Broadway-Belt und hohes F – Die Schwestern Jeannine und Nicole Wacker im OPERNMAGAZIN-Porträt

Jeannine Wacker Porträt/ Foto © Nicolai Peer

Wie fast alles heutzutage begann auch diese Geschichte im Internet. Bei YouTube. – Vor einigen Monaten stieß ich auf den Kanal von Jeannine Michèle Wacker, die dort ihren Alltag als Musicaldarstellerin dokumentiert. Sie nimmt die Kamera mit zu Castings, auf Reisen oder in den Probenraum, spricht über Erfolge wie über Zweifel – und steckt mit ihrer offenen und herzlichen Art selbst Menschen an, die mit dem Theater sonst wenig anfangen können. Wenig später erlebte ich in der Bonner Premiere des „Freischütz“ ein umwerfendes Ännchen: eine Sängerin, die vom ersten Ton an aufhorchen ließ, absolut souverän agierte und mit ihrer vokalen Präsenz mühelos den Abend trug. Ihr Name: Nicole Wacker.

 

 

Als ich die beiden schließlich in einem weiteren YouTube-Video gemeinsam singen sah, fiel der Groschen. Wacker und Wacker – es sind Schwestern. Noch am selben Tag bat ich die beiden per Mail um ein Interview. Die Zusage kam prompt. Während Jeannine bei den Thunerseespielen als Sandy in „Grease“ auf der Bühne stand und Nicole an der Bonner Oper probte, trafen wir uns online per Zoom. Einen Nachmittag lang sprachen wir über das Schwesternsein, die Liebe zum Theater und das ungeschminkte Leben hinter den Kulissen.

Anfänge

Die Wurzeln liegen in Zürich. Am Opernhaus. Die Mutter spielt bis heute in der Statisterie. So war es nur ein kleiner Schritt, dass auch die Kinder mit der Bühne in Berührung kamen. Neben Jeannine und Nicole gehört noch Bruder Sacha dazu – der heute übrigens Metal-Sänger ist. Für alle drei wurde der Kinderchor der Zürcher Oper damals zur musikalischen Heimat, in der sie gemeinsam über zehn Jahre verbrachten.

Nicole Wacker/ Foto © Photopera by Michèle Wacker-Weber

Als Kind genoss Nicole Wacker es, sich zu verkleiden und mit den anderen im Opernhaus in diese besondere Welt einzutauchen: „Es ist wie spielen; aber alles, was man sich sonst vorstellen muss, ist wirklich da.“ Damals wünschte sie sich von ihrer Mutter, dass jeder Tag so sein möge. Deren Antwort war pragmatisch: „Dann musst du halt Opernsängerin werden.“

Später bemerkte Nicole eines Tages überrascht: „Diese Musik, die löst so viel in mir aus.“ Bei einer Inszenierung von »Boris Godunow« fegte die emotionale Wucht der Musik die junge Nicole regelrecht hinweg und bei Humperdincks »Königskindern« stand sie Abend für Abend gebannt auf der Seitenbühne, um dem eindringlichen Violinsolo im dritten Akt zu lauschen.
Ihre Sängerstimme erkannte sie schließlich ganz ohne Pathos, als körperliche Entdeckung: „Wenn sich die Stimme anfängt zu entwickeln“, erinnert sich Nicole, „fängt man auch an zu spüren: Das fühlt sich an wie ein Sport, den man sehr gerne macht.“ Und damit war der Grundstein für ihre weitere Entwicklung gelegt.

Für Jeannine Michèle Wacker stand schon früh fest: Ich werde Sängerin, Tänzerin oder Schauspielerin. Der Weg zum Musical war die logische Konsequenz. Ihr Ziel damals: so viel Zeit wie möglich im Theater zu verbringen. Jede Gelegenheit nahm sie wahr, um dort vorbeizuschauen – und sei es für einen kurzen Abstecher in die Kantine. Der Backstage-Bereich als verborgener, magischer Ort. Der Geruch von Mastix. Mit neun Jahren auf der Bühne neben Editha Gruberova und Vesselina Kasarova stehen, deren Stimmen und das Vibrieren des Orchester hautnah spüren – und das Glück, ein Teil von all dem zu sein.

Als Jeannine sechzehn war, jede Woche rund 20 Stunden trainierte und eine regelrechte Torschlusspanik entwickelte, weil es für die angestrebte Musicalkarriere in ihren Augen schon zu spät war, wollte sie am liebsten das Abitur hinschmeißen und sofort nach Hamburg an die Musicalschule wechseln. Das blieb der einzige Moment, bei dem die Eltern eingriffen und darauf bestanden, dass sie die Schule zu Ende macht.

Bis heute hat die Faszination fürs Theater nicht nachgelassen. „Ich fühle mich wahnsinnig lebendig, wenn ich auf der Bühne bin“, verrät Jeannine. Kostüme, Kulissen, Musik und die Präsenz des Publikums – all das verschmilzt für sie zu einem ganz besonderen Raum. Schon früh wachsen ihr feine Fühler. Sie spürt das Verletzliche in dieser „Schneekugel“ der Illusion: „Man muss aufpassen, dass man nichts tut, um sie zu zerstören“. Auf ihre eigene Art entdeckt auch Nicole die Welt hinter den Kulissen. Die Seitenbühne entwickelt sich zu einem ihrer Lieblingsorte. Im Dämmerlicht und in der geschäftigen Stille, wo im Verborgenen das Räderwerk der Vorstellung läuft und niemand sprechen darf, um die Inszenierung nicht zu stören, erlebt die junge Nicole Musik in ihrer reinsten Form.

Die ersten Schritte zum Beruf

Wenn du es richtig machen willst, musst du sowieso nach New York gehen. Diesen Satz hörte Jeannine von Sue Mathys, einem Schweizer Musical-Star. Zunächst hieß es aber: Abitur machen und weiter Gesangs- und Tanzunterricht nehmen. Dann kam das erste Engagement auf der Seebühne Walenstadt. Drei Monate lang Seite an Seite mit gestandenen Profis auf der Bühne, die sie ununterbrochen ausfragte – und unter anderem auch diese wegweisende Antwort erhielt: New York.

Jeannine Wacker/ Foto © Iris Steger Photography

Heimliches Googeln am Familiencomputer, die Bewerbung und dann tatsächlich die Einladung zum Vorsingen. „Ich habe meine Eltern damals emotional so einigermaßen erpresst“, lacht Jeannine heute „…und ihnen gesagt, dass ich da hin muss, dass sonst mein Leben vorbei ist.“ Der Einsatz wurde belohnt. „Ich wurde direkt mit einem Stipendium angenommen“, erinnert sich Jeannine. „Es war ein Teilstipendium der Schule. Also habe ich unzählige Stiftungen in der Schweiz angeschrieben und schließlich Unterstützung von der Fritz-Gerber-Stiftung erhalten.“
Zusammen mit dem Ersparten aus ihren ersten Engagements und dem Zuschuss der Eltern fügte sich das Bild. „Am Ende ergab sich dieses Puzzle, das mir das Studium in New York überhaupt erst ermöglichte.“

Die eigene Stimme finden

Zu Hause sitzen die Schwestern oft zusammen am Klavier und singen sich querbeet durch alle Genres. Für Nicole rückblickend das musikalische Fundament ihrer Jugend: „Ein großer Faktor war dieses Zusammensingen und die Freude daran. Das hat uns gegenseitig unterstützt. Wir konnten uns damit austoben und ausprobieren.“ Schnell bemerkt sie, wie viel Spaß ihr das macht und will ebenfalls Gesangsunterricht nehmen – mit einem klaren Ziel: der großen Schwester nacheifern und Musical singen. „Defying Gravity“ – „Der Schwerkraft trotzen“ – sollte es sein. Jener kraftvolle Song aus „Wicked“, in dem die Titelfigur das Fliegen lernt, sich von gesellschaftlichen Normen lossagt und für ihre eigenen Werte einsteht.

Doch die Reise nimmt eine andere Wendung. „Meine Gesangslehrerin hat damals sehr schnell bemerkt, dass mein Talent ein ganz anderes ist“, erinnert sich Nicole schmunzelnd. „Und dann hat sie mich so ein bisschen reingelegt“, lacht Nicole. Die Lehrerin schlug ihr den Musical-Wunsch nicht ab, sondern vertröstete auf später. Und servierte zunächst häppchenweise italienische Stücke. Caldara, Caccini und Carissimi hießen die Komponisten. So entdeckte Nicole nach und nach den klassischen Gesang, bis sie eines Tages bei Mozart und der pfiffigen Despina aus „Così fan tutte“ landete. „Daran hatte ich so einen Spaß. Und ab da war ich irgendwie drin.“

Auf ihrem Weg entwickelte Nicole eine tiefe Faszination für das Handwerk hinter den Tönen. „Ich habe gemerkt, dass ich ein totaler Technik-Freak bin“, gesteht sie. „Dieses ununterbrochene Fine-Tuning aus Atemsupport, der Suche nach den optimalen Resonanzräumen und dem präzisen Fokus fasziniert mich bis heute.“ Auf Umwegen ging so schließlich auch der Traum von „Defying Gravity“ in Erfüllung: Als Koloratursopranistin besiegte Nicole die Schwerkraft auf ganz eigene Weise und lässt ihre Stimme in die Stratosphäre hinaufstrahlen, als hätte sie die Erdanziehung längst hinter sich gelassen.

Wie fließend die Grenzen zwischen diesen scheinbar getrennten Welten verlaufen, zeigte sich wenige Jahre später bei ihrer Schwester: Jeannine übernahm in der Hamburger Neuinszenierung von „Wicked“ die Rolle der Glinda. Diese Partie verlangt – geprägt durch Broadway-Legende Kristin Chenoweth – nach einem extrem hohen Koloratursopran. „Entsprechend bringt diese Rolle ganz unvermittelt ein paar extrem hohe Töne mit sich“, erklärt Jeannine die gesangliche Herausforderung. „Als bekannt wurde, dass das Stück nach Deutschland kommt, fing ich an zu üben – noch vor dem eigentlichen Casting. Ich habe mich an diesen vier Takten dumm und dämlich geübt, nur um die Rolle zu bekommen.“ Technischen Rat holte sie sich dafür bei ihrer Schwester.

Nicole erinnert sich mit Stolz an das geschwisterliche Coaching: „Der Sound, den ich damals aus Jeannine herausgeholt habe, war fantastisch und völlig anders als alles, was sie bisher gemacht hatte.“ Ein dauerhafter Wechsel ins klassische Fach kam für Jeannine dennoch nie infrage. „Das könnte ich gar nicht, selbst wenn ich es noch so sehr wollte“, winkt sie ab. „Aber ich liebe die Oper und mag dieses Klangideal.“ Welches Genre die größere Herausforderung darstellt, lässt sich laut der Musicaldarstellerin nicht pauschal beantworten: Ab einem gewissen Niveau ist beides verdammt schwierig. Genau deswegen schaffen es am Ende so wenige – Hunderte bewerben sich für eine Rolle, und nur ein einziger bekommt sie.

„Abstecher“

Abseits der großen Opernbühnen zieht es Nicole in eine Welt, die im klassischen Spektrum eher Randerscheinung bleibt: die Alte Musik. Während ihres Studiums an der Austria Barockakademie stieß sie auf Werke von Barbara Strozzi, einer venezianischen Komponistin des 17. Jahrhunderts. Von Strozzis kühner Harmonik und emotionaler Intensität war Nicole augenblicklich fasziniert: „Ich spürte sofort: Das gehört nicht in einen Konzertsaal, sondern in eine Bar.“ Ihre Recherchen bestätigten: Strozzis Musik entstand für die geheimen accademie des barocken Venedigs – Orte, an denen man trank, stritt, philosophierte und ganz nebenbei die Arie erfand. „Das war eigentlich wie eine Party“, lacht Nicole.

Und so entwickelt sie die „Barock-Bar“. Ein Cembalo wird in den Kofferraum geladen. Zusammen mit einem befreundeten Musiker geht es auf Tour. Sie klappern Lokale in der Nähe ab.
Nicole singt, moderiert, regt Gespräche an. Die Zuschauer trinken Bier oder Wein, in den Pausen wird geraucht, und so steigt die ernste Muse vom Podium hinab direkt zu den Menschen. – „Alles ist viel intimer. Man kann flüstern, seufzen und hat unendlich viele Ausdrucksmöglichkeiten. Diese Musik ist sinnlich, jazzy, schräg und voller Widerstandskraft.“, schwärmt Nicole.

Nicole Wacker/ Foto: © Céline Stucki Photography

Den Wunsch, die Kunst vom Sockel zu holen und den Menschen nahezubringen, teilt auch Jeannine. Sie nutzt dafür ihren YouTube-Kanal. Ihre Kamera blickt hinter die Kulissen, sie interviewt Kollegen, spricht über Erfolge, aber auch über Isolation und die leise Angst, nicht gut genug zu sein. „Ich liebe diesen Beruf, es ist der schönste der Welt“, schwärmt Jeannine, um im selben Atemzug lachend hinzuzufügen: „Aber es ist auch ein ‚Shit-Sandwich‘. Manche Komponenten bleiben einfach schwierig.“

Ihr über die Jahre erarbeitetes Wissen gibt sie mittlerweile in Workshops weiter. Sie will einen geschützten Raum schaffen, in dem junge Talente ohne psychische Blessuren lernen dürfen. Die traditionelle „harte Schule“ sieht sie kritisch: „Manchmal zertritt sie einfach nur das junge Gras. Ein gesundes Umfeld bildet den weitaus fruchtbareren Boden für künstlerische Entwicklung.“ Dass ein solcher Schutzraum nichts mit mangelndem Biss zu tun hat, stellt die Künstlerin sofort klar: „Ich bin extrem ehrgeizig. Ich war es immer schon.“ Konkurrenz im Casting-Alltag gehört für sie dazu – aber ohne Ellbogen-Mentalität. „Meine Chance auf einen Job steigt nicht, wenn ich einer Kollegin vor dem Auftritt ein schlechtes Gefühl mache. Mein Erfolg kommt davon, dass ich reingehe und meine Leistung abliefere.“

Wo das Gras grüner scheint

Im klassischen Opernbetrieb erlebt Nicole eine Struktur, die das Musical kaum kennt: das Festengagement. Beide Formen haben ihre Vor- und Nachteile. Je nachdem, wo man gerade steht, erscheint das Gras auf der anderen Seite immer ein bisschen grüner. „Ich bin jedoch mit dem klaren Bewusstsein in dieses Festengagement gegangen, dass es meine eigene Wahl ist. Da gehört alles dazu – das Gute wie das Schwierige. Ich entscheide mich für das Gesamtpaket.“ Es ist wohltuend, an einem Ort anzukommen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und was das Wesentliche ist, daran lässt Nicole keinen Zweifel: „Ich möchte tolle Rollen singen und fühle mich in diesem Engagement einfach unglaublich wohl.“

Ein Lebensmodell, das bei der Schwester durchaus Sehnsüchte weckt. „Ich würde mir manchmal schon wünschen, so etwas wie Nicole zu haben“, gesteht Jeannine. Denn die Freiberuflichkeit hat ihren Preis: „Man muss permanent tausend Tabs im Kopf offenhalten“ – „Sollen wir einen Urlaub buchen? Was passiert, wenn ein Job reinkommt? Kann ich zum Klassentreffen oder zum Geburtstag? Und wenn ja – reise ich dafür aus der Schweiz oder aus Hamburg an?“ Ein Leben, das sich ständig neu erfindet.

Jeannine und Nicole Wacker / Foto © Jeannine Wacker

Die gemeinsame DNA der Schwestern zeigt sich unter anderem auch in ihrer künstlerischen Arbeitsfreude. Für Jeannine liegt die Kunst oft nicht im Gasgeben, sondern im rechtzeitigen Innehalten. „Mir fällt es eher schwer zu bremsen. Dabei ist das manchmal das Produktivste, was man tun kann“, gesteht sie. Nicole kann sich über Stunden im Probenlabor vergraben und an Nuancen feilen: „Noch mehr Farben, noch ein bisschen leichter, noch ein bisschen heftiger, noch ein bisschen was auch immer.“ Sie genießt die Millimeterarbeit.
„Ich messe mich in erster Linie mit mir selbst. Ich will nicht besser sein als diese oder jene Kollegin, sondern besser als die Nicole von gestern.“

»Ein Riesengeschenk«

Wer beiden zuhört, erlebt eine Harmonie, die im oft von Missgunst geprägten Showgeschäft utopisch wirkt. Konkurrenz oder Neid? Fehlanzeige. Jeannine verspürt bis heute einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Aber als Nicole vor gut zehn Jahren einen ähnlichen Weg einschlug, hob das ihr Geschwistersein auf eine neue Ebene. „Dass ich mich durch manche Dinge schon durchgewühlt und meine blauen Flecken davongetragen hatte, bekam plötzlich einen ganz neuen Wert“, erinnert sich Jeannine. Heute stehen die Wacker-Schwestern in ständigem, engem Austausch. Aus dem kindlichen Nacheifern ist ein Miteinander auf Augenhöhe geworden. Sie bewegen sich in unterschiedlichen Welten – nah genug, um einander blind zu verstehen, und weit genug entfernt, um sich nicht in die Quere zu kommen. „Niemand kennt unsere Geschichte so gut wie unsere Geschwister, nicht einmal unsere Eltern“, bringt Jeannine es auf den Punkt. Jemanden an der Seite zu wissen, der die Kindheit teilt und denselben Beruf lebt, ist für sie ein Glücksfall: „Ich sehe es als ein Riesengeschenk.“

 

 

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