
Der Schwanengesang (D 957) bezeichnet eine von dem Wiener Verleger Tobias Haslinger zusammengestellte und im März 1829 publizierte Sammlung von 14 Liedern, die Franz Schubert zwischen August und Oktober 1828 komponierte. In der Zusammenstellung finden sich Vertonungen nach Gedichten von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine sowie eins auf einen Text von Johann Gabriel Seidl. Am 3. Mai 2026 haben der Bariton Konstantin Krimmel und der Pianist Daniel Heide im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der Schubertiade in Hohenems den posthum zusammengestellten Zyklus sowie vier weitere Lieder von Seidl im Markus-Sittikus-Saal aufgeführt – demselben Veranstaltungsort, an dem ich am Vorabend eine Aufführung von „Die Winterreise“ erlebt hatte. Für das Konzertprogramm wurden die Lieder nach Dichtern geordnet.
Lieder nach Gedichten von Johann Gabriel Seidl
Im Freien, D 880
Sehnsucht, D 879
Der Wanderer an den Mond, D 870
Am Fenster, D 878
Die Taubenpost, D 965a
Lieder nach Gedichten von Heinrich Heine, D 957 / 8-13
Der Atlas
Ihr Bild
Das Fischermädchen
Die Stadt
Am Meer
Der Doppelgänger
Lieder nach Gedichten von Ludwig Rellstab, D 957 / 1-7
Liebesbotschaft
Kriegers Ahnung
Frühlingssehnsucht
Ständchen
Aufenthalt
In der Ferne
Abschied
Das Ergebnis war eines der spannendsten und genussvollsten Liederprogramme, die ich je in einem Konzert gehört habe. Neben seiner makellosen Diktion verfügt Konstantin Krimmel über eine vielseitige Baritonstimme, die hohe Töne erreicht und bis in die tiefen Lagen hinabgleitet, ohne dass an beiden Enden des Spektrums eine Anstrengung zu hören ist.
Neben seinen stimmlichen Qualitäten legte Krimmel in jedem Lied viel Leidenschaft hinein, was besonders bei „Sehnsucht“ und „Der Atlas“ auffiel. In „Ihr Bild“ und „Der Doppelgänger“ gelang es ihm, die unheimliche Atmosphäre der Musik und der Texte einzufangen, und damit zu unterstreichen, wie großartig Schuberts letzte Werke als Liedkomponist tatsächlich waren.
Besonders berührt hat mich die Frische, die Krimmel in „Liebesbotschaft“ und „Frühlingssehnsucht“ einbrachte, wo er in einem fast tenoralen Klangbereich sang. Diese Darbietungen erinnerten mich an die frühlingshafte Lebendigkeit dieser großartigen Lieder, die Schuberts Genialität beweisen, Gefühle, Landschaft und Atmosphäre zugleich einzufangen. In der Interpretation von „Ständchen“ wurde die leidenschaftliche Hingabe eines Sängers spürbar, der seiner Geliebten eine Serenade darbringt.

Neben jugendlicher Sehnsucht und Hoffnung konnte Krimmel auch einen düsteren, ernsten Ton anschlagen, beispielsweise in „Kriegers Ahnung“ und „Aufenthalt“. „In der Ferne“ wirkte angemessen düster und verträumt, während die beschwingte Artikulation und das Tempo in „Abschied“ die bittere Ironie widerspiegelten, die Schubert beabsichtigt haben muss, als er ein eigentlich trauriges Gedicht mit einer hüpfenden Melodie vertonte.
Daniel Heide hat Struktur, Empfindsamkeit und Klangfarbe vorbildlich miteinander verbunden, sodass jedes Lied sich mit Spannung, Seele sowie Dramatik entfalten konnte. Das Tempo der Erzählung hatte Heide so angepasst, dass es weder vorangetrieben noch stagnierend war. Die perlende Klavierbegleitung zu „Ständchen“ beispielsweise erklang in unaufdringlicher Natürlichkeit, wohingegen die kargen Heine-Lieder aus ihrer schlichten Wiedergabe eine überwältigende Wirkung erzielten.
Der stehende Applaus, mit denen das Konzert bedacht wurde, wurden mit zwei Zugaben belohnt: „Hoffnung“ nach einem Gedicht von Friedrich Schiller und „Willkommen und Abschied“ nach einem Text von Johann Wolfgang von Goethe.
Gerne empfehle ich die Schubertiade und die Region Vorarlberg. Weitere Konzerte sind auf der Programmseite zu finden. Eine sehr interessante Dokumentation über die Schubertiade lohnt sich anzuschauen.
- Rezension von Dr. Daniel Floyd / Red. DAS OPERNMAGAZIN
- Schubertiade Hohenems
- Titelfoto: Liederabend/Konstantin Krimmel, Daniel Heide/ Foto @SCHUBERTIADE HOHENEMS 2026