
Auf dem Programm standen vier Kantaten von Johann Sebastian Bach und eine Motette von Heinrich Schütz am 13. Juni 2026 in der Thomaskirche in Leipzig. Philippe Herreweghe und sein Ensemble Collegium Vocale Gent sind regelmäßige Gäste beim Bachfest, und ich hatte in den letzten Jahren die Freude, über einige ihrer Auftritte in Leipzig und Salzburg zu berichten. Die Werke befassten sich mit Themen wie der Notwendigkeit, heute das Wichtige zu tun, da das Morgen niemals sicher ist, und der Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Ende des irdischen Daseins.
Die Aufführung der ersten Kantate auf dem Programm „Brich dem Hungrigen dein Brot“, BWV 39, bot dem Collegium die Gelegenheit, sein erstklassiges choralisches und instrumentales Geschick zu demonstrieren. Besonders beeindruckend war in dieser Kantate der Countertenor Alex Potter in der Arie „Seinem Schöpfer noch auf Erden“, in der er mit seiner Stimme die Mahnung des Textes an die Gemeinde zum Ausdruck brachte, Dankbarkeit für die Segnungen zu zeigen, die sie in dieser Welt empfangen.
Die nächste Kantate „Sie werden aus Saba alle kommen“, BWV 65, wurde für das Epiphaniasfest im Jahr 1724 komponiert. Der Bass Johannes Kammler und der Tenor Guy Cutting glänzten in ihren jeweiligen Arien: „Gold aus Ophir ist zu schlecht“ und „Nimm mich dir zu eigen hin“. Kammlers technisch souveräner, nuancenreicher und klangvoller Bariton entfaltet große Ausdruckskraft, indem er Wort und Musik sensibel miteinander verbindet. Mit seiner klaren, warmen und lebendigen Stimme verbindet Cutting Würde und Wärme und erschließt die emotionalen Feinheiten des Textes.

In der Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“, BWV 102, überzeugten Countertenor, Tenor und Bass mit souveränen Arien, während der Chor Schützs Motette „Tröstet, tröstet mein Volk“, SWV 382, große emotionale Tiefe verlieh.
Die letzte Kantate des Abends „Schwingt freudig euch empor“, BWV 36.5, bot der Sopranistin Grace Davidson die Gelegenheit, die Strahlkraft ihrer Stimme in der Arie „Auch mit gedämpften schwachen Stimmen“ eindrucksvoll auszuspielen. Davidsons kristallklare, bewegliche Stimme zeichnete sich durch einen geraden Ton und minimales Vibrato aus und durchmaß selbst anspruchsvollste Melodiebögen mit beeindruckender Präzision und Anmut.
Einer der Gründe, warum Bachs Kompositionen eine unerschöpfliche Grundlage für interpretative Vielfalt bieten, ist, dass so viele Herangehensweisen plausibel sind und jede davon neue Erkenntnisse offenbart. Herreweghes historisch informierte Bach-Interpretation besticht durch Transparenz, Gelassenheit und Ausdruckstiefe. In der nahtlosen Verbindung von Instrumental- und Vokalstimmen sowie der konsequenten Ausrichtung an Text und Diktion zeigt sich die besondere Raffinesse seines Musizierens. Ein kleiner, agiler Chor sorgte für makellose Intonation und eine fein austarierte Klangbalance, die das Originalklangorchester niemals überlagerte.
Die fesselnden Aufführungen haben alle Anwesenden verzaubert, die in andächtiger Stille dasaßen, bis sie am Ende des Konzerts in stürmischen Applaus ausbrachen.
- Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Bachfest Leipzig
- Titelfoto: Bachfest 2026/Bach-Cantaten/P. Herreweghe/Foto: Bachfest Leipzig/Gerd Mothes
2 Gedanken zu „Beseelend und beruhigend: Herreweghe dirigiert Bach in der Leipziger Thomaskirche&8220;