These violent delights have violent ends – Gounods „Roméo et Juliette“ an der Opera Narodowa in Warschau

Opera Narodowa/Roméo et Juliette/Foto: Krzysztof Bieliński

Die Geschichte von Romeo und Julia, die vor allem durch William Shakespeare zu der wohl bekanntesten Liebestragödie der Welt wurde, erfuhr im 19. Jahrhundert zahlreiche musikalische Bearbeitungen, darunter auch jene von Charles Gounod, dessen „Roméo et Juliette“ mit einem von Jules Barbier und Michel Carré erarbeiteten Libretto im Jahr 1867 zur Zeit der Weltausstellung in Paris am Théâtre Lyrique uraufgeführt wurde. Dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, dass die Oper innerhalb kürzester Zeit international große Bekannt- und Beliebtheit erfuhr. Auch in Warschau ist das Werk bereits 1869, nur zwei Jahre nach der Uraufführung, auf der Opernbühne angekommen, wenig später wurde es hierzulande sogar in polnischer Übersetzung gespielt. Als letzte Premiere gelangt „Roméo et Juliette“ nun auch in der Saison 2025/26 im Teatr Wielki zur Aufführung. Die Inszenierung von Barbara Wysocka, die in der vergangenen Spielzeit bereits an der Semperoper in Dresden gezeigt wurde, verzichtet auf jede erwartbare romantische, manchmal gar kitschige Ästhetik und rückt bei gleichzeitiger psychologischer Fokussierung auf die beiden Liebenden die gewaltvolle Welt, in der jene sich befinden, in den Vordergrund. Dadurch entstehen eindrückliche, bisweilen jedoch etwas zu karge Bilder, die aber durch das äußerst gefühlvoll agierende Orchester und ein ausdrucksstarkes Gesangsensemble mit Leben gefüllt werden. (Rezension der Premiere v. 13. Juni 2026)

 

Where civil blood makes civil hands unclean“

Diese Worte prangen während der Ouvertüre an der düsteren Rückwand und beschreiben sogleich die Welt, in der sich nun die Liebesgeschichte zwischen Romeo und Julia entspinnen wird. Regisseurin Barbara Wysocka weitet den Konflikt zwischen zwei Familien auf eine insgesamt gewaltvolle, raue und weitgehend liebelose Gesellschaft aus, in der sich insbesondere Juliette nur schwer zurechtfindet. Während sich ebenso karge Wände und Arkadengänge in Betonoptik auf der linken und rechten Seite zum Bühnenrand hin öffnen, entsteht in der Mitte eine große Leere, in der Juliette verloren Platz nimmt. Vor ihren Augen spielt sich eine Szene der Gewalt ab, Männer streiten, prügeln sich, gar scheint es zu einem Mord zu kommen. Doch der Rest der Gesellschaft geht wortwörtlich einfach darüber hinweg, ohne überhaupt wahrzunehmen – oder wahrnehmen zu wollen –, was hier passiert. Julia scheint die einzige Person zu sein, die dieser gewaltvollen Realität ihrer Welt ins Auge sieht, in der sie aber keinen Platz hat, denn sie sehnt sich nach Liebe, Freiheit und Authentizität. Das von Barbara Hanicka gestaltete Bühnenbild, das den Brutalismus des gesellschaftlichen Settings auch architektonisch aufgreift, wird den gesamten Abend über die von Anfang an geschaffene düster-bedrohliche Atmosphäre aufrechterhalten, die nur manchmal durch gezieltes Licht erhellt, nie aber mit Wärme gefüllt wird. Würde man Bilder dieser Bühne sehen, ohne zu wissen, für welche Oper sie den Schauplatz bietet, käme man wohl kaum auf den Gedanken, dass es sich um „Roméo et Juliette“ handeln könnte, doch genau darin liegt eine große Stärke der gesamten Inszenierung, die somit mit gewohnten Vorstellungen bricht und es vermag, selbst in einer allseits bekannten Geschichte doch neue Facetten zu betonen. Die großen Wandelemente werden durch Verschiebung, Drehung und Detailveränderungen im Laufe der fünf Akte zu verschiedenen Räumen, mal stellen sie den Ballsaal, mal die Gasse hinter jenem dar, sogar der berühmte Balkon wird darin angedeutet. Trotz der stets harschen Wirkung dieser reduzierten, kalten angedeuteten Architektur gelingt es, die verschiedenen Schauorte lebendig hervortreten zu lassen, welche so in ihrer Ästhetik einen vermeintlichen Kontrast zur Handlung bilden, letztlich aber gerade das dieser Zugrundeliegende, die Kälte und Brutalität der Gesellschaft, ausdrücken. Trotz gängiger romantisierender Vorstellungen passt dies tatsächlich gut zum Stück, denn auch dieses schwankt zwischen erstaunlicher Nüchternheit, etwa wenn der Chor bereits zu Beginn das gesamte Geschehen mitsamt dem Ende im Tragödienstil deklamiert, und höchster Emotionalität, die aber allein in den beiden Hauptfiguren lebt. Zudem ist die Geschichte von Romeo und Julia in Wysockas Inszenierung in keiner konkreten Zeit angesiedelt, Setting und Kostüme sind zwar klar modern, doch verwehrt sich die Darstellung einer eindeutigen lokalen oder zeitlichen Zuordnung. Auch durch diese gleichzeitige Universalisierung des Geschehens einerseits und Elementarisierung auf die grundsätzlichen Strukturen andererseits – gesellschaftlich auf die Gewalt, individuell auf die Liebe – wird die Konzentration auf das Handeln der Figuren und seiner Folgen gelenkt. Sowohl die Brutalität dieser gezeigten Welt als auch die am Ende über allem stehende unendliche Liebe sind schließlich nicht an einen konkreten Ort oder Moment der Geschichte gebunden.

Is love a tender thing!

Opera Narodowa/Roméo et Juliette/Foto: Krzysztof Bieliński

Wie wenig Juliette zu dieser grausamen Gesellschaft gehören möchte, wird sogleich auf dem von ihrem Vater veranstalteten Ball sichtbar. Dieser scheint eine Galaveranstaltung zu sein, zu der die Gäste in glanzvoller Abendgarderobe erscheinen – im Übrigen sehr vielfältig und gelungen entworfen von Julia Kornacka – und die von Tybalt auch öffentlichkeitswirksam gelenkt wird, wenn er Journalisten und Fotografen anordnet, alles und jeden in ein möglichst vorteilhaftes Licht zu rücken. Juliette selbst widerstrebt es, sich für den Ball ein mit Pailletten besetztes Kleid anzuziehen, lieber möchte sie sich selbst treu und in Jeans-Shorts und einem einfachen Tanktop bleiben, doch ihre Familie drängt sie dazu, auf dem Ball aufzutreten, nicht zuletzt, um mit dem ihr zugedachten Verlobten Pâris bekannt gemacht zu werden. Von diesem entfernt sie sich jedoch so rasch wie möglich wieder, um die gesamte für sie unerträgliche, unechte Veranstaltung zu verlassen. Und so kommt es zur ersten schicksalsträchtigen Begegnung mit Roméo, der, als er Juliette erblickt, sofort seine Rosalinde vergisst und beweist, wie schnell sich „One fire burns out another’s burning“, ein weiterer auf die Wand projizierter Shakespeare’scher Vers, tatsächlich vollziehen kann. Der Auftritt Roméos und seiner Freunde macht anhand der, nun allerdings nicht besonders einfallsreichen, Kostüme zudem einen wesentlichen Standesunterschied zwischen den beiden Familien deutlich: Während die männlichen Vertreter der Capulets stets in Anzug und Krawatte erscheinen, tragen die Montagues Jeans und Kapuzenpullover. Inmitten dieser Differenzen und Konflikte wird aber nun eben ein neues Feuer entfacht, das rasch hell auflodert und Wärme in diese kalte Welt voller Gewalt und Hass bringt – zumindest für die Liebenden.

Stony limits cannot hold love out“

Die ausgewählten Verse, die meist in Entsprechung der Akte und Szenen von Shakespeare und Gounod eingeblendet werden, eröffnen zwar keine zusätzliche Bedeutungsebene, doch sie verstärken jeweils die vorherrschende Stimmung und bilden zudem einen literatur- wie rezeptionsgeschichtlichen Horizont, der auf eine Auseinandersetzung auch mit der literarischen Vorlage schließen lässt, auf die auch die Librettisten in ihrer Arbeit direkt zurückgriffen. Gewissermaßen als Überschriften zu den jeweiligen Szenen deuten sie auf das in diesen Zentrale hin, so etwa auch, wenn Roméo und Juliette weiterhin an ihrer Liebe festhalten, obgleich ihnen zuvor bewusst wurde, aus welcher Familie der oder die jeweils andere stammt. Während bei Shakespeare der gesellschaftliche Aspekt, also der Konflikt zwischen den beiden Familien, stärker präsent ist, rückt dieser bei Gounod mehr in den Hintergrund, stattdessen treten die Individuen und ihre Gefühle deutlicher hervor. In dieser Hinsicht gelingt es auch Wysockas Inszenierung, diese Tendenz aufzugreifen, wenn zugleich der gesamtgesellschaftliche Kontext in der reduzierten, doch darin betont düsteren und brutalen Ästhetik aufgegriffen wird, aber auch gerade durch die optische Reduktion die Figuren mitsamt ihrem Innenleben stärker ins Zentrum gestellt werden. So überzeugend diese Idee an sich ist, zeigt sich daran jedoch auch ein Problem, das an manchen Stellen weniger hervortritt als an anderen: Durch die starke Reduktion der äußeren Elemente auf eine allgemeine Ästhetik und eine dadurch entstehende große Nüchternheit der gesamten Inszenierung kommt der Dramaturgie und dem Spiel der Akteure eine umso zentralere Bedeutung zu, die in der Umsetzung nicht in allen Szenen eingeholt werden kann. Während der Kampf zwischen Tybalt, Mercutio und Roméo nicht vorrangig wegen des gekonnten Einsatzes von Kunstblut, sondern vielmehr wegen des lebendigen und ausdrucksstarken Schauspiels der Sänger äußerst überzeugend gelingt, gerät die vorausgehende Szene zwischen Roméo, Juliette und Frère Laurent zu wenig feierlich und bedeutsam, obwohl sie hinsichtlich der Entwicklung der Beziehung des Paares durchaus als ein Herzstück der Oper angesehen werden kann. Womöglich hätte ein musikalisch ruhigeres Tempo hier Momente des Innehaltens begünstigen können, doch vor allem blieben Bekhzod Davronov und Nina Minasyan in ihrer darstellerischen Kraft häufig eher zurückhaltend, wodurch die starken Emotionen und inneren Kämpfe nicht immer nach außen hin sicht- und fühlbar waren. Insgesamt geraten die intimeren Momente des zentralen Paares weniger intensiv, beinahe etwas kühl, die Chemie, die zwischen den beiden gesanglich sehr wohl zu hören ist, kann nicht gleichermaßen ins Äußerliche transportiert werden. So wird auch die Entwicklung entlang der vier Duette als Stationen ihrer Liebe nicht besonders deutlich, vielmehr bleibt es in der Wirkung entgegen dem eigentlichen Spannungsbogen relativ gleichförmig. Manche Szenen sind jedoch in ihrer emotionalen Kraft stärker und überzeugender, so jene des Abschieds am anbrechenden Morgen, an dem „More light and light, more dark and dark our woes“ den kaum aushaltbaren Konflikt zwischen dem innerlich notwendigen emotionalen Zueinander und dem äußerlich notwendigen, durch die gesellschaftlichen Normen geforderten Auseinander treffend zusammenfasst.

Strange dream that gives a dead man leave to think“

Ein ebenfalls interessanter, wenngleich aus dem Gesamtkonzept der Inszenierung etwas herausstechender Einfall besteht in der Projektion eines Videos, das ein kleines Mädchen durch einen Wald laufend zeigt, in dem Moment, als Juliette zwischen der Einnahme des Trankes und dem Eintreten von dessen Wirkung steht. Zwar wird nicht gänzlich klar, was diese ihre Vision zeigt, ob es ein Blick in die Vergangenheit ihrer unbeschwerten Kindheit oder ein Blick in die Zukunft ist, der wiederum zwischen dem Wunsch nach Freiheit und den Folgen einer Ehe mit Pâris zu schwanken scheint. Dieser tritt als Teil der Vision mit einem Baby im Arm auf, das er zuerst Juliette reicht, die dieses aber dem toten Tybalt in die Arme legt. Zugleich zieht ein Leichenzug, wohl jener Juliettes selbst, am Geschehen vorüber – Leben und Tod gehen in den Vorstellungen von der ungewissen Zukunft Hand in Hand. Trotz der konzeptuellen Diskrepanz zur restlichen Inszenierung und der Uneindeutigkeit des Gezeigten, oder gerade wegen dieser, entfaltet die Szene eine intensive Wirkung, zu der das weitere Zitat „Strange dream that gives a dead man leave to think“ den passenden Kommentar gibt. Dass am Ende zwar der Tod, doch auch die über diesem Tod stehende Liebe siegt, verdeutlicht die ebenfalls sehr reduziert gestaltete, aber äußerst effektvolle Finalszene, in der, wie dies in der Oper angelegt ist, die gesellschaftlichen Folgen keine Rolle mehr spielen, sondern nur mehr die beiden liebenden Sterbenden. Inmitten großer Leere scheinen sie alles zu haben, was sie brauchen, selbst und gerade im letzten Moment des diesseitigen Lebens.

Die Lebendigkeit des Dramas durch die Musik

Opera Narodowa/Roméo et Juliette/Foto: Krzysztof Bieliński

Eine große Chance, aber auch herausfordernde Aufgabe stellt diese Inszenierung für die Sängerinnen und Sänger dar, da das wirkliche Drama dieser Oper an der Grenze zum Drame lyrique erst durch die konvergierenden gesanglichen und darstellerischen Leistungen zur Wirkung kommt, wie Richard Wagner es kurz vor der Entstehungszeit dieses Werkes so eindrücklich geschildert und gefordert hat. Dies gelingt dem Ensemble zwar mit Unterschieden, aber überwiegend gut. Nina Minasyan stellt eine leidenschaftlich agierende Juliette dar, die anfangs leichte Unsicherheiten hören lässt und auch später intonatorisch und in den Koloraturen nicht gänzlich präzise ist, aber mit differenziertem Ausdruck und warm schillernden Tönen besonders in der zweiten Hälfte überzeugen kann. Die bekannte Walzer-Arie „Je veux vivre“ gelingt ihr hervorragend mit zahlreichen Klangfarben und einer dynamischen Gestaltung der verschiedenen Emotionen. An ihrer Seite gestaltet Bekhzod Davronov einen sehr gefühlvollen und sensiblen Roméo, dessen Klang selbst in den hohen Tönen stets sanft bleibt, nie wird es schrill oder zu kraftstrotzend. Die Anlage der Rolle als einen innerlichen, gefühlvollen Mann, der in dieser gewaltvollen Welt mindestens genauso fremd ist wie Juliette, vereint sich mit einem zarten Timbre, das dennoch verschiedene Emotionen auszudrücken vermag. Gelegentlich gerät Davronovs Interpretation womöglich etwas zu zurückgenommen und dies nicht nur gesanglich, wenn er an manchen Stellen im Vergleich zum Orchester etwas zu leise ist, sondern vor allem hinsichtlich seiner darstellerischen Präsenz. Dies führt zu einer gewissen Kühle und Distanziertheit, die für die Entfaltung der tragischen Liebesgeschichte nicht unbedingt förderlich ist. Im Gegensatz dazu geraten die Duette des Paares in gesanglicher Hinsicht zu den besten Momenten des Abends, Minasyan und Davronov harmonieren stimmlich hervorragend und beweisen eine feine Abstimmung in der Interpretation. Paweł Konik gestaltet Capulet äußerst melodiös und elegant, selbst in der strengen Bestimmtheit bewahrt er stets eine Weichheit im Klang. Als Frère Laurent überzeugt Rafał Siwek mit sonorem Bass und melodiös gezogenen Phrasierungen. In der Rolle des Mercutio sorgt Paweł Trojak für manche der beeindruckendsten Momente des Abends, indem er seine klangstarke, gut fundierte Stimme mit differenzierter Akzentuierung und überzeugender, auch textlicher Gestaltung vereint. Ebenso kann Zuzanna Nalewajek als Stéphano vollends überzeugen. In gewollter darstellerischer Überzeichnung präsentiert sie einen unbeschwerten, ironischen und ausdrucksstarken Stéphano, dabei gelingen ihr die Stimmungswechsel in Kombination mit dem expressiven Spiel auch stimmlich hervorragend. An Mateusz Zajdels Tybalt vermisst man zwar eine gewisse Intensität und Eindringlichkeit im Ton, manchmal klingt es etwas zu wenig fokussiert, doch fügt es sich insgesamt zu einer stimmigen Darbietung. Obwohl ihrer Rolle der Gertrude nur kurze Passagen zukommen, sorgt Elżbieta Wróblewska mit klarem und doch sanftem, vollem Klang für erwärmende Momente, und auch Mateusz Hoedt als Grégorio lässt mit kräftig-strahlendem Timbre aufhören. Adam Dobek klingt als Pâris zwar gelegentlich etwas zu stählern, doch gleicht er dies mit abgerundeten Tönen und gut gestalteten Phrasierungen aus. Als Le Duc zeigt sich Karol Skwara womöglich nicht mit voller Durchsetzungskraft, doch gelingt ihm eine strenge Ausstrahlung, die auch in einem bestimmten Klang ihre passende Entsprechung findet. Besonders beeindruckend präsentiert sich an diesem Abend der Chor der Opera Narodowa, der bereits zu Beginn mit hoher klanglicher Ausgewogenheit einsetzt, sich später mit klangstarkem, homogenem Klang, einer äußerst präzisen Artikulation und einer vielseitigen Gestaltung aber noch steigern kann. Auch der Männerchor des zweiten Aktes überzeugt durch spannungsgeladenen Flüsterton und einer feinen Gestaltung im Timbre wie in der Diktion.

Ein besonders hohes Maß an Emotionalität und Ausdruckskraft erhält die Aufführung allerdings durch das Orchester der Opera Narodowa unter der Leitung von Robert Houssart. Bereits die Ouvertüre setzt mit kraftvollen und tonstarken Blechbläsern ein, später beeindrucken vor allem die Streicher mit wunderbar gezogenen Linien und vielfältigen Farben. Stets wird ein intensiver, dichter Klang bewahrt, der immer wieder einzelne Stellen besonders hervortreten lässt. Innerhalb der einzelnen Gruppen erklingen einzelne Phrasierungen und differenzierte Klangfarben in großer Homogenität, wozu sich auch die äußerst sanften Holzbläser in allen Stimmen hervorragend fügen. Houssart führt das Orchester mit hoher Präzision und ohne Pathetik, gerade deshalb aber mit feinfühliger Emotionalität, die stets das richtige Maß an Ausdruck findet. Zugleich vermag er es, zahlreiche Momente mit hoher Energie und stimmiger Agogik spannungsgeladen zu gestalten, an anderen Stellen aber durch bewusste Zurücknahme des Orchesters, bei gleichzeitiger Bewahrung der Klangqualität, die Intensität fast noch mehr zu steigern. Besonders beeindruckend erklingt die Orgel im vierten Akt, zugleich wird an dieser Stelle – jedoch auch an vielen anderen – die präzise Abstimmung zwischen Orchester und Sängern deutlich, die vor allem durch die Klarheit und musikalische Führung im Dirigat gelingt.

For never was a story of more woe than this of Juliet and her Romeo“

Mit diesen bekannten Versen, die auch das Shakespeare’sche Drama beschließen, endet diese düstere, auf das Wesentliche reduzierte Inszenierung, die gerade in ihrer Konzentration auf die der Handlung zugrundeliegenden Dynamiken und die psychologisch-emotionalen Vorgänge Roméos und Juliettes überzeugt. Zugleich zeigt sich in dieser Reduktion die Schwierigkeit, bei aller Universalisierung des Geschehens noch das notwendige Maß an Konkretion aufrecht zu erhalten, das für die Bewahrung der emotionalen Intensität notwendig ist. Dies stellt vor allem für die Sängerinnen und Sänger eine nicht geringe Herausforderung dar, die hier zwar darstellerisch nicht immer, gesanglich aber durchwegs gelingt. Insgesamt entsteht eine Aufführung, welche in ihrer düster-kargen, mitunter ungewöhnlichen Ästhetik, die erfreulich fern von allen Klischees liegt, der dramatischen Ausdruckskraft der Musik großen Raum zur Entfaltung lässt, der besonders vom Orchester und Chor der Opera Narodowa auf intensive Weise ausgefüllt wird.

 

  • Rezension von Elena Deinhammer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Opera Narodowa Warschau
  • Titelfoto: Opera Narodowa/Roméo et Juliette/Foto: Krzysztof Bieliński
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