Gärtnerplatztheater: „La Traviata“ – Masken über Masken

Gärtnerplatztheater/LA TRAVIATA/Matteo Ivan Rašić (Alfredo Germont), Matija Meić (Giorgio Germont)/Foto © Anna Schnauss

Violetta Valéry tut so, als genieße sie ihr Leben als Kurtisane. Giorgio Germont bildet sich ein, nur das Beste für seinen Sohn zu wollen. Und Alfredo Germont glaubt, die Situation irgendwie retten zu können. Guiseppe Verdis La Traviata ist eine Oper voller Unaufrichtigkeiten, die Isabel Ostermann am Münchner Gärtnerplatztheater gekonnt in Szene setzt. Darüber hinaus bleibt aber zu viel im Vagen. (Rezension der Premiere v. 22. Mai 2026)

 

 

Ein Lachen geht durch den Zuschauerraum des Gärtnerplatztheaters als Violetta die großen Flügeltüren aufreißt und den Blick auf eine Naturkulisse inklusive zweier Rehe freigibt. Die allzu kitschige Naturkulisse von Bühnenbildner Stephan von Wedel irritiert. Doch als dann statt einer Sonne ein Theaterscheinwerfer von der Decke herabgelassen wird, oder spätestens als Alfredo am Ende des zweiten Aufzugs und die Rehe umwirft und den malerischen Prospekt herunterreißt, ist klar: Hinter dem Kitsch steckt ein genialer Einfall von Regisseurin Isabel Ostermann und Stephan von Wedel. Violetta und Alfredo machen sich in ihrer Landidylle nur etwas vor. Ihr gemeinsames Leben kann nur Theater sein, denn stets lauern die gesellschaftliche Ächtung und der drohende Tuberkulosetod Violettas.

Ostermann inszeniert zwar kein Publikum und baut auch keine zweite Bühne in den großen Saal des Gärtnerplatztheaters, trotzdem ist ihre La Traviata voller Theater auf dem Theater. Vor allem Violetta selbst, die Traviata, ist von Anfang an eine Performerin. Sie ist der Mittelpunkt des Festes, immer freundlich, immer fröhlich, für jeden Flirt zu haben. Doch das Lächeln ist eingefroren, der Ton sowieso schon ab der Ouvertüre gesetzt: „Sie verdienen eine bessere Zukunft“ heißt es in einer Projektion auf den Hauptvorhang. Neben der erwachsenen Violetta präsentiert Ostermann hier auch eine kindliche Version der Titelfigur: Sie beide verdienen eine bessere Zukunft als Edelkurtisane zu sein und von der Gesellschaft nur hinter verschlossenen Türen halbwegs akzeptiert zu werden. Aber dafür ist es schon zu spät. Das von Violetta ausgesprochene più tardi wird zwischen Ouvertüre und erstem Akt vorweg genommen, die Würfel sind gefallen.

Gärtnerplatztheater/LA TRAVIATA/Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Matteo Ivan Rašić (Alfredo Germont)/Foto: © Anna Schnauss

Der Sopranistin Jennifer O’Loughlin gelingt in der Rolle der Violetta Valéry ein Triumph. Sie spielt eine Frau, die zerbricht. Im ersten Aufzug gelingt es ihrer Violetta noch, die fröhliche Maske aufzusetzen, die für das Publikum aber immer als Maske erkennbar bleibt. Stimmlich strahlt Violetta aber für alle: O’Loughlins unfassbar sauber geführte Koloraturen sind zum Dahinschmelzen, genauso das feine Pianissimo, mit dem sie im dritten Aufzug die sterbende Violetta gestaltet. Dabei spielt sie souverän zwischen Resignation und Hoffnung.

O’Loughlins und Violettas Bühnenpartner ist der sehr junge Matteo Ivan Rašić als Alfredo. Bei der Premiere klingt sein sonst stets klarer Tenor etwas angeraut, abgesehen davon meistert er seine Partie souverän, vor allem sein letztes Duett mit Violetta gerät unglaublich berührend. Auch darstellerisch überzeugt Rašić, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Regie für Alfredo mit nicht ganz so vielen Ideen aufwartet wie für die anderen Figuren. Der spannendste Einfall kommt erst ganz am Schluss: Das blutbefleckte Taschentusch, das üblicherweise das wichtigste Requisit Violettas ist, gehört hier Alfredo. Nach über 170 Jahren La Traviata hat er sich nun bei Violetta infiziert. Die Tuberkulose ist in Ostermanns Inszenierung endlich eine ansteckende Krankheit, und nicht mehr nur ein Vorwand für den tragischen Tod einer Opernheldin.

Schade, dass Ostermann damit nicht mehr spielt. Im zweiten Aufzug setzen zwei Tänzerinnen zwar rasch OP-Masken auf, als sie an Violetta vorbeigehen, abgesehen davon bleibt allerdings sehr vage, in welcher Zeit und in welchem Kontext diese La Traviata angesiedelt ist. Wie bekannt ist die Tuberkulose in dieser Welt? Verstehen die Figuren den Kontext der OP-Masken oder nur das postpandemische Publikum? Die Inszenierung ist nicht mehr im 19. Jahrhundert angesiedelt, so viel ist klar, auch wenn die Ballgäste in der ersten Szene in Korsagen und Reifröcken auftreten. Auch sie spielen Theater; die von oben herabfahrende Discokugel enttarnt den Ball als Mottoparty. Die Röcke der Ballkleider hat Kostümbildner Alfred Meyerhofer in Anlehnung an den Titel der Buchvorlage – Alexandre Dumas‘ Die Kameliendame – mit Blütenmotiven gestaltet. Das ist charmant, abgesehen davon ist sein Kostümbild leider nicht annähernd so prägnant wie sonst. Es hilft nicht dabei, das Bühnengeschehen weiter zu kontextualisieren.

Gärtnerplatztheater/LA TRAVIATA/Ensemble/Foto: © Anna Schnauss

Auch das Frauenbild der dargestellten Gesellschaft sowie die Rolle der Prostitution bleibt, irgendwo zwischen Solidarität unter Frauen und der gesellschaftlichen Ächtung der Beziehung zwischen Alfredo und Violetta, etwas unklar. Präzise geraten sind dafür die konkreten Interaktionen zwischen den Figuren, vor allem die zwischen Violetta und Giorgio Germont, Alfredos Vater. Diesen erweckt Matija Meić  mit wuchtigem Bariton zum Leben. Als er Violetta davon zu überzeugen sucht, Alfredo zu verlassen, wartet Meić mit allen schauspielerischen Mitteln auf, die einem französischen Familienvater so einfallen könnten. Am Ende liegt er sogar fast auf Violettas Schoß, nur um dann ganz schnell wieder aufzustehen, sobald sie seinem Angebot zugestimmt hat. Auch hier wird wieder Theater gespielt; die Vorstellung ist vorbei, sobald das Publikum die gewünschte Reaktion gezeigt hat.

Musikalisch überzeugt der Abend auf ganzer Linie. Die Traviata ist selbstverständlich Chefsache, Rubén Dubrovsky leitet das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz mit Präzision und viel Gespür für die Feinheiten der Partitur. Besonders gelingt die Zusammenarbeit mit dem von Pietro Numicos meisterhaft einstudierten Chor. Erfreulich ist auch, dass die Produktion bis hin zu den kleinsten Partien exzellent besetzt ist. Besonders hervorzuheben sind Anna Agathonos als Annina sowie Lukas Enoch Lemcke als Doktor Grenvil. Die Leistung aller Singenden wird mit Standing Ovations belohnt, die auch noch anhalten, als der Vorhang schon lange geschlossen ist. Für das vollkommene Opernglück bleiben allerdings zu viele Fragen offen.

 

  • Rezension von Adele Bernhard / Red. DAS OPERNMAGAZIN
  • Gärtnerplatztheater München
  • Titelfoto: Gärtnerplatztheater/LA TRAVIATA/Jennifer O’Loughlin (Violetta Valéry), Matteo Ivan Rašić (Alfredo Germont)/Foto: © Anna Schnauss
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