Karlsruhe: Träumerisches Triptychon – Zwischen Welten und Zaubern im „Sommernachtstraum“

Staatstheater Karlsruhe/ MIDSUMMER NIGHTS DREAM/ Foto: Felix Grünschloß

Mit einem Blickwinkel, der sich auf die Grenzen zwischen Wahrheit und Vorgespieltem konzentriert, feierte das Badische Staatstheater Karlsruhe am Sonntag, dem 17. Mai, die Premiere von Benjamin Brittens “A Midsummer Night’s Dream”, basierend auf dem gleichnamigen Drama von Shakespeare. Die Geschichte faszinierte Britten wegen der klaren Teilung der drei parallel laufenden Geschichten und deren musikalisches Potenzial. So ist die Partitur in drei differenzierbare Klangwelten aufgeteilt mit anderen Instrumenten und rhythmischen Figuren. (Rezension der Premiere vom 17. Mai 2026)

 

Die Geschichte besteht aus drei aufeinander einwirkenden Geschichten – die Feen, das Liebes-Quartett und eine Theatertruppe aus Handwerkern. Die Handwerker arbeiten an einem Theaterstück, welches sie bei Hof aufführen wollen. Ein Mitglied wird aber mitten im Probenprozess in einen Esel verwandelt und verschwindet. Dieser wurde in den Ehestreit der Feen verwickelt, denn König Oberon und Königin Titania streiten sich über ein “Changeling”-Kind (hier von einem Pferd dargestellt). Um das Kind zu sich zu stibitzen, überlegt sich Oberon, dass Tytania sich kurz in irgendein Wesen verlieben soll (Bottom, der in einen Esel verwandelt wurde). Ein Liebesquartett aus jungen Aristokraten, die alle ineinander verliebt sind, laufen in den Wald hinein und lassen sich unwissentlich auf eine Verwechselungs- und Verzauberungsodyssee ein. Am Ende finden alle zurück in ihre Einflusssphären.

Das Bühnenbild (Karine van Hercke) wechselt zwischen Welten: einem magischen Wald der den Feen gehört und in den sich die Menschen verirren, dem Probenort der Handwerkertheatertruppe und dem athenischem Hofe. Die Bühne wird von zwei Säulen flankiert. Es steht eine Leinwand auf der Bühne. Auf diese werden reizende, mittelalterlich-angehauchte Zeichnungen darauf projiziert (Aurelie Remy). Die Waldszenen werden durch mehrere Bäume auf der rechten Bühnenhälfte und projizierten Bäumen auf der Leinwand kreiert. Bühnenzauber lässt es aussehen, als würden die Bäume auf den Kopf gedreht werden; plötzlich entsteht eine Himmelsszene für Tytania, die sogar auf einer Couch aus Wolken auftritt.

Staatstheater Karlsruhe/ MIDSUMMER NIGHTS DREAM/ Foto: Felix Grünschloß

Die Leinwand hebt sich für diese und andere Himmelsszenen, am hinteren Rand der Drehscheibe befindet sich dann ein halbkreisförmiger Sternenhimmel, die Wolkencouch von Titania wird mit der Drehscheibe nach vorne und hinten gebracht. Die Hobbytheatertruppe ist nicht im Wald, sondern hat an beiden Seiten der Bühne eine Art kleinen Pavillon, zwischen denen sie proben. Erst am Ende, am athenischen Hof kommt eine neue Ästhetik von Projektion, mechanische Zahnräder sind zu sehen und es wird eine andere, kleinere Bühne für die Hobbytheatertruppe auf die Bühne gebracht.

Diese Interpretation vom Stück (Regie: François de Carpentries) konzentriert sich vor allem auf die Grenzen zwischen Welten, diese Frage kommt auf zwei Niveaus. Erstmals gibt es die Grenzen zwischen den Welten auf der Bühne – Feen und Menschen, Handwerker und Aristokraten. Aber es gibt auch die Grenzen der „Fourth Wall”, die Grenzen des Theaters selbst.

Die zwei Säulen, welche die Bühne einrahmen sind die erste Anspielung auf diese Meta-Grenze, zuerst interpretierbar als eine Anspielung auf das antike Griechenland, werden sie später (im Rahmen von Projektionen auf der Leinwand) in Verbindung mit Shakespeares Globe Theater in London gestellt. Der erste Monolog des Dieners Puck wird von einem Bild der Theatermasken von Tragödie und Komödie begleitet, sowie von einem goldenen Totenkopf (eher eine Anspielung auf Hamlet), der das ganze Stück über das Geschehen begleitet. Auch Puck ist in vielen Szenen zu sehen, auch wenn er laut Libretto nicht gerade auf der Bühne sein müsste. Er bringt die Drehscheibe ins Schwingen, die Kissen zum Fliegen und die Menschen zum Innehalten. Er bringt die Magie, die sonst als Theaterkonvention genommen wird, sichtlich ins Geschehen hinein.

Die Weltengrenzen auf der Bühne werden innerhalb des Stückes zuerst abgebaut – die Aristokraten verlaufen sich, Bottom wird verwandelt, Tytania ist sich selbst nicht mehr im Klaren, was sie tut. Später werden sie aber wieder etabliert; die Aristokraten finden wieder zum Hof, Bottom wird zurückverwandelt und kehrt zu seiner Theatertruppe zurück, von Tytania wird der Zauber gelöst und die Welten der parallel laufenden Geschichten werden wieder klar. Waren die verschwommenen Welten nur ein Traum? Eine theatralische Täuschung?

Die Kostüme (Karine van Hercke) spiegeln diesen Abbau und Neuetablierung dieser Weltengrenzen. Die Feen und Elfen sind in Renaissance-artiger Kleidung zu sehen, mit Dublett und Strumpfhosen in farbenfrohen und glitzernden Stoffen. Alle Feen haben dazu noch wilde, schwerkrafts-ablehnende Perücken auf, die einen besonders verträumten Eindruck hinterlassen. Die Tiere, die dieser Welt auch angehören, sind mit fabelhaften Masken und Kostümen ausgestattet. Die Menschen sind dagegen in einer späteren Kostümepoche zu finden. Die neutralen Farben und klassischen Schnitte, samt natürlichen Friseur-Entscheidungen, kommunizieren klar und deutlich, dass sie einer anderen Welt angehören. Erst am Ende des zweiten Aktes werden diese Grenzen kurz aufgehoben. Nach dem Umherirren und Zanken, erscheint das Liebesquartett in äraloser Waldgarderobe (deren Kostüme wortwörtlich mit Wald-Elementen bestückt), sie haben sich in der Magie verloren und gehören nun mit dazu. Als sie an den Hof zurückkehren, sind sie in der Abendgarderobe des frühen 20. Jahrhunderts zu sehen, wieder in neutralen Farben. Die Grenzen zwischen den Welten des Waldes und des Hofes werden durch die Kostüme klar kommuniziert. Die Hobbytheatertruppe ist in überspitzten Fachkostüm zu sehen, was sehr amüsant ist und visuell die klare Charakterdifferenzierung des Librettos unterstützt.

Der Ansatz der Weltendifferenzierung ist auch in der Personenregie zu sehen. Die Feen haben alle eine fast wunderliche, sehr leichte und mysteriöse Bewegungsart, als wären sie nicht von dieser Welt. Titania und Oberon bewegen sich mit einer schwebenden Macht, mit langsamen Gesten und viel Bühnenpräsenz. Puck springt, purzelt und schlägt Räder akrobatisch und kontrolliert über die Bühne. Die Handwerker-Theatertruppe bewegt sich mit Slapstick-Inspiration relativ natürlich über ihre Bühne, was ihr Geschehen immer sehr amüsant erscheinen lässt. Das Liebesquartett der menschlichen Aristokraten macht einen ähnlich natürlichen Eindruck, wobei sie mit zunehmender Zeit im Wald die Gesten und Anmutungen des Hofes verlieren und immer größere Gesten machen. Erst als sie wieder am Hof sind, etablieren sich die aristokratischen Bewegungsformen wieder.

Dieses Bühnenbild und Konzept brauchen ganz klar differenzierte Bühnenräume, damit der Abbau der Weltengrenzen auch klar kommuniziert wird. Dies ist nicht immer ganz gelungen. Der Leerraum auf der Bühne, welcher im ganzen Stück sehr präsent ist, ist manchmal sehr angenehm, zum Beispiel als Puck das Liebesquartett zum Schlafen bringt. Manchmal wirkt der viele Platz aber auch etwas unbeholfen, beispielsweise beim Quartettstreit im zweiten Akt, wo die Laufbahnen der einzelnen Charaktere so wirken, als wären sie auf einer kleineren Bühne lustig, hier aber einfach ungeplant rüberkommen.

Staatstheater Karlsruhe/ MIDSUMMER NIGHTS DREAM/ Foto: Felix Grünschloß

Das Badische Staatstheater hat eine sängerische und schauspielerische Höchstleistung erbringen können. Edward Lee als Puck zieht immer den Blick und schafft es mit klarer Artikulation und schauspielerischem Feingefühl die möglicherweise entfremdende Sprache einem Zuschauer ans Herz zu bringen. Die Akrobatik und Kontrolle, die er auf die Bühne bringt, trägt zu einem abgerundeten und sympathischen Charakter bei, der einen behutsam und frech durch die Geschichte begleitet. Lidor Mesika (Countertenor und Bariton) bringt den König Oberon als mächtigen Feenherrscher auf die Bühne. Seine Stimme bringt die sanften Klänge der Partie in eine bezaubernde Wärme und die fließenden Übergänge vom Countertenor in den Bariton tragen dazu bei. Martha Eason (Sopran) als die Feenkönigin Titania bringt auch absolutes Engagement mit der Rolle und der Partie. Der komplette Auftritt schwebt mit ihrer Mischung aus absoluter Selbstkontrolle und Verspieltheit. Zusammen haben die beiden eine ungewöhnlich liebevolle Bühnendynamik, was der Geschichte angenehme Facetten verleiht. Olgucan Yilmaz (Bariton) als Bottom hat sichtlich Spaß auf der Bühne und mit dem Charakter selbst. Trotz Eselsmaske und Galopp klingt sein Timbre durch den ganzen Saal und auch bei der späteren Aufführung des Theaterstücks hat er sichtlich Spaß. Das Liebesquartett ist mit vier wundervollen Sängern ausgestattet. Marie-Sophie Janke (Mezzo) als Hermia bringt eine reizende Temperamenthaftigkeit in die Rolle, beim Spielen, sowie beim Singen. Ein wundervolles Timbre, dem man immer gut folgen kann und welches mit absoluter Kontrolle bedient wird. Als ihr Geliebter, Lysander, strahlt auch Brett Sprague (Tenor) mit einer reizenden stimmlichen Resonanz. Vor allem aber sticht seine Schauspielkunst heraus, er fühlt sich so sichtlich wohl in seinem Charakter und bringt diesen mit vollem Herzen in jede Szene. Ks. Tomohiro Takada (Bariton) begeistert stimmlich und bringt musikalisch viel Leben in die Rolle hinein. Im Bühnengeschehen findet auch er sich in seiner Rolle gut wieder und bringt einen voll verständlichen und leicht zu lesenden Charakter ans Publikum heran. Ks. Ina Schlingensiepen (Sopran) als Helena bringt mit leichter Stimme und ordentlichem Temperament viel Bewegung auf die Bühne und viel Persönlichkeit in die Rolle. Ein ausgeglichenes und amüsantes Quartett bildet sich. Bei den kleineren Rollen stechen vor allem die Wand, gesungen von Lars Tappert (Tenor) und der Löwe, gesungen von Daniel Pastewski (Bariton), hervor. Der Cantus Juvenum widmet sich mit vollem Herzen der intensiven Partie, mit viel Bühnenzeit und choreografischen Elementen. Eine wirkliche Meisterleistung des Kinderchores, einstudiert von Tarek EL Barbari, Lorenzo de Cunzo und Anette Schneider.

Brittens eigentlich sehr differenzierte Instrumentalisierung breitet sich unter der Leitung von Georg Fritsch relativ deckenartig über das Bühnengeschehen und das Ohr, die Badische Staatskapelle bringt aber einen schönen, klaren Klang mit und findet sich gut in die einzelnen Stimmen hinein.

Die Grenzen überschreitende Interpretation hat dem Karlsruher Publikum sehr gefallen und das Haus kann sich über eine populäre Produktion freuen.

  • Rezension von Anna Rädle / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Badisches Staatstheater Karlsruhe
  • Titelfoto: Staatstheater Karlsruhe/ MIDSUMMER NIGHTS DREAM/ Foto: Felix Grünschloß 
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