Italo-Western in der Oper Bonn: „La fanciulla del West“ von Puccini begeistert das Publikum

Oper Bonn/ LA FACIULLA DEL WEST/ Yannick-Muriel Noah, George Oniani/Foto:
© Sandra Then

Diese Oper feiert offensichtlich ihre Renaissance. Auch die Metropolitan Opera, New York, plant in dieser Spielzeit eine Neu-Produktion dieser im goldenen Westen der USA angesiedelten Oper von Giacomo Puccini, Premiere im Dezember 2026. Es geht, wie in fast allen Opern, um eine Frau zwischen zwei Männern, hier um Minnie, Wirtin der Goldgräberkneipe Polka, den Sheriff Jack Rance und den „edlen Banditen“ Dick Johnson. Daniela Kerck (Regie und Bühne) erzählt die Geschichte Minnies ohne nennenswerte Verfremdungen. Dirk Kaftan dirigiert das bestens aufgelegte Beethoven Orchester, und das um viele Gaststars erweiterte Ensemble und der Herrenchor der Oper Bonn mit Extrachor kreieren eine Couleur locale, so wie sich Giacomo Puccini den goldenen Westen vorgestellt hat. Die Hausstars Yannick Muriel Noah und George Oniani begeistern mit Rollendebuts als Minnie und Johnson, das Publikum applaudierte lange, und auch das Regieteam bekam lebhaften Applaus. (Rezension der Premiere v. 4. Oktober 2026)

 

Die letzte Bonner Inszenierung der „Fanciulla del West“ ist bereits mehr als 30 Jahre her und fand unter der Leitung von Giancarlo del Monaco in einer Kooperation mit der Metropolitan Opera, New York, statt. Placido Domingo soll in einigen Vorstellungen in Bonn den Dick Johnson gesungen haben, wie ein Zeitzeuge berichtet. Die Metropolitan Opera hatte Puccini den Kompositionsauftrag gegeben, und die erste italo-amerikanische Oper wurde am 10. Dezember 1910 unter der Leitung von Arturo Toscanini mit Enrico Caruso in der Partie des Dick Johnson mit großem Erfolg dort uraufgeführt. Vorlage des Librettos ist das Schauspiel „The Girl of the Golden West“ von David Belasco, das mit großem Erfolg in Pittsburgh und New York im Theater gespielt wurde und das Puccini selbst gesehen hat. In diesem naturalistischen Theaterstück, das später mehrmals verfilmt wurde, wird die Sierra Nevada als der „goldene Westen“ der USA, als ein verheißenes Land, eine Art Garten Eden, mythisch verklärt. In der Bonner Inszenierung wird das Vorspiel durch eine Video-Sequenz von Puccinis Ankunft in New York bebildert. Der Prospekt der Skyline von New York aus den Fenstern einer großzügigen Bar geht mit Beginn der Handlung über in den Blick auf die weite Landschaft Kaliforniens zu Zeit des Goldrauschs 1849/50. Die Video-Bilder von Astrid Steiner erweitern den Blick auf die Landschaft, die im ersten und dritten Akt zu sehen ist. Die Handlung fokussiert sich zunächst auf die Beziehungen der Goldgräber untereinander und die Plackerei der Männer, die im Dreck schuften, um ihren Familien in der Heimat etwas Geld schicken zu können, das Heimweh und die Konflikte durch Falschspiel und die Konkurrenz um die Gunst Minnies. Äußerer Feind ist die Bande des Ramerrez, eines mexikanischen Banditen, die das Gold, das Minnie in ihrer Kneipe versteckt hat, rauben will.

Oper Bonn/ LA FACIULLA DEL WEST/Ensemble/Foto: © Sandra Then

Ein Fremder, der sich Dick Johnson nennt, weckt Minnies Liebe. Bei seiner Flucht vor Sheriff Rance wird er angeschossen und auf ihrem Dachboden von Minnie versteckt. Als Rance den schwer verletzten Johnson bei ihr stellt, spielt sie um sein Leben gegen ihren Körper Poker mit Rance – und gewinnt durch Falschspiel, eine der spannendsten Szenen der gesamten Opernliteratur und szenisch wie musikalisch perfekt ausgearbeitet. „È mio quest’uomo, è mio“ („Er ist mein, dieser Mann“), triumphiert Minnie, und Rance hält sich an die Wette. Am Ende des dritten Akts kann Minnie durch ihr Eintreten für Johnson alias Ramerrez erreichen, dass die Lynchjustiz, die die Menge am festgesetzten Ramerrez alias Johnson üben will, abgebrochen wird. Beide können zusammen in die Weite Kaliforniens reiten beziehungsweise gehen, denn in Bonn gibt es keine lebenden Pferde auf der Bühne wie in der Uraufführung in New York. Man kann sagen, dass Johnson durch die Liebe einer Frau gerettet wurde.

Puccini hat nach seinen Reißern „Tosca“ (1900) und „La Bohème“ (1896) einen neuen Kompositionsstil gesucht. Der Exotismus durch Pentatonik seiner „Madama Butterfly“ (1907) wurde vom Publikum zunächst nicht verstanden, daher kam ihm der Kompositionsauftrag der Metropolitan Opera sehr gelegen. Puccini kehrt sich in „La fanciulla del West“ fast ganz von Arien im herkömmlichen Sinn ab, einzig „Ch´ella mi creda“, das große Arioso des Johnson, das er Caruso auf den Leib schrieb, hat sich in Konzerten durchgesetzt. Dafür glänzt das riesig besetzte Orchester mit dreifach besetzten Bläsern, zwei Harfen, Celesta und Windmaschine umso mehr mit beeindruckenden Naturschilderungen und kleinteilig eingesetzten Motiven, die Personen und Sachverhalte charakterisieren. Folgerichtig ist im Bühnenbild von Regisseurin Daniela Kerck im Hintergrund im ersten und im dritten Akt die kalifornische Sierra Nevada mit Gewittern und Schneegestöber immer sichtbar. Wie beim späten Richard Wagner erzählt das Orchester die Geschichte, die Sängerinnen und Sänger singen weitgehend Accompagnato-Rezitative und allenfalls kurze Ariosi. Eine große Rolle spielt der Herrenchor, der zusammen mit den zahlreichen Solisten die emotional sehr belastende Situation der Goldgräber schildert, die krank vor Heimweh ihre Freizeit mit Pokerspielen und Trinken verbringen. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer zeigen sie alle in Brauntönen mit Cowboyhüten und langen Mänteln im Stil eines Italo-Westerns. Recht und Ordnung setzt Sheriff Rance kreativ durch, der, obwohl verheiratet, Minnie 1.000 Dollar für einen Kuss bietet.

Oper Bonn/ LA FACIULLA DEL WEST/Devid Cecconi, Yannick-Muriel Noah/Foto: © Sandra Then

In der Kneipe Polka ist Minnie als Mischung zwischen keuscher Jungfrau und sorgender Mutter Mittelpunkt des Lebens der Goldgräber. Sie gibt ihnen Bibelstunden und verwahrt ihre Goldfunde gut bewacht. Yannick Muriel Noah füllt diese Rolle mit Autorität und gestaltet anrührend die Glut der erwachenden Liebe zu Johnson. Es ist, als hätte Puccini dieser unverwechselbaren Stimme, die scheinbar mühelos mit dem großen Orchester mithält und auch die Verwundbarkeit der verliebten Frau anrührend gestaltet, die anspruchsvolle Partie der Minnie auf den Leib geschrieben. Durch ihr leidenschaftliches Plädoyer kann sie Johnson vor der beabsichtigten Lynchjustiz retten und mit ihm in ein neues Leben aufbrechen. Ihr Partner, der georgische Tenor George Oniani, hat alle Töne, den undurchsichtigen Fremden zu verkörpern und gestaltete die Melodiebögen souverän. Der georgische Bariton Devid Cecconi verleiht seinem Widersacher Jack Rance Statur. Dieser Sheriff hält sich tatsächlich an seine Abmachungen mit Minnie und tritt zugunsten Johnsons als Partner Minnies zurück. Cecconis großer Bariton beeindruckt auf der ganzen Linie. Auch die übrigen Gesangspartien sind hochkarätig besetzt.

Der von André Kellinghaus einstudierte Herrenchor mit Extrachor der Bonner Oper kreierte mit den Gastsolisten Gillen Munguia (Nick), Mikhail Biryukov (Ashby), Tobias Greenhalgh (Sonora), Paul Kaufmann (Trin), Jakob Mahase (Sid), Enrico Marabelli (Bello), Ján Rusko (Harry), Matthias Frey (Joe) James Cleverton (Happy), Will Frost (Larkens), Aluda Todua (Jake Wallace) und Hanjun Kim (José Castro) die Atmosphäre des gar nicht so goldenen Westens mit Plackerei, Heimweh und Lynchjustiz. Ji Young Mennekes (Wowkle) und Miljan Milovic (Billy Jackrabbit) aus dem Ensemble sangen anrührend Minnies Dienerpaar, Ralf Rachbauer den sehnlich erwarteten Postillion mit einem Packen Briefe.

GMD Dirk Kaftan entfachte mit dem bestens aufgestellten Beethoven Orchester den opulenten Puccini-Klang, den diese Produktion braucht. Puccini verwendet in seinen späteren Werken stärkere Orchesterfarben und eine raffiniertere Instrumentation mit härteren Dissonanzen und einer komplexeren Harmonik als in seinen frühen Erfolgsopern. Auch amerikanische Elemente, wie die synkopischen Cakewalk-Rhythmen, hat Puccini zitiert.

Das Publikum applaudierte stehend lange und ausdauernd, und auch das Regieteam wurde lebhaft beklatscht. Es war gut, diese Oper des 20. Jahrhunderts, die kaum jemand kannte, so aufzuführen, dass die ursprüngliche Konzeption der Handlung klar erkennbar war. Niemand erwartet in Bonn, wie bei der Uraufführung in der Met, lebende Pferde auf der Bühne, aber es war gut, Verfremdungen und Umdeutungen der Handlung zu unterlassen. Ich kann den Besuch nur empfehlen, denn, anders als bei anderen Puccini-Opern, stirbt diesmal keiner.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Bonn
  • Titelfoto: Oper Bonn/ LA FACIULLA DEL WEST/Devid Cecconi, Yannick-Muriel Noah, George Oniani/Foto: © Sandra Then
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Ein Gedanke zu „Italo-Western in der Oper Bonn: „La fanciulla del West“ von Puccini begeistert das Publikum“

  1. Domingo SOLL weiland nicht nur in einigen Vorstellungen gesungen haben, Domingo HAT tatsächlich in Bonn in der „Fanciulla“ gesungen, und bekanntermaßen nicht nur in dieser Oper. Lange ists’s her, dass die Bonner Oper als Scala am Rhein bezeichnet wurde. Zu Haupstadtzeiten, unter der Intendant von del Monaco, gab sich das, was man als „internationale Opernstars“ bezeichnete, die Klinke in die Hand!

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