
Authentischer als an diesem Opernabend kann man das Publikum nicht auf die grossen Emotionen und stürmische Leidenschaft vorbereiten, denn ein Unwetter mit Sturm, Blitzen und massivstem Regen verwandelte den Platz vor dem Opernhaus Zürich in eine Bühne der Naturgewalten. Dies hatte zur Folge, dass viele Zuschauer mit teilweise feuchten Kleidern und einiger Verspätung eintrafen, was den Beginn der Aufführung etwas verzögert hatte. Was man dann auf der Bühne erleben durfte, war ein Operngenuss erster Güte! (Besuchte Vorstellung v. 19. Juni 2026)
Seit neun Jahren wird in der Inszenierung von Tatjana Gürbaca und dem Bühnenbild von Klaus Grünberg dieses lyrische Drama von Jules Massenet gezeigt. Je mehr man sich mit dieser Inszenierung auseinandersetzt, desto mehr kann man überraschende Einzelheiten entdecken. Das enge bürgerliche Leben im Hause des Amtsmanns mit seinen acht Kindern wird durch die räumliche Gestaltung der Bühne noch zusätzlich unterstrichen.

Charlotte, die älteste Tochter, hat die Aufgaben der verstorbenen Mutter übernommen und sich mit dem seriösen Albert verlobt. Alles scheint den richtigen Weg zu gehen. Dann aber erscheint der attraktive Poet und verträumte Werther im Haus. Gefühle entstehen, welche nicht sein dürften, die beiden aber in ihren Bann ziehen. Nach einer längeren Abwesenheit erscheint Albert und will Charlotte überraschen, welche aber gerade mit Werther an einen Ball gegangen ist.
Als Charlotte schon drei Monate mit Albert verheiratet ist, wir eine goldene Hochzeit gefeiert. Albert hat die Gefühle Werthers für seine Frau durchschaut und versucht, den Unglücklichen auf Sophie aufmerksam zu machen, welche ihn ebenfalls aufheitern will. Werther ist von seinen Gefühlen für Charlotte weiterhin gequält, ist aber bereit, ihr zu entsagen und wegzugehen. Als sich Charlotte und Werther wieder begegnen, kommt es zu einem erneuten Geständnis seiner Liebe. Doch Charlotte bleibt auf Distanz und betont ihre Treue zu Albert und meint, er könne ja am Weihnachtstag wieder vorbeikommen. Werther bleibt mit Selbstmordgedanken zurück. Sophie will ihn zum Besuch des Festes bewegen, doch er ist verzweifelt und will für immer weggehen.
Am Weihnachtstag ist Charlotte alleine im Zimmer und muss feststellen, dass die Briefe von Werther und ihre Gefühle sie ganz einnehmen. Sie kann ihn nicht vergessen und ist verzweifelt über die in den Briefen erwähnten Selbstmordgedanken. Sophie versucht erneut, die Stimmung zu ändern und Charlotte dazu zu bewegen, am Weihnachtsabend im Elternhaus zu feiern. Kaum ist Sophie gegangen, erscheint Werther. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, Charlotte wieder zu sehen. Es kommt zu einem Ausbruch innigster Zuneigung. Sie fallen sich in die Arme. Doch Charlotte findet wieder ihre Fassung und erklärt ihm, dass ein erneutes Wiedersehen unmöglich sei. Werther beschließt sich umzubringen. Kurz später erscheint ein Bote und bringt einen Brief, in welchem Werther Albert bittet, für eine lange Reise ihm seine Pistolen auszuleihen. Albert lässt dies Charlotte tun und legt damit den Grundstein für den Tod Werthers.
Im Schlussakt sehen wir Charlotte auf dem Weg zu Werthers Heim wo sie den tödlich Verwundeten vorfindet. Sie gesteht ihm ihre Liebe und fühlt sich schuldig an dessen Tat. Er bekommt den Kuss, welchen er lange ersehnt hatte.

Diese dramatische Handlung wird gerade wegen des beengenden Bühnenraums speziell hervorgehoben und verlangt von den Sänger/innen auch großes schauspielerisches Talent.
Mit Jonathan Tetelman, dem jungen und attraktiven Werther, welcher genau in diese Rolle passt und mit viel Emotion dieses Leiden darstellt, hat man einen Sänger zur Verfügung, der jede Nuance dieser Partie mit seiner höhensicheren Stimme mühelos bewältigt. An keiner Stelle wurde forciert, was diese große Partie zu einem besonderen Erlebnis machte.
Anna Goryachova sang die zerrissene Charlotte zum ersten Mal und dies hervorragend und harmonierte mit Tetelman aufs Schönste. Mehr Emotionen kann man nicht darstellen. Schade, dass ihre Aussprache des französischen Textes zuweilen schwer verständlich war, was aber die Gesamtleistung dieser Sängerin nicht schmälerte.

Ein Rollendebut als Sophie gab auch die Sopranistin Chelsea Zurflüh. Mit höhensicherem Sopran vermochte sie sowohl die Verspieltheit, wie auch das Mitgefühl, welche diese Oper prägen, bestens zu vermittelt. An diesem Abend der Rollendebuts konnte auch Aksel Daveyan als Albert das Publikum mit einer souveränen Leistung überzeugen. Sehr ansprechend seine angenehme Baritonstimme. Als Le Bailli, war Valeriy Murga mit seinem Debut der Rolle der vierte an diesem Abend. Martin Zysset, als Schmidt und die drei Mitglieder des internationalen Opernstudios Zürich, Evan Gray als Johann, Guram Margvaleshvili als Brühlmann und Thalia Cook-Hansen als Käthchen ergänzten dieses erlese Ensemble aufs Schönste. Der Kinderchor, SopraAlti und Zusatzchor der Oper Zürich waren wie immer ein sicherer Wert.
Am Pult stand Marco Armiliato, ein gern gesehener Gast am Haus. Er ging diese fantastische Partitur mit großer Lautstärke an, was nicht immer ganz zu den feinen lyrischen Momenten passt. Doch das Orchester der Oper Zürich liess die Klangwogen bestens disponiert erklingen und begleitete die Sänger/innen souverän.
Man musste von diesem emotionalen Opernabend einfach hingerissen sein, was auch der große Applaus des Publikums bestätigte. Weitere Aufführung am 01./04. und 10. Juli 2026.
- Rezension von Marco Stücklin / Red. DAS OPERNMAGAZIN-CH
- Opernhaus Zürich
- Titelfoto: Opernhaus Zürich/WERTHER/J. Tetelman, A. Goryachova/ Foto: Toni Suter