
Der als „Alptraum für Deutschland“ deklarierte Agit-Prop-Abend am Theater Bonn ist am Ende vor allem das: ein Alptraum fürs Musiktheater. Wenige Wochen vor seinem 200. Todestag dürfte sich Carl Maria von Weber noch einmal kräftig im Grab umgedreht haben. Seine 1821 uraufgeführte romantische Oper „Der Freischütz“ wird am Theater Bonn auf dem Altar politischen Aktivismus erbarmungslos zu Tode gefoltert. (Rezension der Premiere vom 3. Mai 2026)
Vom düsteren Drama nach Beendigung des 30jährigen Krieges, den verletzten, verunsicherten Seelen der Menschen, von Wolfsschluchtromantik, der tiefen Melancholie böhmischer Wälder und geheimnisvoll-suggestiven Caspar-David-Friedrich-Landschaften ist an der Oper Bonn absolut nichts zu entdecken.
Während der Ouvertüre flimmert eine bunte Bildershow aus Landschaftsaufnahmen, feiernden Menschen, glücklichen Familien und idyllischen Innenstädten über den Vorhang, die ab und an durch Aufnahmen von Flüchtlingsscharen konterkariert und etwas holperig mit der Musik in Einklang zu bringen versucht wird. Insgesamt bleibt das Ganze wie eine Diashow im privaten Wohnzimmer ohne größeren Erkenntnisgewinn und wirkt unterm Strich ziemlich bemüht.
Webers Musik ist hier zum schlichten Soundtrack degradiert, jegliche Vorfreude auf die Oper, alle bekannten Gänsehautmomente bleiben aus. Zwar tönt das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Lothar Koenigs durchaus präzise, aber den gesamten Abend über leider doch etwas leblos und steril aus dem Graben.

Nach dem Öffnen des Vorhanges eröffnet sich der Blick auf einen Nachbau des verlassenen Bonner Plenarsaales (Bühne: Carola Reuther), bereits etwas angeschimmelt und leicht vermoost, quasi eine Art „lost place“, dem man eine gewisse Mystik rein theoretisch zugestehen würde und der mit viel gutem Willen als Äquivalent für die dunkle Waldlandschaft durchaus noch herhalten könnte. Dort hängt das Volk im zeitgenössischen Camouflage-Look (Kostüme: Cary Gayler) herum. Es bleibt unklar, wer diese Menschen eigentlich sind, was sie bewegt, zu welchem Zwecke sie sich versammelt haben, aber im Verlaufe der Handlung werden immer wieder pathetisch und weitgehend synchron Fäuste in die Luft gestreckt und dazu böse, verächtliche oder irgendwie kampfbereite Mienen aufgesetzt, beim späteren Jägerchor werden Gewehre und Schlagstöcke herumgereicht, so dass man annehmen darf, dass sich alle irgendwie schon einig sind. In welchem Punkt genau, das bleibt hingegen offen.
Max ist nach Auskunft des Programmheftes Afghanistan-Veteran und trägt eine Maschinenpistole unterm Arm. Ob er sich diese von seinem Einsatz als „Souvenir“ mitgebracht hat, bleibt unklar. Im hellblauen Anzug wirkt er ansonsten eigentlich ganz normal und nicht direkt kriegsgezeichnet, aber das Ganze liegt ja offenbar auch schon ein paar Jahre zurück. Und so genau sollte es der Zuschauer vielleicht auch gar nicht hinterfragen.
Eine „Kanzlerkandidatin“ im blauen Kostüm und mit blonder Perücke tritt in der Partie des Samiel in Erscheinung. Mit ausufernden hinzugedichteten Monologen (Texte von Lothar Kittstein) keift und geifert sich Schauspielerin Birte Schrein in ihrer Rolle ziemlich eindimensional durch den Abend und muss während ihrer Auftritte gleich mehrfach genervte Zwischenrufe aus den Zuschauerreihen kassieren. Kichernde Zustimmung erfährt sie allerdings, als sie in einer ihrer Reden ankündigt, dass nach der Machtergreifung dann auch wieder andere „Freischütze“ zu sehen sein würden…
Die gesamte Aufführung wie auch die Lektüre des Programmheftes offenbaren, dass sich Regisseur Volker Lösch zwar ausgiebig mit seiner Sicht auf die politische Lage in Deutschland befasst hat, aber umso weniger mit dem „Freischütz“ an sich. Hier musste einfach eine musikalische Vorlage als weitgehend beliebige Schablone für ein inszenatorisches Konzept herhalten, koste es was es wolle. Noch bedauerlicher ist dabei, dass dieses Konzept letztlich in keiner Weise zu überzeugen vermag.
Wie gern hätte ich mich an diesem Abend in eine schräge, auf den Kopf gestellte, abgedrehte Version des eigentlichen Stoffes mitnehmen lassen, wie gern hätte ich mich auch überraschen lassen von bezwingender dramaturgischer Logik und möglicherweise erhellenden Einfällen. Aber dass all dies nicht nur komplett ausblieb, sondern die gesamte Aufführung über weite Strecken an eine Art laienhaftes und obendrein plakatives Schülertheater erinnerte – darin liegt die eigentliche Tragik.
Die Tatsache, dass die Protagonisten während ihrer Arien meist vorn in der Mitte und frontal zum Publikum standen, könnte man gutwillig noch als „sängerfreundlich“ interpretieren, aber letztlich dominiert der Eindruck von maximaler Unbeholfenheit und erschreckender Unfähigkeit zu wirklicher, über ein paar Stereotypen hinausgehende Personenführung.
Dass vor hanebüchenen Eingriffen in den gesprochenen wie auch in den gesungenen Text in keiner Weise zurückgescheut wurde, ja, das Produktionsteam sich in seinen, einer Vergewaltigung gleichkommenden, Änderungen offenbar auch noch gefiel, bildet einen weiteren empfindlichen Schmerzpunkt dieses unseligen Bonner „Freischütz“.
Die Eingriffe reichten von angestrengter und ziemlich peinlicher „Witzischkeit“ à la „Mach Dich locker, Trinken hilft“ (wozu Kaspar dann auch noch eine Flasche „Jägermeister“ ins Spiel bringt) oder gewissen Überlegungen von Ännchen im Gespräch mit Agathe darüber, was Max eventuell „abtörnen“ oder sogar „auf den S…k gehen“ könnte bis hin zu einer Vielzahl von in die Gesangspartien eingeflochtenen propagandistischen Schlagwörtern wie „ein deutscher Mann schießt gut“ und gipfelte am Ende (nach einer Reihe weiterer sprachlicher Verrenkungen) in vollends dümmliche Umdichtungen wie „Kanzler, Kanzler, habt Erbarmen!“ und „Ja, lasst uns zur Wahl gehen“ (anstelle von „Ja, lasst uns zum Himmel die Blicke erheben.“ – letzteres nur zur Kenntnis, falls jemand nicht von selbst darauf kommt…).
Einen echten Lacher landete diese Produktion gegen Ende allerdings doch noch – und zwar mit dem Auftritt des Fürsten Ottokar in der Gestalt von Bundeskanzler Friedrich Merz (absolut glaubhaft und treffend dargestellt und gesungen vom Tenor Johannes Mertes). Der Eremit (Christopher Jähnig) durfte mit seiner ausgesprochen schönen Stimme (von der man zukünftig sehr gern noch viel mehr hören würde!), schlussendlich singend zum Abschaffen der „Brandmauer“ aufrufen, womit immerhin das tatsächliche Opernfinale in greifbarer Nähe war und das irre Panoptikum dankenswerterweise auch fast schon sein Ende erreicht hatte.
Selbst wenn für die Zuschauer das Opernglück an diesem Abend weitgehend ausblieb, so waren trotz allem einige sängerische Leistungen mehr als erfreulich:

Die Krone hierbei gebührt dem Jägersburschen Max, der vom noch jungen Kai Kluge mit (nomen est omen) ausgesprochen klug geführtem und wohlklingendem Tenor präsentiert wurde – kraftvoll und athletisch in den exponierten und drängenden Passagen und gleichsam liedhaft präzise wie eindringlich gestaltend in den verinnerlichten Momenten. Eine wunderschöne Leistung, die viel Hoffnung auf künftige Darbietungen macht.
Das Ännchen von Nicole Wacker bildet einen weiteren Glanzpunkt im Ensemble. Mit jederzeit gut fokussierter und sicherer Stimmführung strahlte sie in ihren Arien und den Ensembles über sämtliche regielichen Verwirrungen hinweg und präsentierte sich mit unbeirrbarer Präsenz als echtes Highlight des Abends. Alyona Rostovskaya ist der Veranlagung nach offenbar eher ein lyrischer Sopran und konnte ihrer Agathe somit vor allem in den leiseren Momenten Profil verleihen, doch insgesamt gelang auch ihr ein ansprechendes und glaubhaftes Rollenportrait. Tobias Schabels Bass kam in seiner (textlich leider ebenfalls verballhornten) Arie wirkungsvoll zur Geltung; insgesamt würde man diesem Kaspar jedoch etwas mehr stimmlichen Fokus und schwärzeren Biss wünschen.
Der Chor des Theaters Bonn mit Unterstützung des Extrachors Bonn unter der Leitung von André Kellinghaus präsentierte sich überaus homogen und präzise. Die Pianopassagen erklangen sauber und gefühlvoll, ebenso wie die virtuos zu platzierenden, überschnappenden Vorhalte im Jägerchor. Alles war jederzeit klangschön, ein wenig mehr „Wucht“ stände eventuell auf der Wunschliste, aber die ist bei nur ca. vierzig Chormitgliedern schließlich auch lediglich bedingt zu erwarten.
Schwer vorstellbar, dass Volker Lösch mit dieser gewaltsamen „Freischütz“-Adaption seinem politischen Ansinnen einen echten Dienst erwiesen haben könnte; vielleicht handelt es sich hierbei auch eher um den sprichwörtlichen Bären-Dienst? Vom nach der Pause noch verbliebenen Publikum wurden die zum Produktionsteam gehörenden Personen jedenfalls aufs Heftigste ausgebuht, was dazu führte, dass sie zu keinen weiteren Vorhängen mehr erschienen. Lediglich Regisseur Volker Lösch wagte sich noch ein zweites Mal zum Verbeugen an die Rampe – hier allerdings in schützender Begleitung des Dirigenten. Somit liegt der Verdacht nahe, dass der politische Aktivist und selbst ernannte Verteidiger der Demokratie im tatsächlichen Leben dann vielleicht doch nicht ganz so mutig sein könnte, wie sein Regiekonzept eigentlich suggerieren wollte.
Im Grunde bleibt jedoch einfach zu hoffen, dass diese Produktion recht bald vom Moos des Vergessens überwuchert sein wird, die Bonner Oper mit ihren gewagten Experimenten keinen nachhaltigen Schaden erfährt und sowohl Zuschauer als auch Darsteller von derart kuriosen Unterfangen künftig weitgehend verschont bleiben mögen.
Wer es trotz allem „wissen“ möchte: weitere Aufführungen dieses „Alptraums für Deutschland“ an der Oper Bonn sind noch bis Spielzeitende im Haus am Boeselagerhof zu erleben.
- Rezension von Sibylle Eichhorn / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Oper Bonn / Stückeseite
- Titelfoto: Oper Bonn/DER FREISCHÜTZ/Damen des Chores und Extrachores, Kai Kluge/Foto © Bettina Stöß
Ein Gedanke zu „„Was traf Er denn, he, he, he?“ – „Der Freischütz“ in der Oper Bonn“