
Zum Gesang der Erlösung wird Werther das von den Kindern aufgeführte Weihnachtslied, als er dessen Klänge in der Stunde seines Todes vernimmt und auf Vergebung hofft. Einen Gesang der Erlösung oder jedenfalls einen, dem man in seiner Brillanz ohne Zögern erlösende Qualität zusprechen würde, war auch an diesem Juliabend im Salzburger Festspielhaus zu hören. Mit Benjamin Bernheim in der Titelrolle von Jules Massenets „Werther“, umrankt von einem ebenso beeindruckenden Ensemble und einem höchst lebendig agierenden Orchestre symphonique de la Monnaie unter Alain Altinoglu, wird diese konzertante Aufführung des auf Goethes Briefroman basierenden Drame lyrique zu einer seltenen Sternstunde. (Rezension der konzertanten Aufführung v. 29. Juli 2026)
Vom Briefroman zum Drame lyrique
Massenets Oper „Werther“, mit einem von Édouard Blau, Paul Millet und Georges Hartmann erarbeiteten Libretto, blickt auf eine nicht unkomplizierte Entstehungsgeschichte zurück, obwohl der Komponist damals bereits zu den erfolgreichsten und meistgespielten in Paris zählte. Doch ähnlich wie bei Bizets „Carmen“ – die sich aktuell mit „Werther“ die Bühne des Großen Festspielhauses teilt – stellte die Operngattung der Opéra comique einen einschränkenden Faktor dar, noch dazu in Frankreich, wo den Gattungen und dem Unterhaltungswert entsprechende Werke gefordert und an den jeweiligen Häusern, in diesem Fall der Opéra-comique, aufgeführt wurden. Deren Direktor Léon Carvalho wies Massenets „Werther“ jedoch zurück; er sei zu düster, in der Struktur und musikalischen Form zu weit von der französischen Komischen Oper entfernt. Und tatsächlich verzichtete Massenet in diesem Werk erstmals sowohl auf gesprochene Dialoge als auch auf Rezitative zugunsten einer am dramatischen Duktus orientierten, durch eine Zwischenform aus Erinnerungs- und Leitmotivtechnik psychologisch und sprachlich gestalteten Komposition, die nun eben auch keine Opéra comique mehr ist, sondern ein Drame lyrique. Als solches wurde „Werther“ 1892 bei der Uraufführung an der Wiener Hofoper äußerst positiv aufgenommen, nicht zuletzt wegen des der Literatur der deutschen Klassik entnommenen Sujets. Damit stellt das Werk auch eine Besonderheit in Massenets Œuvre dar, die gerade wegen ihrer szenischen Wirksamkeit, für die die Vorlage des Goethe’schen Briefromans in den Personenzeichnungen und -beziehungen noch zugespitzt wurde, eine hohe psychologische Dichte und emotionale Intensität ermöglicht. Dass es sich um ein Werk mit rasantem, dramatischem Zug handelt, wurde auch an diesem Abend spürbar, und dies trotz – oder vielleicht gerade wegen – der Aufführung in konzertanter Form. Dies mag einerseits an der Anlage des Werks liegen, die stark auf die inneren Vorgänge der Figuren und ihre komplexen Beziehungsstrukturen fokussiert, wovon lediglich die bedeutsamen Natureindrücke ausgenommen sind, die Massenet aber wiederum musikalisch auf atmosphärische Weise einzufangen und dadurch zu vergegenwärtigen wusste. Andererseits ist dies kein Automatismus und könnte dem Drame lyrique mit oder ohne Szene jegliche lyrische Dramatik genommen werden, wenn es keine entsprechende Darstellung gäbe. In Salzburg war diese aber von allen Beteiligten auf so eindringliche, authentische, tief emotionale und mit der Musik so eng verbundene Weise gegeben, wurden besonders die gedanklich-emotionalen Vorgänge sowie die Beziehungen zwischen den Figuren, aber auch die von Spannung und Konflikten geprägten Szenen so intensiv verwirklicht, dass man gar den Eindruck erhielt, dieses Werk würde durch eine konzertante Aufführung in seinem dramatischen Potenzial noch gewinnen.
Benjamin Bernheim est Werther est Benjamin est…

Dieser Eindruck entsteht jedoch nicht allein aus den darstellerisch mitreißenden und ausdrucksstarken Leistungen, sondern noch vielmehr aufgrund der darin im Zentrum stehenden gesanglichen Darbietungen, die an diesem Abend ein außergewöhnliches Niveau erreichten. Mit Benjamin Bernheim war nicht nur einer der allgemein herausragendsten Tenöre der Gegenwart zu erleben, sondern, so könnte man sagen, der Werther schlechthin. Wie er diese Rolle verinnerlicht hat, sie zu jeder Sekunde mit Leben und Emotion füllt, sie musikalisch gestaltet und vor allem auf eine Weise vermittelt, die ganz unwillkürlich ihre Wirkung entfalten kann, ließe fast den Gedanken zu, in dieser liege seine Bestimmung. Bernheim bewegt sich dynamisch und im Ausdruck zwischen sämtlichen Extremen, jedoch immer in sehr natürlicher, authentischer Gestaltung, sodass sich stets sein schwingender, strahlender, mit einer leichten Melancholie eingefärbter Klang entfalten kann. Einzelne Töne erreichen eine solche Klarheit, dass man gar meint, die mitschwingenden Obertöne vernehmen zu können. Fast automatisch entfaltet Bernheim ein auch dynamisch umfangreiches Volumen, es bleibt allerdings stets weich und erweckt nie einen bemühten, forcierten Eindruck, sodass sich auch die kraftvollsten Töne stets frei entfalten können. Doch umgekehrt sind es gerade die sanften, zurückgenommenen Stellen, in denen Bernheim zeigt, wie sehr er auch im Piano dieselbe Präsenz und Intensität bewahrt, zugleich aber noch weicher gestaltet. Am beeindruckendsten ist allerdings Bernheims Fähigkeit, die Melodien und Phrasierungen, aber auch die differenzierten Klangfarben intensiv, zugleich aber höchst natürlich zu gestalten, sodass es trotz der starken, individuell gefärbten Interpretation nie manieriert wirkt. Große Aufmerksamkeit erfahren dabei die harmonischen Entwicklungen, einzelne Töne werden klanglich, manchmal durch ein sanftes Zurückgehen in der Dynamik vorbereitet, wodurch einerseits überraschende Momente entstehen, andererseits die Musik aber auf unmittelbare Weise nachvollziehbar wird. Während er an den notwendigen Stellen auch flink artikuliert und eine große Leichtigkeit in der Tonsetzung beweist, ist Bernheims Interpretation insgesamt von gefühlvoller Phrasierung und faszinierenden Legato-Bögen geprägt, die einen gelegentlich verwundert fragen lassen, ob er denn überhaupt atmen müsse. So vermag er es, den Zuhörer bei jeder Phrase mitzunehmen, man kann diese gewissermaßen mit ihm zugleich erfahren und erspüren. Dies wird auch in „Pourquoi me réveiller“, den Versen Ossians, eindrücklich deutlich. Bernheim gestaltet diese sehr liedhaft und lyrisch, ohne dadurch aber den dramatischen Duktus zu verlieren, zudem mit hoher emotionaler Intensität, die allerdings nicht zu einem klischeehaft schmachtenden Tenorklang verkommt, und in einer sehr bewussten, auf die Bedeutung der Worte hohen Wert legenden Weise. Jede Färbung, jede harmonische Entwicklung wird natürlich, fließend hervorgehoben, sodass man mit hoher Spannung jeder Phrase folgt. Bei einer so meisterhaften Interpretation ist es nicht verwunderlich, dass das Publikum durch nicht nachlassenden Applaus um eine Wiederholung bat – und diese auch bekam. Insgesamt vereinen sich bei Bernheim höchstes technisches Können, ein äußerst facettenreicher Umgang mit dem Klang, ein interessantes, flexibles Timbre und ein besonderes Maß an Musikalität mit einer spannenden Interpretation der Rolle, durch die Werther nicht als sentimentaler Filou erscheint, der einen in seinem Leiden auch enervieren könnte, sondern eine starke, psychologisch spannende, aber nicht unproblematische, sondern durchaus manipulative und narzisstische Figur wird.
Eine beeindruckende Besetzung mit Glanzleistungen…

Nicht weniger überzeugend präsentierte sich an diesem Abend Adèle Charvet als Charlotte, die ebenfalls für eine sehr charakteristische und besondere Figurenzeichnung sorgte. Ihre Charlotte ist keine schwache Frau, die zwischen zwei Männern schwankt und ihrem Ehemann letztlich doch untreu wird, sondern eine starke, tief empfindende Person, die sowohl ihre Pflichten als auch ihre Emotionen ernst nimmt. Während Charvet bei den ersten Einsätzen womöglich noch nicht die volle Strahlkraft erreichen konnte, als wäre ein leichter Schleier über ihrer Stimme, steigert sie sich rasch zu einer beeindruckenden Darbietung. Mit sehr sattem, großem und doch freiem Klang und einer warmen Brillanz, die, neben den starken, schimmernden Tiefen, die Höhen mit kräftigem Strahlen erklingen lässt, bewahrt sie durchwegs eine hohe Präsenz und Intensität, die sich sowohl gesanglich als auch darstellerisch zeigen. Auch sie gestaltet auf sehr gefühlvolle Weise die großen Linien und Phrasierungen, gleichermaßen auch die zahlreichen Nuancen des Ausdrucks. Besonders im Schmerz erweist sich Charvet als höchst expressiv, man kann in jedem ihrer Töne die Emotionen hören und fühlen, ohne den Eindruck zu bekommen, es wäre zu viel oder unnatürlich. Bis zum Schluss hin ist ihr eine nochmalige Steigerung möglich, die finalen Szenen gestaltet sie sehr eindrücklich, ohne durch den Ausdruck je die Ton- oder Klangqualität zu verlieren. Als jüngere Schwester Sophie ist Sandra Hamaoui zu Beginn etwas schrill, doch lässt dieser Eindruck sofort nach, stattdessen kann sich ihr Klang glockig aufleuchtend entfalten. Ihre Sopranstimme ist von einer interessanten Färbung geprägt, die leicht dunkel und samtig wirkt und eine gewisse Schwere hat, durch die auch tiefere Passagen wohl geformt klingen. Zugleich verfügt sie aber auch über eine hohe Beweglichkeit und Leichtigkeit im Klang, die sich mit einem stählern-warmen Timbre in den Höhen vereinen. Dadurch ist Hamaouis Interpretation äußerst facettenreich und sowohl jugendlich-spritzig als auch immer mit einer tiefgründigen Färbung versehen. Andrey Zhilikhovsky verkörpert Albert auf sehr passende Weise, stets gemessen und kontrolliert, aber doch mit klanglichem Nachdruck und präsentem Ton. Besonders im Piano kann sich eine gewisse Zartheit im Klang entfalten, die seiner Stimme eine interessante Nuancierung verleiht. Auch Manuel Winckhler als Amtmann kann vollends überzeugen durch seine nobel geführte, sehr profunde Bassstimme. In der Ausstrahlung zeigt er durchwegs eine gewisse edle Art, die jedoch zugleich von großer Sympathie und Milde geprägt ist, was ebenso klanglich zum Ausdruck gebracht wird. Besonders zu bemerken ist Winckhlers klare Diktion mit hoher Aufmerksamkeit für die poetische Gestaltung der Worte. Als seine Freunde Schmidt und Johann sorgen Tomislav Jukić und Andrew Moore nicht nur für manch lustige, sondern vor allem auch für gesanglich herausstechende Momente. Jukić gestaltet mit hellem, präsentem Tenor seine Partie äußerst lebendig. Dabei überzeugt er mit geschmackvollen Phrasierungen und einer abwechslungsreichen Artikulation, in welche er auch einen gewissen Witz einbauen kann. Eine Überraschung ist Moore, der über ein äußerst interessantes Timbre verfügt. Seine Stimme vereint ein gesamtes Bouquet an Klangfarben, sodass sie stets eine große, schillernde Tiefe aufweist und zugleich zu sehr kleinteiligen Differenzierungen im Ausdruck fähig ist. Mit ebensolcher Nuancierung, zudem verstärkt durch die hohe, gesättigte Tragfähigkeit seiner Stimme, gestaltet Moore die eigentlich eher kleine Partie auf eine Weise, die aufhorchen lässt.
…im Verein mit einem lebendig-reaktiven Orchester
Für die hohe Lebendigkeit und Emotionalität dieser konzertanten Aufführung ist neben den herausragenden Sängerinnen und Sängern aber auch das Orchestre symphonique de la Monnaie unter Alain Altinoglu verantwortlich, die mit hoher Aufmerksamkeit für sämtliche Details, einer raschen Reaktionsfähigkeit und einem stets beibehaltenen musikalischen Fluss die dramatische Struktur des Werks verfolgen, ohne dabei die lyrischen Momente zu kurz kommen zu lassen. Dass es sich um ein hervorragendes Opernorchester handelt, wird während der gesamten Aufführung deutlich. Altinoglu dirigiert zum einen äußerst sängerfreundlich, stets liegt seine Konzentration gleichermaßen auf dem Orchester wie auf dem Sängerensemble und beachtet er spontane gesangliche Interpretationen mit hohem Feingefühl. Dabei schafft er zudem eine gute Balance aus Präzision und musikalisch-interpretatorischem Fluss. Zum anderen reagiert das Orchester selbst mit hoher Aufmerksamkeit auf sämtliche Differenzierungen und Gestaltungen. So kann es sich rasch zurücknehmen, um später, wenn eine Stelle dies erlaubt, wieder voll da zu sein und für packende Ausbrüche zu sorgen. Die Fähigkeit zu kleinteiliger Differenziertheit zeigt sich auch in den vielfältigen Klangfarben, die in plötzlichen Wechseln für eine völlig neue atmosphärische Färbung sorgen können. Dies tritt besonders in der zweiten Hälfte des Abends hervor, wo das Orchester mit heftigen, stets geschmackvoll gesetzten Ausbrüchen, aber auch gelegentlich mit tänzerischer Spritzigkeit überzeugt. Hervorzuheben sind besonders die Cellosoli, gespielt von Sébastien Walnier, der mit intensivem Ton auf sehr musikalische Weise mit Bernheim kommuniziert und auf ihn reagiert. Insgesamt bietet das Orchester eine lebendige Interpretation, die sämtliche Emotionen und dramaturgischen Entwicklungen der Musik umfasst, dabei aber stets das richtige, auch immer unterschiedliche, Verhältnis zwischen Rücksichtnahme oder Unterstreichung des Gesangs und gezielt gesetzten instrumentalen Einschüben und klanglichen Ausbrüchen bewahrt. Nicht zuletzt seien auch die Kinder des Salzburger Festspiele und Theater Kinderchors hervorzuheben, die mit einer authentisch freudigen Stimmung ihre Rolle wirklich spielten, zudem aber einen sehr klaren, strahlenden Klang hören ließen, der dem am Ende erklingenden Weihnachtslied etwas Freudiges und Unheimliches zugleich verlieh.
Le bonheur est dans l’air!
Dieses Finale, von Massenet und seinen Librettisten in dramatischer Hinsicht großartig angelegt, konnte auch bei dieser Aufführung seine volle Kraft entfalten, und zwar gerade aufgrund der szenisch reduzierten Gestaltung, bei der es auch keine Pistolen und dadurch verursachte Schusswunden gab, wodurch das höchst emotionale und mitreißende Spiel Bernheims und Charvets die volle Aufmerksamkeit erfahren und sich intensiv in seiner Wirkung entfalten konnte. Vereint mit sämtlichen gesanglichen Glanzleistungen dieses Abends entstand eine Aufführung des „Werther“, die ihresgleichen sucht und lange im Gedächtnis bleiben wird.
- Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Salzburger Festspiele 2026
- Titelfoto: Salzburger Festspiele/Werther 2026: Benjamin Bernheim (Werther), Orchestre symphonique de la Monnaie / Symfonieorkest van de Munt/Foto:© SF/Marco Borrelli