Nun sei bedankt mein lieber Thielemann – Lohengrin bei den Salzburger Osterfestspielen

Osterfestspiele Salzburg 2022/LOHENGRIN/Jacquelyn Wagner (Elsa), Eric Cutler (Lohengrin)/Foto © Ruth Walz

Als die Berliner Philharmoniker im Frühjahr 2011 nach mehr als 40 Jahren ihren Rückzug von den Salzburger Osterfestspielen bekanntgaben, war die Skepsis groß, dass jemals irgendein anderes Orchester an deren Festspielniveau heranreichen würde. Und mit dem „Lohengrin“ ist heuer auch die der Berliner Philharmoniker nachfolgende Ära der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu ihrem Ende gekommen. Unter der Leitung ihres Chefdirigenten Christian Thielemanns ist es der Staatskapelle zehn Jahre lang gelungen, ihr ohnehin schon allerhöchstes musikalisches Niveau auf Hochglanz zu polieren, um dieses in Salzburg einem noch breiterem, internationalerem Publikum zugänglich zu machen: Georgs Zeppenfelds Rollendebüt als Hans Sachs in Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ oder Anja Harteros bislang einziger Auftritt als Sieglinde waren unerreichbare Sternstunden, veredelt durch den Klang der Staatskapelle und Christian Thielemann. (Rezension der Vorstellung v. 09.04.2022)

 

Im Gegensatz zu den ansonsten weitestgehend als harmlos zu bezeichnenden Regiearbeiten der letzten Jahre, wollte diesmal Regisseur Jossi Wieler das Festspielpublikum bewusst herausfordern, indem er die Geschichte um Elsa aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Der Regisseur lässt das Opfer zur Täterin werden. Leider sind seine durchaus interessanten Ideen, die man im Programmheft und aus den zuvor veröffentlichen Interviews entnehmen kann, auf der Bühne nicht konsequent ausgearbeitet und lediglich in Ansätzen nachvollziehbar. Dabei weckt Wieler, der erneut mit Dramaturg Sergio Morabito und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock zusammenarbeitet, ästhetische Erinnerungen an so manche seiner Erfolgsproduktionen an der Staatsoper Stuttgart. Die zunächst unkonkreten, sich über drei Akte entwickelnden Räume einer alten Wehranlage oder mittelalterlichen Burg, dargestellt in unterschiedlichen Tages- als auch Jahreszeiten, böten hierbei durchaus Potential. Jedoch werden weder Zeit noch Raum der dargestellten Handlung verständlich. Die Kostüme changieren konzeptlos zwischen Jahrhundertwende und Nachkriegszeit. Auch die Personenführung beschränkt sich auf stereotype Bewegungen. In den 2000er-Jahren ist doch gerade die Rollenpsychologie eine Stärke von Jossi Wieler gewesen! Das Provozieren hat er offensichtlich verlernt. Solist*innen in Tarnkleidung, welche unglaubwürdig mit einem Maschinengewehr herumgestikulieren, lassen den vom Regisseur versprochenen Psycho-Thriller sich als harmlosen, banal-kostümierten Vorabendkrimi entpuppen.

Osterfestspiele Salzburg 2022/LOHENGRIN/Elena Pankratova (Ortrud)/Foto © Ruth Walz

So richtig spannend wurde der Abend erst durch die musikalische Leitung Christian Thielemanns. Der einsehbare, weit geöffnete Orchestergraben des großen Festspielhauses gab ihm weitaus größere interpretatorische Möglichkeiten, als der verdeckelte „mystische Abgrund“ in Bayreuth, wo er den „Lohengrin“ zuletzt aufführte. Von der eigentlichen Strenge des 4/4-Takts der Komposition Richard Wagners war nichts mehr zu spüren. Thielemann nahm sich die allergrößten Freiheiten, wurde dabei aber nie willkürlich! Kaum ein Kapellmeister ist derart aktiv und beteiligt, gleich einer Hypnose, ließ er jeden seiner interpretatorischen Ansätze aus dem Klangfluss der Staatskapelle entstehen, wusste zugleich den stark besetzten Chor eindrücklich zu proportionieren. Seine gekonnte Generalpause zu Ortruds „Entweihte Götter“, das starke Rubato in der Chor-Massenszene, oder die ausgedehnten, schlagartigen Dynamikänderungen – Thielemann ließ das ganz große orchestrale Drama entstehen. Zurecht feierte ihn das Publikum frenetisch bei jedem Auf- und Abtreten.

In der Titelpartie des Lohengrin verstetigte Eric Cutler seine Karriere als Heldentenor im Wagner-Fach. Er wurde schon im letzten Sommer bei den Bayreuther Festspielen in der Partie des Erik umjubelt. Seine voluminöse Stimme klang offen und frei, zugleich überzeugte mit deutlicher Aussprache, sicheren Piani und einem Timbre so glanzvoll, wie es die Partie des Gralsritters eben verlangt. Cutlers Phrasierung wirkte jedoch noch zu kontrolliert und akademisch. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein hätten ihm gutgetan, denn er besitzt all das stimmliche Potential, um in wenigen Jahren gesattelt und gefestigt, die Gipfel aller Heldentenor-Partien zu erklimmen.

In der Partie der Elsa glänzte Jacquelyn Wagner mit zarter Sopranstimme besonders in den ruhigeren Stellen. In siegessicherem Auftreten ging sie in der ihr vom Regisseur uminterpretierten Rolle als Intrigantin des Werks vollends auf. Gegenüber Cutlers Lohengrin gelang es ihr gleichwohl nicht, der Partie die stimmliche Präsenz zu verleihen. Das mag sicherlich auch der Größe des Salzburger Festspielhauses geschuldet sein.

Osterfestspiele Salzburg 2022/LOHENGRIN/Martin Gantner (Telramund), Elena Pankratova (Ortrud)/Foto © Ruth Walz

Das niedere Paar der Oper hingegen hätte nicht besser besetzt sein können: Stimmlich dunkel und eindringlich, dazu mit einem Blick, der das Publikum fesselte, wurde Elena Pankratovas düster-dämonische Ortrud der Höhepunkt des Abends. Martin Gantner stand als ihr Gemahl in der Rolle des Telramunds in nichts nach. Er glänzte als Sängerdarsteller, der sich so richtig in seine Partie warf und dabei stets die passende Kombination aus emotionalen Ausbrüchen, eindringlicher stimmlicher Deklamation und rührender Phrasierung fand. Abgerundet wurde das Ensemble von Hans-Peter König, welcher in der Partie des König Heinrich mit einem berührendem, so nur bei skandinavischen Bässen bekanntem Timbre, bestach und berührte.

Eine wahre Freude war neben der Orchesterleistung die opulente Chorbesetzung mit Sänger*innen des Salzburger Landestheaters, dem Bachchor Salzburg und natürlich dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Es wird sich zeigen, ob Andris Nelsons und das Gewandhausorchester an Ostern 2023 an das Dresdner Niveau der letzten Jahre heranreichen werden. Zumindest die Besetzung des „Tannhäusers“ mit Jonas Kaufmann in der Titelpartie lässt schon jetzt Großes erwarten!

 

 

 

2 Gedanken zu „Nun sei bedankt mein lieber Thielemann – Lohengrin bei den Salzburger Osterfestspielen&8220;

  1. Wir waren am 18.4. da. Ich habe selten eine so große Diskrepanz zwischen Dirigat (einsame Spitzenklasse) und Inszenierung (unterirdisch, uninspiriert, hilflos, fehlende Personenregie) gesehen.
    Jacquline Wagners Stimme ist einfach zu klein für das Haus.
    Bei Teleamund hätte ich einen robusten Haudegen erwartet, aber er hat sich gesteigert.
    Ich habe in Bonn eine erheblich durchdachtere Inszenierung gesehen.
    Aber Thielemann reißt alles raus!

  2. Eine sehr gute Einschätzung des „Lohengrins“, der musikalisch in die höchsten Höhen führte und der Glanzpunkt der Aufführung war , wir durften bei der Generalprobe dabei sein ! Stolz auf unsre „Kapelle“ unter der Leitung des „CT“ @

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