Geheimnisvolles Märchen: „Picture a day like this“ fasziniert in Köln

Oper Köln/Picture a day like this/Adriana Bastidas-Gamboa/Foto: © Sandra Then

Das Kind der Frau, die die märchenhafte Reise erlebt, ist soeben gestorben. In ihrer Trauer weigert sie sich, die Tatsache zu akzeptieren, dass der Leichnam eingeäschert werden soll. Eine Stimme erklärt ihr, sie müsse nur einen glücklichen Menschen finden und ihm einen Knopf vom Ärmel schneiden, dann könne ihr Kind gerettet werden. In fünf Begegnungen erfährt sie letzten Endes, dass es keinen glücklichen Menschen gibt. In gut einer Stunde Aufführungsdauer mit minimalistischer Musik und faszinierenden Stimmen erlebt man eine Art Roadmovie mit Begegnungen, an dessen Ende die Erkenntnis steht. Das Publikum der gut besuchten Vorstellung applaudierte lebhaft, auch in Würdigung der Bewältigung der äußerst schwer zu singenden Partien. (Besuchte Vorstellung: 17. Mai 2026)

 

Das Erfolgsteam George Benjamin (Musik) und Martin Crimp (Libretto) hat nach „Written on Skin“ am 5. Juli 2023 als Auftragswerk beim Festival d´Aix-en-Provence eine wundervolle märchenhafte Kurzoper herausgebracht, die am 10. Mai 2026 in Köln ihre Premiere und die deutsche Erstaufführung erlebte. In sieben Szenen verrät die gut einstündige Szenenfolge mehr über das menschliche Glück und Leid als manches Monumentalwerk. Die Oper steht in der Tradition der „Reiseopern“ wie „The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten, die mit kleinem Orchester und wenigen Solist:innen große Themen aufarbeiten. Das zu Grunde liegende literarische Vorbild ist ein altes buddhistisches Märchen. Die Figuren außer Zabelle, die vom Sammler so genannt wird, haben keine Namen. Crimp hat die Handlung in sieben kurzen Szenen konzentriert, die an die Grenzen der Darstellbarkeit gehen, und Benjamin hat dazu Musik komponiert, bei der jede Note zählt.

Das Regie- und Bühnenbildnerteam Marie-Christine Soma und Daniel Janneteau haben einen von matten Spiegeln begrenzten Raum geschaffen, mit einem spiegelnden rollenden Laufsteg in der Mitte, in dem sich die hochkonzentrierten Szenen abspielen. Personen mit langen Mänteln räumen die wenigen Requisiten und agieren als Statisten, die Papiere und Dokumente übergeben. Die durchdachte Lichtregie (Laurent Irsuti) fokussiert sich auf die agierenden Personen. Die letzte Begegnung der Frau mit der fluiden Zabelle findet in einer Art Zaubergarten (Video von Hicham Berrada) statt, der mit üppig wuchernden Pflanzen auf einen Gazevorhang projiziert wird. Die Kostüme von Marie La Rocca charakterisieren die soziale Stellung der Personen: der Knopfmacher trägt einen über und über mit Knöpfen benähten Anzug, die Frau ein schlichtes blau-buntes Sommerkleid und einen Trenchcoat, und der Liebhaber zeigt zu einer glänzenden Sporthose den trainierten nackten Oberkörper, während der Sammler einen eleganten Zweireiher trägt. Die Stimmen singen weitgehend a capella, untermalt von Klangclustern und Tonfetzen einzelner Instrumente. So etwas wie eine Melodie spielt nur das Cello in der Szene, als Zabelle der Frau einen Knopf übergibt.

Oper Köln/Picture a day like this/A. Bastidas-Gamboa, E. Hindrichs/Foto: © Sandra Then

Großartige Hauptdarstellerin ist die wundervolle Adriana Bastidas-Gamboa, die die Figur der trauernden Mutter zum Leben erweckt. Immer wieder gerät sie an Grenzen, wird von Türen, die sich schließen, aufgehalten, von Gesprächspartnern abserviert, von Männern begehrt. Ihr samtig-warmer Mezzosopran bewältigt scheinbar mühelos die Darstellung der Verzweiflung der Frau, die ihren Verlust verarbeitet. Das drückt sie in der großen Soloszene „Arie“ zunächst mit exponierten Spitzentönen aus, dann werden die Variationen der immer gleichen Worte immer gemäßigter, zuletzt resigniert.

Cameron Shahbazi mit seinem charismatischen Countertenor, der von Bariton bis Mezzo alles abdeckt, verkörpert den attraktiven Lover 2, der, mit seiner Partnerin Elizabeth Reiter als Lover 1, beim Liebesspiel von der Frau angesprochen wird. Die Kombination von Countertenor und Sopran im Duett wirkt dabei besonders harmonisch. Als Lover 2 jedoch die Frau anspricht, ob sie nicht mitspielen wolle, ist Lover 1 frustriert. Als er auch noch erzählt, er habe nicht nur mit ihr Sex, sondern auch mit vielen anderen Frauen und auch Männern, ergreift die Lover 1 wütend die Flucht. Das Liebespaar ist nicht glücklich.

Der Kunsthandwerker und Knopfmacher, Bariton George Clark, hat zwar beliebig viele Knöpfe, ist aber unglücklich, weil seine Handwerkskunst durch Maschinen ersetzt wurde. Seinen Bariton hat George Benjamin an die Grenzen geführt, denn er lässt ihn seine Verzweiflung über seine Nutzlosigkeit im Falsett herausschreien. Die erfolgreiche Komponistin, verkörpert von der Sopranistin Elizabeth Reiter, ist ebenfalls nicht glücklich, denn sie wird von Selbstzweifeln geplagt, obwohl sie mit ihrem Assistenten das Jet-Set-Leben einer Berühmtheit führt.

George Clark verkörpert auch den Sammler, der im eleganten Maßanzug der Frau stolz seine Sammlung zeigt. Er fleht sie an, ihn zu lieben, denn er ist trotz seiner Sammlung einsam. Er zeigt ihr den verzauberten Garten, in dem sie Zabelle trifft, die von Emily Hindrichs scheinbar schwerelos wie eine Erscheinung verkörpert wird. Zabelle gibt der Frau einen Knopf. Auch hier harmonieren Sopran und Mezzo vorzüglich. Die Interpretation der verdichteten Szenen führt zu Grundfragen und bleibt dem Zuschauer überlassen.

Oper Köln/Picture a day like this/A. Bastidas-Gamboa, C. Shahbazi, E. Reiter/Foto: © Sandra Then

Benjamin hat die Grenzen der Stimmen ausgelotet und die Partien den Protagonisten der Uraufführung auf den Leib geschrieben. Die Reduktion des Gürzenich-Orchesters unter Christian Karlsen, der als Experte für Neue Musik gilt, auf 28 überwiegend solo gespielte Instrumente, die eher Tonfetzen und Lautcluster als Melodielinien zu spielen haben, unterstreicht die Bedeutung jedes einzelnen Tons und lässt die Stimmen klar heraustreten. Hier kann sich niemand auf einem Bett aus Streichern ausruhen, jede Note zählt und hat ihre Bedeutung. Nach einer guten Stunde, als man erkennt, dass es wohl keine glücklichen Menschen gibt, die Frau aber in der Begegnung mit Zabelle –im Zaubergarten möglicherweise Trost gefunden hat, endet das Stück offen.

Die Oper Köln gibt für das kammermusikalische Werk im Staatenhaus 2 nur die vorderen 13 Reihen frei, um den intimen Charakter zu betonen. Die Premiere und die zweite Vorstellung waren ausverkauft. „Picture a day like this“ wurde bereits bei der Uraufführung in Aix-en-Provence hoch gelobt und hat über das Royal Opera House Covent Garden, die Opéra National du Rhin Strasbourg, das Théâtre National de l´Opéra Comique de Paris, die Théâtres de la Ville de Luxembourg und das Teatro di San Carlo Neapel einen Siegeszug durch Europa angetreten. Die Oper Köln ist die letzte Station, und die Ensemblemitglieder Adriana Bastidas-Gamboa und Emily Hindrichs können mit den Darstellerinnen der Uraufführung, die auf youtube verfügbar ist, voll mithalten. Cameron Shahbazi wurde von der Uraufführung übernommen. Er ist einzigartig.

Die Spielpläne der Opernhäuser zeigen überwiegend das Kernrepertoire. In Köln bereitet man eine Wiederaufnahme von Puccinis „Turandot“ in der Inszenierung von Lydia Steier am 21. Mai 2026 vor, die in puncto Personalaufwand und exotischem Flair das krasse Gegenteil von „Picture a day like this“ ist. Dass sieben Häuser sich den Kompositionsauftrag für ein einstündiges Werk teilen, ist ein Indiz dafür, dass Musik der Zeit mehr denn je ein finanzielles Risiko ist. Die Opern, die überwiegend besucht werden, sind in der Regel immer dieselben Werke des 19. und 20. Jahrhunderts, die immer wieder neu inszeniert werden. Umso wichtiger finde ich, sich auch auf neue Werke einzulassen. Hier hat es sich gelohnt, denn ich habe über mich selbst nachgedacht.

Die Tickets für „Picture a day like this“ kosten im Hinblick auf die Kürze des Werks nur zwischen 30 und 60 €, und man hat nach der Vorstellung viel zu reflektieren und zu diskutieren. Für Opernfans, die sich für Musik der Zeit begeistern können, ist diese Kurzoper unbedingt empfehlenswert, denn sie bietet eine Projektionsfläche für existenzielle Fragen.

 

  • Rezension von Ursula Hartlapp-Lindemeyer / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Oper Köln
  • Titelfoto: Oper Köln/Picture a day like this/A. Bastidas-Gamboa, C. Shahbazi, E. Reiter/Foto: © Sandra Then

 

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