Charismatisches Kraftpaket: Der bayerische Bariton Carl Rumstadt

Leading Man – Carl Rumstadt überzeugt in Haupt- und Titelrollen, hier in „Le Nozze di Figaro“ am Theater Dortmund (Copyright Theater Dortmund/Fotograf: Björn Hickmann)

Eine junge Generation von Sängern, Kinder der neunziger Jahre, beginnt in unseren Tagen, ihren festen Platz im Opernbetrieb der deutschsprachigen Bühnen zu finden. Unter Ihnen gibt es einige Namen, über die man immer häufiger stolpert und die sich interessante Repertoireprofile erobern. Zu diesen gehört der aus Bayern stammende Bariton Carl Rumstadt. Liest man seinen Lebenslauf, beeindruckt dieser sowohl mit renommierten Häusern wie der Staatsoper unter den Linden Berlin, dem Royal Opera House Muscat, der Deutschen Oper Berlin und mehreren Staatstheatern, sowie großen Fachpartien wie Don Giovanni, Eugen Onegin und Posa. Sein nächstes Projekt ist die europäische Erstaufführung von „The Shining“ am Staatstheater Regensburg, wo er in der Hauptrolle als Jack Torrance seine Bühnenfamilie terrorisieren wird. Über diese actiongeladene Oper und die Kunst, als junger Sänger seinen Weg zu finden haben wir mit ihm gesprochen.

 

DAS OPERNMAGAZIN (OM): Herr Rumstadt, gerade haben Sie eine mehrjährige Tätigkeit als Ensemblemitglied am Theater Bonn, der „Scala am Rhein“ abgeschlossen. Nun stehen spannende Projekte als Gastsolist an verschiedenen Bühnen an. Ihre Biografie liest sich für einen so jungen Bariton verblüffend reichhaltig. Wussten Sie schon immer, dass Sie schnell durchstarten würden?

Carl Rumstadt (CR):  Bestimmt nicht! Natürlich hofft jeder junge Mensch, der sich entschließt diesen Beruf zu ergreifen, dass er nach dem Studium davon leben kann. Aber dass es bei mir so wunderbar laufen würde, das hätte ich niemals vorhergesagt wenn man mich vor zehn Jahren als Student an der Münchner Musikhochschule nach meiner Prognose gefragt hätte. Natürlich habe ich immer versucht meine Chancen zu nutzen und mich zu bewähren wenn es darauf ankam, aber diese Chancen muss man auch erstmal bekommen! Ich hatte das immense Glück, an der Hochschule eine wundervolle Lehrerin, Prof. Fenna Kügel Seifried zu haben, die mich gesangstechnisch auf sichere Beine gestellt hat. Außerdem haben auch weitere großartige Sänger mich unterrichtet: Zuerst meine Mama, später Siegfried Jerusalem, Kurt Moll, Thomas Johannes Mayer und der wunderbare Johannes Martin Kränzle. Mit meiner Agentur Kanttila Management habe ich einen wichtigen Partner an der Seite, dort hat man eine langfristige Vision für mich und ich fühle mich wirklich bestens betreut. Zudem hatte ich in meinem privaten Umfeld immer starken Rückhalt. Ich bin zwar auch stolz auf meine eigene Leistung aber ohne all diese wunderbare Unterstützung wäre mein Weg so nicht möglich gewesen und dafür bin ich sehr dankbar.

(OM) Im Gegensatz zu vielen anderen erfolgreichen Sängern aus Ihrer Generation findet sich in Ihrem Lebenslauf keine Station im Opernstudio eines großen Staatstheaters. Bei Ihnen verlief der Weg gewissermaßen „altmodisch“ über Stationen als Ensemblemitglied in Stadttheatern wie Bern und Trier bevor Sie an den großen Bühnen ankamen. Inwiefern haben Sie das als prägend für Ihre Entwicklung erlebt?

CR:  Ich bin überzeugt, dass das für mich genau der richtige Weg war. Natürlich kann man als Studiomitglied an einer großen Bühne direkt mit Top-Orchestern arbeiten und die Stars seiner Zeit genau beobachten, aber an den kleineren Theatern hatte ich von Anfang an die Möglichkeit, mich in großen Partien zu beweisen. Eine meiner ersten Partien in Bern, kurz nachdem ich das Studium abgeschlossen hatte war die Titelrolle in „Le Nozze di Figaro“, bald folgte auch mein Debut als Don Giovanni. Ich musste also schon relativ schnell in diese stimmliche und darstellerische Dimension hineinwachsen. Dabei hätte ich auch gründlich auf die Nase fallen können, zum Glück habe ich es aber geschafft, an der riesigen Herausforderung zu wachsen.

Auch im italienischen Fach bewährt – Carl Rumstadt als Marquis Posa in Verdis Don Carlos/Foto © Martin Kaufhold – Theater Trier

OM: Gleich zu Beginn Ihrer Laufbahn durften Sie also auch große Partien singen. Das birgt für Nachwuchskünstler oft das Risiko, der Stimme zu schaden, „verheizt“ zu werden. Wie konnten Sie sich davor schützen?

CR:  Ja, dabei ist wirklich Vorsicht geboten. Zwar waren das nicht direkt Rollen wie der fliegende Holländer oder Jochanaan, aber auch die großen Mozartpartien haben wirklich sehr viel zu singen und durchaus dramatische Passagen. Wie schon erwähnt hatte ich das Glück, von Prof. Kügel Seifried in München während des Studiums eine sehr gründliche technische Ausbildung genossen zu haben. Das ist das unverzichtbare Fundament um dann in der „freien Wildbahn“ solche großen Aufgaben meistern zu können. Zudem bin ich mit einer veritablen Rossnatur gesegnet und konnte mich immer schnell von kleinen Fehlern erholen.

OM: Sie sind Preisträger verschiedener Gesangswettbewerbe. Waren diese Auszeichnungen ein wichtiger Karrierebaustein?

CR:  Musikwettbewerbe sehe ich als zweischneidiges Schwert. Natürlich haben mir die Auszeichnungen, vor allem beim Bundeswettbewerb Gesang, einiges an Aufmerksamkeit gebracht. Und die Teilnahme an einem Wettbewerb ist auch immer ein guter Anreiz, sein Vorsingrepertoire gründlich vorzubereiten. Andererseits ist der Modus in dem man in der Wettbewerbssituation singt nicht wirklich erfüllend. Einzelne Arien nach wenigen Parametern bewertet, noch dazu im direkten Konkurrenzkampf zu anderen jungen Sängern und Sängerinnen, das hat sich für mich immer mehr nach Turnprüfung als nach Musik angefühlt.

OM: Als Gastsolist und auch Ensemblemitglied haben Sie sowohl international führende Bühnen wie Berlin und Dortmund, als auch kleinere Stadttheater erlebt. Unterscheidet sich die Arbeit in den verschiedenen Größenordnungen? Wo macht Ihnen das Singen mehr Spaß?

CR: Für meinen persönlichen Prozess unterscheidet sich die Arbeit nicht, egal an welcher Hausgröße. Ich gehe mit der gleichen Sorgfalt und Energie an jedes Projekt, ob ich jetzt in Trier singe oder in Berlin. Das schulde ich der Musik, den Kollegen, mir selbst und vor allem dem Publikum. Natürlich spielen die Orchester an den großen Häusern hervorragend und es ist toll mit großen Chören, mit riesigem Ausstattungsbudget zu arbeiten. Allerdings macht man einen gewaltigen Fehler wenn man Stadttheater und sogar die freie Szene unterschätzt! Es gibt immer wieder geniale Theaterabende an kleineren Bühnen, genauso wie ein großer Betrieb nicht sicher vor mittelmäßigen Leistungen ist. Ich bin schwer verliebt in unsere Theaterlandschaft und ihre Vielfalt.

OM: Ihr Repertoire weist Sie als echten Allrounder aus: Viel Mozart, aber auch Wagner, Verdi und Strauss. Repertoireklassiker, aber auch Uraufführungen. Immer wieder Operette, aber auch Lied und Oratorium. Was reizt Sie an der Grenzgängerei zwischen so verschiedenen Stilen?

Carl Rumstadt / Foto: Privat

CR: Ich finde es wunderbar, auf so vielfältige Weise Musik und Theater machen zu dürfen. Verschiedene Stile, Sprachen, Anforderungen – das hilft mir, künstlerisch wach und authentisch zu bleiben. Gesangstechnisch ist es natürlich eine Herausforderung, so verschiedenen Projekten gerecht zu werden, aber mir macht es großen Spaß immer neu zu erarbeiten, wie ich ein Stück am besten anlege. Zu starke Spezialisierung birgt immer die Gefahr, interpretatorisch monoton zu werden und auch stimmlich gewisse Aspekte außer Acht zu lassen. Die Vielfalt ist wahrscheinlich arbeitsintensiver, aber ich könnte mir meine Tätigkeit nicht anders vorstellen.

OM: Als nächstes steht für Sie wieder zeitgenössisches Musiktheater an – die europäische Erstaufführung von „The Shining“ nach Stephen Kings Bestseller. Dafür kehren Sie als Gast in Ihre bayerische Heimat zurück, an das frischgebackene Staatstheater Regensburg. Was reizt Sie an diesem Projekt?

CR:  Schon das Buch von King und der Film mit Jack Nicholson haben mich sehr beeindruckt und die Opernversion, vertont von dem amerikanischen Komponisten Paul Moravec hat es nicht weniger in sich. Inhaltlich geht es dabei absolut ans eingemachte und das spiegelt sich auch in der Tonsprache wieder: Die Partie ist wirklich extrem. Das wird eine echte Herausforderung für mich als Darsteller und Sänger. Außerdem ist das Projekt in Regensburg in sehr guten Händen: Regie führt der Intendant Sebastian Ritschel, GMD Stefan Veselka übernimmt die musikalische Leitung. Die Proben laufen bereits und ich glaube, diese Inszenierung kann ein großer Erfolg werden!

OM: Das Theater Regensburg wurde bei den Oper!-Awards gerade zum Opernhaus des Jahres gekürt, auch dem vorherigen Inhaber dieses Titels, dem Theater Dortmund sind Sie verbunden, zuletzt in der Titelpartie von Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Sie scheinen sich am Puls des Geschehens zu befinden. Wie fühlt es sich an, mit diesen Trendsettern zu arbeiten?

CR:  Es ist ohne Frage eine große Ehre und Verantwortung. Sebastian Ritschel in Regensburg und Heribert Germeshausen in Dortmund machen ambitionierte, attraktive Spielpläne und stehen dabei für innovatives, handwerklich großartig gemachtes Theater. Ich bin unendlich dankbar dass ich in dieser Liga so große Aufgaben bekomme und möchte meine Fähigkeiten in den Dienst dieser Vision stellen. Die Oper hat immer noch eine gewaltige Lebenskraft und kann rückhaltlos begeistern. Dafür braucht die Kunstform Leidenschaft und Expertise. In Dortmund und Regensburg findet man beides. So macht unsere Arbeit wirklich Freude!

OM: Zwar orientiert sich die Oper „The Shining“ eher an der Romanvorlage als an Stanley Kubricks Verfilmung, dennoch: Müssen Sie sich in der Hauptrolle als Jack Torrance an Jack Nicholson messen?

CR:  Der Jack Torrance der Oper ist zwar definitiv ein anderer als der Jack Torrance im Film, aber trotzdem: Bei dieser Figur kommt man an Jack Nicholson nicht vorbei. Kubricks Film ist so ikonisch dass die Szenen des durch den verschneiten Irrgarten rennenden und die Tür zertrümmernden Jack uns allen in die Netzhaut eingebrannt sind. Mein Ziel ist es, eine eigene Interpretation zu finden und der – im wahrsten Sinne des Wortes – wahnsinnig guten Romanfigur gerecht zu werden. Es gibt viele Unterschiede zwischen Buch und Film auf deren Einhaltung in der Oper Stephen King ausdrücklich besteht. So werde ich zum Beispiel auf der Bühne einen Holzhammer und keine Axt schwingen. Mit der Axt muss ich mich also zu Hause beim Holzhacken austoben…

OM: Als Jack Torrance spielen Sie einen gewalttätigen Psychopathen, der im Kampf um die Rettung seiner Familie seinem Trauma und seiner Alkoholsucht unterliegt. Immer wieder haben Sie aber auch mit großem Erfolg komische Rollen gespielt, zum Beispiel kürzlich in der Bonner Wiederentdeckung „Die Ameise“. Was fällt Ihnen leichter: Der Erzbösewicht oder der Kasper?

CR:  Auf jeden Fall macht beides gleich viel Spaß, das ist das Großartige! Ob ich, wie jetzt bei „The Shining“ tief im seelischen Dreck wühle oder wie bei „Die Ameise“ einen Slapstickmarathon hinlege, in beiden Fällen löse ich beim Publikum eine wirklich starke Reaktion aus. Beides fordert viel Energie, bei komischen Rollen ist mehr schauspieltechnisches Können, bei dramatischen mehr unmittelbare Intensität gefragt. Ein guter Darsteller sollte beides können.

Keine Berührungsängste mit dem Animalischen – Rumstadt überzeugt als Naturbursche ebenso wie als Finsterling (Foto: privat)

OM: Auf der Bühne zeigen Sie in vielen Inszenierungen starken physischen Einsatz und präsentieren sich oft körperbetont. Die Debatte um das Erscheinungsbild von jungen Bühnenkünstlern wird immer wieder kontrovers geführt und vor allem Baritone scheinen auch optisch einem gewissen Standard genügen zu müssen. Sollte ein Bariton immer auch wie ein Zehnkämpfer aussehen?

CR:  Sicher nicht zwangsläufig. Wichtig ist, dass man sich im eigenen Körper wohlfühlt, dann kann man ihn auch seinen Bühnenfiguren erfolgreich zur Verfügung stellen. Ich persönlich fühle mich am besten wenn ich gut in Form bin und profitiere auch gesanglich sehr von einer aktiven Lebensweise. Aber dass Charisma und Attraktivität auf der Bühne nicht unabdinglich an normative Ideale gebunden ist, das lässt sich immer wieder erleben.

OM: Sie befinden sich mit Mitte dreißig noch in einer für Ihr Fach recht frühen Phase der Laufbahn. In welche Richtung wird Ihr stimmlicher Weg über die nächsten zehn Jahre führen?

CR:  Das hängt in erster Linie von zwei Faktoren ab, die ich nur sehr begrenzt beeinflussen kann. Erstens: Wie entwickeln sich die Stimmbänder? Zweitens: In welchen Partien sehen mich die Verantwortlichen für die Besetzungen an den Theatern? Ich durfte schon erste Erfahrungen mit dramatischen Rollen sammeln: Captain Balstrode in Peter Grimes, Faninal im Rosenkavalier und der Geisterbote in Die Frau ohne Schatten. Aber natürlich bin ich in diesem Bereich noch ein ziemlicher Grünschnabel. Ob der Weg die nächsten Jahre zu Verdi und Puccini, ins deutsche Heldenfach oder zu Charakterpartien führt wird die Zeit zeigen. Ich wünsche mir aber, dass ich daneben auch weiterhin Mozart singen darf. Da heißt es technisch sehr genau zu sein um das Stimmmaterial gesund zu halten.

 

  • Das Interview führte Tristan Gusdorfer für DAS OPERNMAGAZIN
  • Titelfoto: Carl Rumstadt/Foto: privat
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