„On the Town“ – Musicalkomödie von Leonard Bernstein als Hommage an New York begeistert in Duisburg

DOR Theater Duisburg/ ON THE TOWN/ Foto: Jochen Quast

Die amerikanische Form des Musiktheaters ist das Musical. Leonard Bernstein, gerade mal 26 Jahre alt, hatte soeben seinen Durchbruch als Dirigent klassischer Musik gefeiert, da trat Jerome Robbins an ihn heran mit der Idee einer Musicalkomödie zum Thema „New York“. Drei junge Matrosen haben 24 Stunden Zeit, New York kennen zu lernen. Das Musical „On the Town“ hat alles, was ein guter Musical-Abend braucht: die Stadt New York als Thema, drei unternehmungslustige Matrosen und die Revueszenen im zweiten Akt, in der die verschiedenen Showdance-Formate auf Coney Island gezeigt werden, dazu ein Traum-Ballett und drei emanzipierte Frauen, die in ihren Love-Stories ein Schlaglicht auf das New York von 1944 werfen. Am Schluss ging das Publikum nach langem, stürmischem Applaus glücklich und beschwingt nach Hause. (Gesehene Vorstellung: Premiere am 24. April 2026)

 

„On the Town“ ist ein frühes Meisterwerk, das Leonard Bernstein zusammen mit seinen Autoren Betty Comden und Adolph Green nach einer Idee von Jerome Robbins schrieb, der auch die Premiere am 28. Dezember 1944 im Adelphi Theatre, New York, choreographierte. Es war ein fulminanter Erfolg und wurde 436-mal dort gezeigt, bevor es seinen Siegeszug um die Welt antrat. 1949 wurde es sinngemäß verfilmt, aber man hat viele Songs von Bernstein durch gefälligere Nummern ersetzt. Musikalisch ist es eine Mischung von klassischer Sinfonik und Jazz, mit Big Band Sound und lateinamerikanischen Rhythmen, die perfekt die Komplexität der Großstadt und das vielfältige Nachtleben zeigen. Die Instrumentierung ist deutlich aufwändiger als die heute übliche elektronisch verstärkte Musical-Band von 17 Musikern, denn es spielen die Duisburger Sinfoniker unter der Leitung von Stefan Klingele , die mit polyrhythmischen Klängen den Sound einer Großstadt abbilden. Der zweite Akt ist eine perfekte Abfolge mit verschiedenen Showformaten, die in mehreren Nachtlokalen den Stil verschiedener Revuen zitiert, die auf Coney Island gespielt wurden, und gipfelt in der Vereinigung der drei Paare, die sich gleich wieder trennen müssen, bei einer Revue.

DOR Theater Duisburg/ ON THE TOWN/ Foto: Jochen Quast

Die sechs perfekt singenden und schauspielernden Musical-Darsteller und das 15-köpfige Tanzensemble haben auch im ersten Akt genug Gelegenheit, zu tanzen, so dass man von einer Fortsetzung von Igor Strawinskijs Tanztheater mit amerikanischem Einschlag sprechen kann. Für die Zuschauer ist es ein Fest der Sinne und eine Hommage an New York.

Bühnenbildner und Videogestalter Momme Hinrichs gelingt es, mit einer Art Foto-Blenden-Technik schnelle Szenenwechsel zu ermöglichen und auf variablen Wänden den hektischen Straßenverkehr New Yorks darzustellen, obwohl nur ein richtiges Auto auf der Bühne ist. Das Tempo der Mega-City wird durch rasante Kamerafahrten und natürlich durch die schnell getaktete Musik unmittelbar spürbar. Esther Bialas hat Straßen- und Showkostüme aus Hollywood-Revuefilmen aus der Zeit um 1944 liebevoll im Stil von Filmkostümen nachempfunden. Einiges sah tatsächlich nach Vintage-Kleidung aus. Die Kostüme wirkten absolut authentisch, vor allem auch die wunderschönen bunten Riemchen-Tanzpumps.

Es ist das Jahr 1944,und drei junge Matrosen haben 24 Stunden Zeit in New York, bevor sie nach Europa zum Kampf gegen Hitler-Deutschland eingeschifft werden. Im Jahr 1944 dienten 12 Millionen Amerikaner gleichzeitig in der Army, und 400.000 davon sind gefallen. Auf jeden Fall war das letzte, das sie von Amerika sahen, New York. Alle drei wollen so viel wie möglich von der Stadt sehen. Der Romantiker Gabey setzt sich in den Kopf, „Miss U-Bahn“, Ivy Smith, kennen zu lernen, die er auf einem Plakat in der U-Bahn gesehen hat, der Systematiker Chip, mit Baedeker unterwegs, wird gleich von der Taxifahrerin Hildy in ihre Wohnung entführt, und Ozzie trifft im Naturkundemuseum die nymphomanische Anthropologin Claire („It took away with us“), die ihn in ihre Wohnung bringt, wo auch ihr 45 Jahre alter Verlobter Interesse an ihm bekundet. Es stellt sich heraus, dass Ivy im Brotberuf als Tänzerin in einem zwielichtigen Burlesque-Club in Coney Island arbeitet. Die U-Bahn-Fahrt geht mit Hilfe von Videoprojektionen in ein Traum-Ballett über.

Regisseurin Louisa Proske lässt das pralle City-Leben, das in den kurzen Szenen eingefangen ist, organisch in virtuose Tanz-Sequenzen übergehen. Der gesamte zweite Akt ist eine Abfolge aufwändig choreographierter Revue-Szenen, in denen auch eine Drag-Queen auftritt. So fängt sie die intensive Lebensgier und die Emanzipation der Frauen ein, die das New York der Kriegsjahre beherrschten.

DOR Theater Duisburg/ ON THE TOWN/ Foto: Jochen Quast

Die sechs Protagonisten Gabey (Leon de Graaf), Chip (Julius Störmer) und Ozzie (Peter Leweys Preston) und Protagonistinnen Ivy Smith (Maria Joachimstaller), Hildy Esterhazy (Laura Magdalena Goblirsch) und Claire de Leone (Valerie Luksch) sind ausgewiesene Musical-Darsteller:innen, die nicht nur singen und schauspielern, sondern auch perfekt tanzen können. Das 15-köpfige Tanzensemble übernimmt auch Einzelrollen wie den Professor, der im naturhistorischen Museum sein Leben damit verbracht hat, das Dinosaurier-Skelett zusammenzusetzen, das Ozzie und Claire aus Versehen umreißen. Hinreißend komisch ist Morenike Fadayomi als Madame Dilly, Ivys exzentrische Gesangslehrerin, die sie mahnt, wegen Gabey nicht ihre Arbeit zu schwänzen, weil sie ihr noch 50 Dollar Honorar schulde.

Es ist ganz einfach eine irre, temporeiche revueartige Abfolge von Szenen mit großer Situationskomik in einer echten Rahmenhandlung. 1949 wurde mit Gene Kelly und Stanley Donen eine Spielfilmversion von On the Town erstellt, zu der zahlreiche Songs von Leonard Bernstein durch neue, unter anderem von Roger Edens und Lennie Hayton ersetzt wurden. Aus dem satirisch scharfen Musical mit Bernsteins anspruchsvoller sinfonischer Musik wurde ein weichgespültes Hollywood-Musical für den Massengeschmack gemacht, das allerdings 2006 auf Platz 19 der erfolgreichsten Film-Musicals stand. Das lag vermutlich daran, dass die Szenen des Films nicht im Studio, sondern an Original-Schauplätzen gedreht wurden.

Man muss der Deutschen Oper am Rhein, Duisburg, ein großes Lob aussprechen, dass sie das Original-Musical von Leonard Bernstein wieder aufgegriffen hat, denn es ist musikalisch anspruchsvoll wie eine Sinfonie, aber auch typisch als amerikanisches Musical mit polyrhythmischen Jazz-Elementen und lateinamerikanischer Revue-Musik, ähnlich wie die 13 Jahre später entstandene West Side Story. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall, denn die Tanzszenen sind eine Augenweide, und die Musik ist einfach nur genial.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Theater Duisburg / Stückeseite
  • Titelfoto: DOR Duisburg/ ON THE TOWN/ Foto: Jochen Quast

 

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert