„The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten in der ausverkauften Hochschule für Musik und Tanz in Köln

Rape of Lucretia / Foto @ Ursula Hartlapp-Lindemeyer

WE ALL ARE LUCRETIA – Wir alle sind Lucretia

The Rape of Lucretia“ von Benjamin Britten in der ausverkauften Hochschule für Musik und Tanz, Köln am 26. April 2019

Dieser Opernabend macht betroffen. Sexualisierte Gewalt geht uns alle an!

Zum Sommersemester 2019 führt die Hochschule für Musik und Tanz Köln Benjamin Brittens Oper „The Rape of Lucretia“ (Die Schändung der Lucretia) auf. Die zugehörige Ausstellung zeigt, dass das Tabu-Thema „sexueller Missbrauch von Abhängigen“ endlich aufgebrochen wird. Brittens Musik unterstreicht die traumatischen Folgen des sexuellen Übergriffs für Opfer und Angehörige. Lucretias Vergewaltigung durch Tarquinius, den Etrusker und Sohn des letzten König Roms, steht damals wie heute für die sexuelle Gewalt von Männern in Machtpositionen.

 

Es geht um die Vergewaltigung der tugendhaften Lucretia, Gattin des römischen Feldherrn Collatinus, durch den etruskischen Feldherrn und Besatzer Tarquinius (Etrusker und Sohn des letzten König Roms). Obwohl Collatinus zu ihr steht und beteuert, dass sie sich nichts habe zuschulden kommen lassen, sieht Lucretia als Konsequenz aus dem erlittenen Verbrechen nur im Freitod die Möglichkeit, ihre Unschuld wiederherzustellen. Lucretias Tod wird schließlich zum Fanal der Vertreibung der etruskischen Besatzer und Gründung der ersten römischen Republik mit Collatinus und Junius als Senatoren.

Regisseurin Gabriele Rech dazu: „Mit der Inszenierung soll das Bewusstsein für Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt geschärft werden. Es werden keine vorschnellen Klischees gezeigt, sondern Entwicklungen deutlich gemacht. Für Student*innen ist so ein Bewusstseinsprozess unerlässlich, zumal es leider auch in ihre Wirklichkeit hineingreifen kann. Es geht hier also nicht nur um einen enthobenen, abstrakten Stoff wie häufiger in der Oper, sondern um ein Thema, das leider auch allzu schnell Wirklichkeit werden kann.“

Tobias Flemming (Bühne/Kostüme) nutzt als zentrales Bühnenbildelement der Inszenierung die Hände mit den Stigmata, helfend, schützend, anklagend, richtend. Die Bühne ist komplett mit schwarzer Lackfolie ausgekleidet, seitlich sind überlebensgroße Hände mit den Stigmata angebracht, aus denen die beiden Chorus-Sänger hervortreten. Fünf Betten sind, teilweise schräg auf den Stufen, aufgestellt, in denen die Personen, die gerade nicht an der Handlung beteiligt sind, schlafen. So kann im ersten Akt das Feldlager dargestellt werden, im zweiten Akt das Haus der Lucretia, in dem sie dem Vorgesetzten ihres Gatten reinen Herzens Gastfreundschaft gewährt.

Das Orchester sitzt, gruppiert um den Flügel, in der Mitte der Bühne.

Britten komponierte seine erste Kammeroper, die ein Motiv aufgreift, das zum Gründungsmythos der Römischen Republik im Jahr 509 vor Christus gehört, unter dem Einfluss der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1946. Die Uraufführung war am 12. Juni 1946 in Glyndebourne. „The Rape of Lucretia“ ist gegenüber seiner ersten Oper „Peter Grimes“ formal äußerst reduziert. Es sollte eine „Reiseoper“ werden, die man auch in kleinen Häusern ohne großes Orchester aufführen konnte. Die musikalische Basis bildet ein Kammerorchester mit zwölf Instrumenten aus Holzbläsern, Klavier, Harfe, Schlagzeug und einem solo Streichquintett, hier Studierende unter der Leitung von Prof. Stefan E. Wehr, der auch den Klavierpart übernimmt.

In der Oper werden die zunächst subtilen Mechanismen der Gewalt und Manipulation beschrieben. Tarquinius (Bariton Daegyun Jeong) ist hier nicht der von vornherein zu verteufelnde Vergewaltiger, er ist zunächst ein verwöhnter Prinz und eitler Womanizer wie Mozarts Don Giovanni, der die Ablehnung des Äußersten nicht versteht.

Rape of Lucretia / Foto @ HfMT Köln

Junius (Bassbariton Benjamin Hewat-Craw) ist der machtbewusste Strippenzieher. Er stiftet aus Frustration darüber, dass seine eigene Frau ihn betrogen hat, Tarquinius zur Verführung Lucretias erst an und benutzt ihren Opfertod eiskalt für seine politischen Zwecke, nämlich die Vertreibung der etruskischen Herrscher. Lucretia wird erneut missbraucht, indem man sie ikonisiert, aus ihr ein „heiliges Opfer“ macht. All das ist bei Britten und seinem Librettisten Ronald F. H. Duncan dessen Text auf der Tragödie von André Obeys „Le Viol de Lucrèce“, 1931 basiert, sehr differenziert und bewegend dargestellt. Die Handlung gewinnt durch Brittens Musik eine unglaubliche emotionale Kraft.

Der Komponist verwendet souverän Stilmittel aus allen musikalischen Epochen, um die tiefen Emotionen der traumatisierten Frau und die Empathie ihrer Mitmenschen auszudrücken.

Lucretias Ehemann, der römische General Collatinus (Maximilian Haschemi, Bass) ist ein Traum-Mann, in den sich jede Frau verlieben könnte. Er versucht vergebens, Lucretia klar zu machen, dass der Übergriff nichts an seiner Liebe zu ihr ändert und den Übergriff des Tarquinius zu relativieren.

Psychologisch durchdrungen wird die unendliche Einsamkeit Lucretias, die trotz des verständnisvollen Ehemanns keine Lösung mehr für sich sieht, außer sich umzubringen.

Vor allem die Szene, in der die traumatisierte Lucretia (Mezzosopran Sandra Gerlach) ihren Dienerinnen Bianca (Tong Zhang) und Lucia (Rosha Fitzhowle) von ihrer Vergewaltigung klagt, geht unter die Haut. Die Begleitung des Englischhorns (Mayo Terawaki)unterstreicht musikalisch die Tiefe der Verletzung Lucretias durch diesen Übergriff.

Tizian Tarquinius und Lucretia (Foto @ wikipedia.de)

Die beiden Erzähler und Kommentatoren Male Chorus (Taejun Sun, Tenor) und Female Chorus (Anna Graf, Sopran), die als Grenzgänger zwischen Handlung und Publikum fungieren, erzählen zunächst die Vorgeschichte, mischen sich in die Handlung ein und berichten über die Folgen. Sie werden als Beobachter immer mehr in die Handlung involviert und stellen ihre Empathie überzeugend dar. Sie berichten schließlich auch, dass aus dieser Schandtat des Tarquinius das römische Volk die Kraft gezogen habe, die Etrusker zu vertreiben und mit Junius und Collatinus als ersten Senatoren die römische Republik auszurufen.

Es wird auf sehr hohem Niveau musiziert und gesungen, vor allem Sandra Gerlach gestaltet alle Facetten der liebenden und durch die Vergewaltigung schwerst traumatisierten jungen Frau mit warmem Mezzosopran.

Die Inszenierung von Prof. Gabriele Rech liefert starke Bilder, zum Beispiel die Verfolgung der bedrängten Lucretia durch Tarquinius, der sie immer wieder greift und schließlich überwältigt, durch das ganze Haus. Hier wird unmissverständlich klar, dass das Opfer sich vehement gewehrt hat.

Der Leichenzug mit Collatinus, Junius und Male Chorus als Träger der mit Lorbeer geschmückten Lucretia geht unter die Haut.

Die Aufführung wird umrahmt von verschiedensten Beiträgen zum Thema: „We are Lucretia“, die sich mit der Thematik sexueller Belästigung und Machtmissbrauch auseinandersetzen. Vor Beginn und in den Pausen wird dieses von Studierenden konzipierte Programm im Foyer der Hochschule präsentiert. 

 

  • Rezension der Aufführung von Ursula Hartlapp-Lindemeyer/Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Weitere Vorstellungen: Sa, 27.05., SO, 28.04., MO 29.04., jeweils 19:30, (SO 16:00 Uhr)
    Konzertsaal der HfMT Köln, EINTRITT 6 Euro, Karten über KölnTicket oder an der Abendkasse

 

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