Durch Mitleid wissend – Pablo Heras-Casado dirigiert Jay Scheibs Inszenierung des „Parsifal“ in Bayreuth

Bayreuther Festspiele 2026/ PARSIFAL/ Foto-Copyright: Bayreuther Festspiele

Der Mythos der mittelalterlichen Parzival-Sage wird hier als hochaktuelles Narrativ erzählt und gedeutet. Regisseur Jay Scheib zeigt im ersten Akt die Krise der Gemeinschaft der Gralsritter, deren Hohepriester Amfortas durch die schwere Wunde, die Klingsor ihm schlug, daran gehindert ist, das zentrale religiöse Ritual der Gemeinschaft auszuführen. Pablo Heras-Casados Dirigat übertrifft die Erwartungen, und mit dem hervorragenden Chor der Bayreuther Festspiele, Andreas Schager als Parsifal, Michael Volle als Amfortas, Georg Zeppenfeld als Gurnemanz, Jordan Shanahan als Klingsor und Miina-Liisa Värelä als Kundry gelingt eine fesselnde Interpretation des Bühnenweihfestspiels, das Wagner ausschließlich für sein Festspielhaus auf dem grünen Hügel schuf. (Rezension der Vorstellung v. 20. August 2026)

 

Bis zum Ablauf des Urheberrechts 30 Jahre nach Richard Wagners Tod 1883 hatten die Bayreuther Festspiele das Monopol auf Aufführungen des Parsifal, was zu einem wahren Pilgertourismus der Wagnerianer nach Bayreuth führte, die zum Teil die Kunstreligion des Parsifal tatsächlich als Ersatzreligion akzeptierten. Im Jahr 1914 wurde in mindestens 50 Opernhäusern weltweit Parsifal inszeniert; den Anfang machte das Gran Teatre del Liceu in Barcelona, das um Mitternacht Ortszeit, offiziell noch am 31.12.1913, 23:00 Uhr in Deutschland, die Premiere startete. Weitere sechs Opernhäuser, unter anderem die Metropolitan Opera New York, folgten am 1. Januar 1914. Cosima Wagners Antrag, die Urheberrechte des Parsifal über das Jahr 1913 hinaus verlängern zu lassen, der vom Deutschen Reichstag abgeschmettert wurde, hatte sich als genialer Marketingtrick erwiesen.

Bayreuther Festspiele 2026/ PARSIFAL/A. Schager/ Foto-Copyright: Bayreuther Festspiele

Die Augmented-Reality-Brillen, die nur für 330 Zuschauer auf den teuren Plätzen im Parkett zur Verfügung standen und für rege Diskussionen vor und nach der Premiere der Produktion der Inszenierung von Jay Scheib am 25. August 2023 sorgten, gibt es nicht mehr – zu kompliziert in der Handhabung, zu wenig zusätzliche Erkenntnis, zu polarisierend. Dabei waren sie die innovative Idee des Regisseurs. Übrig bleibt ein Regiekonzept mit großem Respekt für Wagners Intention der Reflektion über Religion durch Kunst, vielleicht sogar Ersatz der Religion durch Kunst. Mit zwei Kameras auf der Bühne, die Szenen wie den Dialog zwischen Parsifal und Kundry zeitgleich auf große Leinwände auf der Bühne projizieren, werden auch intime Szenen für die Zuschauer, die nicht in den ersten Reihen sitzen, gut sichtbar. Kundry hat eine stumme Doppelgängerin, die immer mit ihr auf der Bühne ist und bereits während der Ouvertüre versucht, Gurnemanz zu verführen, der auf sein Keuschheitsgebot als Gralsritter pocht. Regisseur Jay Scheib betont den Versuch Richard Wagners, in der Religionskrise des 19. Jahrhunderts mit seinem Bühnenweihfestspiel eine Antwort auf die Frage nach Spiritualität zu finden.

Religionen werden durch Symbole und Rituale vermittelt, daher erinnert Scheibs Umsetzung der Gralsenthüllung im ersten Aufzug stark an ein katholisches Hochamt. Die dem Monolith von Utah nachempfundene Stele auf der Bühne erinnert an die Kaaba in Mekka, und die Präsentation der Reliquien Johannes des Täufers in Glaskästen an Reliquiare in katholischen Kirchen. Die Gottesdienstgewänder der Priester und Zelebranten in katholischen Hochämtern sind allerdings erheblich prunkvoller als die schlichten Kostüme von Meentje Nielsen. In allen drei Akten spielte Wasser in gebändigter Form als Mikwe – das Bad des Amfortas, ein Teich im Garten Klingsors, in dem Parsifal mit den Blumenmädchen badet, ein Bassin mit üblem brackigem Wasser als Zeichen der Umweltzerstörung im dritten Akt, eine große Rolle. Parsifal „tauft“ mit diesem Wasser Kundry, indem er ihre Stirn benetzt und das Kreuzzeichen schlägt – Zeichen dafür, dass er selbst zu einem mitleidsfähigen Erlöser geworden ist. Damit befreit er Kundry aus ihrem Fluch und kann die Nachfolge des Amfortas als Hohepriester des Grals antreten.

Im sinnenfrohen Zaubergarten Klingsors erfährt Parsifal seine Aufklärung durch Kundry über seine Herkunft und erlebt seine Erweckung zur Empathie. Ein wichtiges Requisit ist der heilige Speer, den Klingsor Amfortas entriss. Er ist mit seinem Knick dem mittelalterlichen Schöninger Speer nachempfunden und wird von Parsifal sorgsam wie eine heilkräftige Reliquie behandelt: Die Wunde schließt der Speer nur, der sie schlug.

Das Bühnenbild von Mimi Lien zeigt tektonische Platten mit einem Bassin mit klarem Wasser – einer Mikwe? – der Hintergrund ist wie bei Wieland Wagner gewölbt für Videopräsentationen von Live-Kameras und Einspielungen. Eine halbe Stunde lang wird dort in Großaufnahme die medizinische Versorgung der Wunde des Amfortas mit Nahtmaterial und reichlich fließendem Blut gezeigt. Ein Zuschauer im mittleren Drittel einer vorderen Reihe kollabierte mit einem Aufschrei und musste notärztlich behandelt werden. Die Kostüme der Gralsritter waren moderne weiße Alltagskleidung mit gelben Röcken für die Gralsritter, alles in Pink in Klingsors Zaubergarten, in den Parsifal durch eine Erdspalte herabstieg. Im dritten Aufzug sahen wir verdächtig trüb aussehendes Wasser in einem Bassin und einen stilisierten Panzer, der auch eine Baumaschine sein könnte – Symbole für eine zerstörte Welt. Parsifal heilt Amfortas mit dem Speer, zerschmettert den Heiligen Gral als Fetisch einer Erlösungsreligion und hinterlässt das Publikum ratlos.

Der 1977 geborene spanische Dirigent Pablo Heras-Casado hat sich mit Parsifal als Dirigent des kommenden Rings des Nibelungen 2028 qualifiziert. Er stellte klare Linien heraus, bei denen dynamische Tempi und flexible Rhythmen für einen lebendigen Klang sorgten, der dank der spezifischen Bayreuther Akustik durchaus als mystisch empfunden werden konnte. Der Chor der Bayreuther Festspiele unter der Leitung von Thomas Eitler-de-Lint gestaltete die Chorszenen mit exzellenter Präzision vom zartesten Piano bis zum überwältigenden Fortissimo beim verzweifelten Ruf nach der Enthüllung des Grals. Aus dem erlesenen Ensemble heraus ragte Michael Volle als Amfortas, versehrter Hohepriester der Gralsreligion. Sein Ruf Erbarmen erschütterte. Wer bei dieser Rollengestaltung kein Mitleid entwickelte, dem ist nicht zu helfen. Andreas Schager war der reine Tor Parsifal, der erst durch Mitleid wissend wurde. Sein scheinbar unverwüstlicher Heldentenor mit strahlenden Spitzentönen prädestinierte ihn zum geläuterten Nachfolger des Amfortas.  Schager hat in Bayreuth mittlerweile zu 41. Mal den Parsifal gesungen und führt damit die Liste seiner namhaften Vorgänger an. Er gestaltete neben dem Parsifal auch den Rienzi und stand während der Festspiele 2026 zwölfmal in Hauptrollen mit großem Erfolg auf der Bühne. Georg Zeppenfeld hatte als Vater- und Lehrerfigur Gurnemanz die Aufgabe, dem Unwissenden die gesamte Vorgeschichte in epischer Breite zu erzählen und glänzte mit seinem facettenreichen sonoren Bass mit besonders großer Textverständlichkeit. Der Hawaii-amerikanische Bariton Jordan Shanahan überzeugte als schillernder erotisch-dämonischer Klingsor und war mit pinkrosa Anzug der Popstar mit Teufelsmaske, Äquivalent zu Luzifer, der mit seinem Zaubergarten mit den Blumenmädchen die Versuchung symbolisierte. Er faszinierte durch einen eher jugendlich gefärbten dramatischen Heldenbariton.

Bayreuther Festspiele 2026/ PARSIFAL/ Foto-Copyright: Bayreuther Festspiele

Die in Bayreuth neue finnische dramatische Sopranistin Miina-Liisa Värelä gab eine Kundry mit profunder Tiefe, verführerischer Mittellage und durchschlagender Höhe. Wie sie einerseits die lebenssatte, müde, von den Gralsrittern ausgenutzte Dienerin, andererseits die zugewandte verführerische Sirene, der Parsifal trotzdem widersteht, gestaltete, war eine phantastische schauspielerische Darstellungsleistung mit einer enormen stimmlichen Ausdruckskraft, die voll überzeugte. Jay Scheib weist im Programmheft ausdrücklich darauf hin, dass Kundry immer nur auf Männer reagiert und nie selbst aktiv wird, was im übrigen symptomatisch für die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert und teilweise darüber hinaus sei. Jay Scheib hat mit seinem Team eine sehr anschaulich bebilderte musikalisch und inhaltlich exzellente Deutung von Wagners Bühnenweihfestspiel geliefert. Sie respektiert Buchstaben und Intention der Partitur. Mit den hellen, bunten Farben, vor allem in Klingsors Zaubergarten, sorgt Scheib für einen erfreulichen Kontrast der opulenten, sinnenfrohen Zauberwelt Klingsors, die leider untergeht, zur leibfeindlichen Welt der Gralsritter.

Die Bayreuther Jubiläumsfestspiele 2026 haben mit Parsifal das einzige Werk Richard Wagners wiederaufgelegt, das eigens für Bayreuth komponiert wurde und das Wagners Überlegungen zu einer Kunstreligion auf den szenisch-musikalischen Punkt bringt. Die Zeile Durch Mitleid wissend zieht sich als Leitmotiv durch das Stück und wurde vom Regisseur bildstark illustriert.

Die Augmented-Reality–Brillen sind kein Thema mehr, auch die Bebilderung des Rings des Nibelungen mit KI-gesteuerter Auswahl aus Bildern von 150 Jahren Bayreuther Festspielen fand beim Publikum keine Gegenliebe. Dagegen mehrten sich die Stimmen, den mit viel Bühnentechnik aufwändig bebilderten Rienzi wieder aufzunehmen, denn dort, beim Parsifal und beim Fliegenden Holländer ereignete sich das, was man von den Bayreuther Festspielen erwartet: exzellent besetztes, spannendes Musiktheater, das Wagners Werke auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragt und neue Interpretationsansätze riskiert. 2027 wird es einen neuen Parsifal und einen neuen Lohengrin geben.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bayreuther Festspiele
  • Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/ PARSIFAL/ Foto-Copyright: Bayreuther Festspiele
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