Sara Jakubiaks Rollendebüt und Sir Antonio Pappano in seinem Element: „Tristan und Isolde“ mit dem London Symphony Orchestra

The London Symphony Orchestra/Sir Antonio Pappano/TRISTAN UND ISOLDE/
Foto © Mark Allan

London, Pappano und Richard Wagner

Wer an die großen Wagner-Dirigenten der Gegenwart denkt, nennt meist zuerst Christian Thielemann, Kirill Petrenko oder Marek Janowski. Im deutschsprachigen Diskurs taucht Sir Antonio Pappano allenfalls am Rande auf. Denn sein musikalisches Wagnerschaffen ist – sieht man von einem Lohengrin bei den Bayreuther Festspielen um die Jahrtausendwende ab – auf den angelsächsischen Raum beschränkt. Zweiundzwanzig Jahre lang prägte der britische Dirigent als Music Director das Royal Opera House in London und machte Wagners Musikdramen dort immer wieder zum musikalischen Ereignis. Die Inszenierungen von Tristan und Isolde (Christof Loy) oder Der Ring des Nibelungen (Keith Warner) waren untrennbar mit ihm als Dirigent im Orchestergraben verbunden. Er wirkt fortan als „Conductor Laureate“ des Hauses, denn seinen Posten als Music Director hat in dieser Spielzeit Jakub Hrůša übernommen. In seiner neuen Funktion arbeitet Pappano gemeinsam mit dem Regisseur Barry Kosky derzeit an einem neuen Londoner Ring-Zyklus, welcher mit der Premiere der Götterdämmerung im Januar 2027 seinen Abschluss in Covent Garden finden wird. (Rezension der konzertanten Aufführung v. 12. Juli 2026)

 

Sir Antonio Pappano übernahm inzwischen die Leitung des benachbarten London Symphony Orchestra. Der Klangkörper gilt als das internationale Aushängeschild des britischen Musiklebens und spielt in einer Liga mit den Berliner Philharmonikern oder dem Concertgebouw-Orchester. Opernproduktionen gehören dabei eher zu den Ausnahmen des Orchesterrepertoires und werden besonders intensiv geprobt. Bereits mit den zögerlich einsetzenden Celli der ersten Takte war zu vernehmen, dass Pappano in Wagners Klangwelten ganz in seinem Element weilt und das er das Publikum auch mit dem London Symphony Orchestra in das vielbesungene Wunderreich der Nacht zu ziehen vermag. So musizierte der britische Dirigent einen Tristan von rauschhafter Ekstase, der stets zwischen innigstem Schmachten und eruptiver Leidenschaft oszillierte.

Pappano ist durch und durch ein Mann des Musiktheaters. Selbst im konzertanten Rahmen, gänzlich ohne szenische Realisierung oder mise en scène, verstand er es, einen musikalischen Bogen der Unentrinnbarkeit aufzuspannen und das Publikum aufzuwühlen, zu erschüttern und in den Wahnsinn zu treiben. Oder, wie es die Briten formulieren: „Pappano owns the score.“ Gerade Tristan und Isolde, Wagners intimstes Musikdrama, dessen eigentliche Handlung sich in den seelischen Räumen seiner Figuren vollzieht, entfaltete in dieser Aufführung auch ohne theatrale Bebilderung seine Sogwirkung.

 

Sara Jakubiaks aufwühlendes Isolde-Debüt und Clay Hilley als hingebungsvoller, gefestigter Tristan

The London Symphony Orchestra/Sir Antonio Pappano/TRISTAN UND ISOLDE/
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Antonio Pappanos ließ seine Solisten im überwältigenden Klangstrom der leidenschaftlich aufspielenden Streicher des London Symphony Orchestra immer wieder bewusst untertauchen, ja geradezu „ertrinken und versinken“. Seine hochemotionale, auch immer wieder symphonisch geprägte Lesart von Wagners Musikdrama verlangte in den Titelpartien nach großen Stimmen.

Dass Sara Jakubiak nun im hochdramatischen Fach die Isolde verkörpern würde, geriet angesichts des Jubels um die jüngsten Rollendebüts von Elisabeth Teige, Malin Byström oder Lise Davidsen etwas aus dem Blick des Feuilleton. Umso sensationeller ihr Triumph in dieser Partie. Die Sopranistin vermittelte in dieser Aufführung den Eindruck genau zum richtigen Zeitpunkt auf diese Partie gestoßen zu sein. Sie gestaltete die Isolde mit höchster Konzentration und einer zurückgenommenen, dezenten Mimik und Gestik, ganz auf die Phrasierung und Textverständlichkeit ihrer Rolle fokussiert. Das Besondere an Jakubiaks Isolde liegt in der außerordentlich tragfähigen, grundierten und vollkommen gefestigten Mittellage ihrer Stimme, aus welcher heraus sie die Partie entwickelte. Ihr Sopran durchdrang die mächtigsten Klangwogen von Pappanos Orchesters – gleißend und einschneidend, wie man es seit den Tagen Waltraud Meiers kaum mehr vernommen hat. Und dabei wusste Jakubiak auch jede Phrase ihrer Partie mit nuancierter Klangfarbe ergreifend zu gestalten. Kurzum, eine Isolde vokal und interpretatorisch aus einem Guss.

An der Seite von Jakubiak stand der US-amerikanische Tenor Clay Hilley als Tristan. Vor knapp drei Jahren rückte er schlagartig ins Zentrum der Wagner-Welt, als er bei den Bayreuther Festspielen für den erkrankten und kurz darauf verstorbenen Stephen Gould einsprang. Die Fußstapfen, in die er unvermittelt trat, waren gewaltig, die kritischen Stimmen zahlreich. Mit Selbstironie reagiert Hilley auf seine Hater und parodiert seine Verrisse auf Instagram und Facebook. Tatsächlich mag man seinem Timbre bisweilen eine gewisse Monochromie nachsagen. Doch die Entwicklung, die Hilley seit seinem Bayreuther Einspringen durchlaufen hat, verdient höchste Beachtung. In dieser konzertanten Aufführung offenbarte er einen Tristan von bemerkenswerter tiefenpsychologischer Subtilität. Denn getragen von beachtlicher vokaler Kondition und kluger Kräfteeinteilung gelang ihm eine Darstellung, die nie in jenes forciert deklamierende Wagner-Pathos verfiel, das die Briten treffend als „Bayreuth Bark“ bezeichnen. Seine Tristan-Interpretation war geprägt von Authentizität, er ließ das Publikum im dritten Akt an seinem Schmerz mitleiden und bewies ein feines Gespür für den musikdramatischen Fluss. Das sind Qualitäten, denen man in dieser mörderischen Partie nur allzu selten begegnet.

 

Kurwenal, König Marke und Brangäne mit ebenso großartigen Stimmen besetzt

The London Symphony Orchestra/Sir Antonio Pappano/TRISTAN UND ISOLDE/
Foto © Mark Allan

Mit Franz-Josef Selig stand einer der renommiertesten Wagner-Bässe der Gegenwart als König Marke auf der Bühne. Seine wohlklingende, voluminöse Stimme, dessen Tiefe von einem dezent donnernden Beben durchzogen ist, trifft unmittelbar ins Herz. Bei Selig erscheint jede Phrase bis ins Detail durchdacht und jedes Wort seines klagenden Monologs mit intellektueller Präzision geformt und in einen großen Spannungsbogen gewoben.

Gyula Orendt, Ensemblemitglied der Staatsoper Berlin, stellte sich mit dem Kurwenal seiner ersten großen Wagner-Partie. Mit seiner fein timbrierten, ausdrucksvoll geführten Baritonstimme gestaltete er den Kurwenal in einem bemerkenswert liedhaftem Charakter mit Fokus auf Nuancierung und Phrasierung. Marina Prudenskaya, ebenfalls langjähriges Ensemblemitglied der Staatsoper Berlin, gestaltete die Brangäne mit einer klangschönen, warm timbrierten und überaus sinnlichen Stimme. Ihr Mezzo bildete einen stimmigen Kontrast zu Sara Jakubiaks Isolde. Lediglich die Textverständlichkeit hätte stellenweise prägnanter ausfallen dürfen.

Mit dieser Aufführung von Tristan und Isolde im Barbican Centre endete die Spielzeit 2025/26 des London Symphony Orchestra unter großem Jubel und Standing Ovations. In der kommenden Saison werden Pappano und sein Orchester mit Verdis La Traviata eine italienische Oper in konzertanter Form präsentieren.

 

  • Rezension von Phillip Richter / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto und alle weiteren Fotos: The London Symphony Orchestra/Sir Antonio Pappano/TRISTAN UND ISOLDE-12-07-2026/Foto © Mark Allan
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