
Wie schnell doch die Zeit vergeht. Einst als ruinöses Milliardengrab verschrien, stand die Elbphilharmonie Hamburg in der unrühmlichen Reihe jener Großprojekte wie Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen BER, deren Namen zum Synonym für Kostenexplosionen, Verzögerungen und Pfusch am Bau geworden waren. Heute, zehn Jahre nach ihrer Eröffnung, ist von der einstigen Schmähkritik kaum noch etwas zu spüren. Die Elbphilharmonie hat sich als einer der imposantesten Konzertsäle Europas längst vom Skandalobjekt zum Wahrzeichen Hamburgs gewandelt. (Rezension des Konzert vom 1. September 2026)
Zur Eröffnung ihrer Jubiläumssaison empfing die „Elphi“ das Pittsburgh Symphony Orchestra, das gleich für zwei Konzerte an die Elbe gekommen war. Den Konzertauftakt bildete, gewissermaßen als Geburtstagsgeschenk, Johannes Brahms als wohl bedeutendster Komponist der Stadt. Alexandre Kantorow widmete sich Brahms 1. Klavierkonzert op. 15 in d-Moll. Er ist dem Hamburger Publikum bereits als Residenzkünstler der vergangenen Saison vertraut.
Am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra stand deren Musikdirektor Manfred Honeck. Er hielt sich in seiner Brahms-Interpretation keineswegs zurück und forderte den Pianisten zum Duell heraus. Kantorow wiederum ließ sich auf dieses Kräftemessen ein. Sein kristallklarer, präzise konturierter Anschlag verband sich mit einem ausgesprochen lebendigen Zugriff. So konnte der Pianist selbst im dichtesten orchestralen Forte die musikalische Dominanz bewahren. Was Honecks Dirigat, insbesondere im Kopfsatz, dem Maestoso, dabei so außergewöhnlich machte, waren seine abrupten und zugleich präzise ausbalancierten Wechsel von Ausdruck und Dynamik. Es ist eine musikalische Gratwanderung, die jedem Dirigenten einiges abverlangt. Bei Honeck jedoch wirkten selbst die bei raschen Tempi hochriskanten musikalischen Übergänge verblüffend leicht und natürlich. Mit wenigen Takten ließ er die Streicher elegant und graziös aus dem orchestralen Gefüge hervortreten, so das zuvor mächtig angeschwollene Tutti unterbrechen, nur um wenig später wieder Kantorows Klavierspiel erneut ins Zentrum zu rücken.

Der Puls des Publikums war nach dem ersten Satz direkt am Anschlag. Und so konnte der zweite Satz, das innige Adagio, angesichts der kolossalen Intensität im vorherigen Kopfsatz kaum mehr als Ruhepol dienen. Die tiefe Verbundenheit des Komponisten Johannes Brahms zu Clara Schumann war angesichts der diesen Satz umgebende Anspannung lediglich zu erahnen. Denn auch das Rondo-Finale führte die musikalische Aufregung aus dem Kopfsatz fort. Die knalligen, geradezu funkelnd-expressiven Einsätze des Pittsburgh Symphony Brass verliehen dem Satz eine mitreißende Kontur und machten ihn zu purer musikalischer Freude. Alexandre Kantorow dankte dem jubelnden Publikum mit einer Solo-Zugabe am Klavier, der Ballade d-Moll op. 10/1 Edward, ebenfalls von Johannes Brahms.
Manfred Honeck ist weniger durch russisches Repertoire bekannt geworden. Und doch hat sich seine Pittsburgher Aufnahme der 5. Sinfonie in d-Moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch aus dem Jahr 2013 (veröffentlicht im Jahr 2017) zu einer Art neuen Referenz entwickelt. Es ist die einzige Sinfonie des Komponisten, welche Honeck regelmäßig, auch mit anderen Spitzenorchestern, im Konzert programmiert. Das Spannende an Honecks Auffassung ist, dass er einen eher intellektuellen, quellenkritischen Zugang wählt, sich live dann aber keinesfalls akademisch verzettelt, wie viele andere Dirigenten. Honeck gelang es, loszulassen und die zuvor messerscharf analysierte und perfekt einstudierte Komposition ganz aus ihrer Emotion heraus zu interpretieren. Nur wenn man den Dirigenten in seinen schriftlichen Abhandlungen und Interviews verfolgt, weiß man, wie viele Gedanken er sich gemacht hat und bei Schostakowitsch immer wieder Analogien zu der Musik Gustav Mahlers entdeckt hat. So klang bspw. der kurze zweite Satz geradezu wienerisch, aha – ein Ländler! Da gibt es wohl eine Parallele zu Mahlers Erster Sinfonie.

Bekanntermaßen endet Schostakowitschs Fünfte im Jubel, dieser ist aber unehrlich. Denn der Komponist fühlte sich angesichts drohender Repressionen des Systems Stalins dazu genötigt, sich mit dieser Sinfonie zu rehabilitieren. Musikalisch sendet der Finalsatz bei genauerem Hinhören so eine zweideutige Botschaft. Honeck behielt zunächst den imponierend majestätischen Charakter des Werks bei – alles andere wäre angesichts des berühmten Blechs des Pittsburgh Symphony Orchestra auch ein Understatement – nahm jedoch ein etwas ruhigeres Tempo, um dem Werk seine gewisse Ambiguität zu entlocken. Ob dieser fulminante Schostakowitsch noch einer Zugabe bedurfte, sei mal dahingestellt. Es folgte Tybalts Tod von Sergej Prokofjew.
- Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Elbphilharmonie Hamburg
- Titelfoto: Elbphilharmonie/Pittsburg Symphony Orchestra, M. Honeck, A. Kantorov/ Foto: Daniel Dittus