In Zeiten des Abnehmenden Lichtes – „Die Walküre“ beim Baltic Opera Festival

Baltic Opera Festival/DIE WALKÜRE/ Foto: Kinga Karpati & Daniel Zarewicz

Die Opera Leśna hat bereits eine Menge gesehen, von Wagner-Festspielen mit und ohne Nazis über Auftritten von Karel Gott und dem Ost-Pendant des Eurovision Song Contest, genannt Intervision Song Contest – und jetzt wieder Wagner, zumindest ein bisschen. In seinem (erst) vierten Sommer präsentiert das Baltic Opera Festival unter anderem Richard Wagners Walküre als Kooperations-Inszenierung mit dem Det Kongelige Teater in Kopenhagen und trumpft mit simpel-cleveren Kniffen in der Inszenierung und einigen musikalischen Leuchtsternen auf. Nachreisen in andere kalte Lande lohnt sich – auch gern mit dieser Besetzung. (Rezension der besuchten Vorstellung v. 5. Juli 2026)

 

Einerseits birgt eine solche Solo-Walküre einen konzeptionellen Vorteil für sich selbst, denn die Inszenierung muss nicht im Ideenkonstrukt eines ganzen Zyklus funktionieren. Andererseits betraut die historische Spielstätte der Waldoper Sopot die Vorstellungen mit den klassischen Open-Air-Herausforderungen: die Abwesenheit eines Vorhanges, kaum Möglichkeiten für Beleuchtung und Lichteffekte, gar keine Verdunkelung und erst recht keine Seitenbühne. Für die Inszenierung ist also etwas Köpfchen gefragt, wie man unter diesen Bedingungen eine Hütte im Wald, etliche Felsenlandschaften und ein Götterwohnzimmer unter einen Hut bekommt. John Fulljames löst das mit einem Architektenbüro, in welchem Göttervati Wotan sich die Welt, wie er sie wünscht, in kleinen Entwürfen und Holzmodellen plant. Die Walküren (im ersten Akt bereits stumm dabei) und etliche Bühnentechniker übernehmen von Anfang an die Assistenz in diesem Büro; gekleidet im selben Naturton-Farbschema wie die singende Besetzung bauen die Techniker mit Seelenruhe auf stummen Wink der Sängerinnen und des Chefs die Hundingshütte um, wie Mensch sie gerade braucht: Möbel weg, Tür auf, Auftritt Hunding. Die eleganten Stoffe der Kostüme in edel-unaufdringlichen Sandfarben, ebenso die langen Haare der Walküren mit blondierten Highlights liest sich wie eine kleine Parodie auf die scheinperfekten Wohnsituationen, die in den sozialen Medien millionenfach Klicks generieren: schaut mal, wie einfach es ist, gut auszusehen; schaut mal, wie gut wir aussehen, eine ganz normale steinreiche Familie. Wir protzen nicht, wir haben bloß Stil; man sieht halt, dass wir Geld haben, was seid ihr denn so neidisch? War doch schon immer so. Alteingesessenes Geld und mindestens so lang eingesessene Macht verleitet den Göttervater dazu, die Hundingshütte in einer Holzminiatur geplant zu haben und das Geschehen mit seinen anderen neun Töchtern haargenau und mit dem unanfechtbaren Gefühl vollständiger Berechtigung zu beobachten und nach Gutdünken zu manipulieren. Sieglinde serviert ihrem um Wasser flehenden Gast Becher um Becher aus einem schmutzigen Kanister und schließlich ein wenig grausig schmeckenden Met, den der Gast zu ihrem größeren Entsetzen begeistert trinkt. Währenddessen öffnet eine von der Seite hineinblickende Walküre entspannt eine zischende Coladose: was regt ihr euch denn so auf, sind doch nur Menschen da unten. Die kann man schon bisschen rumschieben. Wir haben das schließlich sehr gut geplant, und es läuft, wie wir wollen. Wir dürfen alles, was wir wollen. Weil wir es wollen.

Baltic Opera Festival/DIE WALKÜRE/ Foto: Kinga Karpati & Daniel Zarewicz

Angesichts Siegmunds Verzweiflungsausbrüchen von „Wälse! Wälse! Wo ist dein Schwert?“ räkelt sich Wotan also von seinem Schreibtischstuhl, um das Ganze näher zu beäugen, nickt zu sich selbst, ganz der stolze Papi. Macht sich doch gut, der Junge. Okay, er kann kaum sitzen vor Schmerzen, sein Hemd ist blutig eingesaut, jemand muss ihn auf der Flucht ganz schön rangenommen haben, und zum Psychiater müsste er auch mal. Stanislas de Barbeyracs Tenorstimme erzählt von einer Grundtraurigkeit in der Seele des Charakters, die ihn von innen aushöhlt, von allem, was im Kopf noch lange flimmert und schließlich unsichtbar vernarbt, wenn man schon Unterschlupf für die Nacht gefunden hat. Mag seinen Wälse-Rufen der Einschlag eines Heldentenors fehlen, die Stimmfarben für eine solche Interpretation wie die genannte bringt der französische Tenor zuhauf und steht in der klaren Richtung seiner Deutung unter Kollegen gewissermaßen für sich. Um die Zustände der Schwester Sieglinde ist es nicht gerade besser bestellt; Izabela Matułas durchaus kraftvoller Sopran mit einem fast charakteristischen Schliff im mittleren und unteren Register (im oberen leider nicht ganz so präsent, aber dennoch stimmlich insgesamt sehr stabil) kontrastiert mit ihren verschreckt-runden Augen, die sie besonders im zweiten Akt zur Geltung bringt. Während ihrer ohnehin leicht hellseherisch anmutenden Zeilen scheint sie nämlich in die Götterwelt hineinblicken zu können – als Erste erblickt sie und nicht ihr Bruder die tituläre Walküre – was ihr psychisch gar nicht guttut und sie glatt zum Versteinern bringt. René Pape als Hunding war (zumindest für Sieglinde) da vorher keine Hilfe, da es sich bei dem Gatten nicht gerade um einen Wohlfühlfaktor handelt. Kostümiert in der Standard-Aufmachung eines bayerischen DB-Regio-Passagiers plus Jagdgewehr vermeidet Pape die Verrenkungen zur Grobheit, für die er ohnehin nicht gemacht wäre, wählt stattdessen stimmlich wie darstellerisch eine spöttisch-drohende Ader und beschnipst den ausgehungerten Gast mit Brotbröseln von seinem Campingstuhl aus. Unter diesen Umständen ist Inzest wohl oder übel einfach die bessere Option. Pünktlich zum musikalischen Höhepunkt des ersten Aktes knallen im Architektenbüro die Champagnerkorken wie bei einer Mondlandung – das haben wir aber toll geschafft!, während sich im Vordergrund zwei angeknackste Geschwister aus Verzweiflung ineinander verlieben. Das ist in höchstem Maße böse inszeniert und im Sinne des Werkes treffsicher gezeichnet.

Zum Streit mit Fricka thront Wotan auf seinem Leder-Bürostuhl am Schreibtisch (Farbe: Kamel, Modell: sauteuer, Dekofell: verdächtig wolfsförmig), die Gattin bekommt ganz liebreizend einen fix abgestaubten Drehhocker und ein Käffchen serviert, eine Besucherin in der eigenen Familie. Der Umgang mit einer Kaffeetasse wird zum Fokalpunkt der Passiv-Aggressivität. In den folgenden Szenen wird die unsichtbare Teilung der Bühne offenbar, denn die Treppe, deren Stufen auch die Decke der Hundingshütte im ersten Akt darstellten, scheint die Welt der Menschen zu begründen, alles flacher Boden drumherum hingegen die Welt der Götter. Dazwischen schwebt sozusagen ein Einwegspiegel, der den Göttern das Beobachten der Menschen erlaubt, doch ausgenommen eben Sieglinde nie andersherum. Wie durch einen Traum schleichend beäugt Siegmund in der Todesverkündigung diese fremde Welt, die seine Halbschwester ihm schmackhaft machen möchte. Stéphanie Müther als Titelfigur tönt hier mit schlankem Sopran, ein konzentrierter Stimmfluss und ein destillierter Klang, der glaubhaft ein Mädchen ganz knapp an der Grenze zum Erwachsenwerden zeichnet. Die „Hojotoho!“-Rufe spitzbübisch, gar gewitzt gesungen mit einem strahlenden hohen C, erstklassige Crescendi im letzten Dialog mit ihrem Vater – so macht diese Rolle viel Freude. Auch Małgorzata Walewska lässt sich als Fricka ihre Phrasen schmecken, ruhevoll, bis sie sich zu einem herrlich gezischten „Sieh mir ins Auge!“ hinreißen lässt, wenn der Gatte sie einmal wieder trickreich abbügeln will.

Baltic Opera Festival/DIE WALKÜRE/ Foto: Kinga Karpati & Daniel Zarewicz

Dass alles ein wenig vor die Hunde geht, davon zeugt auch eine kontinuierliche Aschesymbolik auf der Treppe: die angekokelte Esche des ersten Aktes wird von aufgeschütteten Aschehügeln mit stabartigen Grabmarkierungen im zweiten Akt abgelöst und diese wiederum von nichts anderem als einem schwärzlichen Schutthaufen im letzten. Asche als Symbol von Ende und Neuanfang, was man ist und was man wird: Brünnhilde spielt gedankenverloren damit, Wotan bröselt sie zwischen den Fingern, Brünnhilde legt sich in dem schwarzen Schutt der Esche schließlich zum Schlaf nieder. Am Ende bleibt fast nichts übrig als dieser schwarze Staub in der Menschenwelt, eine Tochter und ihr Vater. In diesem kargen Ende kommt die künstlerische Leitung der Festspiele einmal ausgedehnt zu Wort – nämlich Tomasz Konieczny, der neben seiner leitenden Funktion musikalisch unter Beweis stellt, was seinen Wotan zu einem Unikat macht. Das ist hauptsächlich die Stimmfarbe, ein unglaublich sattes, fiesliches Tiefschwarz, das sich mit säureartiger Schärfe in alle Vokale frisst und mit einer enormen Durchschlagskraft daherkommt. Diese äußerst prägnante Timbre ist eine streitbare Qualität, mag es nicht jedem gefallen, doch es verhilft zu einer ganz bestimmten Einzigartigkeit, wenn dieser Klang, bombensicher phrasiert in allen Szenen, sich zu einer völlig unerwarteten, fast unmöglich geglaubten Weichheit moduliert. Die Lautstärke ist beeindruckend, doch das Leise ist ein Zauber, der hinter dem schwarzen Vorhang eine andere Farbenwelt eröffnet. „Nie send ich dich mehr aus Walhall“ sticht direkt ins Herz, völlig blank und versehrt im Klang singt Wotan mehr zu sich selbst als zu seiner Tochter in der grauenvollen Erkenntnis, was er gleich verlieren wird, erlaubt sich mit „Und das ich ihm in Stücken schlug!“ ein einziges kurzes Schuldzugeständnis, das ihn selbst fast bricht. Bittersüß die Töne, in denen er alleingelassen mit seiner Tochter über ihre Liebe sinniert und ihren Hals streichelt, bis seine Hand sich zusammenzieht, ihre Beine verzweifelt strampeln, der Klang der Bitterkeit erstarrt kalt und hart. Nein, bei einem solchen Vater kann man nicht bleiben. Längst ist die Sonne untergegangen. Die Walküre ist eine Oper des abnehmenden Lichtes. Gern dürfte man an den langen baltischen Tagen noch später anfangen mit der Vorstellung, damit der sterbende Tag früher bemerkbar wird und die Grundstimmung der Tragödie im Hintergrund verstärkt. In der lichtlosen Schwärze lehnen sich Äste zur Bühne, rauschen leicht, während im Zentrum des Geschehens nur noch über die Trümmer einer Familie diskutiert werden kann.

Baltic Opera Festival/DIE WALKÜRE/ Foto: Kinga Karpati & Daniel Zarewicz

Axel Kober hat es im Graben mit dem Orchester der Baltischen Oper in Gdańsk (in Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester der Nationalen Philharmoniker Lviv) nicht ganz leicht unter diesen Bedingungen. Das stimmungsvolle Grün rauscht nämlich auch stetig und bietet stetig akustische Hintergrundgeräusche, die der Standard-Opernbesucher nicht gewohnt ist. Auch ist der Graben recht offen; keine Gebäudemauern kesseln den Orchesterklang ein, weshalb er zunächst flacher erscheint, an entscheidenden Stellen nicht so sticht, wie man es erwartet. Pluspunkt für Kober, dass er diese Akustik nicht überspielen will, sondern lieber mit ihr geht – Klangflut ist hier nicht, eher Kammermusik, ein leichtfüßiger Walkürenritt und gelegentlich ein willkommenes Dräuen der Streicher. Durch lange Bögen, aber möglichst kurzgehaltene Pausen erreicht man beim Zuhören eine Art Flow State; dass das Dirigat manchmal doch weniger artig sein dürfte, darüber sieht man hinweg, auch über ein paar ärgerliche Patzer im Orchester in den ersten zwei Dritteln. Am Ende spielt das Orchester sogar eine kleine Zugabe: nämlich ein polnisches Geburtstagslied für Małgorzata Walewska, die hier ihre Fricka debütierte und am zweiten Vorstellungstag Geburtstag hat, und ein spontanes „Hojotoho“. Fünftausend Kehlen im Publikum, mit und ohne Polnischkenntnisse, singen mit.

Das rundet den Abend mit einem liebevollen Charme ab, der ein wenig emblematisch für das Festival wirkt – hier sind Sommerfestspiele, denen Arroganz fremd ist, die um ein Publikum und einen Namen sowohl trotz als auch wegen ihrer historischen Spielstätte eifern und dafür auch ein besonderes Ambiente und bemerkenswerte Qualität bieten. Niemand führt sich als Stammpublikum auf; Garderobe variiert, zumindest bis zum Einbruch der Nacht, wenn alles unter Anorak und Decken verschwindet. Eine höfliche kleine Waldspinne schafft es über zwei Kapuzen, bevor sie es sich in einem ihr völlig fremden Ambiente gemütlich macht: weißem Damenhaar. Kann man ihr nicht verübeln. Man könnte glatt noch etwas bleiben.

 

  • Rezension von Lynn-Sophie Guldin / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Baltic Opera Festival
  • Titelfoto: Baltic Opera Festival/DIE WALKÜRE/ Foto: Kinga Karpati & Daniel Zarewicz
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