Horrorklassiker als Oper: „The Shining“ am Staatstheater Regensburg

Staatstheater Regensburg/THE SHINING/
Carl Rumstadt, Luke Sebö & Theodora Varga/ Foto: © Marie Liebig

„I‘ll bash your f*cking brains in!“ – Das ist ein Satz der nicht in vielen Opernlibretti zu hören ist. Genau so drastisch und extrem geht es jedoch zu in der Oper „The Shining“, derzeit zu erleben am Staatstheater Regensburg. Als erste Musiktheaterproduktion nach der Erhebung in den Rang eines Staatstheaters zeigt Regensburg in einer europäischen Erstaufführung die Opernversion des Horror-Klassikers von Stephen King, bekannt vor allem auch durch die Verfilmung von Stanley Kubrick. Das Werk des amerikanischen Komponisten Paul Moravec und des Librettisten Mark Campbell kam in den USA 2016 zur Uraufführung und hat dort seither bereits mehrere Neuproduktionen erlebt. Dass die Regensburger Theaterleitung diese Oper nun als erste europäische Bühne präsentiert erweist sich als Coup.(Rezension der besuchten Vorstellung v. 13. Juni 2026)

 

Das altehrwürdige Overlook Hotel in den Rocky Mountains muss über den Winter von einem Hausmeister gewartet werden. Dieser Job fällt Jack Torrance zu, einem ambitionierten, aber mässig erfolgreichen Schriftsteller, der nun mit seiner Frau Wendy und dem gemeinsamen Sohn Danny das verlassene Hotel bezieht um dort, isoliert von der Außenwelt, die Wintermonate zu verbringen. Die anfängliche Familienidylle beginnt bald zu bröckeln: Jack bemüht sich, trotz Trauma, Alkoholentzug und Lagerkoller, ein guter Familienvater zu sein. Doch mehr und mehr rutscht er in eine geisterhafte Parallelwelt ab. Es stellt sich heraus, dass das Hotel von Schatten aus der Vergangenheit, von Erinnerungen an grausame Schicksale seiner ehemaligen Bewohner heimgesucht wird. Jack und besonders Danny scheinen empfänglich für die paranormale Präsenz und geraten zusehends unter den Einfluss des unheimlichen Ortes. Nach langem Kampf erliegt Jack dem Wahnsinn und jagt seine Familie in mörderischem Furor durch die Gänge des Hotels.

Staatstheater Regensburg/THE SHINING/ Carl Rumstadt & Ensemble/Foto: © Marie Liebig

Intendant Sebastian Ritschel inszeniert diese beklemmende Oper als visuell beeindruckendes Horrorspektakel. Das Overlook Hotel (Bühnenbild: Sam Madwar) kann durch die raffinierte Verwendung von Dreh- und Hebebühne eine Vielzahl von räumlichen Situationen in den Vordergrund rücken. Die Bühnentechnik des Hauses zeigt hier eindrucksvoll, was sie kann. Zusammen mit einem wirkungsvollen Lichtkonzept (Maximilian Spielvogel) und passenden Kostümen (Barbara B. Blaschke) entsteht so ein schauerliches Fest für den Sehsinn. Dass dennoch das zwischenmenschliche Drama als zentrales Moment des Abends in Erinnerung bleibt ist eine bemerkenswerte Stärke des Abends. Dank der gekonnten Personenführung der Regie und der darstellerischen Leistung des Ensembles packt die Zuschauenden neben den Schauerelementen vor allem die tragische Wucht dieser Geschichte: Die Geschichte einer Familie, die gegen Sucht, Gewalt und psychische Krankheit um ihr Überleben kämpfen muss.

Musikalisch ist Paul Moravecs Oper bestimmt nicht revolutionär. Harmonisch bewegt sich die Komposition auf sehr konservativem Boden und auch die handwerklich ausgezeichnete Instrumentierung lässt eher an Bartok oder John Williams denken als an Avant Garde. Das sollte man dem Stück jedoch nicht zum Vorwurf machen. Was hier stattfindet ist gekonntes, auf Publikumswirksamkeit abzielendes Musiktheater. Ein wenig bieder mutet das auf europäischem Boden schon an und an einigen wenigen Stellen wird die Grenze zum Kitsch dann doch eindeutig überschritten. Trotzdem ist „The Shining“ eine hörenswerte Oper – effektvoll, spannend und einfach gut geschrieben.

Das Philharmonische Orchester Regensburg unter der Leitung von GMD Stefan Veselka meistert die anspruchsvolle Partitur mit Genauigkeit und Farbenreichtum. Da kann man getrost von Staatstheaterniveau sprechen! Auch der Opernchor (Leitung: Lucia Birzer) präsentiert sich in tadelloser Form.

Staatstheater Regensburg/THE SHINING/ Luke Sebö & Monika Hüttche/ Foto: © Marie Liebig

An der Solistenfront ist das Haus bei dieser Oper besonders gefordert. Neben den realen Figuren tritt eine Vielzahl von Geistererscheinungen auf, die die Familie Torrance in kurzen aber wirkungsvollen Szenen heimsuchen. In Regensburg kann man hier ein junges, überzeugendes Ensemble erleben.

Rahel Brede als Mrs. Massey, Benedikt Eder als Senator, Sophie Bareis als höhenstarke Mrs. Grady, Carlos Moreno Pelizari als elegant-herablassender Hoteldirektor, Jakob Hoffmann als Gründer des Hotels gewinnen ihren Partien starke Momente ab. Seymur Karimov gibt klangvoll die Erscheinung des Mark Torrance, Jacks gewalttätigen Vater. Konstantin Igl in einer Doppelrolle als Maschinist Watson und Geisterbarkeeper Lloyd punktet mit deutlicher Diktion und Mut zum Charakterklang. George Konoupias überzeugt als Mr. Grady mit fein geführtem, höhensicheren Tenor. In der Rolle des gütigen Kochs Dick Hallorann ist der Amerikaner Aubrey Allicock zu hören. Mit Musikalität und einer angenehmen, schlanken Bassstimme füllt er die Funktion des Sympathieträgers sicher aus. Luke Sebö als Danny beweist sich als brillanter jugendlicher Darsteller, mit Souveränität meistert er diese große und anspruchsvolle Rolle. Theodora Varga als Wendy kämpft mit Leidenschaft gegen Jacks Wahnsinn an. Ihr heller und tragfähiger Sopran illustriert glaubhaft die Verzweiflung der jungen Mutter.

Staatstheater Regensburg/THE SHINING/ Carl Rumstadt & Ensemble/Foto: © Marie Liebig

In der Hauptrolle braucht es bei diesem Stück einen Bariton der einiges mitbringt: Klangvolumen, extremen Ambitus und außergewöhnliches Charakterisierungsvermögen. Dass Regensburg für diese Mammutaufgabe als Gast Carl Rumstadt engagiert hat ist eine ausgezeichnete Wahl. Dem jungen Bariton gelingt eine ergreifende Darstellung des liebenden Vaters, der sich zu seinem eigenen Entsetzen in ein mörderisches Ungetüm verwandelt. Sängerisch virtuos, stimmlich dunkel-kraftvoll und schauspielerisch immer überzeugend liefert er ein wahres Meisterstück ab.

Insgesamt ist dem Staatstheater Regensburg mit dieser Produktion ein sehr überzeugender Abend gelungen. Emotional mitreißend, gekonnt inszeniert und sorgfältig musiziert, so macht zeitgenössisches Musiktheater Freude. Wer diese Inszenierung nicht verpassen möchte sollte sich zeitig um ein Billett kümmern, die restlichen Vorstellungen sind bereits ausgezeichnet verkauft.

 

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