
© Jörn Daberkow, 2020
Ein Klavierkonzert im Großen Saal des Leipziger Gewandhauses bot am 6. Mai 2026 den Rahmen für drei in gewisser Weise intime Klavierwerke, die Sehnsucht, ungelöste Spannungen, Ambivalenz und Leidenschaft evozieren. Die Interpretationen von Grigory Sokolov waren nicht nur gefühlvoll und tiefgründig, sondern lassen sich auch als groß angelegt und kraftvoll beschreiben.
Ludwig van Beethovens 1797 komponierte Klaviersonate in E flat major, Op. 7, ist ein leidenschaftliches Werk mit einer nachdenklichen Stimmung. Bei Sokolov war der Eröffnungssatz, „Allegro molto e con brio“, breit, scharf artikuliert und unruhig. Das „Largo, con gran espressione“ hatte eine meditative Feierlichkeit, geprägt von Lyrik und Dramatik. Rhythmisch straff, mit Vorwärtsdrang und knackiger Artikulation, war das „Allegro minore“ durchweg ernst. Das mäßig getaktete Finale „Rondo: Poco allegretto e grazioso“ wies kontrastreiche Episoden auf und endete zurückhaltend.
Kaum war der letzte Ton der Sonate verklungen, begann Sokolov mit Beethovens 1823–1824 komponierten Sechs Bagatellen, Op. 126, die trotz ihres Namens einen ernsten, bisweilen düsteren Charakter haben. Nr. 1 in G-Dur „Andante con moto. Cantabile e compiacevole“ zeichnete sich durch ein fließendes Tempo und eine bedächtige Phrasierung aus. Sokolov legte Nr. 2 in g-Moll „Allegro“ mit prägnantem Rhythmus dar. Nr. 3 in Es-Dur „Andante, cantabile e grazioso“ hatte einen gesanglichen Charakter und eine Spannung, die nicht nachließ. Ein echtes Gefühl der Gefahr durchzog Nr. 4 in h-Moll „Presto“ aufgrund der unerbittlichen, rhythmischen Bewegung. Behutsame Pausen verliehen Nr. 5 in G-Dur „Quasi allegretto“ eine unheimliche Ruhe. Schnell, straff und nervös hat Nr. 6 in Es-Dur „Presto. Andante amabile e con moto“ gewirkt.
Sokolov hat die liedhaften Qualitäten in Franz Schuberts Sonate in B-Dur, D. 960, die im August 1828 vollendet wurde, hervorgehoben. Die zeitliche Nähe der Sonate zu Die Winterreise kam in dieser Darbietung, die das Gefühl einer weiten, verschneiten Landschaft hervorrief, deutlich zum Ausdruck. Unter Sokolovs Fingern wurde das Werk strukturell prägnant und unpathetisch.
Im eröffnenden „Molto moderato“ wählte Sokolov ein weites Tempo, in dem Phrasierung Ausdruckskraft gewonnen hat, während sich die Klimaxen durch die Harmonik aufstauten. Die Eröffnungsmelodie im „Andante sostenuto“ war unsentimental und ominös, während der Mittelteil wie ein unerwarteter Durchbruch empfunden wurde. Als es wieder auftauchte, klang das Eröffnungsmaterial distanziert und schicksalhaft. Das schwebende „Scherzo: Allegro vivace con delicatezza“ besaß eine traumhafte Atmosphäre mit einem Augenblick der Geborgenheit im Trio. Im Finale, „Allegro ma non troppo“, hat die Freude provisorisch gefühlt, sodass die Sonate mehrdeutig endete.
Wie bei seinen Konzerten üblich, spielt Sokolov eine Reihe von Zugaben. Unter stürmischem Applaus, Jubel und Pfiffen kehrte er immer wieder auf die Bühne zurück, um das Publikum zu begeistern.
- Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Gewandhaus Leipzig
- Titelfoto: Gewandhaus zu Leipzig/Foto: © René Jungnickel, 2015
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