
Nicht nur der Sommer, sondern auch die Salzburger Festspiele neigen sich nach fünf dichten Wochen mit so abwechslungsreichen wie intensiven Aufführungen allmählich ihrem Ende zu. Für den Auftakt der sechsten und letzten Woche des Festivals, in der, da die Premieren des (Musik-)Theaters bereits zurückliegen, vor allem Orchester-, Kammermusik- und Solistenkonzerte im Fokus stehen, war mit den Berliner Philharmonikern jenes Orchester zu Gast, das im Frühling mit einer fulminanten Aufführung des „Rheingold“ seine Rückkehr zu den Osterfestspielen feierte. Mit ebensolcher beeindruckender Fulminanz und emotionsgeladener Virtuosität präsentierten sie nun in ihrem ersten Konzert des Sommers ein romantisches Programm, das ebenfalls die bittersüße Vorahnung eines Endes in sich trug. Während Edward Elgars „Enigma-Variationen“ inmitten der melancholischen Reminiszenzen auch humorvolle Anspielungen und liebliche Momente umfassen, spiegelt Peter Tschaikowskis Symphonie Nr. 4 in f-Moll sämtliche Extreme menschlicher Emotionen wider, in denen kurze Momente des Glücks sogleich mit erschütternder Heftigkeit von Traurigkeit vertrieben werden und das unnachgiebige Schicksal stets an seine Übermacht gemahnt. Besonders mit dieser Symphonie stellten Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker ihre klanggewaltige Brillanz und interpretatorische Schärfe eindrücklich unter Beweis. (Rezension des Konzerts v. 23. August 2026)
Ein verborgenes Thema inmitten von Charakterporträts
Mit seinen „Variations on an Original Theme“ gab Edward Elgar nicht nur seinem unmittelbaren Umfeld und Publikum, sondern auch der zukünftigen Musikwissenschaft mehrere Rätsel auf. Die vierzehn Variationen des aufgrund dieser Rätselhaftigkeit „Enigma Variations“ genannten Werks sind jeweils Personen aus Elgars Leben, ihren prägnantesten Charaktereigenschaften, bemerkenswerten Tätigkeiten oder besonderen geteilten Erinnerungen gewidmet. Während Elgar die Frage, wer sich hinter den jeweiligen Initialen oder Decknamen verbirgt, schließlich eineinhalb Jahrzehnte nach der Uraufführung aufklärte, besteht das zweite Rätsel bis heute, sodass auch die Überlegung aufkam, ob es als solches überhaupt existiert oder nicht vielmehr ein erfundener, womöglich als Witz entstandener Mythos ist. Hinter dem in den Variationen verarbeiteten Thema soll sich als Kontrapunkt eine bekannte Melodie verbergen, die jedoch in dem Werk selbst nie erklingt und von Elgar auch nie preisgegeben wurde. Neben dem langsamen Satz der Pathétique-Sonate Beethovens, einem schottischen Traditional oder dem patriotischen „Rule, Britannia!“ wurden zahlreiche weitere Möglichkeiten diskutiert, ohne jedoch zu einem definitiven Ergebnis zu gelangen. Viel bemerkenswerter als die Suche nach der verborgenen „petite phrase“ ist allerdings auch die charakteristische Vielfalt des musikalischen Ausdrucks, die sich in der Orchestrierungstechnik und der rhythmisch-dynamischen Gestaltung ebenso zeigt wie in der motivischen Verarbeitung sowohl des ursprünglichen Themas als auch der jeweiligen programmatischen Hintergründe der Sätze. Dieses vielseitige Bouquet an Stimmungen, Tempi und Stilen arbeitete Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern auf prägnante und flexible Weise heraus, sodass ein schillernder Durchgang durch das Leben und die Bekanntschaften Edward Elgars entstand, der im akustischen Eindruck zahlreiche lebendige Bilder aufkommen ließ.
Das eigentliche Enigma der Variationen
Das „Original Theme“ legt Petrenko für ein Andante erstaunlich langsam an, sodass das in einigen Variationen leicht und fröhlich klingende Werk anfangs in eine melancholische Grundstimmung gebettet wird, die dem Thema durchaus entspricht. Die erste Variation, Elgars Frau gewidmet, führt unmittelbar, jedoch mit fließenden Melodiebögen der Streicher und lieblicherem Klang aus dem Thema in die Variationen über. Der in der zweiten Variation porträtierte Pianist Steuart-Powell hätte sich in seiner technischen Versiertheit durch den hier etwas wackelnden, in den Streichern unkoordinierten Beginn eben dieser in Frage gestellt sehen können, doch gelingt es den Berliner Philharmonikern rasch, ihre gewohnte artikulatorische Prägnanz wiederzugewinnen, sodass die dritte Variation mit charakteristisch gestalteten, tänzerischen Linien und Rhythmen, aus denen besonders das Fagott heraussticht, einen lieblichen Ruhepunkt vor dem fulminanten Ausbruch der vierten Variation darstellt. In diesem nur eine halbe Minute dauernden Satz zeigt das Orchester bereits seinen mit höchster Spannung geladenen Klang, der in der zweiten Konzerthälfte besonders eindrücklich zu hören sein wird. Während die fünfte Variation von Stimmungswechseln geprägt ist, die von der gezogenen, klanglich satten Geigenmelodie über das tänzerisch gestaltete Holzbläserensemble zu einer düsteren Atmosphäre führen, gelingt es Petrenko und den Philharmonikern in der sechsten die auch sonst in manchen Sätzen anklingende gewollte Einfachheit, die jedoch keine Banalität ist, sondern vielmehr das Geruhsame und In-sich-Ruhende mancher Menschen zum Ausdruck bringt, hier besonders durch das Bratschensolo. Der cholerisch wirkende Ausbruch des „Troyte“, bei dem besonders die Pauke mit kontrolliert geführten dynamischen Entwicklungen und raschen Abbrüchen, aber auch die blitzartig agierenden Geigen hervorstechen, wird in der darauffolgenden Variation rasch abgelöst von großer Ruhe. Diese führt Petrenko zu Beginn der neunten und wohl berühmtesten Variation „Nimrod“ bis ins äußerste Extrem. Mit kaum vernehmbarem, sehr zartem Klang, der wie aus weiter Ferne erscheint, entwickelt sich in stetigem Aufbau eine hohe Intensität, die schließlich so schnell verschwindet wie ein Traum, der zu schön war, um wahr zu sein. Dabei wählt Petrenko ein ruhiges, aber nicht zu langsames Tempo, wodurch die sonst oft sehr stehend angelegte Variation in aller träumerischen Charakteristik stets einen guten Fluss bewahrt. Mit dem anschließenden Intermezzo „Dorabella“ sorgt besonders das gefühlvoll phrasierte und im Klang durchaus bittersüß, wiederum gewollt einfach angelegte Bratschensolo für einen kleinen Ruhepol. Besonders am Ende zeigt sich die hohe Fähigkeit der Berliner Philharmoniker, die agogische Gestaltung als Orchester in sämtlichen Stimmen beinahe intuitiv gemeinsam zu führen. In der elften Variation, die nicht der Person „G.R.S.“, sondern deren Bulldogge gewidmet ist, die auf der Jagd nach ihrem Ball eine dramatische Konfrontation mit dem Fluss Wye erlebt, beweist das gesamte Orchester höchste Spannung, besonders die Streicher fahren in blitzartigen Linien hervor, während das Blech mit stilistisch passenden Fanfaren überzeugt. In der zwölften Variation beeindrucken Solocellist Bruno Delepelaire sowie das gesamte Celloensemble mit dichtem, emotionsgesättigtem Klang, der sich in großen Bögen zu hoher Intensität entfaltet, bevor er in eine intime Zartheit geführt wird, die besonders im Solo zum Schluss für Erschaudern sorgt. Die mit „***“ überschriebene und dadurch durchaus Spekulationen anregende vorletzte Variation wird flirrend zum Leben erweckt, erhält bei den Berliner Philharmonikern jedoch auch eine melancholische Färbung. Diese setzt sich in der letzten, Elgar selbst gewidmeten Variation fort, in der Petrenko rasante Tempi wählt, die durch prägnante Artikulation aber stets ihre Charakteristik bewahren. Den Aufbau gestaltet er in geschichteter Weise, sodass der finale Ausbruch, der durch das Aufklingen einzelner Themenbruchstücke wie ein Kaleidoskop an Erinnerungen in der Rückschau am Ende des Lebens wirkt, von sehr dichter Emotionalität geprägt ist, die aber nicht zur Pathetik verkommt. Jedes Detail ist dabei prägnant herausgearbeitet, ohne die großen Linien oder die zugrundeliegende Stimmung zu verlieren. Mit einem sich aus dem Nichts entwickelnden, fulminanten Schlusston beenden die Berliner Philharmoniker und Kirill Petrenko diese in der Charakteristik und den Klangfarben sehr vielfältig gestalteten Variationen, in denen die technische Brillanz des Orchesters ebenso hervortritt wie das Gespür für bestimmte Atmosphären. Dennoch bleibt am Schluss das latente Gefühl, als hätte im Letzten etwas gefehlt. Womöglich war es die zwischen Melancholie und Ironie, edler Zartheit und überraschend trockener Direktheit schwankende englische Art, die sämtliche Charakterportraits dieses Werkes in unterschiedlicher Ausprägung durchzieht und hier nicht mit voller Authentizität zum Leben erweckt werden konnte – und womöglich läge genau darin das eigentliche Enigma dieser Variationen.
„Ein unentwegter Wechsel harter Wirklichkeit…

Dieser Eindruck ändert sich in der zweiten Konzerthälfte jedoch schlagartig, denn mit Tschaikowskis Vierter Symphonie gelingt es Kirill Petrenko und den Berliner Philharmonikern, ein mitreißendes, im Ausdruck von höchster Authentizität geprägtes, schmerzhaft unmittelbares Bild der menschlichen Existenz in all ihren emotionalen Facetten zu gestalten, in dem sich immer wieder das Schicksal Präsenz verschafft, um an seine Macht über alles Wünschen und Sehnen zu erinnern. Tschaikowski selbst schilderte in einem Brief an seine Mäzenin und Freundin Nadeschda von Meck die in dieser Symphonie verarbeiteten Erfahrungen und Emotionen, die in seinem eigenen Leben während der Entstehung dieses Werks fast ausschließlich düster und bedrückend waren. So setzt der erste Satz auch mit den mahnenden Fanfaren des Schicksals ein, bei denen die Blechbläser, besonders die Trompeten, der Berliner Philharmoniker ihren äußerst scharfen, eindringlichen Klang hören lassen. Petrenko legt den gesamten Satz nicht nur im Tempo schnell, sondern auch in der Energie stets von höchster Spannung durchzogen an, wobei er jedoch immer wieder für Momente sorgt, in denen er sowohl Tempo als auch Dynamik stark zurücknimmt. Dabei gelingt es ihm, diesen Passagen der Zurückhaltung und Ruhe einen Ausdruck zu verleihen, der jenen Eindruck vorläufig und nicht vertrauenserweckend erscheinen lässt – die Spannung bleibt stets aufrecht, das Schicksal bahnt sich immer wieder seinen Weg. Insgesamt wirkt Petrenkos Interpretation sehr durchdacht, dabei aber im Hörerleben äußerst natürlich, sodass man wie in einem emotionalen Fluss mitgerissen wird, dabei aber durch eine klare Strukturierung der unterschiedlichen Abschnitte nie die Orientierung verliert. Nach heftigen Ausbrüchen unter Hochspannung nimmt Petrenko den wuchtigen Orchesterklang immer wieder stärker zurück, ohne dadurch die Spannung abbrechen zu lassen. Gelegentlich geraten die Tempi etwas zu schnell und dadurch leichtfüßig, manche Melodien bräuchten wohl etwas mehr Zeit, um ihre Kraft und vor allem die Schicksalshaftigkeit voll zum Ausdruck zu bringen. Dies ändert jedoch nichts an der packenden Energie, die die Berliner Philharmoniker während des gesamten Satzes entfalten und die sich sowohl in der jedes Extrem ausreizenden Dynamik als auch der Vielfalt der Klangfarben ausdrückt. Die letzte Steigerung setzt etwas unruhig ein, entwickelt sich dann jedoch zu einem äußerst beeindruckenden und schmerzhaften Höhepunkt, nach dem die längere Pause, die Petrenko vor Beginn des zweiten Satzes hält, allein schon aus emotionalen Gründen durchaus notwendig ist.
…mit flüchtigen Träumen vom Glück“
Dieser zweite Satz „in modo di canzona“ ist bei Petrenko ebenso recht zügig gehalten, sodass es in der Gesamtwirkung eher wie ein „modo di danza“ wirkt, der die immer inniger werdende Melodie gelegentlich etwas zu leichtfüßig und tänzerisch werden lässt. Insgesamt gelingt es Petrenko jedoch, die Linien der allmählichen Entwicklung der Melodie, die immer inniger wird und schließlich in höchster Emotionalität ausbricht, in großen Bögen zu gestalten, sodass erneut ein hohes Maß an, nun im Charakter anders als im ersten Satz gearteter, Spannung entsteht. Besonders berührend wird dabei der Nullpunkt, in dem das gesamte Orchester sich auf ein Minimum zurücknimmt, aus dem das Fagott mit gefühlvoller Phrasierung und in langsamerem Tempo herausführt. Der von Tschaikowski im romantischen Sinne als von literarischen und stilisiert historischen Motiven geprägtes Stimmungsbild angelegte dritte Satz beginnt unter Petrenko im Gegensatz zu den beiden vorausgehenden Sätzen in erstaunlich gehaltenem Tempo, das jedoch den Streichern den Raum gibt, ihr Pizzicato mit äußerst samtigem Klang und kleinteilig differenzierter und doch in große Linien eingefügter Phrasierung zu gestalten. Insgesamt überzeugt der Satz durch eine klare Strukturierung, sämtliche Schichten und Linien sind gut herausgearbeitet, ohne aber den Satz zu einem Bruchstückwerk verkommen zu lassen. Vielmehr entsteht eine schillernde Atmosphäre, die von idyllischem Landleben in der Natur genauso geprägt ist wie von höfisch-ritterlichen Szenen. Dadurch wird dieses Scherzo zu einem atmosphärisch dichten wie vielseitigen Genrebild eines romantischen Settings, in dem zahlreiche Assoziationen evoziert werden, ohne die Wirkung der Musik jedoch einzuschränken. Mit großer Zartheit und einer natürlich wirkenden Unbekümmertheit plätschert dieser dritte Satz schließlich in erneut samtig tappenden Pizzicato-Tönen aus.
Auf dem schmalen Grat zwischen Freude und Wahnsinn
Mit einer höchst expressiven Klangexplosion wird die romantische Atmosphäre des dritten Satzes jedoch zu Beginn des Finales vehement unterbrochen. Der gesamte letzte Satz ist bei Petrenko und den Berliner Philharmonikern von höchster Rasanz, plötzlichen, aber sehr organisch geführten Tempo- und Stimmungswechseln und beeindruckend prägnanter Rhythmik und Artikulation geprägt. Die bereits im ersten Satz bestehende Spannung wird in diesem Finalsatz bis ins Äußerste getrieben, stets hat man das Gefühl, man befände sich inmitten einer Parade, die eigentlich von ausgelassener Festlichkeit und fröhlich-wildem Treiben geprägt, dabei aber nur einen Windhauch vom Ausbruch völligen Wahnsinns und damit einem Zusammenbruch jeder Freude entfernt ist. Wie in einem Rausch führt Petrenko über rasche Umbrüche durch verschiedene Stimmungen, unter denen auch ruhige Passagen mit sanftem Streicherklang und zarten Flöteneinwürfen ihren Platz haben und mit den scharfkantigen Klängen der Blechbläser kontrastiert werden. Besonders heftig erscheinen die markerschütternden Akkorde vor dem letzten Aufbau, die in ihrer Kraft durch die danach gehaltene, vor Spannung flirrende Stille noch verstärkt werden. Erneut beginnt Petrenko im absoluten Nullpunkt, aus dem heraus er jedoch sofort wieder Fahrt aufnimmt, die schließlich in rasanteste Klänge und Tempi führt und nun die Grenze zum Wahnsinn bereits überschritten zu haben scheint. Dabei beeindrucken die Berliner Philharmoniker mit der Fähigkeit, den Eindruck zu erwecken, als könnte alles sogleich völlig aus dem Ruder zu laufen, ohne dass diese Gefahr je tatsächlich bestünde. Ein solches Spiel mit Kontrolle und stilistisch bewusst gesetztem Kontrollverlust bedarf größter Virtuosität des gesamten Orchesters und einer feinen Abstimmung auch in Einklang mit dem Dirigenten, die mit Petrenko in höchstem Maße möglich ist. Mit diesen energischen, überwältigenden Klängen des Finales der Vierten Symphonie findet die gesamte Bandbreite des emotionalen Erlebens, sämtliche friedlichen Höhen, noch mehr aber die tiefsten und düstersten Abgründe der menschlichen Existenz ihr vorläufiges musikalisches Ende. Diese Musik wirkt gerade deshalb so stark und auf natürlich-unmittelbare Weise, auch im Vergleich zur späteren „Pathétique“, da sie die Existenz in sämtlichen Facetten und Emotionen abdeckt und mit den stärksten Extremen konfrontiert, in die man emotional hineingerissen wird, wenn das Werk auf so fulminante, technisch versierte und differenziert ausdrucksstarke Weise dargeboten wird.
- Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Salzburger Festspiele 2026
- Titelfoto: Salzburger Festspiele 2026/Kirill Petrenko (Dirigent), Berliner Philharmoniker/Foto: © SF/Marco Borrelli