Unterdrückte Liebe und vermeintlicher Verrat: „Un ballo in maschera“ in der Semperoper

Semperoper Dresden/ UN BALLO IN MASCHERA/ Rosalia Cid (Oscar), Francesco Meli (Riccardo)/ Foto: Semperoper Dresden/ Jochen Quast

„Un ballo in maschera“ (1859) ist ein Melodram in drei Akten von Giuseppe Verdi nach einem Libretto von Antonio Somma, das auf Eugène Scribes Libretto für Daniel Auber’s „Gustave III, ou Le Bal masqué“ (1833) basiert. Vor ihrer Uraufführung am 17. Februar 1859 im Apollo-Theater in Rom wurde diese Oper auf Verlangen der Zensurbehörden überarbeitet, wodurch die Handlung vom Schweden des späten 18. Jahrhunderts ins Boston verlegt wurde. Der Protagonist war nun kein Monarch mehr, sondern ein Gouverneur in einer amerikanischen Kolonie unter britischer Herrschaft.(Rezension der Premiere vom 4. Oktober 2026)

 

 

Die Premiere der neuen Inszenierung unter der Regie von Angela Denoke am 4. Oktober 2026 in der Semperoper Dresden ist die gelungenste Verdi-Inszenierung, die ich seit Katharina Thalbachs „Aida“ im März 2022 gesehen habe. Denoke hält sich an den Inhalt des Librettos und stellt ihre eigene Interpretation der Geschichte dar, so dass sie durch Sommas Text und Verdis Musik gestützt werden können. Anstelle von aufwendiger Bühnenmaschinerie oder Requisiten stehen die Figuren und ihre Interaktionen untereinander im Mittelpunkt. Besonders beeindruckend war, dass die Kostüme formell und offiziell wirken und dem sozialen Status der jeweiligen Figur entsprechen, ohne dabei eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort repräsentieren zu versuchen. Die Handlung hängt nicht vom Schauplatz ab, da die Beziehungen und Konflikte überall passieren können.

Semperoper Dresden/ UN BALLO IN MASCHERA/ Yulia Matochkina (Ulrica), Nicole Car (Amelia), Germán Enrique Alcántara (Renato), Komparsen/ Foto: Semperoper Dresden/ Jochen Quast

Die Bühne wird von einem gigantischen, sich drehenden Wahrsageautomaten geprägt, der von Timo Dentler und Okarina Peter entworfen wurde. Dieser Drehmechanismus fungiert als tatsächliche und metaphorische Falle, in der sich die Figuren bewegen und um die sie herumkreisen, was verdeutlicht, dass sie machtlos und dem Schicksal ausgeliefert sind. Dentler und Peter, die sowohl für das Bühnenbild als auch für die Kostüme verantwortlich waren, gestalteten die Kostüme so, dass sie dem psychologischen Aspekt von Denokes Absicht entsprachen, hinter die historische Oberfläche der Handlung zu schauen. Die Kleidung, eine wörtliche und symbolische Maske, die die wahren Gefühle der Charaktere verbirgt, spiegelt den Konflikt zwischen ihren öffentlichen Verpflichtungen und ihren privaten Sehnsüchten wider.

Die von Fabio Antoci gestalteten dramatischen Kontraste zwischen Licht und Zwielicht unterstreichen die unterschwelligen Spannungen aus Eifersucht, Verrat und bevorstehendem Tod. Die Stoffe und Silhouetten stehen in einem dynamischen Wechselspiel mit Antocis Lichtdesign und harmonieren mit der unheilvollen Dämmerung, die den Wahrsagemechanismus umgibt. Diese Inszenierung betrachtet die Oper als ein intimes spannungsgeladenes Schauspiel, in dessen Mittelpunkt der tragische Bruch zwischen den Protagonisten steht.

Was die Sängerbesetzung betrifft, wurden die Hauptrollen hervorragend interpretiert. Als Riccardo, Gouverneur von Boston, verkörperte der Tenor Francesco Meli diese zutiefst zwiespältige Figur. Meli zeigte, dass Riccardo glücklich sein und Liebe erfahren wollte, dass es jedoch psychische und äußere Faktoren gab, die ihn daran hinderten, ein erfülltes Leben zu führen. Er wurde von Verschwörern mit dem Tod bedroht und war in Amelia, die Frau seines besten Freundes Renato, verliebt. Obwohl das Libretto dies nicht ausdrücklich erwähnt und Meli es nicht unbedingt andeutete, vermute ich, dass Riccardo den Maskenball, mit dem die Oper endet, trotz der Warnungen, sein Leben sei in Gefahr, besuchte, weil er bereit war zu sterben. Wären Amelia und Renato nach England abgefahren, wäre Riccardo weitgehend isoliert gewesen. Melis klangvolle lyrisch-spinto-Tenorstimme druckte Riccardos flüchtigen Momente der Freude, seine leidenschaftliche, verzweifelte Liebe zu Amelia und seine Hoffnungslosigkeit aus.

Semperoper Dresden/ UN BALLO IN MASCHERA/ Ensemble/ Foto: Semperoper Dresden/ Jochen Quast

Der Bariton Germán Enrique Alcántara mit seiner warmen, vollen Stimme war ein echtes gesangliches Höhepunkt des Abends. Alcántara verkörperte einen sympathischen Renato, dessen Wut durch seine Liebe zu Amelia und das tiefe Gefühl des Verrats durch seinen engsten Freund Riccardo motiviert war, für den er bereitwillig sein Leben riskiert hatte. Als Renatos Ehefrau Amelia zeigte die Sopranistin Nicole Car große romantische Leidenschaft, innere Zerrissenheit und aufrichtige Sorge um Riccardos Sicherheit. Car besitzt eine glühende Sopranstimme, die sich durch einen Silberklang in den hohen Lagen auszeichnet.

Die Mezzosopranistin Yulia Matochkina war eine geheimnisvolle, kluge Ulrica, die echte Macht über die anderen Figuren, darunter auch den Gouverneur Riccardo, ausübte. Matochkina verfügt über eine kraftvolle, tiefgründige und geschmeidige Stimme mit einem ausgeprägten samtigen Farbton, der, wenn es die dramatische Intensität erfordert, eine stählerne Schärfe annimmt. Ihre Anwesenheit auf der Bühne als stille Darstellerin nach ihrer Szene (1. Akt, 2. Szene) zeigt, wie Ulricas Prophezeiung alles, was danach folgt, bestimmt.

Die Sopranistin Rosalia Cid spielte einen temperamentvolle und in vielerlei Hinsicht melancholischen Oscar, der zu verstehen schien, was vor sich ging. In Cids Interpretation war Oscar viel mehr als nur ein Hofnarr und Freund Riccardos, sondern eine weise Figur mit authentischer Komplexität. Hinter der Komik verbirgt sich in Oscar die Fähigkeit zu großer Liebe und Freundschaft. Cids Stimme ist ätherisch, lieblich und technisch präzise, mit sanften Tönen und der Gabe, lange, ausgehaltene hohe Töne zu erzielen.

Die Nebenrollen wurden wie folgt besetzt; David Roy (Silvano), Tilmann Rönnebeck (Tom), Vladyslav Buialskyi (Samuel), Frank Blümel (Un Giudice) und Meinhardt Möbius (Un Servo d’Amelia).

Semperoper (Dämmerung) © Semperoper Dresden/Matthias Creutziger

Chefdirigent Daniele Gatti leitete die Sächsische Staatskapelle Dresden und den Sächsischen Staatsopernchor Dresden und legte dabei besonderen Wert auf die scharfen stilistischen Kontraste in der Partitur. Gatti hob die fast schon wagnerianisch durchkomponierte dramatische Erzählung hervor, als hätte „Un ballo in Maschera“ ein Vorläufer von „Tristan und Isolde“ sein können, einer weiteren Geschichte über verbotene Liebe. In Verdis Oper sind burleske Momente nahtlos mit tragischen und düsteren Untertönen verwoben, von denen sie jedoch unmittelbar überschattet werden. Mit gleichmäßigen Tempi, die selbst in den komischen Momenten Ernsthaftigkeit unterstrichen, bildete Gatti die inneren Ängste der Figuren ab und brachte die emotionale Tiefe ihrer Eifersucht, Zuneigung und Furcht zum Vorschein.

Gattis Zusammenarbeit mit Denoke ist geprägt von seinem Dirigat, das eine expressive Grundlage für die Erzählung schafft und so Musik und Inszenierung untrennbar miteinander verknüpft. Mit anderen Worten: Denokes neue Inszenierung von „Un ballo in maschera“ verbindet die Treue zum musikalischen und literarischen Text mit einer frischen, kreativen Herangehensweise an die Vorlage. Gatti und die Mitwirkenden haben eine musikalische Meisterleistung abgeliefert. Sehr empfehlenswert!

Weitere Vorstellungen finden am 7., 10., 17. und 21. Oktober 2026 sowie am 5., 8., 15. und 21. Mai 2027 statt.

 

  • Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Semperoper Dresden
  • Titelfoto: Semperoper/ UN BALLO IN MASCHERA/Francesco Meli (Riccardo), Nicole Car (Amelia)/ Foto: Semperoper Dresden/ Jochen Quast
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