Your disco needs YOU! – Ein musiktheatralischer Streifzug zum Pride-Month

Theater Erfurt/ BROKEBACK MOUNTAIN/Foto: Lutz Edelhoff

Queers, wir müssen reden. Haben wir es verlernt, auszugehen? Unsere Moneten gezielt in die Community zu tragen? Projekte zu unterstützen, über denen die Pride Flag weht? Woran liegt es, dass der Negativtrend mittelgroßer Städte in die Metropolen geschwappt ist und selbst Institutionen, die jahrzehntelang existierten, den Laden dichtmachen müssen? Nicht nur, aber vor allem am Kapital, das verstärkt ins virtuelle statt persönliche Connecten fließt – auf Kosten von Sichtbarkeit, Safe Spaces, zwischenmenschlicher Interaktion. Als Berliner bin ich immer noch dabei, die Wunden des letzten Jahres zu lecken, wobei die Schließung des SchwuZ wohl die schmerzhafteste ist. Das Material Girl hat die Tanzfläche verlassen, swipt nun auf Tinder & Co. und ist auf dem besten Weg zum KI-optimierten Instazombie. (Rezensionen aus Erfurt vom 6. Juni 2026 und Hildesheim vom 13. Juni 2026)

 

Nun denn. Richten wir das Krönchen und begeben uns in die Welt, in der noch alles gut ist: in die des Musiktheaters. Von wegen. Beim Betreten des etwa nur zu einem Drittel gefüllten Saales des Opernhauses Erfurt spiegeln sich die gegenwärtigen Verhältnisse wider. Brokeback Mountain von Charles Wuorinen wird zum vorletzten Mal gegeben, unter anderem vor Müttern mit schwulen Söhnen, einem Dutzend Kerlen, allesamt Silver Ager und vielleicht in einem Opernclub organisiert, einem Mädelsquartett im Cowboyoutfit, queer best friends sowie einem blutjungen Männerpärchen, das noch die Partyarmbänder von letzter Nacht trägt. Dazwischen trifft Dramaturgenschwarz auf Oldie but Goldie: Im Grunde ein Publikum wie es sich ein Theater nicht schöner, sprich: diverser wünschen kann – und doch für einen Samstagabend deutlich zu klein.

Theater Erfurt/ BROKEBACK MOUNTAIN/Foto: Lutz Edelhoff

An Qualität, programmatischem Mut und dem richtigen Timing liegt es nicht. Immerhin ist gerade Pride Month; das Werk ist eine Rarität, und dann ist da ja noch das Mainstream-Movie mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, das neugierig auf die Opernversion machen sollte. Jene wiederum fußt – wie der Film – auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Annie Prolux, die auch das Libretto schrieb, welches in klar fokussierte, erfreulich schwurbellose Worte gefasst ist – ein Gewinn. Charles Wuorinen verpasst dem Stoff ein kantig-karges, atonales Klanggebilde. Liebesschnulzigkeiten sind dadurch von vornherein ausgeschlossen, aber eben auch Würmer, die das Ohr mit nach Hause nimmt. Der wie ein Score wirkende Sound passt immer dann am besten, wenn auf der Bühne gestritten wird, Träume zerplatzen, Beziehungen enden. Doch dazwischen taucht diese Musik wie in sich selbst hinab, ist nicht mehr Motor der Handlung, vielmehr deren blass gefärbte Untermalung. Unter ihrem neuen GMD Hermes Helfricht spielt das Philharmonische Orchester Erfurt dennoch präzise wie ein Uhrwerk.

Jakob Peters-Messer, der ebenfalls im Publikum sitzt, stößt mit seinem Ausstatter Pascal Seibicke kolossale Schicksalsschluchten auf: es geht in Bühnen-Tiefen. Die Regie macht deutlich, dass Alkohol und Einsamkeit nur der Auslöser für eine Affäre zweier Cowboys sind, die sich tatsächlich lieben – mithin auch kuscheln, knutschen, Pläne schmieden. Eine runde Sache, diese Inszenierung, einzig der plakative Schnitzer, dass die Gesellschaft Jack Twist ermordet, wirkt dramaturgisch allzu aufgesetzt. Máte Sólyom-Nagy (Ennis del Mar) und Michael Smallwood (Jack Twist) performen berührend gespielte wie prägnant gesungene Rollenporträts.

 

 

 

Theater für Niedersachsen/HARVEY MILK REIMAGINED/ Eddie Mofokeng (Harvey Milk), Julian Rohde, Chor/Foto: Tim Müller

Genau eine Woche später, Hildesheim. Das Theater für Niedersachsen hat sich als Hort für opernaffine Trüffelschweine einen Namen gemacht. In der aktuellen Saison laufen seltene Kostbarkeiten wie Die Göttin der Vernunft von Johann Strauss oder Till Eulenspiegel von Emil Nicolaus von Reznicek. Daneben stemmt das Haus die deutsche Erstaufführung von Stewart Wallaces Harvey Milk Reimagined. Warum reimagined – neu interpretiert? Als Wallace ein Schädel-Hirn-Trauma überwindet, nimmt er sich Harvey Milk (1995) noch einmal zur Brust und strafft seine Oper zu einem kompakten Zweiakter, der vor vier Jahren in St. Louis uraufgeführt wird. Das Stück zeichnet den Lebensweg des ersten offen schwulen US-Politikers, der in ein öffentliches Amt gewählt wird, stationshaft nach, umrahmt von Pro- und Epilog im Stil jüdischer Kaddisch-Choräle. Wir erfahren, dass Harvey Milk Opernfan war, hören Zitate von Tosca und Walküre, aber auch die Andrew Sisters und Blasmusik aus New Orleans. Schlagwerk und Blech sind beständig auf Krawall gebürstet.

Theater für Niedersachsen/HARVEY MILK REIMAGINED/ Eddie Mofokeng (Harvey Milk)/Foto: Tim Müller

Unten also der klangliche Gemischtwarenladen, oben das campy-trashige Tohuwabohu mit enervierend angeknipsten Figuren und viel Paillette unterm Regenbogen. Die Titelpartie ist nicht nur mit dem südafrikanischen Bariton Eddie Mofokeng besetzt: In Anlehnung an Martin Luther King Jr. und Marsha P. Johnson ist Harvey Milk in dieser Produktion tatsächlich schwarz. Die genialste Idee von Regisseur Vincent Stefan ist aber im 2. Akt zu finden, wenn Harvey Milk auf seinen politischen Gegner und späteren Mörder Dan White trifft. Dieser steht am Pult vor einem Pimmel-Mikro, darunter die Worte „in cocks we trust“. Treffender kann eine Metapher über patriarchale Systeme, in denen es schlussendlich immer nur darum geht, wer den Längsten hat, nicht sein. Dieser bildgewordene Unterschied zwischen Schwanz- und Schwulenpolitik zeigt außerdem, wie dringend wir gerade einen Harvey Milk benötigen. Von solchen Szenen hätten es gern mehr sein dürfen, auch weil das Musikdrama – im Gegensatz zum packenden Biopic mit Sean Penn – zu wenig an Gefühl und Inhalt bietet. Schade auch, dass niemand aus dem Cast aus der charakterlichen Eindimensionalität herausbricht.

Ein großer Pluspunkt hat der Abend: Er bietet den willkommenen Anlass, sich eingehend mit diesem Abschnitt US-amerikanischer Geschichte zu befassen – und das kann nicht verkehrt sein. Allerdings sieht die Hildesheimer Auslastung ähnlich traurig aus wie die in Erfurt. Deshalb mein dringender Appell an euch: Geht nicht nur einmal im Jahr zum CSD, sondern auch regelmäßig in die Kultur- & Szeneschuppen eures Vertrauens. Happy Pride!

 

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