
Zum 150. Jubiläum wagen die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele etwas bis dahin Unerhörtes: Mit Rienzi steht erstmals jenes Frühwerk auf dem Spielplan, welches der Komponist selbst aus dem Kanon seiner reifen Musikdramen verbannte. Die Neuinszenierung wird ausschließlich in diesem Festspielsommer, ohne Aussicht auf ein Wiederaufnahme, angesetzt. Die neun Vorstellungen, teils mit Doppelbesetzung, waren bereits lange im Voraus ausverkauft. Die Entscheidung Katharina Wagners für Rienzi hat rund um das Eröffnungswochenende eine Debatte ausgelöst, denn das Werk gilt als historisch belastet. Der Überlieferung zufolge soll Adolf Hitler nach einer Aufführung in Linz den Satz ausgesprochen haben: „In jener Stunde begann es …“ Seit 1939 befand sich zudem das Autograph der Oper in Hitlers Besitz, er erhielt es als Geburtstagsgeschenk. Muss nun ausgerechnet im Jubiläumsjahr dieses Werk auf dem Grünen Hügel erklingen? (Rezension der Premiere v. 26. Juli 2026)
Wer sich mit Wagners Musikdramen intensiver beschäftigt, weiß allerdings, dass Rienzi nicht nur wegen seiner politischen Instrumentalisierung ein Schattendasein führt. Die eigentlichen Gründe liegen im Werk selbst. Zwischen der Uraufführung des Rienzi im Oktober 1842 in Dresden und jener des Fliegenden Holländers am gleichen Ort liegen nur wenige Monate; Musikalisch jedoch trennen beide Werke Welten. Selbst hartgesottene Wagnerianer kennen lediglich die mitreißende Ouvertüre und Rienzis Gebet im fünften Akt „Allmächt’ger Vater, blick herab“. Dazwischen entfaltet Wagner zwar eindrucksvolle Massenszenen, klangprächtige Tableaux und immer wieder überraschend dramatische Einfälle, doch verliert sich das Werk ebenso häufig in episodischem Leerlauf. Denn es ist noch ganz der französischen Grand opéra verpflichtet. Dramaturgische Stringenz und die musikalische Geschlossenheit der späteren Musikdramen Wagners sucht man vergeblich. Wer jedoch genau hinhört, entdeckt in manch einem motivischen Gedanken, der erst Jahre später seine volle Gestalt gewinnen wird, bereits Keimzellen des Meisters von Parsifal und Tannhäuser. Meist begegnet man der Oper lediglich konzertant und in drastisch gekürzter Gestalt. Die letzte szenische Neuinszenierung auf einer großen Opernbühne liegt bereits über ein Jahrzehnt zurück. Für hartgesottene Wagnerianer eröffnet Rienzi dennoch faszinierende Einblicke in die Werkstatt des Komponisten auf der Suche nach seiner eigenen Musiksprache. Gerade deshalb hat diese Oper zumindest für diesen Sommer eine Chance in Bayreuth verdient.
Um die patriarchal geprägten Strukturen von 150 Jahren Bayreuther Festspielgeschichte weiter aufzubrechen, übertrug Festspielleiterin Katharina Wagner die künstlerische Verantwortung dieser viel diskutierten Premiere einem Frauenteam. Nathalie Stutzmann leitet damit als erst zweite Dirigentin nach Oksana Lyniv eine Bayreuther Premiere. Das Regieduo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka sind die ersten außerhalb der Wagnerfamilie stehenden Regisseurinnen auf dem Grünen Hügel.

Die Oper erzählt von dem römischen Notar Cola di Rienzi und wie dieser gegen den gewalttätigen Adel zum mächtigen Volkstribunen aufsteigt, später jedoch aufgrund politischer Intrigen die Gunst des Volkes verliert. Rienzi wird im brennenden Kapitol den Märtyrertod sterben. Das Regieduo Szemerédy/Parditka verlegt die Handlung in die Gegenwart. Wir sehen eine so beengend wie gleichförmig angeordnete Architektur aus Wohnblöcken und eine dort lebende, in Graustufen gekleidete Gesellschaft. Von Beginn erzeugt die Szenerie eine beklemmende Atmosphäre, in welcher Individualität nahezu ausgelöscht zu sein scheint. Die eigentliche Stärke der Regie liegt in der psychologisch feinen Zeichnung ihrer Figuren besonders in den intimen Momenten. Eindrucksvoll gelingt beispielsweise die Darstellung eines Rienzi, der sich im Taumel des Massenzuspruchs von der Dynamik der Menge fortreißen lässt und dabei auch an sich selbst zweifelt und in Hybris verfällt. Ebenso entwickelt die Konfrontation zwischen Irene und Adriano im fünften Akt eine außergewöhnliche darstellerische Intensität. Mit präziser Personenführung, subtil gesetzten Lichtakzenten sowie einer ausdrucksstarken Körpersprache in Mimik und Gestik entwickelt das Regieduo immer wieder spannende Psychogramme, welche den Abend weit über seine politische Lesart hinaustragen lassen.
Ein genialer Regieeinfall als Zwischenspiel: In der großen Ballettmusik im zweiten Akt, die sogenannte Pantomime, findet eine selbstironische Hommage an die Bayreuther Festspiele statt. Auf der Bühne entsteht ein Festspielhaus en miniature, in dem ein Richard Wagner im mit liebevoll augenzwinkernder, bewusst traditionsverhafteter Regie Höhepunkte seiner eigenen Werke aufführen lässt; Selbst die beliebte Festspielbratwurst fehlt nicht.
Konzeptionelle Schwächen offenbart die Regie jedoch ausgerechnet in den zahlreichen groß angelegten Massenszenen der Chöre. Zumeist verharrt die Menschenmenge in der Rolle einer beobachtenden Öffentlichkeit: Ausgestattet mit Smartphones und Protestschildern filmt sie das Geschehen, kommentiert dieses auf Facebook und WhatsApp oder sitzt auf einer Treppe, um in schemenhafter Erstarrung sich lediglich in Zeitlupe zu bewegen. Ein Kamerateam fängt die zentralen Momente ein und projiziert diese ohne weitere Bedeutungsebene live auf die Bildschirme. Über die Dauer von nahezu vier Stunden erschöpft sich diese Anordnung zusehends. Die plakative, letztlich monotone Chorführung bleibt ohne nennenswerte Entwicklung und wirkt erstaunlich einfallslos, zumal man vergleichbare Bilder inzwischen allzu häufig auf der Opernbühne gesehen hat.
Umso eindringlicher gerät das Schlussbild. Das Festspielhaus erscheint ein letztes Mal. Es ist ausgebrannt und seiner Aura beraubt, nur noch der Bühneneingang ist schemenhaft erkennbar. In diesem starken Bild verdichtet die Inszenierung ihre zentrale Aussage: Der Faschismus vernichtet nicht allein Menschen und Gesellschaft, sondern richtet sich letztlich auch gegen die Kunst selbst.

Andreas Schager dürfte derzeit der einzige Tenor sein, der den exorbitanten vokalen Anforderungen des Rienzi gewachsen scheint. Die stählerne Durchschlagskraft seiner Stimme verband sich mit einer nahezu idealen Textverständlichkeit. Nicht minder überzeugte Gabriela Scherer als Rienzis Schwester Irene. Mit ihrem dramatischen, zugleich stets kontrolliert geführten Sopran verlieh sie dieser von Wagner eher undankbar angelegten Partie ein eindringliches Profil. Scherer zeichnete ein ausdrucksstarkes, psychologisch fein nuanciertes Rollenporträt. Als ihr Geliebter Adriano – eine Hosenrolle – brillierte Jennifer Holloway mit klug disponierter Gesangsleistung. Sie entwickelte die Partie aus den warm timbrierten Mittellagen ihrer sicher geführten Stimme. Bemerkenswert war überdies die vorbildliche Textverständlichkeit, mit der sowohl Holloway als auch Scherer ihre Partien darboten. Alle weiteren Rollen der Oper wurden mit großen Stimmen ebenso festspielwürdig besetzt: Darunter Andreas Bauer Kanabas als Colonna, Vitalij Kowaljow als Kardinal Raimondo und Michael Nagy als Orsini.
Thomas Eitler-de Lint trug mit dem Festspielchor die eigentliche Mammutpartie dieses Abends. Nahezu ohne Unterbrechung gefordert, erwies sich das Ensemble als tragende Säule der Aufführung. Mit vorbildlicher Wortverständlichkeit und klanglicher Wucht meisterte der Chor seine gewaltige Aufgabe auf höchstem Niveau. Kaum ein anderer Opernchor dürfte diesem monumentalen Werk mit vergleichbarer Ausdruckskraft und Souveränität gerecht werden.
Nathalie Stutzmann gelang es am Pult des Festspielorchesters, den bisweilen spröden und bombastisch-hohlen Elementen des Rienzi ihre Schärfe zu nehmen. Mit Stutzmanns bemerkenswert homogenen, gefühlvollen und organisch fließenden Lesart wirkte das Werk adäquat entschärft. Ihr sicheres Gespür für Wagners frühe Klangsprache ermöglichte große Durchhörbarkeit und überdies erwies sie sich als ausgesprochen sängerfreundliche Begleiterin.
Eine persönliche Meinung unseres Autors: Mit dieser Aufführung von Rienzi haben die Bayreuther Festspiele ihrem Jubiläum einen bemerkenswerten kulturhistorischen Rahmen verliehen. Die begleitende Ausstellung „Verstummte Stimmen“ mit der Ansprache von Michel Friedman, die Diskurse der Eröffnungsreden sowie das klug durchdachte Regiekonzept von Szemerédy/Parditka, das als eindringliche Warnung vor den Mechanismen des Populismus gelesen werden kann, entpuppten sich als ehrenwerter Versuch, das Werk einzuordnen oder gar partiell zu rehabilitieren. Und dennoch bleibt für mich die Erkenntnis: So bald möchte ich Rienzi nicht wieder hören.
- Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bayreuther Festspiele 2026
- Titelfoto: Bayreuther Festspiele 2026/RIENZI/A. Scahger, J. Holloway, G. Scherer/Foto: Enrico Nawrath