
Bayreuther Publikum ist leidensfähig. Sagt man. Sagt man sich selbst. Leise, ermunternd, wenn zweieinhalb Stunden Das Rheingold bei 36 Grad in der Sonne eine masochistische Schwitzpartie werden könnten. Warum macht man das alles mit? Warum anderthalb Jahrhunderte lang? Darum. Zum Mitfiebern, Mitstreiten, Mitbrüllen. Zum Mitlieben. Zum Jubiläum von hundertfünfzig Jahren Treiben bei den Richard-Wagner-Festspielen soll nun modernste Technik all dies und mehr für einen jeden individuell erfahrbar machen. Am besten noch via Wagners größtem Werk, dem Ring des Nibelungen. Über ein Konzept, das bereits im Auftakt zu viel begehrt, und olympische Erwartungen an die Musik. (Rezension der Vorstellung v. 4. August 2026)
An seinem Geburtstag sollte man sich feiern lassen. Man sollte bedeutungsschwer in die Vergangenheit blicken (möglichst kurz, damit niemand wirklich hinschaut) und gleichzeitig dynamisch und modern erscheinen. Man will ja noch alt werden! Den Ring des Nibelungen präsentiert man, um all diese Ziele zu erreichen, mit der Technologie des digitalen Zeitalters schlechthin: einer bildgebenden Künstlichen Intelligenz, die auf Gazevorhänge eingepeiste Bilder wiedergibt, zu neuen vermengt und allerlei dazwischen erfindet. Ungünstig, dass sich das Festspiel-Marketing und das Produktionsteam gar nicht einig sind, was diese KI nun eigentlich tut. „Was passiert, wenn die Bühne selbst zu denken beginnt?“, flötet die Internetseite der Bayreuther Festspiele. Von wegen, erklärt Kurator Marcus Lobbes im Programmheft-Interview, das sei ein statistisches System, das riesige Datenmengen mathematisch in Beziehung zu einander setze. Dort liest sich insgesamt ein erfrischend reflektierter Umgang mit KI, der die Technologie weder überhöht noch abtut, sondern ihre Fähigkeiten realistisch vermittelt. Die Realität sieht leider anders aus: stehende Besetzung in abstraktem Gewirr sowie wechselnden Bildern von Bühne und Historie. Für einen ruhigen Hintergrund ändern sich die Bilder zu schnell; für das Erzähltempo einer flinken, aber tiefgründigen Dialogoper voller Spitzen und Feinheiten sind sie jedoch zu träge. So kommt nichts auf seine Kosten. Altwagnerianer spielen also Inszenierungsbingo, statt sich vollends konzentrieren zu können, und neueres Publikum fühlt sich von der Menge an Anspielungen abgelenkt und überladen. In den tragischen Opern könnte das Konzept wegen des langsameren Erzähltempos besser aufgehen, doch auch dort wird es rasante Szenen zu bewältigen geben.
Als konzertant angedacht ist die Aufführung nämlich nicht. Dort würde Einverständnis herrschen, dass man sich wirklich nur auf die eigenen Ohren konzentrieren darf. Hier jedoch ist durch die Bildgebung ausdrücklich das Hinsehen erwünscht. So schaut das Auge und erblickt – König Ludwig II im Ganzkörperportrait während des Abstiegs nach Nibelheim. Die Ausführung der Anweisung „Dort, die Kröte! Greife sie rasch“ gerät zum komischen Höhepunkt, als Wotan dem herumstehenden Alberich bedächtig die Hand auf die Schulter legt. Dieser allzu scharfe Kontrast zwischen im Text (und im Übrigen auch in der Musik!) beschworenen Handlung und dem blanken Nichts an Schauspiel gepaart mit sich ständig ändernden visuellen Reizen ohne Pointe erschöpft und frustriert, schon bevor irgendwer durch eine Schwefelkluft zu den Zwergen abgestiegen ist.

Man möchte den Ring ohne Deutung erzählen, ohne Geschichte, ein wachsendes Assoziationsgewebe für alle frei interpretierbar. Ein Ring ohne Geschichte ähnelt jedoch stark einem Kuchen ohne Teig: funktioniert gut, solang man es nicht wirklich probiert. Wohl oder übel wurde der Ring nämlich als Geschichte konzipiert; vierzehn Stunden lang singen Figuren von konkreten Handlungen, von ihren Gefühlen und vom lästigen Zustand, in der Welt zu existieren und sie auf Gedeih und Verderb mitzugestalten. Auch würde es helfen, wenn die Assoziationen zu einem Denkanstoß inspirieren würden, sei dieser auch für alle individuell – aber wer moderne Bauarbeiter in Warnhelmen neben Trümmerhaufen erblickt, während Wotan vom Verlust seines Auges raunt, fühlt sich kaum inspiriert oder gar intellektuell gefordert. Dass der „Riesenwurm“, in den Alberich sich verwandelt, halbwegs pünktlich als Krokodil erscheint, ist langweilig, weil selbstredend; dass das Krokodil anatomisch verhunzt ist, eher eine Frechheit.
Das ist vor allem ärgerlich, weil das Konzeptionsteam eben wie oben genannt einen durchaus reflektierten Ansatz an den Tag legt (Künstlerisch-technische Konzeption: Marcus Lobbes und Nils Corte, Dramaturgie: Andri Hardmeier, Digitales und KI-Storytelling: Roman Senkl, Creative Code/Visual Art: Nils Corte und Phil Hagen Jungschlaeger). Die KI bleibt ein geschlossenes System und wird so nicht zum Urheberrechts-Albtraum, der alles aufsaugt, was Fremde im Internet erschaffen haben; das historische Material ist ausgewählt und zumeist nicht ästhetisiert. Die Besetzung ist mit Trackern und Mikrofonen ausgestattet, damit sie nicht von den Projektionen überblendet werden und der gesungene Text auch live im System ankommt. Aber es hilft alles nichts. Das Zuschauergehirn schwimmt nach zwei Stunden in bunter Bilderbrühe und erfährt den intellektuellen Nährwert einer Tütensuppe. Trotz der technischen Komplexität, die das Bühnensystem zweifelsohne hat, kann die KI das Menschlichste von allem kaum akkurat abbilden: Hände und Gesichter. Wie bezeichnend für eine Geschichte, die keine sein soll.
Zu allem Übel sind die abstrakten Kostüme von Pia Maria Mackert der Besetzung zwar kunstvoll gestaltet, doch bleiben die echten, singenden Personen in ihnen kaum unterscheidbar. Mit Hinblick auf die Charaktere im Rheingold entspricht es auch leider nicht dem Werk selbst, dass die Streitparteien Götter, Riesen, Zwerge, Nixen und ein Halbgott-Feuerwesen fast alle gleich aussehen. Frei nach dem Motto ‚wenn sie singen, ist alles gut, doch wenn sie schweigen…‘ entsteht beim Schlussapplaus teils saftige Verwirrung, wer sich gerade verbeugt.
Aber gottseidank singen sie ja. Da handverlesen und prägnant besetzt, sind die musikalischen Erwartungen an diese Jubiläumsveranstaltung geradezu übermenschlich hoch. Michael Volle als Wotan breitet seinen göttlichen Grantler auf der ganzen Bühne aus, sofern er sich bewegen darf, herrisch und selbstgefällig schwebt er über den Dingen – oder würde das zumindest gern – bis er dann doch mit seiner gesetzten, aber fast kristallinen Baritonstimme auf den Putz haut. Jochen Schmeckenbechers Alberich hat das Nachsehen. Zunächst etwas fad im Forte erreicht er in der dritten Szene eine bessere Lautstärke und liefert eine würdige Leistung ab. Schmeckenbeckers Alberich ist eine Giftbombe, wenig um Menschlichkeit bemüht. Gelegentlich droht seine Vokallinie, in die Karikatur abzurutschen, doch entstehen vielerorts Phrasen, die man sich anderswo oft mit genau diesem Engagement vermisst: „Hüte dich, herrischer Gott!“ – ja, hüte dich, Wotan. Ein großes Hallo vor dem Vorhang verursacht Klaus Florian Vogt, der dieses Jahr pro Oper eine Tenorpartie singt, hier den Loge. In der Gestaltung seiner Partie erweist er sich als durchaus musikalisch einfallsreich und auf der leeren Bühne parkettsicher, wobei leider einige Patzer im Text und ein völlig verschluckter Satz anzumerken wären. Auch fällt trotz der Gestaltung auf, dass aufgrund seiner Dauereinsatzes er schlichtweg Reserven sparen muss: als Mime in Nibelheim materialisiert sich nämlich Gerhard Siegel und zieht in seinen zehn Minuten alle stimmlichen Register, was ein Charaktertenor denn kann. Und das sind nun mal mehr als bei jemandem, der morgen Siegmund und dann beide Siegfried-Partien stemmen wird.

Fricka, debütiert von Anna Kissjudit, streitet sich mit ihrem Gatten ohne Erfolg, aber dafür mit Feuer unter den Sohlen; Evelin Novak gibt stimmlich patent die in der Situation eingeklemmte Freia. Christa Mayers Erda enttäuscht keinesfalls, doch wünscht man sich in der Stimme eines weisen Urwesens vielleicht etwas mehr Rätsel, etwas mehr Ewigkeit. Mika Kares, auch arg beansprucht diese Saison, beginnt den zweiten Durchlauf noch frisch, gestreng, doch weicher im Klang als sein Bruder. Selbiger (Peter Rose als Fafner) hat sich auf Bissigkeit verlegt und tönt als Kontrast zu dem Bruder deutlich knöcherner, womit die Riesen stimmlich angenehm unterscheidbar bleiben. Nicht zuletzt die Rheintöchter singen in erstklassiger Einheit. Donner (Alexander Grassauer) und Froh (Siyabonga Maqungo) sind erfreulich besetzt, und nicht zuletzt die Rheintöchter Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold.
Christian Thielemanns zweite musikalische Ring-Leitung in Bayreuth wurde von manchen womöglich ähnlich einer Gotteserscheinung erwartet. Und während Überhöhungen einzelner Persönlichkeiten (gerade in Kontext Bayreuth) nicht immer ratsam ist, liefert der Dirigent hier den herrlich inspirierten Auftakt zum Menschheitsdebakel. Ungeheuer leise beginnt das Vorspiel mit dem Es, sodass manche noch mit den Kleidern auf dem Sitz wursteln, als die Welt dem Nichts entspringt. Die Welt hat begonnen, und wir waren mal wieder unaufmerksam und beschäftigt –eine kleine, bezeichnende Poesie für das Dasein an sich. Die aufsteigenden Klarinettenmelodien im Rheinwasser werden sehr straff gehalten; erst kurz vor dem ersten Wort der Welt tritt ein Forte im ganzen Orchester auf. Insgesamt detailliert und abwechslungsreicht fährt das Dirigat zu passenden Momenten auch Krallen aus, etwa zum Auftritt der Riesen oder durch immer heftigere Striche in Nibelheim. Eine einzige kuriose Wahl der Akzentuierung ergibt sich in den Hörner-Achtelnoten während den letzten Worten der Rheintöchter, die in den weichen Fluss eher reinplatzen, als dass sie sinngemäß das Finale ankündigen. Doch dieser Rosinenpickerei sei ganz vergessen, wenn die Oper sich in ihren letzten Takten schillernd verabschiedet.
So auch kein Wunder, dass für das Dirigat am meisten gejubelt wird, wie sonst selten für ein Rheingold-Dirigat gejubelt wird. Statt inspirierender Assoziation durch Zeit und Raum scheinen jedoch während der Inszenierung ganz andere Ideen entsprossen zu sein. Ein offensichtlich kulinarisch affiner Mann überlegt beim Verlassen des Geländes über die Bekleidung der Besetzung: „Sie sehen alle aus wie Morcheln…!“. Und doch: Wallala! Wallaleialala! Obwohl nüchtern (wenn keine Pause, dann kein Aperölchen), möchte man musikalisch angeschickert den Hügel runtertanzen: rheingoldbesoffen.
- Rezension von Lynn Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayreuther Festspiele 2026
- Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/ DAS RHEINGOLD/ Foto: Enrico Nawrath