
Rudolf Buchbinder versteht sich auf unterschiedliche Spielarten: Klavierkonzerte von Mozart dirigiert er vom Flügel aus von Zeit zu Zeit selbst wie vor wenigen Tagen auf dem Abschlusskonzert des Festivals in Grafenegg, dass er als scheidender Intendant dieses Festivals nach der krankheitsbedingten Absage von Riccardo Muti auf die Weise gerettet hat. Aber es hat freilich seinen Wert, wenn einer zur Seite steht, der sich den Orchesterstimmen noch intensiver widmen und sie filigraner ausziselieren kann. (Rezension des Konzerts v. 8. September 2026)
Mit Christian Thielemann hatte Buchbinder, der am 1.Dezember 80 Jahre alt wird, nun beim Berliner Musikfest einen Partner zur Seite, mit dem er seit vielen Jahren erfolgreich zusammen konzertiert. Und so feinfühlig und intim sie mit der Berliner Staatskapelle musizieren, steht nicht zu fürchten, dass sich dieses Zusammenspiel in den hohen Jahren des Pianisten auf ein Ende zubewegt. Denn der steht unverändert im Zenit seiner Kunst und nimmt den Mund nicht zu voll, wenn er selbst meint, mit zunehmendem Alter sogar noch besser zu werden.
Als einer der wenigen Ausnahmekünstler neben der fünf Jahre noch älteren Martha Argerich verfügt Buchbinder jedenfalls über eine kristalline Leichtigkeit im Anschlag, die es für Mozart braucht. Egal ob gesangliche Linie oder schnelle Tonkaskaden: Hämmern darf nichts! Vielmehr ist die hohe Kunst des Legatospiels gefragt, die es Buchbinder erlaubt, von dem Pedal sehr sparsam Gebrauch zu machen. Umso schöner freilich, wenn das Orchester entsprechend feinsinnig mitzieht, den langsamen Satz im Klavierkonzert KV 467 in entsprechender kammermusikalischer Intimität gestaltet, zärtlich und leise. Pianist und Dirigent bewegen sich dabei spürbar auf einer Wellenlänge, reagieren seismografisch und im Blickkontakt vorzüglich auf die Bläsersolisten aus dem Orchester.
Das beseelte, delikate Spiel lässt in der ausverkauften Philharmonie niemanden kalt. Kein Räuspern stört die leiseste Stelle, und nach dem langsamen Satz höre ich eine Frau wenige Reihen vor mir ihrem Sitznachbarn sagen, wie schön das war.
Das Mozart Klavierkonzert hatte aber auch schon so vielversprechend mit der Introduktion zum Kopfsatz angefangen, die so leichtfüßig daherkam wie es nicht leichtfüßiger geht. Nur da, wo Mozart ein Forte schreibt, spielt die Staatskapelle in kleinerer Streicherbesetzung kraftvoller und bietet gegenüber den Spezialensembles mit historischen Instrumenten einen weniger rauen, sondern vielmehr königlich strahlenden Klang, der aber noch entfernt ist von dem ungleich maskulineren, der in den trefflichen Beethoven-Einstudierungen beider Künstler – und an diesem Abend auch in dem Finalsatz von Beethovens Sturmsonate vernehmbar ist, den Buchbinder als Zugabe spielt.
Thielemann wiederum, der bislang bei der Musikkritik mit seinen seltenen Mozart-Einstudierungen der vergangenen Jahre etwas glücklos bliebt, zeigt, dass er sich sehr wohl auf Mozart versteht: Ohne Taktstock formt er plastisch die Musik, drängt die Violinen zu immer noch leiseren Tönen, lässt die Holzbläser zärtlich Melodien singen, modelliert mit seinen Fingern filigrane Triller und Figuren.

Nach der Pause wird es voller auf dem Podium. Das Blech hat nun seinen großen Auftritt in Bruckners Vierter.
Das Berliner Publikum weiß, was es von Thielemann als vorzüglichem Interpreten von dessen Werk erwarten kann, der nun selbstredend mit dem Taktstock ans Pult tritt: ein hingebungsvolles, beseeltes Durchleben der gesanglichen Linien, Lamenti von schmerzlicher Schönheit, weihevolle Chöre sowie Tonfolgen, die in ihrer Monumentalität klangliche Monolithen errichten. Thielemann gelingt das bei straffen Tempi mit einer phänomenalen Beweglichkeit des gesamten Klangkörpers, insbesondere an Stellen, an denen mehrere Sektionen im Unisono gewaltige Zacken schlagen.
Hörbar wird an solchen Stellen wie vor allem aber auch zu Beginn des Kopfsatzes, den sie mit ihrer exponierten Quinte eröffnen, zu was für einer herausragenden Truppe sich die Hörner unter ihrem amtierenden Chefdirigenten entwickelt haben. Nicht, dass sie jemals schwach besetzt gewesen wären, aber mit der Exzellenz der Streicher und der Holzbläser, die in der Ära Barenboim das Spitzenniveau dieses Orchesters prägten, konnten sie nicht mithalten. Der Ansatz war nicht immer perfekt.
Seit Thielemanns Übernahme hat sich die Gruppe kontinuierlich verbessert. So grandios wie diesmal habe ich sie jedoch noch nicht gehört, makellos ohne den geringsten Kiekser und brillanter denn je zuvor meistern sie jetzt ihre Fanfaren, Chöre und apokalyptischen Exklamationen.
Verdient ging da beim finalen Jubel der Daumen des Dirigenten mehrfach nach oben. Dem Berliner Musikfest bescherte dieser hochemotionale packende Abend mit zwei so unterschiedlichen Darbietungen einen Höhepunkt.
- Rezension von Kirsten Liese / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Titelfoto: Symphoniekonzert I mit Christian Thielemann, Rudolf Buchbinder und der Staatskapelle Berlin I 08.09.2026 Philharmonie Berlin/Foto-Credits: Stephan Rabold