Oper Köln: Die Frau zwischen drei Männern – Verdis „Ernani“ (Konzertant)

Oper Köln/ERNANI/Marta Torbidoni, Young Woo Kim, Gürzenich-Orchester Köln/Foto © Matthias Jung

Vier Harfen aus der abgespielten „Walküre“ standen noch abgedeckt am Rand des Orchesterbereichs, auf der Bühne saß der Chor, und Dirigent Giuliano Carella entfachte mit dem Gürzenich-Orchester und einem Ensemble aus Rollendebutant:innen einen großartigen Verdi-Abend. Es wurde zur Leistungsschau einer Oper, die drei Jahre in einem Zelt und von 2015 bis 2026 in einer Ersatzspielstätte spielen musste, die nicht mehr ist als ein paar Messehallen mit improvisierten Bühnen und Zuschauertribünen. Viele Zuschauer waren gekommen, um Young Woo Kim in einer weiteren Paraderolle mit seiner Mischung aus berückenden lyrischen Tönen und durchschlagender dramatischer Kraft zu sehen. Die Magie des haarsträubenden Melodrams stellte sich unmittelbar ein. (Rezension der Premiere v. 22. April 2026)

 

 

„Ernani“, uraufgeführt am 9. März 1844 im Teatro La Fenice, Venedig, gilt nach den Erfolgen von „Nabucco“ und „I Lombardi“ als Verdis erstes Meisterwerk, in dem er erstmalig mit dem Librettisten Francesco Maria Piave zusammenarbeitete. Verdi und Piave haben Victor Hugos zu Grunde liegendes romantisches Drama „Hernani ou l´honneur Castillan“ auf die handlungsrelevanten dramatischen Schlüsselszenen eingedampft, und so entsteht ein Feuerwerk von Emotionen, die in einer musikalischen Affektsprache umgesetzt sind, die Verdis Werk unverwechselbar macht. Später hat Verdi sehr viel komplexere Musik geschrieben, doch ist hier seine Meisterschaft, psychische Signale wie Leidenschaft, Hass, Liebe, Eifersucht, Rachsucht, Gerechtigkeitsfanatismus und Starrsinn zu komponieren, bereits ausgeprägt. Genial der Einfall, das dreimalige Hornsignal als Todesfanal Ernanis einzusetzen. „Vielfach herrscht noch der plakative Formenstil, vor allem in den oft arg stereotyp ausgefallenen Begleitfiguren und der mechanisch ausgeführten Instrumentation,“ schreibt Uwe Schweikert im Verdi-Handbuch.

Die Sänger*innen des Chors der Oper Köln agierten als Banditen, als Hofgesellschaft Silvas, als Liga der Verschwörer gegen Carlo, als Gesellschaft Don Carlos, des Kaisers, und als Gesellschaft Don Juan de Aragons (Ernanis) und wurden von Rustam Samedov perfekt einstudiert. Mit den überwiegend einstimmig geführten Chören erzielte man starke mitreißende Effekte. Der Chor der Verschwörer „Ad Augusta“ im 3. Akt war eine der zündenden Melodien des Risorgimento, mehr noch als „Va pensiereo“. Mit den vor dem Orchester platzierten Solist:innen lud der Aufbau dazu ein, das Augenmerk auf die Rollengestaltung und den Gesang zu lenken.

Oper Köln/ERNANI/Gürzenich-Orchester Köln, Marta Torbidoni, Insik Choi/Foto © Matthias Jung

Einzige Requisiten waren ein blitzendes Horn und drei Blumensträuße: ein Feldblumenstrauß von Ernani, ein Lilienstrauß von de Silva und ein Strauß rote Rosen von Don Carlo. Umworben von drei Männern, die einander von Herzen hassen, ist Primadonna Marta Torbidoni als Elvira, die von ihrem alten Vormund Ruy Gómez de Silva gefangen gehalten wird und von ihm und von Don Carlo begehrt wird, die junge Adelige, deren Liebe Ernani gehört. Ihr klarer angenehm timbrierter hochdramatischer Sopran überstrahlte Orchester und Chöre scheinbar mühelos. Sie war in Köln bereits Gast bei „Nabucco“.

Der koreanische Tenor Young Woo Kim, von 2016 bis 2018 Mitglied des Kölner Opernstudios, seit 2018 Ensemblemitglied, triumphierte als Ernani. Mit feinfühliger Durchdringung der Emotionen des feurigen Verliebten und des vom Kaiser Karl V. begnadigten Outlaws und mit berückender heldischer Strahlkraft, aber auch mit subtilen Piano-Phrasen, überzeugte er auf der ganzen Linie. Der tragische Ausgang seines Schicksals machte betroffen. Seine Gestaltungen des Don José in „Carmen“, des des Grieux in Puccinis „Manon“ und der Titelpartie in Gounods „Faust“ sind noch in bester Erinnerung.

Den rachsüchtigen Don Ruy Gomez de Silva verkörperte Adrian Sâmpetrean, der den alten Vormund Elviras als wahren Giftzwerg zeichnete. Schauspielerisch zog er alle Register des bösen verbitterten Greises, der scharf auf seine junge Nichte ist, um sich noch einmal zu verjüngen. Die Kölner kennen Sâmpetrean bereits als Leporello.

Die komplexeste Figur des Dramas ist Don Carlo, der spanische König, der 1519 in Aachen zum Kaiser Karl V. gewählt wurde. Seine große Arie im 3. Akt „E questo loco“, bei der die tiefen Bläser des Gürzenich-Orchesters glänzen konnten, ist einer der Höhepunkte der Oper. Chois fein schattierter Bariton verfügt über unfassbar viele Farben, mit denen er eine große Bandbreite von Gefühlen wie Verliebtheit, Begehren, Rachsucht, Verunsicherung und Verzeihung ausdrückte. Insik Choi machte die charakterliche Entwicklung, die dieser Herrscher durchmacht, indem er nach seinem Insistieren auf der Hochzeit mit Elvira seine Regierungszeit als Kaiser mit einer Amnestie beginnen lässt und zu Gunsten Ernanis auf Elviras Hand verzichtet, mit nobler Würde deutlich.

Die übrigen Rollen waren aus dem Ensemble exquisit besetzt. Nennen möchte ich Alina König Rannenberg als Giovanna, Ferhat Baday aus dem Opernstudio als Jago und John Heuzenroeder mit einem prägnanten Charaktertenor als Don Ricardo.  Der Italiener und Verdi-Experte Giuliano Carella dirigierte mit gemessenen Tempi das bestens aufgestellte Gürzenich-Orchester, das typischen Verdi-Sound lieferte. Die Banda spielte, dirigiert von Rainer Mühlbach, hinter der Zuschauertribüne, was einen interessanten Effekt ergab, aber nicht immer in der Koordination funktionierte.

Oper Köln/ERNANI/Adrian Sâmpetrean, Young Woo Kim, Gürzenich-Orchester Köln/Foto © Matthias Jung

Verdis „Ernani“ ist, mit Blick auf die komplexeste Figur, Don Carlos, eine Reflektion über politische Herrschaft und war durchaus als Drama des Risorgimento gedacht. Der spanische König Carlos, an dessen Händen Blut klebt, nimmt seine überraschende Wahl zum Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, zum Anlass, eine Generalamnestie zu erlassen, und nimmt damit seinen Widersachern, die eine Verschwörung mit Mordkomplott gegen ihn geplant haben, den Wind aus den Segeln – ein sehr kluger Schachzug! Dagegen ist Ernani der ewige Outlaw, dem seine sittenwidrige Absprache mit dem rachsüchtigen Ruy Gómez de Silva trotz der Amnestie zum Verhängnis wird.

Die Oper Köln kann auch nach 16 Jahren Exil in Ersatzspielstätten stolz auf ihr Ensemble sein, das, wie Young Woo Kim und Insik Choi zu großen Teilen aus dem Internationalen Opernstudio der Kölner Oper hervorgegangen ist. Hier betreut Dramaturg Rainer Mühlbach junge Sängerinnen und Sänger, die als Ensemble der Kinderoper fungieren und in anderen Produktionen kleinere Rollen übernehmen. Dabei achtet Mühlbach darauf, dass die Sänger:innen nicht zu viel und zu früh singen und ihre künstlerische Entwicklung sorgfältig aufbauen. Berühmte ehemalige Mitglieder sind zum Beispiel Camilla Nylund und Michael Volle, die internationale Karrieren gemacht haben.

Mit dieser konzertanten Aufführung des frühen Verdi-Werks konzentriert die Kölner Oper sich voll auf ihre Stärken. Es ist völlig legitim, ein Werk, das in zwei verschiedenen Palästen und im Aachener Dom spielt, konzertant aufzuführen, denn es geht in erster Linie um die Emotionen der Protagonisten, wobei die Frau nicht gefragt wird, die ihr Schicksal mit dem des romantischen Helden verbindet. Ein lohnender Abend, der zeigt, dass Verdi bereits mit Anfang Dreißig ein genialer Theaterpraktiker war.

Weitere Vorstellungen am 24. und 26. April 2026.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln / Stückeseite
  • Titelfoto: Oper Köln/ERNANI/Chor der Oper Köln, Gürzenich-Orchester Köln, Ferhat Baday, Adrian Sâmpetrean, Young Woo Kim, Giuliano Carella, Marta Torbidoni, Insik Choi, John Heuzenroeder, Alina König Rannenberg/ Foto: © Matthias Jung

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