Mandolinen um Mitternacht – Die Kammeroper Schloss Rheinsberg buddelt Giovanni Paisiellos „Il barbiere di Siviglia“ aus

Kammeroper Schloss Rheinsberg/ Il Barbiere di Siviglia (Paisiello) /Foto: © Stefan Gloede

Die Perle Rheinsberg bietet heute aber auch wirklich alles auf, um ihren feinen Glanz zu entfalten: Auf dem glitzernden Grienericksee schippert die MS Remus seelenruhig vor sich hin; Graugänse schnattern lauthals über königlich-preußische Rasenflächen in deren Mitte üppig bepflanzte Blumenbeete von Ornamenten umrahmt werden, als wären es blühende Riesenschalen, und im Schlosshof probiert die Sopranistin eine hingehaucht-zarte Arie von André-Ernest-Modeste Grétry (Premiere Blaubart am 7.8.2026). Zusätzlich fallen auf all das wohl temperierte Sonnenstrahlen: Im Grunde ist diese überbordend pittoreske Postkartenidylle für einen Großstädter kaum auszuhalten, ja, eine regelrechte Zumutung. (Rezension der Vorstellung v. 21. Juli 2026)

 

Aber was will man machen, wenn in Berlin, wo angeblich alles 24/7 zu bekommen ist, die Opernhäuser in den sommerlichen Dornröschenschlaf gefallen sind? Und selbst wenn dem nicht so wäre: Ein Werk von Giovanni Paisiello – ganz speziell Il barbiere di Siviglia – ist in den hauptstädtischen Spielplänen sowieso nicht anzutreffen. Die reichlich dreißig Jahre spätere Neuverföhnung durch Gioachino Rossini und Mozarts Le nozze di Figaro (dem 2. Teil der Beaumarchais‘schen „Figaro-Trilogie“) laufen hingegen gefühlt in Dauerschleife. Also auf ins provinzielle Paradies zum Festival der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Die Produktion lief bereits während der vergangenen Osterfestspiele und feierte nun „Sommerpremiere“ im Schlosstheater.

Kammeroper Schloss Rheinsberg/ Il Barbiere di Siviglia (Paisiello) /Foto: © Stefan Gloede

Ebenjene stammt von Georg Quander, früher Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Kunst- und Kulturdezernent der Stadt Köln und Künstlerischer Leiter in Rheinsberg, heute alter Theaterhase, und als solcher ausgestattet mit erfahrenen Pfoten zum Regieführen, einem gut ausgeprägten Gehör für Nachwuchstalente und dem richtigen Schnuppernäschen für bühnenwirksame Nummern. Inszenatorisch braucht er nicht viel mehr zu tun als das Podium bis auf ein paar notwendige Bühnenelemente leerzuräumen sowie sein junges, spielwütiges, toll besetztes Sängerensemble mit dem Commedia dell’arte-Virus zu infizieren und dann aufeinander loszulassen – den Rest besorgen exzellent ausgebildete Stimmen und ein Paisiello mit Pfeffer und Pointen.

Dirigent Werner Ehrhardt durchpulst die Partitur bis in winzigste Äderchen, werkelt im Graben an klitzekleinen Klangkaskaden, lässt die Kammerakademie Potsdam aber auch mal von der Leine – zum Peitschen, Toben, Tosen. Und so wirkt dieses gut abgehangene Dramma giocoso im Stil der neapolitanischen Schule doch erstaunlich fresco. Eine ganz wunderbare Szene ist das Gewitter im 2. Akt: Mit einem schnellen, ungebundenen Tremolo kündigen die Streicher die Temporale an – und dann sausen Windmaschine und Donnerkasten, dass es eine blitzhelle Freude ist.

Kammeroper Schloss Rheinsberg/ Il Barbiere di Siviglia (Paisiello) /Foto: © Stefan Gloede

Darüber triumphiert eine jugendliche Besetzung ohne Schwachstellen: Letícia Peixoto de Moraes singt die Rosina mit leuchtend flexiblem Messa di voce; Lucas López López ist ein buffo-baritonaler Basilio zum Schlapplachen; Eliás Ongay greift als Almaviva zur Mandoline und bringt seine Tenorknospe zum Blühen, und Gevorg Ginosyan punktet als herrlich viriler Figaro. Eine Klasse für sich ist der virtuos phrasierende wie Kastagnetten spielende Teufel Dr. Bartolo von Gergely Kereszturi.

 

  • Rezension von Heiko Schon / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Kammeroper Schloss Rheinsberg
  • Titelfoto: Kammeroper Schloss Rheinsberg/ Il Barbiere di Siviglia (Paisiello) /Foto: © Stefan Gloede (Fotos mit der Besetzung v. 21.7.2026)
Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert