth. Eine Klasse für sich war die schottische Mezzosopranistin Karen Cargill als Klytämnestra. Sie behandelte Strauss’ deutsche Sprachpartie wie eine Schauspielerin: Jedes Wort mit scharfem Profil, jede Wendung mit einer eigenen psychologischen Färbung. Narzisstisch, falsch und intrigant ließ Cargill keinen der unsympathischen Züge dieser von Schuld und Angst zerfressenen Mutter unbeleuchtet. Und auch die Mägde waren mit Frida Lund-Larsen, Christina Jønsi, Nora Oleanne Sårheim, Íris Björk Gunnarsdóttir und Hedvig Haugerud so nordisch-stimmstark besetzt, dass man meinen konnte, hinter jeder der fünf Sängerinnen der Eröffnungsszene schlummere bereits eine eigene kleine Elektra. Der groß besetzte Opernchor gestaltete seinen kurzen Auftritt mit den jubelnden Orest-Rufen vom Rang des Auditoriums herab, ein akustischer Coup, der imponierte.

Oper Oslo/ ELEKTRA/ E. Teige, J. Reuter/ Foto: Magnus Skrede

Edward Gardner stand im Graben am Pult des groß besetzten Norwegischen Nationalen Opernorchesters. „Ed“, wie er von seinen Kollegen und dem Publikum liebevoll genannt wird, genießt international als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra hohes Ansehen. Weit weniger Beachtung fand dagegen bislang sein Wirken als Musikdirektor der Oper Oslo. Dies dürfte sich nach dieser Elektra wohl ändern. Seine Tempi waren straff, die Artikulation des Orchesters mit Präzision, die Lautstärke geriet jedoch bisweilen an die Grenze des Vertretbaren. Dank der stimmlichen Durchschlagskraft des Ensembles fügte sich all dies zu einer spannenden und überaus hörenswerten Interpretation, die das Publikum in ihren Bann zog.

Die Norske Opera & Ballett schmiedet in dieser Saison im architektonisch spektakulären, erst 2008 eröffneten Opernhaus von Oslo – dessen begehbares Dach sich wie ein weißer Keil aus dem Hafen der Stadt erhebt – ihren ersten vollständigen Zyklus von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen. Elisabeth Teige ist dabei an allen drei Abenden als Brünnhilde vorgesehen, für sie ein weiteres Debüt. Regie führt Tatjana Gürbaca, am Pult steht erneut Ed Gardner. Man darf gespannt sein. Auf nach Oslo!

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Oslo
  • Titelfoto: Oper Oslo/ ELEKTRA/ E. Teige/ Foto: Magnus Skrede
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