Bachfest: Gardiner dirigiert Bach, Praetorius, Schein und Schütz in der Thomaskirche

Bachfest 2026/Bachkantaten – 16.6.2026/Sir John Eliot Gardine/ Foto: Bachfest Leipzig – Gerd Mothes

Das Bachfest-Programm in der Leipziger Thomaskirche am 16. Juni 2026 bot vier Kantaten von Johann Sebastian Bach, kontextualisiert mit Werken von drei seiner musikalischen Vorgänger aus Mitteldeutschland, an. Sir John Eliot Gardiner dirigierte sein Ensemble, The Constellation Choir & Orchestra, in straffen, energiegeladenen Darbietungen, die die Musik in Schwung hielten. Im Gegensatz zu den Kantaten, die Philippe Herreweghe am 13. Juni dirigierte, betonte Gardiner die narrative und dramatische Komponente.

 

Ein kurzes Chorwerk von Michael Praetorius, „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, ging nahtlos in Bachs gleichnamige Kantate, BWV 1, über. Praetorius’ Stück zeichnete sich durch glockenklare Chorstimmen und eine dezente Instrumentalbegleitung aus, die den Stimmen untergeordnet war. Neben einem präzisen Chor zeichnete sich die Aufführung der Bach-Kantate durch die dunkelstimmige Sopranistin Lenneke Ruiten in der Arie „Erfüllet, ihr himmlischen, göttlichen Flammen“ und den Tenor Jonathan Hanley in der Arie „Unser Mund und Ton der Saiten“ aus.

Bachfest 2026/Bachkantaten – 16.6.2026/Sir John Eliot Gardine/ Foto: Bachfest Leipzig – Gerd Mothes

Vor der nächsten Bach-Kantate erklang eine intime Motette für fünfstimmigen Chor und Basso continuo „Ich bin die Wurzel des Geschlechtes David“ von Johann Hermann Schein. Bachs Kantate, „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“, BWV 56, war meiner Meinung nach die beeindruckendste Darbietung des Abends, was vor allem an der unheimlichen Atmosphäre lag, die Gardiner mit dem Orchester zu erzeugen vermochte, sowie an dem ernsten, andächtigen Gesang des Bassisten Alex Ashworth. Das weitläufige Tempo entsprach dem Thema des Textes, dem Verlangen, aus dieser Welt in das Reich des Himmels entlassen zu werden. Ashworth sang sowohl die Arien als auch die Rezitative auswendig und schien ganz in das, was er sang, versunken zu sein – eine sehr realistische Darstellung der durch die Musik zum Ausdruck gebrachten Gefühle. Seine klare Artikulation und seine leidenschaftliche Vortragsweise machten diesen Auftritt besonders fesselnd.

Bei zwei Motetten von Heinrich Schütz „Ich bin eine rufende Stimme“, SWV 383, und „Ich bin ein rechter Weinstock“, SWV 389, bildete der Chor einen kleinen Kreis um den Dirigenten und sang, begleitet lediglich vom Basso continuo. In der folgenden Bach-Kantate „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, BWV 6, war die Mezzosopranistin Iris Korfker mit ihrer einzigen Arie des Abends zu hören. In „Hochgelobter Gottessohn“, verbreitete Korfker ihre helle Stimme mit atemberaubender Klarheit durch die resonante Akustik der Thomaskirche und brachte genau das richtige Maß an Flehen zum Ausdruck, um bei Jesus zu bleiben. Im Sopranchor „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ gab es eine markante Cello-Begleitung. Im Rezitativ „Es hat die Dunkelheit“ war der Bass Jack Comerford zu hören, während der Tenor Hanley für die Arie „Jesu, lass uns auf dich sehen“ zurückkehrte.

Bachfest 2026/Bachkantaten – 16.6.2026/Sir John Eliot Gardine/ Foto: Bachfest Leipzig – Gerd Mothes

Die letzte Kantate des Abends „Es erhub sich ein Streit“, BWV 19, bestach im Eröffnungschor durch leidenschaftliche Pauken und Trompeten. Die historischen Instrumente hatten einen durchdringenden Klang und verliehen der Szene, in der der Sieg des Heiligen Michael über den Drachen dargestellt wurde, große Dramatik. Die Sopranistin Ruiten kehrte für die Arie „Gott schickt us Mahanaim zu“ zurück, während der Tenor Hanley bei seiner Arie „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!“, die er passend zum Text vortrug, von einer Trompete auf der Orgelempore begleitet wurde.

Diese Konzertprogrammgestaltung, bei der Bach mit ausgewählten Werken gegenübergestellt wird, die ihn möglicherweise beeinflusst haben, ist ein besonders wertvoller Aspekt des Bachfestes. Bach auf historischen Instrumenten, gespielt von erstklassigen Interpreten in Leipzig zu hören, erinnert daran, warum dieser Komponist im Zentrum des kanonischen Repertoires steht. Jeder kann von der Musik und einigen Themen der Gesangstexte bewegt werden, wie etwa der Sehnsucht nach Trost, der Erkenntnis, dass unsere Zeit auf dieser Welt wie eine vorübergehende Reise ist, sowie der Angst vor dem Unbekannten und vor Mächten, die größer sind als wir selbst.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Bachfest Leipzig
  • Titelfoto: Bachfest 2026/Bachkantaten – 16.6.2026/Sir John Eliot Gardine/ Foto: Bachfest Leipzig – Gerd Mothes
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