Grischa Asagaroff im OPERNMAGAZIN-Portrait

Grischa Asagaroff

Anlässlich seines 75. Geburtstages am heutigen 15. April traf sich DAS OPERNMAGAZIN-Redakteur Marco Stücklin zu einem ausführlichen Gespräch mit Grischa Asagaroff über seine beruflichen Anfänge in der Opernszene, seine andauernde lange Karriere und die vielen Begegnungen, die er mit Künstlerinnen und Künstlern der Oper auf den Bühnen der Welt in diesen vielen Jahren hatte.  DAS OPERNMAGAZIN gratuliert Grischa Asagaroff zu seinem heutigen Geburtstag und wünscht ihm beruflich und privat weiterhin alles Gute.

 

 

 

Grischa Asagaroff stammt aus einer Theaterfamilie. Sein Vater Georg Asagaroff war in Russland ein bekannter Schauspieler und Regisseur. Unter den Bolschewiken veränderten sich die Arbeitsbedingungen zusehends und führten schliesslich dazu, dass der Vater sich umständehalber gezwungen sah, 1919 Russland zu verlassen. Über Griechenland und Frankreich kam er nach Deutschland und liess sich in Berlin nieder. Dort machte er sich mit zahlreichen Stumm- und Tonfilmen einen Namen. Nach dem Krieg boten die US-Amerikaner seinem Vater eine Anstellung in den Vereinigten Staaten an, aber das entsprach nicht seinen Vorstellungen. So kam es dazu, dass er freischaffender künstlerische Leiter der «Columbia Film» wurde. Kurz vor seinem Tod verfasste er noch die Deutsche Dialogfassung von «Brücke am Quai».

Als sein Vater 1957 starb, war Grischa Asagaroff erst 10 Jahre alt und die Oper interessierte ihn noch nicht. Sein Interesse daran  erwachte erst danach. Sein Vater ging sehr wenig in die Oper aber mochte besonders gerne Tschaikowsky. In München wohnten seine Eltern auch der Uraufführung von Hindemith’s Die Harmonie der Welt bei, waren aber von der neuen Musik wenig angetan.

Plakat der Ringinszenierung von G. Asagaroff in Saarbrücken 1986/90

Auslöser für seine Opernfaszination war dann Astrid Varnay, mit der ihn später eine schöne Freundschaft verband. Mit ihr hörte er zum ersten Mal die Leonore, die erste Brünnhilde und die erste Elektra. Zu seinen Favoritinnen gehörte damals auch Inge Borkh. Seinen ersten Lohengrin hatte Hans Knappertsbusch dirigiert. Ingrid Bjoner war die junge dramatische Sopranistin. Ausserdem begeisterten ihn Jess Thomas und Wolfgang Windgassen. Mit Hans Hotter hörte er zum ersten Mal Gurmenanz und Wotan. Bei seiner Inszenierung von Tristan in Dortmund wirkte Asagaroff als Assistent mit. Zwischen den beiden entwickelte sich eine 40 jährige Freundschaft.

Asagaroff hatte einen Schulkollegen, der in der Statisterie mitmachte. Eines Tages fragte dieser ihn, ob er nicht Lust hätte, mal bei den Meistersingern im Nationaltheater mitzuwirken. Dieser Vorschlag reizte ihn und er sagte zu. So kam es, dass er als Statist am Theater arbeiten konnte. Für ihn gab es nur Schule, Bühne und sonst nichts. Um an den Hauptproben teilnehmen zu können, erfand er zuweilen einen plausibel tönenden Grund, um dem Schulunterricht fern bleiben zu können. Seine häufige Präsenz fiel einigen Leuten auf. Eines Tages wurde ihm eine ganz kleine Nebenrolle bei der Premiere von Tosca unter Joseph Keilberth angeboten, welche ihm dann sogar eine Erwähnung in der Presse eingebracht hatte.

Im Sommer 1966 fanden die ersten großen Außenfestspiele mit Simon Boccanegra im Apothekerhof statt. Es war ein Projekt von Jean-Pierre Ponnelle und Giuseppe Patanè mit italienischen Opernstars. 1966 war gleichzeitig auch sein Abiturjahr und er musste sich entscheiden, in welche Richtung seine berufliche Karriere gehen sollte. Er war sich damals bewusst, dass seine Stimme als Sänger nicht ausreichen würde und zog daher Theaterwissenschaften, Musik und Kunst, eventuell auch Schauspiel oder Film in Betracht.

Mittlerweile fiel er mehr und mehr durch seine häufige Präsenz am Theater auch dem Intendanten Rudolf Hartmann auf und er bot ihm die Funktion als Inspizient an. Auch Ponnelle hatte erkannt, dass Asagaroff engagiert und für diese Funktion geeignet war. Für die darauf folgende Zauberflöte im Cuvillies Theater in München durfte er abermals als Inspizient wirken. Ihn beeindruckte die hochkarätige Besetzung, u.a. mit Anneliese Rothenberger, Fritz Wunderlich und Hermann Prey unter der Leitung von Christoph von Dohnányi. Gleich darauf bot man ihm einen Inspizienten-Festvertrag an. So kam es zur Zusammenarbeit mit dem Intendanten Hartmann und ab 1967 mit Günther Rennert,  z.B. für den Ring mit Birgit Nilsson. Die erste Hauptassistenz war dann Ariadne auf Naxos für die Festspiele mit Tatiana Troyanos, Ingrid Bjoner und Reri Grist. Da liess man ihm bereits freie Hand für Umbesetzungs- und Wiederholungsproben. 1969 bewarb er sich um eine Festanstellung als Regieassistent im Hause. Günther Rennert hatte ihm einen Vertrag zugesichert, den er dann aber widerrief. Dadurch waren seine Karrierepläne infrage gestellt. Glücklicherweise konnte dann durch Vermittlung von Hans Hartleb in Dortmund ein Vertrag für das dieses Haus ausgehandelt werden.

Für zwei Jahre war er dort zuständig für Oper und Musical und teilweise auch für die Dramaturgie. Danach folgte eine Stelle an der Deutschen Oper am Rhein unter Grischa Barfuss. Während acht Jahren wirkte er in Düsseldorf. Das war eine außerordentlich fruchtbare und beglückende Zeit mit Ponnelle und Rossini sowie Herlischka und Janáček. Zuerst kam Italiana in Algeri zur Aufführung. Alberto Erede machte den ganzen Rossini Zyklus. Die Besetzung war genial, u.a. mit Paolo Montarsolo und Julia Hamari. Ponnelle und Asagaroff verstanden sich ausgezeichnet. Darauf folgten Cenerentola, Barbier von Sevilla, Turco in Italia und Le Comte Ory.

Asagaroff mit Abbado und Drese ( im Hintergrund) in Wien

In Gent lernte er Gerard Mortier kennen, welcher Assistent beim Flandern Festival war. Mortier nahm ihn oft zu den Premieren in Köln mit, wo er Claus Helmut Drese kennenlernte. Dieser meinte, Asagaroff sollte sich alle Vorstellungen ansehen und die Eindrücke niederschreiben. Mit Italiana ging er 1976 nach Washington, wo George London als Intendant tätig war. Ab 1977 war er zusammen mit Ponnelle oft in Amerika und Zürich. In Amerika waren für ihn vor allem die Opernhäuser in San Francisco, Chicago und Houston wichtig.

1978 begann Asagaroff in Zürich, um Cenerentola in der Inszenierung von Ponnelle, mit Agnes Baltsa und Francisco Araiza, sowie dem Dirigenten Ralf Weikert auf die Bühne zu bringen. Es war ein Triumph. Danach hatte Drese ihn gefragt, ob er nach Zürich kommen möchte und so kam es, dass Asagaroff einen festen Vertrag in Zürich erhielt und dort mit Monteverdi angefangen hatte. Dann folgten Tristan mit Hildegard Behrens, René Kollo, Glenys Linos und Matti Salminen unter der Leitung von Ferdinand Leitner. Dies war eine der besten Drese Inszenierungen mit dem Bühnenbild von Jörg Zimmermann. Seine erste eigene Inszenierung in Zürich war «Don Pasquale» mit Francisco Araiza und Patricia Wise. In Zürich übernahm Asagaroff die Regie des Opernstudios und arbeitete viel mit Marc Belfort und Marcus Blum zusammen. Den Barbier hatte er überarbeitet und mit Edita Gruberova, Francisco Araiza und Bruno Pola besetzt und Roberto Abbado als Dirigenten. Es folgten seine Inszenierungen von “Fedora” mit Eva Marton und Jon Buzea sowie Rigoletto und Macbeth. Dann folgte Asagaroff Dreses Angebot, zusammen mit ihm nach Wien zu gehen. Für Drese war es eine nicht leichte Zeit, wegen vieler Intrigen.

In Wien schuf er viele Inszenierungen wie Maria Stuardamit Agnes Baltsa und Edita Gruberova und Eugen Onegin mit Mirella Freni und Seiji Ozawa. Ebenfalls mit Ponnelle brachte er eine Neufassung von Italiana mit Agnes Baltsa und Ruggero Raimondi auf die Bühne, welche auch als Film geplant war. Dieser konnte jedoch nicht fertiggestellt werden, da Ponelle verstarb. Asagaroff war noch mit anderen Verpflichtungen beschäftigt. Seit 1976 – 2000 war er jedes Jahr für Ponnelle in Amerika. Je fünfmal Italiana und Cenerentola, sowie Frau ohne Schatten für Nikolaus Lehnhof in San Francisco. Eigene Inszenierungen in Houston von Tosca mit Placido Domingo und Simon Boccanegra mit Cesare Siepi und Leo Nucci. An der MET und in Salzburg Ponnelles Idomeneo mit Luciano Pavarotti. In München brachte er die Italiana auf die Bühne. In Saarbrücken den ganzen Ring in seiner Inszenierung.

Fedora Teatro Colon mit Placido Domingo und Mirella Freni

Asagaroff hat zweimal im Teatro Colón in Argentinien gearbeitet und hatte großen Erfolg mit Fedora mit Mirella Freni, Placido Domingo und Sherrill Milnes. Dazu kamen die letzte Mimi mit Mirella Freni und der letzte Rodolfo von Luis Lima und dem damals noch ganz jungen Sänger Erwin Schrott.

Mit Mirella Freni war Asagaroff sehr befreundet, seit er 1983 in San Francisco die «Manon Lescaut» inszeniert hatte, denn dies war Frenis erste Manon. Für die Besetzung hatte er freie Hand und so konnte Freni dort debütieren.

Auf die Empfehlung von Nikolaus Harnoncourt übernahm schließlich Alexander Perreira die Direktion im Opernhaus Zürich. Dieser war an der Zusammenarbeit mit Asagaroff interessiert. Sie verstanden sich gut. So kam es, dass die beiden 21 Jahre lang in Zürich zusammengearbeitet hatten.

La Sonnambula mit Edita Gruberova in Zürich

In Zürich war Asagaroff künstlerischer Betriebsdirektor und schuf jedes Jahr eine Inszenierung und war auch mit dem Studio beschäftigt. Dann hat er den Bühnenbildner Reinhard von Tannen kennengelernt, mit dem er Puritani und Sonnambula eine seiner wohl besten Inszenierungen, beide mit Edita Gruberova, geschaffen hatte. Sonnambula mit Piotr Beczala und Roberto Scanduzzi.

Eine ganz wichtige Zeit war seine Funktion als künstlerischer Betriebsdirektor der Salzburger Pfingst- und Sommerfestspiele von 2012 bis 2016.

Asagaroff schätzt sehr viele seiner jungen Regiekollegen. Er ist befreundet mit Christoph Loy. Damiano Michieletto entdeckte er in Pesaro und brachte ihn zu Nello Santi nach Zürich, wo er viele Inszenierung machte. Oftmals ist Asagaroff nicht mit den Vorstellungen einiger Regisseure einverstanden, welche sich wenig um das Libretto kümmern und auch die zugrundeliegenden Handlungen verändern.

Carmen Prag 2022

Asagaroff macht noch heute viel in der Oper. So zum Beispiel an der Scala der «Barbiere» für Kinder und Elisir mit Vittorio Grigolo 2014 und Fabio Luisi für eine Liveübertragung auf dem Flughafen Milano- Malpensa. Diese kann man noch auf Youtube abrufen. Vorangegangen war ein halbes Jahr Vorbereitungsarbeit mit einer Regisseurin vom RAI. Für die Liveübertragung gab es nur drei Proben. Danach gab es keine Änderungsmöglichkeiten mehr. Ebenfalls für Kinder inszenierte er in Mailand und Florenz L’elisir d’amore und erst gerade war er mit Carmen in Prag. Im Mai kommt dann I due Foscari mit Domingo in Florenz.

Zu Asagaroffs wichtigster Freundin gehört Agnes Baltsa, welche viele Debuts mit ihm gemacht hat. So in Fedora und Cenerentola und natürlich ihre berühmte „Carmen“, wo er Assistent war. Unter seiner Regie hat sie in der Cavalleria rusticana die Santuzza gesungen und sie waren damit in Athen und Tokio, wo Asagaroff mehrmals zu Gast war. Dort hatte er im neuen Theater Idomeneo und einen erfolgreichen Don Giovanni inszeniert. Die im Januar dieses Jahres in Zürich aufgeführten Opern Cavalleria/Bajazzo wurden ursprünglich auch in Tokio einstudiert.

In Asagaroffs Erinnerungen sind zahllose Begegnungen und Erlebnisse präsent geblieben, welche ihn bis heute beflügeln und für die er dankbar ist.

 

  • OPERNMAGAZIN-Portrait von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
  • Alle Fotos mit frdl. Genehmigung aus dem Privatarchiv von Grischa Asagaroff

 

 

2 Gedanken zu „Grischa Asagaroff im OPERNMAGAZIN-Portrait&8220;

  1. Ausser der Aufzählung all derer, die Grischa gekannt und gesehen hat, hätte man in dieser Würdigung durchaus auch sagen dürfen, dass Grischa ein Gentleman war und ist; einer, der sich nie für etwas zu schade war; der sonntagmorgens vor der Matinée auch mal den Vorplatz der Oper schneefrei machte, wenn denn sonst keiner zur Hand war; einer, der das feu sacré hatte und hoffentlich noch hat – mach’s gut, Grischa!

  2. Ich war im Januar in Zürich und sah diese Cavalleria und Bajazzo und war restlos begeistert. Eine wunderbare Inszenierung, schönes Bühnenbild, schöne Kostüme und hervorragende Personenregie. Danach ging ich beglückt nach Hause. Solche Opernabende, wo alles stimmt, gibt es heute nicht mehr oft.

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